Die Eltern von Jürgen hatten ihn schon lange herbeigesehnt. Doch die Schwangerschaft war ein harter Kampf, und das Kind kam zu früh, noch im Kindsbett. Er lag in einem Brutkasten, viele Organsysteme waren unterentwickelt künstliche Beatmung, zwei Eingriffe, Netzhautablösung. Zweimal durfte die Familie Abschied nehmen, doch Jürgen hielt durch.
Schon bald stellte sich heraus, dass er kaum sehen und kaum hören konnte. Die körperliche Entwicklung kam zögerlich in Schwung: er setzte sich, griff nach einem Spielzeug, stellte sich an einen Stuhl. Die geistige Entwicklung dagegen blieb ein Rätsel. Die Eltern klammerten sich zunächst noch an die Hoffnung. Zuerst kämpften sie zu zweit, dann schlich sich der Vater leise aus dem Bild, und die Mutter kämpfte allein weiter.
Mit dreieinhalb Jahren bekam Jürgen Hörimplantate er hörte wieder, doch das Weiterkommen blieb aus. Therapien mit Sonderpädagogen, Logopäden, Psychologen und allen möglichen Fachkräften folgten. Meine Kollegin Ursula kam immer wieder mit Jürgen zu mir. Ich schlug vor, das eine zu probieren, das andere zu testen. Die Mutter versuchte alles Mögliche, aber das Ergebnis blieb aus. Die meiste Zeit saß Jürgen still in seiner Spielecke und drehte an irgendetwas, klopfte damit auf den Boden, biss in seine Hand und machte manchmal laute Schreie, mal monoton, mal moduliert. Ursula schwor, Jürgen erkenne sie, rufe sie mit einem besonderen Gurren und liebe es, wenn man ihm den Rücken und die Beine krault.
Irgendwann kam ein betagter Psychiater vorbei und meinte trocken: Welches Rezept brauchen Sie jetzt noch? Ein wandelndes Gemüse. Entscheiden Sie, was Sie damit machen wollen, und leben Sie weiter. Entweder Sie geben ihn ab oder kümmern sich Sie haben ja schon genug Erfahrung. Einen großen Durchbruch erwarte ich nicht. Das war das einzige klare Urteil, das Ursula je bekommen hatte. Sie meldete Jürgen in einen SpezialKindergarten und ging wieder arbeiten.
Einige Jahre später kaufte sie sich endlich ihr Traum-Motorrad das hatte sie schon immer gewollt. Sie fuhr damit durch Berlin und das Umland, mit Gleichgesinnten; das Dröhnen des Motors ließ alle Sorgen verfliegen. Der Vater leistete Unterhalt, den Ursula vollständig für WochenendBetreuerinnen ausgab Jürgen war, wenn man sich an seine Eigenheiten gewöhnt hatte, gar nicht schwer zu versorgen. Dann sagte ein befreundeter Biker, Stefan, zu ihr: Weißt du, ich habe dich irgendwie faszinierend tragisch gefunden.
Komm, ich zeigs dir, erwiderte Ursula.
Stefan lächelte, dachte an ein heimliches Rendezvous, doch Ursula führte ihn zu Jürgen. Der kleine Kerl war gerade munter, schrie moduliert und gurrte vermutlich erkannte er seine Mutter oder reagierte auf den fremden Besucher.
Ach du meine Güte! rief Stefan.
Und was hast du dir dabei gedacht? kontert Ursula lachend.
Kurz darauf lebten sie nicht nur zusammen, sondern fuhren gemeinsam im Bunde. Stefan durfte Jürgen nicht zu nahe kommen (das hatten sie vorher besprochen) und Ursula ließ das auch nicht zu. Dann schlug Stefan vor: Lass uns ein Kind bekommen.
Ursula erwiderte scharf: Und wenn noch so ein Kleiner wie Jürgen kommt, was dann? Stefan schwieg fast ein Jahr, dann jedoch: Na gut, lass es uns versuchen.
So kam Lukas zur Welt ein rundum gesunder Junge. Stefan meinte daraufhin: Vielleicht geben wir Jürgen jetzt ins Heim?
Ich würde dich am liebsten ins Gefängnis stecken, schnappte Ursula zurück.
Stefan zog sich zurück: Ich wollte nur fragen
Lukas bemerkte Jürgen, als dieser etwa neun Monate alt war und anfing zu krabbeln. Sofort war er neugierig. Stefan war besorgt: Lass den Kleinen nicht zu ihm, das ist gefährlich. Doch Stefan war meist bei der Arbeit oder auf dem Bike, und Ursula ließ ihn trotzdem. Wenn Lukas neben Jürgen krabbelte, heulte Jürgen nicht. Im Gegenteil, es schien, als lauschte er und wartete. Lukas brachte Spielzeug, zeigte, wie man spielt, packte und legte Jürgens Finger.
Eines Wochenendes war Stefan krank und blieb zu Hause. Er sah, wie Lukas unsicher durch die Wohnung stapfte und leise vor sich hin murmelte, während Jürgen bisher ein Schatten in der Ecke plötzlich dicht hinter ihm herlief. Stefan machte einen Aufschrei und verlangte: Schützt meinen Sohn vor deinem Idioten, oder ich beaufsichtige alles! Ursula zeigte schweigend zur Tür. Stefan erschrak, beruhigte sich, und das Paar versöhnte sich.
Ursula kam zu mir und sagte:
Er ist ein kleines Monster, aber ich liebe ihn.
Das ist normal, erwiderte ich.
Ich rede hier von Stefan, ergänzte sie. Jürgen ist für Lukas gefährlich was meint ihr?
Ich erklärte, dass Lukas der führende Faktor in ihrer Familie sei, man aber trotzdem Aufsicht brauche. Sie einigten sich darauf.
Mit eineinhalb Jahren brachte Lukas Jürgen bei, Türme nach Größe zu stapeln. Lukas selbst sprach Sätze, sang einfache Lieder und erzählte Scherzreime à la Der Rabe kocht einen Brei.
Ursula fragte mich erstaunt: Ist er ein Wunderkind?
Stefan meinte: Ich will das herausfinden, sonst platzt mir das Hirn.
Ich glaube, das liegt an Jürgen, vermutete ich. Nicht jedem Kind im Alter von anderthalb Jahren ist es vergönnt, das Entwicklungstempo eines anderen zu bestimmen.
Ursula jubelte: Dann sag ich dem kleinen Monster, was du sagst.
Ich dachte bei mir: Eine Familie aus wandelndem Gemüse, einem Monster mit Augen, einer Motorrad-Mutter und einem kleinen Wunderkind. Nachdem Lukas das Töpfchen benutzt hatte, brauchte er ein halbes Jahr, um Jürgen ans Töpfchen zu gewöhnen. Die Aufgabe, Jürgen essen, trinken aus dem Becher, anziehen und ausziehen zu lassen, stellte Ursula selbst Lukas.
Mit dreieinhalb Jahren stellte Lukas die Frage quer:
Was ist eigentlich mit Jürgen los?
Zuerst: Er sieht kaum.
Sieht er, widersprach Lukas, nur schlecht, aber er sieht etwas. Besonders gut bei einer Lampe über dem Spiegel im Bad.
Der Augenarzt staunte, als man ihm Jürgens Sehzustand mit einem dreijährigen Kind erklärte, hörte aufmerksam zu, veranlasste weitere Tests und verschrieb Spezialbrillen.
Im Kindergarten lief es mit Lukas nicht.
Er sollte doch endlich zur Schule, du kleiner Schlaukopf!, schimpfte die Erzieherin. Er weiß alles besser.
Ich sprach mich klar gegen einen frühen Schuleintritt aus: Lass Lukas weiter in AGs arbeiten und Jürgens Entwicklung fördern. Überraschenderweise stimmte Stefan zu, sagte zu Ursula: Bleib bei ihnen bis zur Schule, was soll der Schnuller hier? Und er bemerkte, dass Jürgen seit fast einem Jahr nicht mehr brüllt.
Ein halbes Jahr später sagte Jürgen: Mama, Papa, Lukas, gib mir etwas zu trinken, Miau-miau. Die Jungen gingen gleichzeitig in die Schule. Lukas sorgte sich, wie Jürgen ohne ihn zurechtkommen würde, ob die Spezialschule ihm helfen könne, ob die Lehrer ihn verstehen würden. Im fünften Klassenjahr arbeitet er noch immer zuerst mit Jürgen, dann erst mit seinem eigenen Stoff.
Jürgen spricht in kurzen Sätzen, kann lesen und Bedient den Computer. Er liebt zu kochen und aufzuräumen (Lukas oder die Mutter leiten ihn), sitzt gern auf der Bank vor dem Haus und schaut, hört und riecht. Er kennt alle Nachbarn und grüßt jeden. Er formt aus Knete, baut und zerlegt Konstruktoren.
Am allerliebsten fährt er mit der gesamten Familie auf den Motorrädern die Landstraße entlang Mama Ursula, Lukas mit Papa Stefan, und Jürgen kreischt fröhlich, während der Wind um die Ohren pfeift.





