Eva drehte nervös das Blatt Papier in ihren Händen: die Anordnung für einen DNA-Test für Julia. Warum? Wer brauchte das? Hatten Julias leibliche Eltern sie gefunden? Doch warum kamen sie nicht persönlich? Fragen über Fragen und keine Antworten.
Mama, was ist? Julia berührte sie an der Schulter. Ich rufe dich, aber du hörst nicht.
Ich war in Gedanken.
Wer schreibt denn?
Ach, nichts Wichtiges. Eva steckte den Brief schnell in die Schürzentasche.
Ich hab den Holunder gepflückt. Süß ist er. Und Wasser hab ich in den Tank gefüllt. Heute Abend gieße ich den Garten. Brauchst du noch was? Wir wollen mit den Mädels an den See. So heiß heute.
Eva antwortete zerstreut:
Geht nur, aber passt auf.
Julia schnappte sich noch warme Pfannkuchen, ein Handtuch und rannte los.
Eva musste sich sammeln. Sie ging hinaus und setzte sich auf die kleine Holzbank vor dem Haus. Was soll ich nur tun? Morgen ist Julias Geburtstag. Welch ein Geschenk Kein Wunder, dass ich die ganze Woche kaum geschlafen habe.
Langsam rollte ein teures Auto die Straße entlang und hielt vor dem Tor. Eine elegant gekleidete ältere Frau stieg aus.
Guten Tag, suche Evgenia Nikolaevna.
Evas Herz krampfte sich zusammen. Instinktiv wusste sie: Der Brief und diese Frau hingen zusammen.
Das bin ich.
Darf ich Sie sprechen? Mein Name ist Marina Grigorievna.
Aber natürlich, kommen Sie herein. Eva lud sie ein.
Die Frau winkte dem Fahrer, der eine große Tasche aus dem Kofferraum holte. Eva beobachtete das mit wachsendem Unbehagen.
Alexander, Sie haben frei bis sie warf einen Blick auf ihre teure Uhr drei. Falls ich Sie früher brauche, rufe ich an.
Gehen Sie doch an den See, schlug Eva hektisch vor. Da lang der Pfad führt direkt ans Wasser. Ich geb Ihnen ein Handtuch. Und stellen Sie das Auto unter die Birken. Die Sonne brennt zu sehr.
Kann ich mich setzen? fragte Marina Grigorievna, nachdem der Fahrer gegangen war.
Natürlich. Eva wischte unsichtbare Krümel vom Tisch. Ich mach uns Tee. Mögen Sie welchen mit Johannisbeeren?
Während der Wasserkocher auf dem Herd summte, drehte Eva sich um. Die Frau betrachtete ein großes Foto von Julia an der Wand. Marina Grigorievnas Augen füllten sich mit Tränen.
Das ist Mascha. Ich habe sie gefunden.
Evas Beine wurden weich, alles verschwamm vor ihren Augen. Sie sank auf einen Stuhl.
Das ist Julia! Hören Sie? Julia! schrie Eva, ließ die Arme auf den Tisch fallen und brach in Tränen aus.
Die Frau trat zu ihr, strich ihr über den Rücken.
Ich will Ihnen das Mädchen nicht wegnehmen. Ich möchte nur Teil ihres Lebens sein. Beruhigen Sie sich. Sie umarmte Eva. Wir müssen reden.
Sie setzte sich gegenüber und nahm Evas Hände.
Erzählen Sie mir, wie das Mädchen zu Ihnen kam. Einiges weiß ich, aber nicht alles.
Eva sah in die traurigen Augen der Frau voller Schmerz und Verlust.
Ich fand sie am Waldrand, als ich nach unserer Kuh suchte, begann Eva schluchzend. Morgen sind es zwölf Jahre. Wir feiern Julias Geburtstag an diesem Tag. Nass und dreckig lag sie im Graben, einen ebenso schmutzigen Teddy im Arm. Zuerst dachte ich, es sei ein bunter Müllsack.
Eva drehte eine Haarsträhne um ihren Finger.
Sie konnte kaum stehen, hatte nicht mal die Kraft zu weinen. Ich trug sie nach Hause, fütterte sie, und sie schlief ein.
Eine nervöse Zitterung überkam sie bei der Erinnerung.
Ich schickte den Nachbarsjungen zur Gemeindeschwester und zum Bürgermeister, um die Polizei zu rufen. Nina kam, wollte das Mädchen untersuchen. Doch das Kind klammerte sich so fest an mich, dass die Finger weiß wurden. Die Schwester schätzte ihr Alter auf zwei Jahre gesund, aber völlig entkräftet.
Der Wasserkocher pfiff leise, doch die Frauen hörten ihn nicht.
Dann kam der Dorfpolizist, schrieb alles auf. In den Suchmeldungen der Region stand nichts über vermisste Kinder. Später kamen Nachbarn, brachten Kleidung und Spielzeug. Aber den Teddy ließ sie nicht los. Ich wusch sie zusammen.
Eva verstummte, in Gedanken versunken. Marina Grigorievna drängte sie nicht.
Drei Tage lang wollte sie nicht von meinem Arm. Und aß unentwegt. Die Schwester warnte mich: oft, aber wenig. Julia versteckte noch ein Jahr lang Brotstücke. Ich nannte sie Julia, weil ich sie im Juli fand. Erst lernte sie stehen, dann laufen. Wie stolz ich war! Sie schlief bei mir, schrie nachts oft Albträume. Sprechen tat sie lange nicht.
Eva holte Luft.
Als das Jugendamt sie einen Monat später holen wollte, nannte sie mich schon Mama. Sie rissen sie nicht von mir los. Sie gingen unverrichteter Dinge und hinterließen nur eine Aufforderung, Julia selbst vorbeizubringen. Zum Glück ohne Frist. Ich verzweifelte. Wie konnte ich sie ins Heim geben? Ich war selbst in einem ich weiß, wie hart das ist.
Marina Grigorievna streichelte Evas Hand. Man sah, sie wollte etwas fragen, wagte es aber nicht.
Ich wollte sie adoptieren, doch als Unverheiratete hatte ich keine Chance. In meiner Verzweiflung bot ich einem jungen Mann an: Lass uns heiraten, nur für die Papiere. Ich erklärte alles, versprach: Sobald die Adoption durch ist, lassen wir uns scheiden. Doch das Schicksal wollte es anders. Wir sind noch immer verheiratet glücklich und innig verbunden.
Ob durch die Berührungen oder die Anteilnahme der Frau Eva beruhigte sich.
Sie wollten etwas fragen?
Ja, Liebe. Wie kamen Sie selbst ins Heim?
Meine Eltern starben bei einer Expedition. Sie waren Vulkanologen. Eva wollte den Kocher nehmen, vergaß ihn aber wieder.
Ich war erst acht, verbrachte den Sommer bei meiner Oma hier. Doch das Jugendamt gab mich nicht in ihre Obhut aus Gesundheitsgründen. Kein Verwandter wurde zugelassen. Mal zu geringes Einkommen, mal schlechte Wohnverhältnisse. Wahrscheinlich wollte man Skandale vermeiden. Jemand hatte eine dreiste Masche eingefädelt unsere Moskauer Wohnung war einen Tag vor ihrem Tod verkauft worden. Freunde meiner Eltern suchten nach Spuren, vergebens.
Marina Grigorievna betrachtete Eva. Ein guter Mensch, dachte sie.
Also kam ich ins Heim, weit weg von Moskau, aber nah bei Oma. Ich rannte ständig zu ihr. Als unführbar drohte man mir mit der Psychiatrie. Doch der Dorflehrer, Heinrich, erreichte, dass ich zu Hause wohnen durfte. Drei Jahre später kam die Erlaubnis: Oma bekam das Sorgerecht. Ich bin ihm ewig dankbar er half mir auch mit Julia.
Eva stockte.
Ach, ich wollte Sie mit Tee bewirten! Sie sprang auf, deckte hastig den Tisch. Ich habe frische Pfannkuchen.
Ich brachte auch Süßes. Die Frau holte Pralinen, Kekse und Obst hervor.
Das ist nicht nötig. Aber wer sind Sie für Julia?
Ihre leibliche Großmutter.
Eva sackte auf den Stuhl.
Großmutter? Sie sagten doch, Sie nehmen sie nicht mit?
Beruhige dich, ich hole sie nicht. Sie hat genug erlitten. Ich hatte Zeit nachzudenken. Marina Grigorievna griff nach Tabletten. Ein Glas Wasser?
Eva reichte es ihr.
Sind Sie krank?
Ja. Schlimmer, als ich es mir wünschte. Sie schwieg kurz. Du fragst dich sicher, wie ich dich fand. Stört es dich, wenn ich du sage?
Eva schüttelte den Kopf.
Ich engagierte einen Detektiv. Alles führte hierher. Er sammelte auch Infos über dich. Nach unserem Gespräch bin ich sicher: Mascha bleibt bei dir. Vielleicht kaufe ich ein Haus hier, um näher zu sein. Wir finden eine Lösung.
Wir? Ich verstehe nicht. Ich habe Julia nie verheimlicht jeder weiß, dass sie adoptiert ist. Sie selbst auch. Manchmal bittet sie mich, die Geschichte zu erzählen, wie ich sie im Wald fand. Dann holt sie den Teddy, starrt ihn an, als versuche sie sich zu erinnern. Ich dränge sie nicht. Sie teilt viel mit mir, aber jeder braucht Geheimnisse.
Es geht nicht um dich. Die Geschichte ist verworren fünfzehn Jahre lang. Unser Sohn verliebte sich in eine Kommilitonin auffallend, aber kalt. Unser Sohn sah es nicht, wir schoben es auf mangelnde Erziehung. Intelligent, aber berechnend. Zwei Jahre später heirateten sie. Wir akzeptierten sie, obwohl wir den Bund skeptisch sahen. Keine Verwandten der Braut erschienen sie redete von trinkenden Eltern, erwähnte Brüder. Ihre Vergangenheit blieb verschlossen.
Marina Grigorievna sprach leise, wählte jedes Wort.
Wir überließen ihnen die Stadtwohnung, zogen aufs Land. Im Mai kam Mascha zur Welt unser Glück war perfekt. Unser Sohn vergötterte sie.
Er promovierte, sie nicht. Nach dem Mutterschaftsurlaub stellten wir ein Kindermädchen ein. Sie kehrte an die Uni zurück doch sie erschien nie. Wo sie wirklich war, blieb ein Rätsel. Sie forderte Geld, beschuldigte mich, kein Auto für sie gekauft zu haben als Belohnung für die Enkelin. Doch wir investierten alles in die Firma. Unser Sohn stieg ein. Wir hatten Glück neue Märkte eröffneten sich.
Mehrmals reisten wir nach Deutschland, kauften Maschinen. Einmal riefen wir an das Kindermädchen sagte, sie habe Mascha mitgenommen, sobald wir weg waren. Sie selbst ging nicht ans Telefon. Wir kehrten sofort zurück. Die Wohnung war verwüstet, Wertsachen fehlten. Die Polizei nahm Fingerabdrücke einer führte zu einem vorbestraften Mann. Doch sie fanden niemanden.
Marina Grigorievna wischte sich Schweiß von der Stirn.
Unser Sohn erstattete Anzeige. Doch die Behörden winkten ab: Die Mutter hat das Recht. Die Suche verlief im Sande.
Der Kocher pfiff ungeduldig.
Vor neun Monaten starb mein Mann am Steuer Herzversagen. Unser Sohn saß neben ihm. Im Krankenhaus bat er mich: Finde Mascha. Dann starb auch er. Ich erfüllte sein Versprechen.
Ihre Stimme war tonlos, doch der Schmerz unüberhörbar.
Ich engagierte einen Ex-Polizisten. Er begann mit den Fingerabdrücken. Der Täter saß im Gefängnis der Bruder unserer Schwiegertochter. Nach seiner Entlassung suchte er sie auf mit einem Komplizen. Sie begann eine Affäre mit diesem Mann. Er erinnerte sich, dass sie Mascha einfach aus dem Auto warfen, als das Kind weinte. Er gab eine ungefähre Richtung an. Wo sie jetzt ist, weiß er nicht.
Eva schüttelte ungläubig den Kopf.
Der Rest war Routine: Polizeiakten, das Protokoll des Dorfpolizisten, das Jugendamt. Alles passte. Nur übertrieb er: Er besorgte den DNA-Test-Bescheid ohne mein Wissen. Ich war in Israel. Als ich zurückkam, fuhr ich sofort her.
Eva holte den Brief hervor.
Verzeih. Du hattest sicher Angst. Marina Grigorievna griff in ihre Tasche. Hier sind Fotos meines Sohnes und Maschas. Kein Zweifel aber der Test ist nötig. Sie ist seine Erbin.
Eva betrachtete die Bilder. Julia blickte sie an nur jünger.
Wie soll ich es Julia sagen?
Habt ihr Besuch? Hallo! Was wollt ihr mir sagen? Und warum kocht der Wasserkocher über?
Die Frauen hatten nicht gehört, wie Julia hereinkam. Marina Grigorievna erbleichte, griff sich ans Herz.
Julia, das ist deine Großmutter, brachte Eva nur heraus.
Oma? Julia musterte die Frau misstrauisch. Oma! Ich wusste, du findest mich! Sie stürzte auf Marina Grigorievna zu. Du hast mir den Teddy geschenkt!
Drei Frauen umarmten sich, weinten. Vieles war noch unklar doch eins stand fest: Marina Grigorievna hatte mehr gefunden als ihre Enkelin.
Und der Wasserkocher pfiff immer noch.





