Der geheime WunschAls er das staubige Tagebuch öffnete, flüsterte das Papier sein verborgenes Verlangen.

Sie und ihr Freund hatten fast mitten im Herzen von Berlin eine Wohnung gemietet.
Gefällt sie dir?, hauchte er, kaum dass er ihr die Tür hinter sich zugeschlagen hatte.

Die Wohnung war riesig und prachtvoll.
Du übertreibst, staunte sie, das ist ja ein Traum, und schau dir nur die Aussicht aus dem Fenster an!
Ist das nicht wahnsinnig teuer?
Komisch, aber nicht wirklich. Der alte Herr, der die Wohnung vermietet hat, lebt auf einer abgelegenen Hütte außerhalb der Stadt.
Ach, das ist doch egal, mir gefällt das hier richtig gut, sagte sie und sah ihn mit ihren warmen, braunen Augen an.

Am nächsten Morgen fuhr er früh fort, und nach ihrem Kaffee beschloss sie, sich mit Freundinnen zu treffen.
Als er weg war, fühlte sie sich in dem fremden, noch nicht ganz bewohnten Haus etwas unbehaglich.
Ein oder zweimal hatte sie das Gefühl, dass jemand hinter ihr stand, doch sie schob den Gedanken beiseite.

Nach ein paar gelungenen Selfies vor Gemälden und Antiquitäten zog sie sich an und fuhr zur Verabredung.
Ihre Freundinnen betrachteten die Bilder begeistert und quatschten ununterbrochen:
Schau dir diese Kronleuchter an, ein himmlischer Anblick!
Und die Bilder wer ist das? Und da steht ja jemand hinter dir.

Sie blickte auf das Foto. Tatsächlich schimmerte hinter ihr ein undeutlicher Umriss einer alten Frau.
Was ist das?, fragten die Freundinnen.
Macht doch nicht so ein Drama, das ist nur ein Schatten, der beim Fotografieren gefallen ist, sagte sie lächelnd, doch ihr Herz pochte wieder unruhig die morgendlichen Ängste kehrten zurück.

Die nächste Woche verging fast wie im Flug. An warmen Abenden schlenderten sie durch das Stadtzentrum, entlang der Spree, kauften Eis und gingen zu Fuß nach Hause.

Sie gewöhnte sich immer mehr an das neue Heim. Am Wochenende blieb es wegen Regen drinnen. Sie bestellten Pizza, schauten alte Filme und ihr Freund schlief dabei auf dem Sofa, während sie sich knurrend daneben anlehnte.

Ein Donnerkrachen weckte sie, und ein Blitz erhellte das Zimmer dort stand plötzlich eine alte Frau. Ihr Freund schnarchte weiter, und sie, vom Schreck erstarrt, fand keine Worte.

Na, junge Herrin, wie gefällt dir das Leben hier?, flüsterte die alte Frau leise und fuhr fort, ohne auf eine Antwort zu warten:
Hast du dir hier einen Wunsch überlegt?

Nee, stammelte sie, während sie sich an das Sofa klammerte.
Welcher Wunsch? Ich habe einen Mann, wir verdienen ganz gut, wir vermieten sogar unser kleines Studio. Kinder haben wir noch keine mehrere IVFVersuche blieben erfolglos. all das schoss ihr in einem Wimpernschlag durch den Kopf.

Der Donner ließ sie zusammenzucken, ein weiterer Blitz erhellte den Raum, doch die alte Frau war verschwunden. Sie bemerkte nicht, wie sie einschlief.

Der Morgen begrüßte sie mit strahlender Sonne und blauem Himmel; nur ein paar noch feuchte Regentropfen an den Fenstern erinnerten an das nächtliche Unwetter.

Hör zu, ich habe wie immer traumhaft auf dem Sofa geschlafen, und du? sagte er, während er den Milchaufschäumer seiner Kaffeemaschine betätigte.
Ich auch, lächelte sie.

Jetzt fühlte sie sich rundum wohl, das nächtliche Schreckgespenst wirkte wie ein flüchtiger Traum.

Übrigens, wie gefällt dir die Wohnung? Ich habe mich hier ganz gut eingelebt.
Sag das nicht, mir geht es genauso gemütlich, ich fühle mich zu Hause und will nichts ändern.

Vor ein paar Jahren, nach einem weiteren erfolglosen IVFVersuch, hatte die Therapeutin ihnen geraten, für einen Tapetenwechsel eine neue Bleibe zu suchen.

Dies war bereits ihre dritte Mietwohnung. Noch ein wenig Zeit verging, und das Neujahrsfest rückte näher.

Am 31.Dezember meinte ihr Mann, ein älterer Herr käme abends wegen Geldes für die nächsten sechs Monate vorbei.
Was für ein Sonderling, dachte sie, zum Jahreswechsel, am Abend.
Ach, lass ihn, der alte Kauz, Gott sei dank, er kann ja kommen.

Der alte Mann tauchte tatsächlich am Abend auf, hielt einen Kuchen in den Händen ihr Lieblingskuchen. Sie musste schnell den Wasserkocher anstellen.

Beim Teeplaudern fiel ein dicker Schneefall draußen, und plötzlich schlug sie vor:
Bleiben Sie doch bei uns Silvester! Wo wollen Sie sonst in diesem Schneesturm hin? Und uns ist es viel geselliger, wir sind ja fast zu dritt. sie lächelte breit und richtete sich gerade.

Die Glocken schlugen zwölf, und draußen begann das Feuerwerk. Die Raketen spiegelten sich in den Fenstern und flackerten im Spiegel.

Plötzlich erblickte sie im Spiegel wieder die alte Frau. Sie lächelte aus dem Spiegel, winkte und löste sich im funkelnden Lichtermeer des Feuerwerks auf.

Sie erwiderte das Lächeln und winkte, ohne es zu merken, der Gestalt zu.

Nie wieder sah sie diese alte Frau.

P.S. Autorin
Einige Jahre später ging ich die Schönhauser Allee hinunter und traf einen alten Bekannten.
Erinnerst du dich an das Paar, das kurz hier eine Wohnung gemietet hat?, fragte ich ihn.
Ja, die waren ein lustiges Duo. Und das Lustige: Der alte Vermieter lebt jetzt mit ihnen zusammen. Der Greis ist betagt, aber er kümmert sich wie ein Opa um ihren kleinen Sohn. Seine Frau ist längst verstorben, und er hat keine eigenen Kinder.
So war das.

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Homy
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Der geheime WunschAls er das staubige Tagebuch öffnete, flüsterte das Papier sein verborgenes Verlangen.
Zeit für das Glück