**Die verborgene Kränkung**
Nach der Schule absolvierte Tanja eine Ausbildung zur medizinischen Fachangestellten und kehrte in ihr Heimatdorf zurück. Schon lange träumte sie davon, im örtlichen Gesundheitszentrum zu arbeiten, zumal dort erst kürzlich neue Geräte angeschafft worden waren. Und Veronika, die seit Jahrzehnten als Dorfhelferin tätig war, wurde langsam müde. Als Tanja kam, um ihre Stelle zu übernehmen, atmete sie erleichtert auf.
Ach, Tanja, endlich! Ich bin längst im Rentenalter. Dein Vater bat mich, zu warten, bis du dein Zeugnis hast. Nun kann ich mit ruhigem Gewissen alles an dich übergeben.
Ja, Tante Veronika, ich fange gleich an. Ruh dich aus aber wenn ich Fragen habe, komme ich zu dir. Ich habe noch nicht so viel Erfahrung.
Natürlich, Kind. Ich helfe dir, wo ich kann.
So begann Tanjas Alltag als Dorfhelferin. Die Bewohner kamen mit Wehwehchen, ließen sich den Blutdruck messen oder prüften heimlich, ob sie überhaupt etwas von Medizin verstand. Doch nach einem Jahr vertrauten die Leute der jungen Frau immer mehr. Sie war geduldig, hilfsbereit und bald kam auch Markus immer öfter vorbei. Mal schmerzte der Rücken, dann das Knie, dann hatte er sich in den Finger geschnitten. Die ältere Krankenschwester, Anna, die noch nicht in Rente war, bemerkte schnell, wie der Bursche Tanja ansah und wie sie errötete.
Die Liebe zwischen Markus und Tanja entbrannte. Bald gingen sie Hand in Hand durchs Dorf, vermissten einander schmerzlich. Markus machte ihr einen Heiratsantrag, und sie sagte glücklich zu. Tanja bemerkte nicht, dass Michi, der gutaussehende Traktorist, sie ebenfalls nicht aus den Augen ließ. Als er sie einmal nach Hause begleiten wollte, wies sie ihn schroff ab.
Michi, hast du nicht gehört? Ich heirate Markus!
Doch, doch, fauchte er. Die Weiber im Dorf plappern von nichts anderem. Aber mich magst du doch auch! Ich bin hübscher als dein Markus was fehlt dir an mir?
Lass mich in Ruhe! Ich liebe Markus, und er liebt mich. Such dir eine andere!
Sie ahnte nicht, wie tief sie Michi damit kränkte. Ihre Gedanken gehörten nur Markus. Bald wurde Hochzeit gefeiert, das ganze Dorf war dabei.
Ein Jahr später brachte Tanja ihren Sohn Steffen zur Welt. Die junge Familie war überglücklich, ebenso die Großeltern. Während Tanja sich um das Kind kümmerte, übernahm Anna die Arbeit in der Praxis. Doch manchmal rief sie Tanja an, um sich zu besprechen.
Tanja versank im Mutterglück und merkte zu spät, wie sich Markus von ihr entfernte. Eines Abends stellte er sie plötzlich zur Rede:
Kennst du Michi schon lange?
Natürlich, er ist doch hier aufgewachsen. Einmal kam er sogar mit einer Wunde in die Praxis.
Direkt zu dir?
Nein, zur Sprechstunde. Anna hat ihn versorgt. Sie lächelte. Was ist denn? Bist du eifersüchtig?
Im Dorf sagt man, Steffen sei nicht von mir sondern von Michi, erwiderte Markus mit finsterem Blick.
Tanja erstarrte. Hast du den Verstand verloren? Was redest du da?
Das ganze Dorf redet davon. Sogar dein Vater hat Michi zur Rede gestellt und der hat bestätigt, dass etwas zwischen euch war.
Wann?!, brach es aus ihr hervor.
Plötzlich fiel ihr auf, dass ihre Eltern sie seit Wochen nicht besucht hatten. Sie hatte nicht bemerkt, wie sehr sie sich schämten.
Michi hatte die Lüge gestreut, Tanja sei ihm nachgelaufen, und das Dorf glaubte ihm. Die Gerüchte wucherten.
Unsere brave Helferin hat sich einen anderen gesucht, tuschelten die Frauen. Das Kind gehört Michi er hat es selbst zugegeben!
Sogar Markus Mutter hetzte: Mein Sohn wird deine Tochter verlassen, so eine Schande!
Tanjas Vater, wütend und verletzt, stellte Michi zur Rede. Der aber blieb bei seiner Lüge: Deine Tochter hat mich angemacht. Was soll ich mit so einer?
Ivan wollte sofort zu Tanja doch er zögerte. Und sie erfuhr erst Tage später, was man ihr nachsagte. Als Markus seine Sachen packte und zu seinen Eltern ging, brach sie zusammen.
Gott, was habe ich nur getan? Ich liebe ihn doch!
Nun saß sie tagelang mit Steffen am Fenster. Die Abendsonne tauchte das Dorf in rotes Licht. Das Kind schlummerte friedlich. Bald würde es ein Jahr alt werden eigentlich wollte sie zurück zur Arbeit.
Ach, Steffen, flüsterte sie mit tränenerstickter Stimme. Niemand will uns mehr.
Sie fühlte sich verraten. Wie sollte sie sich rechtfertigen? Ihre Familie, ihr eigener Mann alle hatten sie im Stich gelassen.
Nur ihre Freundin Leni stand ihr bei. Markus hätte dir glauben müssen, seufzte sie. Und Michi… Ach, Michi… Ich liebe ihn schon so lange. Er sagt, du wärst ihm nachgerannt. Aber ich glaube ihm nicht.
Warum tut er mir das an?
Weil du ihn abgewiesen hast, erwiderte Leni traurig. Er wollte dich für sich und jetzt, wo Markus weg ist, glaubt er, eine Chance zu haben. Aber er sieht mich nicht einmal.
Ich habe einen Mann!, brach es aus Tanja heraus. Und seit Markus fort ist, rührt Michi mich nicht mal an. Alle haben mich fallen lassen sogar meine Eltern.
Ich glaube dir, sagte Leni. Aber du musst mit ihm reden. Ich habs versucht er will nicht.
Tanja wusste, sie hatte keine Wahl. Doch wie sollte sie ihn aufsuchen, ohne neuen Klatsch auszulösen?
Dann kam die Gelegenheit. Leni stürmte atemlos herbei. Komm schnell! Jemand braucht Hilfe der Krankenwagen kommt nicht, die Straßen sind matschig!
Aber Steffen…
Ich hole Nachbarin Gerda! Mach dich fertig!
Erst als sie vor Michis Haus standen, begriff Tanja. Ich gehe da nicht rein!
Doch Leni flehte: Bitte, Tanja! Wenn er stirbt… ich kann nicht ohne ihn!
Ich helfe ihm wenn er die Wahrheit sagt.
Ja, ja, wir werden ihn zwingen!
Michi hatte sich mit Alkohol vergiftet. Tanja spülte seinen Magen und legte eine Infusion. Der Krankenwagen kam nicht die Straßen waren unpassierbar. Als es ihm besser ging, rief sie die Klinik an und beruhigte sie.
Dann ging sie zornig und verletzt.
Zwei Tage später erholte sich Michi. Leni drängte ihn, die Wahrheit zu gestehen.
Ich wollte nicht, dass es so endet, murmelte er. Ich konnte es nicht ertragen, abgewiesen zu werden.
Und jetzt hast du Tanjas Leben ruiniert!, schrie Leni. Gesteh es allen ein!
Verbittert ließ sie ihn stehen.
Kurz darauf verbreitete sich im Dorf, Michi wolle für immer wegziehen. An der Bushaltestelle versammelten sich die Leute. Mit einem Rucksack über der Schulter stand er da und gestand.
Vergebt mir. Ich habe Tanja geliebt und als sie mich abwies, log ich über sie. Ich wollte, dass Markus sie verlässt… dachte, ich könnte sie dann für mich gewinnen. Es war Wahnsinn. Nichts von alledem ist wahr.
Tanjas Vater starrte ihn an.
Und du, Ivan vergib mir. Ich schäme mich so sehr, dass ich gehen muss. Lebt wohl.
Nur Leni weinte. Die anderen schimpften.
Abscheulicher Kerl!, rief Markus Mutter.
Doch bald ebbten die Gerüchte ab. Tanjas Eltern kamen reumütig zurück, die Schwiegereltern entschuldigten sich und schließlich kehrte auch Markus heim.
Doch die Wunde blieb. Tanja lernte, ihrem Mann wieder zu vertrauen, doch das Gefühl des Verrats saß tief. Sie kehrte in die Praxis zurück, half den Dorfbewohnern und gewann langsam ihre Würde zurück. Die Leute schätzten sie. Doch manche Kränkungen heilt keine Zeit.





