Komm mit mir! Ich habe gerade keinen Hund im Hof. Du wärst ein guter Wachhund, keine Sorge, ich will dir nichts tun!
Ich sprang auf mein Drahtesel und radelte Richtung Kleinburg. Auf dem Weg drehte Opa Hans immer wieder den Kopf, doch niemand folgte ihm.
Die Hündin war ziemlich zurückgezogen genau wie man über einen Einzelgänger spricht.
Vor vielen, vielen Jahren war Opa Hans beim Sammeln von Haselnüssen im Wald, als er ein junges Welpchen fand. Niemand weiß, wie das Kerlchen dort gelandet war. Es schnüffelte regennass und allein durch das Unterholz. Hans runzelte die Stirn, ging näher. Das Tier war etwas tollpatschig und nicht gerade ein Schönheitswettbewerb, aber seine braunen Augen blickten weise, fast wie die eines alten Wolfes.
Komm mit mir! Ich habe keinen Hund im Hof. Du kannst den Hof bewachen, ich will dir nichts tun!
Geschnappt nach Hause, war das kleine BauernhofBusiness nicht ohne: drei Ferkel, eine Sau mit zehn Frischlingen, die Kuh Berta, ein Dutzend Hühner, sechs Enten mit Küken, und die Katze Mieze.
Hans zog an seiner selbstgedrehten Zigarette er mochte die Ladenware nicht, öffnete das Tor und setzte sich endlich auf die Bank vor dem Haus. Plötzlich merkte er, dass ihn jemand anstarrte.
Na, willst du in den Hof?, fragte er nach einer langen Pause, und das Welpchen rückte zurück in die Dunkelheit.
So ging das nicht nur einen Tag oder zwei. Jeden Abend sahen die braunen Augen ihn prüfend an, als suchten sie seine Seele.
Eines Nachmittags kam das Tier zu ihm, schnüffelte und legte sich an seine Füße. Hans war nicht gerade ein Softie er behandelte Vieh eher geschäftlich. Aber ein Hund zum Bewachen war praktisch, Katzen jagten Mäuse, und die alte Hofhütte stand leer.
Im Sommer bekam Hans plötzlich Zahnfleischentzündungen, der Tierarzt meinte, Zecken könnten das sein. Hans war ein harter Kerl, der selten weinte. Seine Frau Gertrud war noch härter das ganze Dorf erinnert sich noch, wie sie einem Jungen einen heftigen Tritt ins Gesicht verpasste, weil er beim Schnapsbrennen stören wollte.
Hans nahm das Welpchen, das jetzt bei seinen Füßen lag, und sagte:
Na, du willst wohl bleiben? Dann hör zu: Ich füttere dich zweimal am Tag, das ist alles, was Gott schickt. Die Hundehütte ist warm, ab und zu lasse ich dich nachts ein Stück frei du bewachst den Hof, damit niemand unbemerkt vorbei schleicht! Wenn du einverstanden bist, komm mit mir!
So begann ihr neues Leben. Hans nannte sie Stella woher das schöne Wort kam, bleibt ein Rätsel. Stella bekam eine warme Hütte, einen großen Hof und eine Kette.
Mit der Zeit wuchs das unbeholfene Jungtier zu einem riesigen, stattlichen Hund heran, vor dem das ganze Dorf zurückschreckte. Man munkelte, in Stellas Blut steckten Wölfe. Sie war wunderschön und eigenartig keine Hundeknödel, kein Schwanzwedeln, kein Pfötchen lecken. Wenn Hans, Gertrud oder Verwandte kamen, lag sie ruhig und sah mit ihren klugen Augen zu. Fremde jedoch würde sie zerreißen fast nie bellte sie, nur ein tiefes Knurren, das tagsüber schaurig klang. Deshalb zog man die Hütte vom Hof in den Garten, damit die Nachbarn nicht aus Versehen gegen das Tor liefen.
Nachts ließ Hans sie manchmal für ein paar Stunden los:
Ich komme in drei Stunden zurück, okay? Die Milchmagd hat Angst, beim Melken an dir vorbeizukommen!
Sie biss nie jemanden, doch die Dorfbewohner bewunderten sie trotzdem. Immer wieder brachte Stella Welpen zur Welt und obwohl die Leute vor ihr zurückschreckten, liefen die kleinen Racker wie warme Semmeln aus dem Dorf.
An einem gewöhnlichen Sommertag lag Stella nach dem Frühstück in der Sonne, die Augen halb offen, während die kleine Liesel im Sandkasten spielte. Gertrud schnippte in ihrem Beet, und Stella wusste sofort, dass Gertrud Liesel am Baum festband, damit das Mädchen nicht weglief. Liesel war gerade mal drei, kam am Wochenende mit den Eltern ins Dorf.
Plötzlich rannte Liesel zu Stella, breit die Arme aus:
Stellaaaa!!!
Stellas Herz hüpfte vor Freude. Sie bewachte Liesel, Gertrud und die ganze Szenerie, bis sie ein Nickerchen machte.
Ein lautes Kratzen weckte sie: Die Katze Mieze kratzte ihr die Nase.
Mach was! Liesel ertrinkt!
Stella blickte über den Zaun Liesel war nirgends. Nicht im Sandkasten, nicht auf der Schaukel, nicht am Baum.
Sie ist am Teich, ihr Kleid steckt im Wasser! Helf mir! schrie sie, und ihr Wuffen wurde zum lautesten, den sie je hatte. Sie sprang, riss an der Kette, rannte zum Teich.
Gertrud drehte sich um und dachte: Du hast ja den Verstand verloren, du alte Schnüffelnase, dann grub sie weiter in ihrem Kohl.
Stella heulte kein einfaches Heulen, ein schauriges Wolfsgeheul, das über das ganze Dorf rollte und allen das Haar zu Berge stehen ließ.
Gerade als das Heulen erklang, rannte Gertrud panisch los, um Liesel zu finden. Nachbarn eilten aus ihren Häusern, ruften nach Hilfe. Liesel wurde im letzten Moment aus dem kleinen Teich gerettet, watschelte nass aber glücklich ans Ufer.
Der Notarzt kam, die Eltern von Liesel weinten und lachten zugleich. Am Abend beruhigte sich das Dorf.
Einige kamen zur Hütte: Lisees Vater Ilja, seine Frau und Opa Hans. Ilja setzte sich neben Stella und sagte:
Danke, dass du meine Kleine gerettet hast! Ich vergesse das nie! Komm zu mir, ich habe ein Haus in der Stadt, einen großen Auslauf, gutes Futter und lange Spaziergänge.
Stella sah mit ihren braunen Augen zu ihm, blieb still, legte dann kurz den Kopf auf seine Schulter.
Dann ging sie zurück zu ihrem Herrn Hans, legte sich an seine Füße, und Hans stand da, als hätte er einen Stein im Kopf, nicht wissend, wie er reagieren sollte. Ein paar Tränen schlüpften ihm leise.
Und das wars ein weiteres Kapitel im Leben von Stella, dem Wolfshund aus Kleinburg.





