Gerlinde, hast du schon wieder meine Pfannkuchen gegessen?! ruft Lieselotte, mitten in der Küche, mit einer leeren Packung in der Hand.
Ich dachte, das wäre für alle fange ich an, mich zu entschuldigen.
Für alle? Ich habe extra welche für Klara gekauft! Sie ist allergisch gegen alles andere!
Dieter stolpert verschlafen aus dem Schlafzimmer, gerade aus seiner Nachtschicht.
Mama, reicht das nicht mehr? Wir hatten doch ausgemacht das ist unser Fach links!
Das Fach links. In meinem eigenen Kühlschrank gibt es jetzt ihr und unser Fach. Vor anderthalb Jahren sind sie vorübergehend von Berlin in die Stadt Köln gezogen, bis sie eine eigene Wohnung finden. Das Vorübergehende hat sich zu einem endlosen Albtraum entwickelt.
Oma Gerlinde, wo ist mein Rucksack? fragt Max, während er durch die Wohnung flitzt.
Opa, hast du meine Kuschelpuppe gesehen? zieht Klara Wolfgang am Ärmel.
Wolfgang versteckt sich hinter der Tageszeitung auf dem Balkon das einzige Versteck im eigenen Heim.
Genug! schreit Lieselotte plötzlich. Ich halte das nicht mehr aus! Dieter, ziehen wir aus oder soll ich mit den Kindern zu Mama?
Wohin sollen wir ziehen? knurrt unser Sohn Sascha. Zur Miete für dreißig Euro? Wir haben ein Autokredit!
Dann verkauf das Auto!
Bist du wahnsinnig? Wie soll ich zur Arbeit kommen?
Die Kinder fangen an zu weinen. Ich versuche sie zu beruhigen, doch Liselotte reißt Klara aus meinen Armen.
Lass das! Wir schaffen das allein!
Ich gehe in mein Schlafzimmer. Ich höre die Tür zuschlagen Dieter ist schon gegangen. Dann das Weinen der Kinder und Liselottes lautes Schreien.
In meiner Wohnung, in meinem Haus, wo Wolfgang und ich dreißig Jahre zusammengelebt haben.
Am Abend tun wir alle so, als wäre nichts passiert. Wir essen schweigend. Die Kinder klappern mit den Gabeln gegen die Teller, Liselotte sieht demonstrativ nicht zu Dieter.
Papa, gib mir das Salz, bittet unser Sohn.
Wolfgang reicht es still. Er ist in letzter Zeit kaum noch am Worte. Zu müde von den ständigen Streitereien im eigenen Heim.
Nach dem Essen bleibt Dieter in der Küche.
Mama, entschuldige das Morgen, Liselotte ist einfach nur nervös.
Ich verstehe.
Nein, das verstehst du nicht! platzt er plötzlich heraus. Du hast keine Ahnung, wie es ist, nach 35 Jahren bei den Eltern zu wohnen und sich ein Versager zu fühlen!
Mein Junge
Hör zu! Ich weiß, es ist auch für euch schwer. Aber wir haben woanders keinen Platz!
Ich schweige. Was soll man dazu sagen?
In der Nacht liege ich wach und höre, wie Wolfgang hinter der Wand zurückkommt. Im Wohnzimmer, das wir den jungen Leuten überlassen haben, weint Klara. Liselotte wiegt sie sanft.
Am Morgen wache ich vom Klirren auf. Max hat ein Geschirr fallen lassen.
Kein Problem, sage ich und fege die Scherben zusammen.
Oma wird schimpfen, flüstert mein Enkel.
Das sagen wir nicht weiter.
Er umarmt mich, klein, warm, vertraut. Für die Enkel kann ich alles ertragen. Aber wie lange noch?
Eine Woche später kommt Dieter von der Arbeit seltsam nachdenklich, aber nicht verbittert.
Mama, Papa, wir müssen reden.
Wir setzen uns zu dritt an den Küchentisch, Liselotte legt die Kinder schlafen.
Ich habe beschlossen. Ich nehme einen Kredit und kaufe ein Haus.
Was? Mein Herz schlägt schneller. Welchen Kredit? Das ist doch Unmöglich!
Mama, sonst geht nichts. Wir drehen sonst durch.
Aber 20 Jahre Rückzahlung! meldet sich Wolfgang zum ersten Mal seit Langem.
Ich zahle. Ich habe ein kleines Haus in der Nachbarsstraße gefunden. Nicht groß, aber unseres.
In der Nachbarsstraße? frage ich verwirrt.
Ja, damit ihr eure Enkel besuchen könnt. Und wir wenn wir Hilfe brauchen.
Ich sehe meinen Sohn an. Wann ist er vom Jungen, der seine Socken nie finden konnte, zum Mann geworden?
Weiß Liselotte das?
Noch nicht. Erst mal wollte er mit euch reden.
Wolfgang klopft ihm ermutigend auf die Schulter.
Richtig entschieden. Ein Mann braucht ein eigenes Heim.
Dieter atmet aus, wohl aus Angst vor unserer Reaktion.
Am Abend spricht er mit Liselotte. Ich höre ihr leises Schluchzen Freude oder Angst? Die Kreditaufnahme, die Suche, das ganze Durcheinander ist noch nebulös. Liselotte schwankt zwischen Aufregung und Panik.
Gerlinde, was, wenn wir das nicht stemmen? Was, wenn Dieter den Job verliert?
Ihr schafft das. Ihr seid jung, stark.
Aber 20 Jahre!
Dann macht es euch zu eurem eigenen.
Umzugstag. Die Umzugsleute schieben Kisten. Die Kinder rennen zwischen den Häusern unser neues Heim ist nur fünf Minuten zu Fuß entfernt.
Oma Gerlinde, jetzt habe ich mein eigenes Zimmer! ruft Klara und zieht mich mit.
Ein kleines Zimmer unter dem Dach, aber ihr eigen.
Wie schön! Richten wir ein das wird ein Palast!
Am Abend sitzen wir beim Einzug. Das Haus ist klein, aber die Atmosphäre ist ganz anders. Liselotte lacht, Dieter macht Späße. Die Kinder zeigen stolz ihr neues Spielzeug.
Mama, verzeih uns, sagt mein Sohn plötzlich. Für die letzten anderthalb Jahre.
Ach du meine Güte! Wir sind doch Familie!
Genau. Aber Familie kann auch getrennt wohnen.
Wolfgang erhebt sein Glas.
Auf das neue Haus! Und darauf, dass wir uns besuchen!
Wir warten immer. Liselotte umarmt mich.
Danke, dass ihr das ertragen habt.
Gern geschehen!
Sie hat recht. Wir haben es ertragen und es hat gehalten.
Die erste Nacht im leeren Haus ist still, unheimlich still.
Sieh mal, hörst du das? flüstert Dieter.
Was?
So still!
Er lacht.
Endlich!
Morgens wache ich auf, niemand macht Lärm in der Küche. Ich kann endlich meinen Kaffee trinken und die Nachrichten schauen.
Ein Klingeln an der Tür.
Oma Gerlinde, darf ich kurz vorbei kommen? fragt Max mit seiner Aktentasche.
Natürlich! Und Mama?
Sie meint, du sollst zu Oma gehen, um die Hausaufgaben zu machen, dort ist es ruhiger!
Jetzt kommen die Enkel zu Besuch, statt bei uns zu wohnen. Wir setzen uns an den Tisch, ich helfe beim Mathe. Nach einer Stunde rennt Klara herein.
Oma Gerlinde, Mama backt Pfannkuchen! Wir holen dich und Opa!
Wir gehen zu ihnen. Liselotte steht lächelnd am Herd.
Ich dachte, ich überrasche euch! Die ersten Pfannkuchen im neuen Haus!
Alle sitzen zusammen an ihrem kleinen Tisch. Eng, aber gemütlich. Und das Wichtigste: wir wissen, dass wir später zu unseren eigenen vier Wänden zurückkehren.
Gerlinde, dürfen die Kinder am Wochenende zu euch kommen? fragt Liselotte. Dieter und ich wollen in die Stadt fahren, ein bisschen nach neuen Tapeten schauen.
Natürlich! Sehr gern!
Und das stimmt mit Freude, weil es kein Zwang mehr ist, sondern ein Vergnügen.
Ein Monat vergeht. Dieter kommt nach der Arbeit herein.
Mama, kann ich die Leiter nehmen? Ich hänge ein neues Geländer ein.
Nimm sie! Im Abstellraum!
Wolfgang hilft mit. Er kommt zufrieden zurück.
Gute Arbeit! Ihr macht das super!
Liselotte bringt einen Kuchen.
Nach deinem Rezept! Probier mal!
Ich koste, schmeckt fantastisch. Ich lobe sie. Sie strahlt.
Wisst ihr, ich habe nie gern gekocht. Jetzt habe ich meine eigene Küche, meine eigenen Regeln!
Das Schlüsselwort ist eigene.
Am Abend ruft eine Freundin an.
Gerlinde, wollen wir morgen bei dir Kaffee trinken?
Gerne!
Ich mache mir keine Sorgen, dass das meiner Schwiegertochter etwas ausmacht oder die Kinder Lärm machen. Mein Haus, meine Gäste.
Dieter verändert sich vor meinen Augen. Früher schimpfte er ständig. Jetzt ist er der Heimwerker repariert das Dach, streicht den Zaun, richtet den Gemüsegarten ein.
Ich pflanze Tomaten! prahlt er. Meine eigenen!
Auch Liselotte ist ruhiger, zufriedener. Sie kommt zu Besuch, ohne zu protestieren, sondern um zu plaudern.
Gerlinde, können Sie mir zeigen, wie man Ihre Frikadellen macht? fragt Dieter ständig.
Ich zeige es ihr, wir stehen nebeneinander in meiner Küche, wo ich jetzt die Herrin bin.
Die Kinder rennen zwischen den Häusern hin und her. Nach der Schule kommen sie zu uns, machen die Hausaufgaben, gehen dann nach Hause. Am Wochenende schlafen sie mal bei uns, mal bei den Eltern.
Oma, dürfen wir bei dir einen Film schauen? fragt Max.
Klar! Was immer ihr wollt!
Ich denke nicht, dass Liselotte das nicht mögen würde. Mein Haus, meine Regeln, meine Enkel zu Besuch.
Eines Tages kommt Liselotte weinend.
Mama! ruft sie zum ersten Mal mich Mama. Dieter ist die Treppe runter gefallen! Er hat sich das Bein gebrochen!
Wir rennen. Wolfgang ruft den Rettungswagen. Ich sitze mit den Kindern da, Liselotte fährt ins Krankenhaus.
Am Abend kommen sie zurück. Dieter sitzt im Rollstuhl, das Bein im Gips.
Ein Bruch, sagt der Arzt ernst. Mindestens einen Monat.
Hauptsache, er lebt!
Die nächsten Wochen sind hart. Dieter kann nicht arbeiten, das Geld wird knapp, der Kredit drückt.
Sollen wir zurückziehen? fragt Liselotte zaghaft.
Nein! brüllt Dieter, er will nicht aufgeben.
Und wir schaffen es. Wir unterstützen mit Lebensmitteln, helfen bei den Kindern. Aber sie wohnen jetzt in ihrer eigenen Bleibe.
Weißt du, sagt Liselotte eines Abends, selbst in so einer Situation ist es besser, ein eigenes Heim zu haben. Das ist unser Ding.
Sie hat recht. Tausendmal recht.
Dieter erholt sich, geht wieder zur Arbeit. Sein erstes Gehalt gibt er uns.
Mama, das ist für euch. Danke für die Hilfe.
Nicht nötig, mein Junge! Ihr habt den Kredit!
Nimm das Geld. Dann kann ich ruhiger schlafen.
Ich nehme es, verstehe, er will sich als Mann fühlen, der den Eltern helfen kann.
Ein Jahr später sitzen wir bei Varas Geburtstag in ihrem Haus. Das neue Heim ist gemütlich, der Garten trägt die erste Ernte.
Eigene Tomaten! verkündet Dieter stolz.
Wir lachen. Die Tomaten sind krumm, klein, aber unsere.
Wisst ihr, sagt Liselotte, ich bin glücklich. Der Kredit ist hart, aber das ist unser Leben!
Und wir sind glücklich, füge ich hinzu. Ihr lebt nebenan, aber nicht auf unserem Dach.
Darauf trinken wir! schlägt Wolfgang vor.
Wir stoßen an. Auf eigenständige Wohnungen. Auf Nähe aus der Ferne. Auf das Verständnis, dass Liebe nicht bedeutet, unter demselben Dach zu wohnen.
Am Abend gehen wir zurück in unser Haus. Ruhig, friedlich.
Es geht den Kindern gut, sagt Wolfgang.
Ja, aber zu Hause ist es am schönsten.
Ganz genau.
Wir schlafen in unserem Schlafzimmer ein. Morgen kommen die Enkel wieder Hausaufgaben machen, Pfannkuchen essen, mit Opa Dameblech spielen. Dann gehen sie zurück. Und das ist wunderbar. Das ist die wahre Familie: nah, aber mit Respekt für den eigenen Raum.
Dieter hatte recht. Eine bessere Lösung war unmöglich.




