Lena, wir wollen endlich was essen! Hör auf, den ganzen Tag nur zu faulenzen! erklang ein missmutiger Ton aus dem Ohr des Mannes.
Der Kopf pochte, der Hals brannte, die Nase war verstopft ein richtiger Krankheitsmix. Beim Aufstehen fühlte sich ihr Körper an, als wäre er aus Watte. Nicht verwunderlich, dass sie krank war.
Die ganze Woche war es warm und sonnig, und gestern Abend hat es plötzlich geschneit und geregnet. Frühling, sagt man. Ein Taxi rufen ging nicht bei diesem Wetter keine Überraschung. Sie musste mit der Stadtbuslinie nach der Arbeit nach Hause fahren. Dreißig Minuten wartete sie auf den Bus, der dann völlig überfüllt war. Kaum hatte sie sich hineingeschoben, kam noch ein langer Fußweg von der Haltestelle.
Obwohl sie ihren Mann bat, sie unterwegs abzuholen.
Leni, wir mit Mats bei meiner Mutter vorbeischauen. Wir kommen spät, meldete ihr Ehemann Klaus. Wie immer
So kam Lena zu Hause erst spät an, völlig durchnässt und frierend. Auf die Uhr sah sie: 8Uhr morgens, Samstag.
Klaus, bring mir bitte das Thermometer, bat sie.
Was hast du, du bist krank? Und wo bleibt das Frühstück? staunte Klaus.
Möchtest du das selbst machen? fragte Lena.
Selbst? Was meinst du? fragte Klaus verwirrt. Und Mats?
Der Junge ist schon zehn! Und du bist ein erwachsener Mann. Mach doch ein paar Eier, lass ihn dir helfen. Ich habe ihm das Kochen beigebracht, er ist schon groß.
Du hast dem Jungen das Kochen beigebracht? rief Klaus.
Ja. Was soll’s? Er sitzt den ganzen Tag nur am Handy und tut nichts. zuckte Lena die Schultern.
Bist du völlig verrückt? Er ist doch ein Junge! Ein Mann muss nicht kochen, das ist doch das Frauending! schimpfte Klaus. Na gut, wir fahren zu meinen Eltern, weil du dich ja nicht um uns kümmerst. Morgen Abend kommen wir zurück.
So fuhren Klaus und seine Mutter kurzerhand zu den Eltern von Klaus.
Lena schaffte es mühsam, das Thermometer zu finden, den Wasserkocher anzuschalten und nachzudenken:
Wie ist das nur passiert? Wann hat mein Mann die Möglichkeit gehabt, fürs beide zu kochen, wenn wir krank sind? Warum wurden plötzlich alle Hausarbeiten meine Pflicht?
Das Thermometer zeigte 39,2°C. Die junge Frau nahm ein Schmerzmittel und legte sich wieder hin.
Kurz darauf vibrierte das Handy. Ihre Mutter rief an:
Lena, warum meldest du dich nicht? Ich bin immer davon ausgegangen, dass du morgens anrufst ich habe dich schon vermisst. sagte Hildegard.
Mama, ich bin nur leicht krank. Hab das Medikament genommen und bin wieder eingeschlafen, krächzte Lena.
Leicht! Und wo ist Klaus? Schon wieder bei seiner Mutter mit Mats? schnauzte die Mutter.
Wir sind wegen der Ansteckungsgefahr weggefahren. murmelte die Tochter.
Glaubst du das wirklich? Damit du nicht überlastet wirst, sonst musst du das Geschirr allein spülen! schimpfte Hildegard.
Mama wollte Lena erwidern, bekam aber keinen Ton mehr.
Ich darf nicht wütend sein. Ich habe dich geheiratet, nicht versklavt! Hast du das Thermometer benutzt?
Ja, am Morgen war es hoch, jetzt geht es etwas runter, aber ich habe kaum Kraft. jammerte Lena.
Leg dich hin! Dein Vater holt dich später ab. Wir kriegen dich wieder auf die Beine. hängte Hildegard auf.
Lena stand leise auf, wusch ihr Gesicht, packte das Nötigste Laptop, Medikamente und wartete auf den Vater.
Oh! keuchte ihr Vater, als er sie sah.
Was ist los, Papa? Was ist los mit dir? erschrak die junge Frau.
Ach, du!, sagte er gelassen und nahm ihr die Tasche. Ich dachte, ich wäre schon gestorben du siehst aus wie ein Gespenst.
Papa, warum erschreckst du mich? lächelte Lena. Gehen wir?
Komm, halt dich an mir fest, sonst weht der Wind dich um. half er ihr behutsam ins Auto. Du bist mager, erschöpft. Nein, Tochter, die Mutter hat dich fast zu einer Sklavin gemacht. Du bist zwar nicht perfekt, aber mach dir keinen Kopf.
Lena stritt nicht sie war müde.
Bei den Eltern war es warm, lecker und gemütlich. Hildegard kümmerte sich ernsthaft um ihre Schwiegertochter, und bis zum Abend fühlte sich Lena etwas besser.
Sie rief Klaus an, um ihm zu sagen, dass sie nicht zu Hause sei, und hörte nur:
Was willst du mir sagen? Ich kann dir kein Medikament bringen, ich habe ein Bier mit dem Vater getrunken. Es ist Samstag! Wir schauen Fußball.
Dann übergab Klaus das Telefon an die Schwiegermutter.
Lena! Du bist doch eine Frau! Du darfst dich nicht zurücklehnen und die Männer hungern lassen! Was ist wichtig in der Familie? Dass die Männer satt, warm und nicht im Weg sind! Und du? Du bist krank nimm die Pille und fertig! pfiff Kassandra, die Nachbarin, die gerade vorbeikam.
Die Mutter der Schwiegermutter hörte das und schnappte sich das Telefon:
Ach du meine Güte! Der Mann ist schwach, krank oder was muss er sein, damit er warm, satt und unbeobachtet bleibt? protestierte Hildegard.
Warum schwach? Familienmensch! Alle Männer sind doch so. stimmte die Schwiegermutter ein.
Wie ist das? Ich hebe meine Tochter wieder auf. Ein richtiger Mann kann nicht für seine Frau sorgen, nicht mal ein Medikament kaufen er trinkt nur ein Bier Und die Frau ist krank, er freut sich.
Was für Unsinn. Die Jungs sind weggefahren, damit Lena nicht gestört wird. schnaufte Kassandra. Da ist das Medikament! Gesunde Frau, nur faul.
Hildegard starrte schweigend auf das stille Telefon.
Tochter, brauchst du das? Du bist doch noch jung! Das ist zu viel.
Plötzlich kam eine Nachricht von Klaus:
Lena, schick mir Geld, wir sind knapp bis zur Gehaltszahlung. Ich habe für Mats ausgegeben.
Und ich habe die ganze Miete und den Einkauf den ganzen Monat bezahlt. Ist das in Ordnung? schrieb Lena fassungslos.
Richtig, die Wohnung ist deine! Schick das Geld, ich gehe zum Laden. drängte Klaus.
Kein Geld, ich habe für Medikamente ausgegeben. logte Lena.
Wie bitte? Unsere Krankheit kostet uns zuviel! Frag deine Eltern um Geld. kam die Antwort.
Frag deine Mutter, überraschte Lena.
Ach, sie versteht nicht, wofür ich mein Gehalt ausgegeben habe, meinte Klaus.
Ich auch nicht, schrieb Lena zurück.
Ich bin ein erwachsener Mann, habe meine eigenen Wünsche und Ausgaben. Ich muss mich nicht rechtfertigen. Ich bin im Laden, schick das Geld sofort! schnetzte er.
Ich schicke nichts! antwortete sie kurz.
Als Klaus zurückschrieb, dass sie geizig, undankbar, eine schlechte Mutter und Ehefrau sei, schrieb Lena endlich:
Genug, Mama! Ich habe genug.
Den Rest des Abends und die ganze Nacht schickten Klaus und die Schwiegermutter wütende Nachrichten. Lena schaltete das Handy einfach aus.
Am Sonntagmorgen, beim Frühstück, rief Klaus noch einmal an:
Lena, wir bleiben noch bei meiner Mutter. Sie liebt uns, im Gegensatz zu dir. Sie hat dich nie zum Heiraten gedrängt, weil sie nicht wusste, welche Mutter du sein würdest. Du bist keine Mutter, du bist ein Kuckuck!
Super, das war’s! Was sagst du, Tochter? sah Igor, der Onkel, sie ernst an.
Ich sehe nur Scheidung! Das will ich nicht. murmelte Lena, während sie auf ein üppiges Omelett mit Schnittlauch starrte.
Wie schwer! rief ihr Vater, als er das Haus verließ. Ich komme später, kann zum Mittagessen nicht kommen.
Lene, nimm jetzt deine Medizin, schalte das Handy aus und geh schlafen. Du musst dich erholen. sagte ihre Mutter liebevoll.
Und das tat sie. Der Sonntag war da, morgen ging es wieder zur Arbeit ein bisschen Schlaf tat gut.
Am Mittag wachte Lena auf, ihr Vater war zurück.
Hier, das sind deine Schlüssel. Du kannst die alten werfen. reichte er ihr ein neues Schlüsselbund.
Was? staunte Lena.
Ich habe die Schlösser in deiner Wohnung ausgetauscht, Vatis und Mats’ Sachen zusammengepackt und zur Schwiegermutter gebracht. Du bleibst jetzt hier, okay? Und das Telefon? Lass das lieber. erklärte ihr Vater.
In der Küche schmiss die Mutter zufrieden einen Kuchen in die Pfanne ein Traum, den sie schon lange hatten, aber nicht eingreifen wollten, denn die Tochter sollte es selbst merken.
Lena reichte die Scheidung ein.
Sie hatte so viele Vorwürfe gehört: Dummkopf, Familie zerstört, Kuckuck, undankbare Mutter und das war das Harmloseste.
Trotz alledem war sie glücklich. Zum ersten Mal seit langer Zeit!
Die Scheidung wurde schnell vollzogen, weil sie keine gemeinsamen Kinder und kein Vermögen hatten.
Ein Jahr nach der Hochzeit beschloss Klaus, dass es günstiger sei, den Sohn zu sich zu holen, als Unterhalt zu zahlen. Seine ExFrau hatte nichts dagegen.
Nur hatte er vergessen, Lena um Rat zu fragen, und noch weniger, ihr Bescheid zu geben. Es war ihm egal, dass Lena und Mats nicht miteinander auskamen und dass der Junge ihr Leben schwer machte. Er vergaß, dass das Kind Kleidung und Schule braucht, vergaß, dass die Wohnung, in die er den Sohn brachte, Lenas war. Er vergaß sogar seine Ehefrau. Warum? So war es einfacher Er ist schließlich ein Mann!
Und Lena? Undankbare, sagten sie!
Aber das Gericht stellte die Dinge klar das Gericht, das Klaus selbst organisiert hatte, vergaß alles!
Klaus lebt jetzt bei seiner Mutter, die seine Ausgaben kontrolliert und ihm Hausarbeit beibringt. Drei Männer das ist nicht einer!
Lena ist glücklich! Sie kaufte sich ein Auto, damit sie nicht mehr bei schlechtem Wetter krank wird. Was soll sie jetzt mit ihren 27 machen nach der harten Scheidung? Richtig: sich selbst lieben!
Autorin Gisela Schmitt.





