Hey, du, hör mal zu das ist total verrückt, was bei uns zu Hause passiert ist.
Lena, bist du da? rief ich, als ich die Wohnung betrat, und blieb wie angewurzelt stehen, weil ich dich im Flur sitzen sah. Du hast dich zusammengekauert und leise geweint.
Ich hab überhaupt nicht mitgekriegt, was mit dir los ist. Du hast so laut geschniefen, dass ich kaum ein Wort verstehen konnte. Und dann hat das Handy als wärs ein Fluch plötzlich den Akku verloren. Was ist passiert, Lena? Du siehst gar nicht mehr richtig aus.
Mauzi ist weg hauchte ich kaum hörbar. Er ist nicht zu Hause.
Wie bitte, weg? Wohin denn? Hast du ihm vielleicht irgendwo in der Wohnung ein Versteck gesucht?
Nein. Deine Schwester Vika Sie meinte, Mauzi sei aus Versehen in den Hausflur gerannt, als sie mit Markus nach draußen wollte. Aber du weißt doch, unser Mauzi… Der würde das nicht allein tun. Warum sollte er die Straße hinauflaufen, wo er fast erfroren wäre? Ich glaub, Vika hat ihn absichtlich rausgelassen
Was?! ich kniff die Hände zusammen. Wo ist sie jetzt? Wo ist Vika?
Sie war angeblich im Supermarkt weiß ich nicht. Ich such den ganzen Tag nach Mauzi, aber nirgends zu finden. Keiner hat ihn in der Nähe gesehen. Wie kann das sein, Markus? Wer wirft ein hilfloses Tier im Winter einfach raus? Das geht doch nicht!
Ein Mensch nein. Vika ja, die kann. Sie hat das schon öfter gemacht. Aber heute wird sie nicht mehr hier wohnen. Ach, warum haben wir sie überhaupt erst reingelassen?
***
Vor einem Monat
Ich war Richtung Bussteig unterwegs, als ich unter einer Schneeschicht etwas Graues bemerkte. Zuerst dachte ich, es sei ein Stein, doch er vibrierte wie ein alter Kühlschrank. So etwas hat man ja noch nie gesehen, geschweige denn ein wackelndes Stück Stein im Frost.
Neugierig ging ich vom Weg ab, kam näher und sah, dass es kein Stein, sondern ein kleines graues Kätzchen war.
Na siehste, was wir hier haben, murmelte ich und kratzte mir am Hinterkopf. Was machst du denn hier, Kleines?
Natürlich war das nur ein rhetorisches Stück. Jede Person weiß doch, dass Hauskatzen nicht einfach so draußen rumlungern sie kämpfen ums Überleben. Dieses winzige Ding wimmerte nur, ohne zu miauen, und lag da wie resigniert. Es hatte sich wohl damit abgefunden, dass niemand sich um es kümmert, und versuchte nur, sich zu wärmen.
Vorsichtig hob ich das Kätzchen auf, klopfte den Schnee aus dem Fell und steckte es schnell unter meine Jacke. Ich rannte zum Bus, der gerade an der Haltestelle hielt.
Dabei fiel mir ein, dass du schon lange ein graues, gestreiftes Kätzchen haben wolltest, nur nie war die Zeit, ins Tierheim zu gehen. Und jetzt schien das Schicksal mir das Geschenk zuzuwerfen und wenn das Schicksal dir etwas gibt, nimmst du es doch gleich mit, oder?
Lena, ich hab eine Überraschung, sagte ich, als ich die Wohnung betrat.
Ach, du machst mir ja immer wieder kleine Freuden, lachte du, als du aus dem Flur kamst. Eher mal teure Ohrringe, dann ein neues Handy, das du dir schon lange wünschst, oder Kinokarten. Was gibts jetzt? Einen Skiurlaub?
Noch besser!, strahlte ich, öffnete meinen Jackettaschen und holte das Kätzchen hervor. Hab ich hier draußen gefunden. Genau das, was du wolltest grau und gestreift.
Oh Gott, schnappte du, der ist ja total ausgemergelt. Reiß ihn her, ich wärm ihn gleich. Und zieh dich schnell um, wasch deine Hände und komm in die Küche, das Essen steht schon.
Du blicktest das Kätzchen noch einmal an und meintest: Wie süß.
So kam Mauzi zu uns. Wir haben lange überlegt, wie wir ihn nennen sollen, haben unzählige Namen durchgesprochen, doch schließlich entschieden wir uns für den klassischen Mauzi.
Der passt viel besser zu ihm als Tom oder Lukas, sagte ich.
Stimmt, mein Schatz.
Das Ganze passierte Ende November, gerade als der erste Schnee fiel. Das Kätzchen hatte also noch nicht die harten Winterbedingungen auf der Straße kennengelernt. Danke dem Himmel, sonst wäre das vielleicht das letzte Abenteuer für ihn gewesen.
In den zwei Wochen, seit Mauzi bei uns eingezogen ist, haben wir ihn wie verrückt ins Herz geschlossen. Eigentlich schon am ersten Tag, und mit jedem Tag mehr.
Mauzi fühlt sich pudelwohl bei uns. Wenn er mal etwas vom Tisch schubst, schimpft er nicht, sondern wir bitten ihn einfach, beim nächsten Mal vorsichtiger zu sein.
Versprochen!, schnurrt er dann, springt vom Nachttisch zum TVKörper und lässt dort zufällig die Fernbedienung fallen.
Alles lief gut, bis an einem Sonntagmorgen an der Tür geklopft wurde.
Wer kann denn an einem Sonntagmorgen um halb sieben anklopfen?, fragte ich, während ich die Uhr an der Wand ansah. Draußen war es noch dunkel.
Vielleicht Nachbarn?, überlegte Lena. Haben die ein Problem?
Ich ging zum Flur, öffnete die Tür und sah meine Schwester Vika und ihren kleinen Sohn Misha, dem gerade fünf Jahre alt war.
Hallo, Bruderchen, grinste sie, wir kommen zu Besuch, passt das?
Na ja, stammelte ich.
Ich hab erst jetzt gesagt, dass ich kommen wollte, fuhr sie fort, und das ganz früh, weil du sonst das Telefon nicht abhebst. Kannst du uns helfen, das Gepäck reinzuschaffen? Ich habe die Koffer die Treppe hochgetragen und dachte, meine Beine würden gleich wegknicken.
Ich ließ sie rein, obwohl das Gepäck etwas seltsam wirkte normalerweise bringt man nicht Koffer mit, wenn man zu Besuch kommt.
Was ist los mit dir?, fragte ich.
Ach, das ist klar, meinte Vika. Mein Mann hat mich rausgeworfen, weil er eine andere Frau gefunden hat. Jetzt habe ich nirgends ein Dach über dem Kopf. Wenn du nichts dagegen hast, bleibe ich bei euch, bis ich eine neue Bleibe finde. Und wir könnten zusammen Silvester feiern, das wäre doch schön, oder? Wir reden ja kaum seit vier Jahren.
Du weißt ja, warum wir uns kaum sehen, sagte ich. Auf Lügen kann man keine guten Beziehungen aufbauen.
Ach, lass das, erwiderte sie und fuhr fort: Wer das Alte wieder hervorholt, der hat das Ohr verstopft, wie man sagt. Ich habe mich nur vertan, das passiert jedem.
Ich wollte etwas sagen, hielt mich aber zurück. Ich wollte den Morgen nicht mit einem Streit beginnen, und Lena würde das sicher auch nicht gut finden, wenn ich mich über meine Schwester, die von ihrem Mann rausgeworfen wurde, ärgere.
Doch Vika hatte ein Argument: Vor fünf Jahren war unser Vater gestorben, und das große DreizimmerApartment in Berlin, das wir geerbt hatten, sollte eigentlich uns beiden zufallen. Sie war schwanger von wem, das weiß noch keiner.
Kind, Vika, das Baby braucht ein Zuhause, sagte meine Mutter damals, und ich ließ nach. Ich war damals selbst noch im Studentenwohnheim und dachte, ich helfe ihr gerne. Ich dachte, ich könnte später selbst ein Haus kaufen oder einen Kredit aufnehmen man macht das ja heute ja alles.
Als ihr Sohn dann geboren war, verkaufte Vika die Wohnung und zog zu diesem Geschäftsmann, Valerio, um, der ihr Geld für ein neues Projekt geben wollte.
Er ist Unternehmer, braucht Geld für Expansion, erklärte sie mir. Und das ist meine Wohnung, also mache ich, was ich für richtig halte.
Ich war wütend, weil wir uns auf eine andere Abmachung geeinigt hatten. Ich wollte wenigstens die Hälfte des Erlöses, aber das Geld war plötzlich für das Geschäft verschwunden. Meine Mutter ließ uns einfach aus den Augen gehen das war damals genauso, wie zehn Jahre zuvor, als ich als Junge ein Kätzchen aus der Straße mit nach Hause nahm und es dann verschwand.
Ich verdächtigte Vika, dass sie das erste Kätzchen weggeschafft hatte, das ich so sehr liebte.
Wo hast du das Kätzchen hingebracht!, brüllte ich.
Aber sie leugnete, obwohl ich in ihren Augen das Lügen sah. Das Kätzchen hatte mich seit dem ersten Tag gestört, dann kam das zweite und das verschwand ebenfalls. Zufall? Ich dachte nicht.
Meine Mutter zuckte mit den Schultern, Vika zuckte mit den Schultern und leugnete jede Beteiligung. Danach brachte ich nie wieder ein Tier nach Hause. Unser Verhältnis war seitdem angespannt.
Und plötzlich steht Vika mit ihrem Sohn vor der Tür und bittet um ein Zimmer.
Markus, wo soll das Kind denn hin?, seufzte Lena schwer. Lass es doch kurz bei uns bleiben, bis es eine Wohnung findet. Wir können es ja nicht draußen lassen.
Okay, winkte ich ab. Wenn du nichts dagegen hast, kann sie bleiben.
Doch tief im Bauch wusste ich, dass das nichts Gutes bringen würde.
Und tatsächlich: Am nächsten Tag begann Vika, über Mauzi zu meckern. Er störe sie beim Schlafen, liege auf ihrem Sofa, schaue sie komisch an. Ihr kleiner Sohn bekam eine SchnupfenErkrankung.
Das ist sicher eine Allergie gegen eure Katze, sagte Vika. Früher war mein Hase, Manni, völlig gesund.
Vielleicht hat er nur eine Erkältung, entgegnete ich. Du gehst ja mit ihm nach draußen. Und selbst wenn es eine Allergie ist, was soll man machen? Mauzi ist doch Familienmitglied.
Vika lachte nur. Familienmitglied Ich dachte, du bist schon erwachsen und holst dir jetzt wieder Tiere von der Straße. Wie hält deine Frau das aus?
Lena schaltete ein: Du liebst ja Tiere, ich auch. Warum hast du sie plötzlich verabscheut?
Sie stören nur den Schlaf, meine Kinder schlafen schlecht wegen Mauzi. Das ist Stress für das Kind.
Ich schwieg. Das Thema Kinder ist bei mir immer ein empfindliches Thema. Wir versuchen schon seit Jahren, ein eigenes Kind zu bekommen, aber die Ärzte können nichts Konkretes sagen und Vika weiß das natürlich.
Ich schlage vor, wir geben die Katze ins Tierheim, sagte ich schließlich. Misha ist ja mein Neffe, und du bist meine Schwester. Wir sollten nicht wegen einem Tier leiden.
Verstehst du überhaupt, was du sagst?, fauchte ich. Ein Tierheim? Mauzi lebt hier, nicht dort. Wenn dir etwas nicht gefällt, kannst du ja gehen.
Ich dachte kurz, ich solle mein Kind ins Tierheim geben, aber das blieb nur ein Gedanke.
Vika hörte nicht mehr auf, Mauzi auf den Sofa zu vertreiben und ihn in die hinterste Ecke zu verbannen. Er hielt das aus, dann begann er, klein zu rächen. Er ließ ihr Handy vom Nachttisch fallen, zerkratzte ihr Lieblingsshirt.
Deine Katze macht mir Sachen kaputt!, schrie Vika. Warum habt ihr das Tier überhaupt? Mein Hase lässt das nie zu.
Sie nahm dann heimlich Mauzis Lieblingsplüschtier und versteckte es im Koffer.
Hör zu, Schwester, knurrte ich, du wohnst jetzt in meiner Wohnung. Und wenn du hier bleiben willst, lass die Pfote von meinem Kater.
Okay, okay, ich übertreibe nicht
Kurz vor Silvester rief Lena mich an, schluchzte und erzählte etwas, das ich nicht ganz verstand. Ich fühlte, dass etwas Schlimmes passiert war, nahm mir frei und fuhr nach Hause.
Lena, bist du da? Ich stürzte in die Wohnung, sah dich im Flur zusammengerollt, weinend. Ich hab nichts verstanden, du hast so laut geweint, dass ich nichts mehr hören konnte. Dann war das Handy leer. Was ist geschehen, Lena? Du bist nicht mehr ganz du.
Mauzi ist weg, hauchte ich kaum. Er ist nicht mehr zu Hause.
Wie kann das sein? Wo könnte er sein? Vielleicht hat er sich irgendwo in der Wohnung versteckt?
Nein. Deine Schwester Vika sagte, er sei aus Versehen in den Hausflur gerannt, als sie mit Mark ausging. Aber unser Mauzi würde das nicht allein tun. Warum sollte er raus, wo er fast erfroren wäre? Ich glaube, Vika hat ihn absichtlich rausgelassen
Was?!, kniff ich die Hände zusammen. Wo ist sie jetzt? Wo ist Vika?
Sie war im Supermarkt ich weiß es nicht. Ich such den ganzen Tag nach Mauzi, aber nirgends zu finden. Niemand hat ihn gesehen. Wie kann das sein, Markus? Wer wirft ein hilfloses Tier im Winter einfach raus? Das ist doch nicht menschlich.
Ein Mensch nein. Vika ja, das kann sie. Sie hatte sowas schon einmal gemacht. Aber heute wird sie nicht mehr hier bleiben. Und ich finde Mauzi, versprochen.
Ich fand Mauzi an diesem Tag nicht mehr. Draußen war es bereits dunkel, er konnte überall versteckt sein.
Als Vika dann mit Misha kam, stellte ich ihr ein kleines BefragungsInterview zusammen.
Warum hast du das getan? Warum hast du den Kater nach draußen geworfen? Du weißt doch, dass er fast erfroren wäre!
Nichts, Bruderchen, zuckte Vika mit den Schultern. Ich hab die Tür nur offen gelassen, er rannte raus. Ich dachte, er wäre mir egal. Mein Kind geht vor.
Ich sah ihr direkt in die Augen und wusste: Sie lügt. Sie lacht sogar. Vika hat Mauzi absichtlich rausgebracht vielleicht sogar woanders hingebracht.
Hör zu, Markus, morgen ist Silvester. Ich hab Sekt gekauft. Lass uns nicht wegen so einem Kram streiten, okay?
Okay, sagte ich. Pack deine Sachen.
Was?, fragte sie.
Hörst du das nicht? Pack deine Koffer, sonst schmeiß ich sie aus dem Fenster.
Ich brachte Vika und den kleinen Misha zum Bahnhof, gab ihnen ein bisschen Geld für die Tickets.
Du kannst zu deinem Mann, zu deiner Mutter fahren, wo auch immer mir egal. Aber ich will dich nie wieder sehen.
Am 31. Dezember saßen wir am Festtisch, das neue Jahr stand kurz bevor, die Korken waren noch ungeöffnet und wir waren nicht glücklich. Unser Lieblingskater war immer noch verschwunden.
Lena flüsterte plötzlich: Da klopft jemand an der Tür.
Ich dachte, Vika ist wieder da, aber als ich öffnete, stand Mauzi im Türrahmen. Er zitterte vor Kälte, hatte aber über Nacht den Weg zurück gefunden.
Lena! Er ist zurück!, rief ich und nahm die Katze in die Arme.
Wir wärmten ihn schnell, gaben ihm zu essen, und Lena drückte ihn fest an sich. Er schnurrte zufrieden.
Markus, kurz vor Mitternacht machst du den Sekt auf?
Natürlich! Ich öffnete die Flasche, verteilte das Prickeln in die Gläser und draußen explodierten die Feuerwerke.
Man sagt: So, wie du das neue Jahr begrüßt, wird es verlaufen. Jetzt ist Mauzi wieder bei uns, und ja, bei uns wird bald ein Kind sein. Lena hielt ihn an ihr Herz, und ich spürte, dass in ihr etwas Neues heranwächst.
Also, das wars von unserer kleinen Katastrophe jetzt ist alles gut. Bis bald!





