Jan ist nicht zurückgekehrt. Seine Sachen sind verschwunden. Im Schrank hängen nur noch leere Bügel. Auf dem Nachttisch liegt ein Zettel, hastig auf ein Stück Papier gekritzelt: “Ich halte es nicht aus. Verzeih mir.”
Als Katharina krank wurde, brach die Welt nicht zusammen sie hielt einfach den Atem an.
Zuerst kamen Schwäche und Gliederschmerzen, dann Fieber, das weder Tabletten noch Spritzen senken konnten. Schließlich folgte der Schmerz in der Brust, als ob jemand einen glühenden Stab hineingedreht hätte. Sie lag auf dem Sofa, in eine Decke gewickelt, und starrte an die Decke, während sie sich fragte: “Ist das nur eine Grippe? Oder etwas Schlimmeres?”
An jenem Abend kam Jan spät nach Hause. Er zog seine Jacke aus, warf die Schlüssel auf die Kommode und fragte, ohne sie anzusehen:
“Liegest du schon wieder? Das Geschirr ist nicht gespült. Die Wohnung sieht aus wie ein Schlachtfeld.”
“Ja”, flüsterte sie. “Ich kann nicht aufstehen.”
Er seufzte, als wäre es ihre Schuld krank zu sein, zu liegen, seinen Abend zu stören.
“Na dann, bleib liegen. Ich gehe duschen.”
Er kam nicht näher. Er umarmte sie nicht.
Sie schwieg. Selbst die Kraft für Groll fehlte ihr.
Am nächsten Tag brachten sie sie ins Krankenhaus. Die Diagnose klang erschreckend: beidseitige Lungenentzündung, kompliziert durch eine Virusinfektion, Verdacht auf eine Autoimmunreaktion. Die Ärzte sprachen schnell, sachlich, emotionslos doch in ihren Augen las Katharina: “Das könnte schlimm enden.”
Sie bat die Schwester, ihr ein Telefon zu bringen, um Jan anzurufen.
Die Schwester brachte es. Katharina wählte seine Nummer. Er ging nicht ran.
Sie rief eine Stunde später noch einmal an. Dann wieder. Und noch einmal.
Beim vierten Mal nahm er ab. Seine Stimme klang gleichgültig, als hätte sie ihn mitten aus einem wichtigen Schlaf gerissen.
“Was?”
“Jan ich bin im Krankenhaus. Es ist ernst. Ich brauche”
Sie kam nicht zu Ende er unterbrach sie.
“Ich bin auf Arbeit, Katharina. Nicht jetzt.”
“Aber ich habe Angst”
“Du bist eine erwachsene Frau. Die Ärzte sind da. Was erwartest du dass ich alles stehen und liegen lasse und herrenne?”
Sie verstummte. In ihrem Hals schnürte es sich zusammen.
“Gut”, sagte sie leise. “Entschuldige, dass ich dich gestört habe.”
Er antwortete nicht. Er legte einfach auf.
Dritter Tag im Krankenhaus.
Katharina lag mit einer Infusion im Arm und blickte aus dem Fenster. Draußen grauer Himmel, nasses Pflaster, vereinzelte Passanten in Regenjacken. Auf der Station herrschte Stille nur das Ticken einer Uhr und das Geräusch der Belüftung.
Sie rief Jan noch einmal an. Freizeichen. Wieder Freizeichen.
Dann kam die Mitpatientin und sagte:
“Ruf ihn nicht an. Er ist weg. Die Schlüssel hat er mir gegeben.”
“Weg? Wohin?”
“Er hat es nicht gesagt. Er hat seine Sachen gepackt und ist einfach gegangen.”
Katharina schloss die Augen. In ihrer Brust riss etwas. Nicht ihr Herz etwas Unsichtbares, Zartes, das sie Jahre lang mit ihm verbunden hatte.
Sie weinte nicht. Dazu fehlte ihr sogar die Kraft.
Am siebten Tag kam ihre Mutter.
Sie stürmte ins Zimmer mit einer Tasche, Päckchen und einem Blick, als wäre sie bereit, das ganze Krankenhaus niederzureißen, wenn jemand ihre Tochter verletzte.
“Was für ein Feigling!”, rief sie, als sie Katharina sah. “Wie konnte er nur?”
Katharina versuchte zu lächeln, doch es gelang ihr nur schwach.
“Mama”
“Still, still. Ich bin hier. Jetzt bin ich bei dir.”
Die Mutter blieb. Sie blieb Tag und Nacht, wechselte den Tee, strich über Katharinas Stirn, las vor, hielt ihre Hand. Die Infusionen wurden gewechselt, die Werte stiegen langsam, das Fieber fiel. Draußen klarte der Himmel auf, und eines Morgens lag Sonnenlicht auf dem Laken. Katharina atmete tiefer. Ihr Körper war noch schwach, aber sie spürte, wie das Leben zurückkehrte langsam, vorsichtig, wie ein Tier, das aus dem Versteck kommt. Sie wusste nicht, ob sie Jan vergeben könnte. Doch sie wusste, dass sie weiteratmen würde. Und das genügte.




