Jens heiratete Stefanie aus Trotz, um seiner früheren Liebe etwas zu beweisen. Er wollte zeigen, dass es ihm keineswegs zusetzte, dass er von ihr verlassen worden war.
Fast zwei Jahre waren Jens und Katharina ein Paar gewesen. Jens liebte sie so sehr, dass er für sie Bäume hätte ausreißen können und annahm, früher oder später um ihre Hand anzuhalten. Eigentlich hielt er die Hochzeit für ausgemachte Sache, doch sie blockte immer wieder ab:
Warum jetzt heiraten? Ich bin noch nicht mit dem Studium fertig, und du bist doch gerade erst dabei, die Firma deines Vaters aufzubauen. Kein Auto, keine eigene Wohnung. Deine Schwester ist nett, aber jeden Morgen zusammen frühstücken? Nein, danke! Wenn du das Haus nicht verkauft hättest, wäre das ja was anderes.
Das kränkte Jens zwar, aber im Grunde wusste er, dass Katharinas Einwände gerechtfertigt waren. Nach dem Tod ihrer Eltern hatten er und seine Schwester Anna die Wohnung geerbt. Kaum hatte er die Leitung der Firma übernommen, während er selbst noch im letzten Semester war, mussten sie das Elternhaus verkaufen, um die Firma zu retten und die Schulden zu begleichen. Ein Teil des Erlöses diente als Startkapital für den Laden, und etwas blieb als Reserve.
Katharina war der Meinung, man müsse das Leben genießen und nicht auf ein ungewisses Morgen warten. Für sie war das leicht zu sagen, solange sie von ihren Eltern unterstützt wurde. Wenn man jedoch plötzlich Familienoberhaupt wird und die Verantwortung für die kleine Schwester trägt, sieht man die Dinge anders: Erst das Geschäft auf Vordermann bringen, dann kommt das Haus, das Auto, der Garten.
Nichts deutete auf das kommende Unglück hin. Sie wollten ins Kino so hatten sie es am Telefon verabredet. Katharina meinte, er müsse sie nicht abholen, was direkt ungewöhnlich war, da sie sonst nie den Bus nahm. Jens hielt nach ihr Ausschau, doch plötzlich fuhr sie im Wagen eines anderen vor.
Es tut mir leid, Jens. Wir können nicht mehr zusammen sein. Ich heirate. Sie drückte ihm noch ein Buch in die Hand, stieg wieder in den Wagen und war weg.
Jens stand eine Ewigkeit da. Was war in den drei Tagen geschehen, die er nicht in München war?
Anna erkannte sofort Jens’ Gesichtsausdruck.
Weißt du schon Bescheid?
Er nickte nur.
Sie hat sich einen reichen Kerl geangelt. Am fünfundzwanzigsten ist die Hochzeit. Sie wollte mich als Trauzeugin, aber ich hab abgelehnt. Hinterhältig ist das! Hinter deinem Rücken ging das alles.
Schon gut, tröstete er seine Schwester und strich ihr übers Haar wie einem Kind. Möge sie glücklich werden. Wir bekommen das noch viel besser hin.
Fast einen Tag schloss sich Jens in seinem Zimmer ein. Anna bettelte durch die Tür, wenigstens etwas zu essen, sie habe Pfannkuchen gemacht. Am Abend kam Jens heraus, mit glänzenden Augen.
Zieh dich an, befahl er Anna.
Was hast du vor?
Ich heirate die erste, die ja sagt.
Das kannst du nicht machen, Jens! Das Leben anderer ist kein Spiel!, versuchte Anna ihn zur Vernunft zu bringen.
Doch es war sinnlos.
Einverstanden. Dann gehe ich eben allein.
Im Park war viel los an diesem Abend. Die erste Frau, die er ansprach, schüttelte nur mit dem Kopf. Die zweite wich ihm entsetzt aus, aber die dritte sah ihm in die Augen und sagte: Warum eigentlich nicht?
Und wie heißt du?
Stefanie, antwortete sie.
Wir sollten unsere Verlobung feiern, schlug Jens vor und zog seine neue Bekanntschaft samt Anna ins nächste Café.
Am Tisch entstand eine peinliche Stille. Jens überlegte schon, wie er seiner Ex eins auswischen könnte: Die Hochzeit sollte am selben Tag wie Katharinas stattfinden, das war ihm klar.
Stefanie durchbrach schließlich das Schweigen:
Sie müssen doch einen triftigen Grund haben, einer Fremden einen Heiratsantrag zu machen. Falls das nur so ein spontaner Einfall ist, bin ich auch nicht böse, wenn Sie sich umentscheiden.
Nein, wir ziehen das durch. Morgen geben wir die Papiere ab und besuchen deine Eltern.
Er zwinkerte.
Aber jetzt schlage ich erst mal vor, wir duzen uns!
Den ganzen Monat bis zur Hochzeit trafen Jens und Stefanie sich täglich, redeten miteinander, lernten sich kennen.
Möchtest du mir nicht doch irgendwann erzählen, warum das alles? fragte Stefanie vorsichtig.
Jeder hat seine Leichen im Keller, wich Jens aus.
Solange sie nicht das Leben belasten, lächelte sie.
Und warum hast du ja gesagt?
Ich hab mich einfach wie eine Märchenprinzessin gefühlt, die vom König an den erstbesten Mann vermählt wird. Und im Märchen heißt es ja immer: Sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Das wollte ich ausprobieren.
Ganz so einfach war es jedoch nicht. Stefanie hatte nach einer großen Enttäuschung zwar ihre Ersparnisse verloren, dafür aber gelernt, Menschen zu durchschauen. Auf Blender fiel sie nicht mehr herein. Den Traum vom perfekten Märchenprinzen hatte sie abgelegt sie suchte einen klugen, selbstständigen Mann, der wirklich Verantwortung übernimmt. In Jens erkannte sie einen entschlossenen, verlässlichen Typen. Wäre er an dem Tag allein oder mit Kumpels unterwegs gewesen, hätte sie ihn ignoriert. Dass er mit seiner kleinen Schwester da war, bewegte sie zum Umdenken.
Na, welcher Märchenfigur gleichst du? fragte Jens grinsend, Bist du Dornröschen, Aschenputtel oder Frau Holle?
Küss mich, und du findest es heraus, konterte sie scherzhaft.
Aber Küsse gab es keine, und auch sonst blieb alles brav.
Jens kümmerte sich selbst um die Hochzeitsvorbereitungen. Stefanie musste nur aus seinen Vorschlägen auswählen. Sogar das Brautkleid besorgte er selbst.
Du wirst die schönste sein!, bekräftigte er immer wieder.
Im Standesamt, kurz vor der Trauung, kreuzte Katharina samt ihrem Bräutigam auf. Jens setzte ein gezwungenes Lächeln auf:
Alles Gute dir, sagte er und küsste sie rasch auf die Wange, sei glücklich mit deinem Geldbeutel auf zwei Beinen!
Mach keine Szene, fuhr sie ihn nervös an.
Ihr prüfender Blick glitt zu Stefanie, die mit aufrechter Haltung und natürlicher Schönheit imponierte. Katharina wirkte daneben geradezu blass; Eifersucht nagte an ihr, richtig glücklich war sie nicht.
Jens kehrte zu Stefanie zurück.
Alles in Ordnung, gab er gespielt gelassen.
Wir können immer noch alles abblasen, flüsterte sie.
Nein. Wir ziehen das durch.
Erst beim Ja-Wort, als er in Stefanies traurige Augen blickte, begriff Jens die Tragweite seines Handelns.
Ich werde dich glücklich machen, sagte er überzeugt.
Der Ehealltag begann. Bald schloss Anna Stefanie ins Herz. Die beiden wurden ein tolles Team: Anna lernte, ihre Emotionen zu kontrollieren, Stefanie organisierte mit Diplomatie den Haushalt. Als versierte Betriebswirtin brachte Stefanie die Firmenfinanzen in Ordnung. Nach wenigen Monaten eröffneten sie einen zweiten Laden, später dann Teams für Renovierungen. Die Firma wuchs, der Umsatz verdoppelte sich.
Stefanie entfaltete sich als kluge Ratgeberin, schob Jens die besten Ideen unter, die er dann für seine eigenen hielt. Glück war greifbar nah, doch Jens vermisste das berauschende Gefühl, das er einst bei Katharina hatte. Alles war ordentlich, berechenbar, ruhig Routine eben. Ein Alltag wie ein stiller See, dachte er, ich liebe Stefanie nicht so wie damals, und das weiß sie auch.
Mit Stefanies Hilfe stieg er in den Bau von Einfamilienhäusern ein, das erste Haus errichteten sie für sich selbst. Je erfolgreicher sie wurden, desto häufiger schielte Jens zurück: Wäre Katharina nur geblieben sie sollte sehen, welches Auto ich fahre, welch ein Haus ich habe!
Stefanie merkte, wie ihrem Mann der innere Frieden fehlte. Sie bemühte sich, seine Liebe zu gewinnen, aber die Herzen lassen sich nicht erzwingen. Nicht jede Geschichte wird zum Märchen, dachte sie traurig, aber Stefanie gab die Hoffnung nicht auf ihr Name bedeutete ja Hoffnung.
Auch Anna beobachtete die Entwicklung.
Du wirst mehr verlieren, als du gewinnen kannst, meinte sie ernst, als sie Jens beim Schnüffeln auf Katharinas Social-Media-Profil erwischte.
Kümmere dich um deine eigenen Dinge!, schnauzte er zurück.
Anna wurde böse:
Du bist blind! Stefanie liebt dich aufrichtig, und du spielst nur rum!
Jens ärgerte sich. Doch die Sehnsucht nach Katharina wuchs. Schließlich schrieb er ihr. Katharina klagte: Die Ehe sei gescheitert, ihr Mann habe sie rausgeworfen, das Studium nicht beendet, sie lebte jetzt allein in Nürnberg, in einer kleinen Mietwohnung.
Tage vergingen. Jens zögerte: Soll ich hinfahren oder nicht? Als Stefanie dann für eine Woche zu ihrer kranken Großmutter aufs Land fuhr, gab er nach. Er vereinbarte ein Treffen.
Mit klopfendem Herzen fuhr er nach Nürnberg. Doch dort holte ihn die Realität ein.
Du bist ja ein Prachtkerl!, schlang sich Katharina um seinen Hals, aber der Geruch von ungewaschenem Körper stach ihn in die Nase.
Er wich zurück:
Das muss doch nicht jeder sehen.
Mir doch egal!, lachte sie schallend.
Kurzer Rock, grelles Make-up, billiges Parfüm alles war armselig. Gegen Stefanie zog sie in jeder Hinsicht den Kürzeren. Wie konnte ich das damals nicht merken?, fragte er sich entsetzt, als sie das zweite Bier bestellte.
Gib mir Geld, und ich bin nett zu dir, zwinkerte sie.
Jetzt wollte Jens nur noch weg.
Tut mir leid, ich muss los, sagte er steif.
Kommst du noch mal wieder?
Eher nicht, wandte er sich an den Kellner: Die Dame bleibt noch, das sollte reichen. Er steckte einen Fünfzig-Euro-Schein ins Mäppchen.
Im Auto fuhr er wie im Rausch nach Hause.
Blödmann, schimpfte er mit sich selbst. Anna hatte recht. Wofür das alles? Oder musste ich es genau so erleben?
Die Erkenntnis durchzuckte ihn: Er hatte Stefanie nie Kosenamen gegeben. Nach all den Jahren war sie sein nächster, liebster Mensch.
Mitten auf der Landstraße hielt er an, überdachte noch einmal die vergangenen Jahre. Vor sich sah er Stefanies Gesicht, ihre strahlend blauen Augen, das warme, kluge Lächeln und wie sie ihm zärtlich durch das Haar fuhr.
Ich habe ihr versprochen, sie glücklich zu machen, wurde ihm klar.
Er startete erneut den Motor, bog ins nächste Dorf ab und fuhr direkt zu Stefanies Großmutter.
Eine Woche ist viel zu lang. Ich habe es ohne dich nicht mal zwei Tage ausgehalten, sagte er, als Stefanie ihm aufgeregt entgegenlief.
Du verrückter Kerl!, lachte sie, Tränen in den Augen.
Stefanie, meine Liebe, flüsterte Jens. Beide waren endlich glücklich.
Manchmal weiß man den Wert der Menschen erst zu schätzen, die uns durchs Leben begleiten und Vertrauen und ehrliche Zuneigung zählen mehr als vergängliche Leidenschaft. Das machen Stärke und Glück im Leben wirklich aus.




