Frau Nina Schneider, wie lange noch wollen Sie so weiterleben? Die Nachbarin, Frau Klara Baumann, lehnte sich schwer gegen den Türrahmen, als ob sie fürchtete, dass man sie nicht hineinlassen würde. Sieben Jahre sind vergangen. Sieben! Sie sind noch eine junge Frau, zweiundvierzig Jahre alt. Sie müssen wieder anfangen zu leben.
Nina stand am Fenster und blickte hinaus zum Gartentor. Grün, unten schon abgeblättert. Wie oft hatte sie sich vorgenommen, es umzustreichen, in eine andere Farbe und jedes Mal fiel ihr das Herz schwer. Ihre Hand wollte sich einfach nicht heben.
Möchten Sie einen Tee, Frau Baumann?
Was redet denn Ihr Tee! Klara trat von einem Bein aufs andere. Ich spreche von Herrn Dr. Arkadius Berger. Ein guter Mensch! Arzt. Er hat eine Wohnung in Altötting, ein Auto. Und zu Ihnen kommt er mit ganzem Herzen. Und Sie…
Ich? Was?
Sie behandeln ihn wie einen Fremden.
Nina wandte sich vom Fenster ab. Der Wasserkessel auf dem Herd begann schon zu pfeifen. Langsam ging sie in die Küche, jeden Dielenbrett mochte sie zu gut; die dritte knarrt, die fünfte biegt sich leicht durch.
Ich stelle eine zweite Tasse hin, sagte sie. Setzen Sie sich doch.
Klara trat ein. Sie setzte sich nicht gleich, schaute sich um, als wäre es beim ersten Mal, obwohl sie hier schon Hunderte Male gesessen hatte. Ihr Blick blieb an einem Foto auf dem alten Anrichte hängen. Immer stand es da, das Bild: ein Mann, vielleicht fünfunddreißig, im Windjacke, mit einer Karte in der Hand, lachend, geblendet von der Sonne.
Ihr Gernot, sagte Klara leise, fast entschuldigend.
Gern, verbesserte Nina, ohne sich umzudrehen.
Nina. Die Kriminalkommission hat das Verfahren schon vor fünf Jahren abgeschlossen. Offiziell. Das wissen Sie ja.
Ich weiß es.
Der Schwarzwald…es heißt, da verschwindet alles. Nur Sümpfe, verlassene Hütten. Die ganze Mannschaft vier Leute ist verschwunden.
Ich weiß, Klara.
Der Wasserkocher pfiff. Nina nahm ihn vom Herd und goss das heiße Wasser in die Tassen. Eine war blau mit weißen Blüten, die andere, immer rechts am Tisch, war schlicht weiß, mit abgebrochener Henkel.
Jetzt setzte sich Klara doch. Sie blickte auf die Tasse mit gebrochener Henkel, schwieg aber. Das Thema war schon längst verstummt.
Herr Dr. Berger wollte morgen vorbeischauen, sagte sie mit vorsichtiger Stimme. Er bringt Ihnen das Mittel gegen den Blutdruck. Sie haben es doch das letzte Mal bei ihm geholt.
Er kann kommen. Ich bin daheim.
Das ist gut. Klara schlürfte den Tee, hielt die Tasse mit beiden Händen. Das ist gut, Nina.
Draußen wiegte der Johannisbeerstrauch in nassen Wind. Die Blätter gelbten schon, obwohl es erst Ende Oktober war. Nina dachte daran, dass sie den Strauch vor dem ersten Schnee zurückschneiden müsste. Gern hatte das immer im Herbst getan, leise vor sich hin murmelnd; was er sagte, wusste sie nie.
Hätte sie behalten sollen.
Die Kleinstadt hieß Waldstetten. Obwohl es hier seit den sechziger Jahren keine Tannen mehr gab. Dreitausend Einwohner, Kreiskrankenhaus, zwei Läden, das Kulturhaus, wo freitags Filme gezeigt wurden, die niemand mehr kannte. Nina arbeitete in der Bibliothek die Zentrale, obwohl es keine andere in Waldstetten gab. Sie gab Bücher aus, führte Listen, las mittwochs Kindern vor. Ein gerades, stilles Leben.
Die Leute redeten über sie mit Respekt (so eine treue Frau) oder mit Mitleid, das schlimmer als Verachtung war. Andere tippten sich ans eigene Stirn, aber leise, damit sie es nicht hörte. In einer Kleinstadt fühlte man seine Grenzen.
Dr. Arkadius Berger kam vor drei Jahren nach Waldstetten. Vom Land zugesandt, weil der alte Landarzt Husten nicht mehr loswurde und keine Nachfolge da war. Er kam im September, im viel zu schweren Mantel, mit zwei Koffern und einer Stapel Medizinzeitungen unter dem Arm. Siebenundvierzig Jahre war er, Witwer, keine Kinder.
Er sah Nina in der zweiten Woche, als sie ein Attest brauchte. Da veränderte sich etwas in ihm, das fiel selbst Klara auf. Später erzählte sie, wie er ihr durch die Glastür nachschaute.
Sagen Sie selbst, ist das kein Wink des Schicksals? meinte Klara.
Nina hörte zu, schwieg. Arkadius war wirklich ein guter Mensch. Höflich, zurückhaltend, aufmerksam. Brachte Bücher mit, die er extra für sie bestellte. Reparierte eines Tages das Schloss am Gartentor, einfach so, sah, dass es lose war aber das grüne Tor ließ er seltsam unberührt.
Doch sobald er kam und sich an diesen Tisch setzte, fiel Ninas Blick immer auf die weiße Tasse mit abgebrochenem Henkel. Und sie konnte sie nicht wegräumen.
Ungerecht war das. Gegenüber Arkadius. Aber sie konnte nicht anders.
Der November kam früh und mit unbarmherzigem Regen. Nicht der herbstliche, nach Pilzen riechende Regen, sondern finster, nass, schwer wie Winter. Auf das Blechdach, auf die Fensterbretter, auf das Holz der Veranda trommelt er. Der Boden wurde nicht mehr trocken, die Pfützen standen den ganzen Tag.
An solchen Tagen heizte Nina immer den Ofen an, trotz Zentralheizung. Der Ofen wärmte anders. Sie saß mit einem Buch am Feuer, hörte das leise Knacken der Holzscheite und das Trommeln des Regens es hätte fast geborgen sein können, hätte in ihr nicht dieses sehnsüchtige Gefühl gezehrt, das sie kaum noch beim Namen nannte.
Vor zehn Jahren Gernot Voss, achtunddreißig, leitender Geologe der Explorationsgruppe 14, reiste zu einer Sommerexpedition ins nördlichste Bayern. Nichts Ungewöhnliches, jeden Sommer war er fort und kam im Oktober zurück. Nina verabschiedete sich immer am Gartentor, er sagte: Warte, ich komme bald. Sie sagte: Ich warte. Kein Schwur, kein Pathos, einfach ein Satz, wie er vor Abschieden gesagt wird.
Er kam nicht zurück im Oktober. Nicht im November. Im Dezember kamen erste Gerüchte: Die Gruppe war losgezogen und am Kontrollpunkt nicht angekommen. Suche begann im Januar, als das Wetter es erlaubte. Man fand den Hubschrauber mit dem Piloten hundert Kilometer vorm Ziel. Der Hubschrauber steckte im Moor, der Pilot überlebte mit Beinverletzung. Der sagte, er habe die Gruppe wie immer abgesetzt. Danach verliert sich die Spur.
Zwei Jahre wurde gesucht. Dann noch eines. Schließlich schloss die Kommission den Fall ab. Sie formulierten auf Papier jenes Wort, das Nina nie laut las. Das Verfahren wurde eingestellt. Sie bekam Dokumente. Der Landrat, ein müder, freundlicher Mann, sagte: Frau Schneider, Sie haben Anspruch auf alle gesetzlichen Leistungen… Sie hörte nicht weiter, nahm die Papiere, bedankte sich, trat hinaus in den Sommer. Am Zaun des Gerichts blühte wilder Rosenstrauch.
Zuhause machte sie sich einen Tee. Kochte Suppe. Gab Kater Moritz Futter; Moritz lebte schon acht Jahre bei ihnen, saß an seinem Napf, als ginge ihn fremdes Unglück nichts an. Dann stellte sie das Foto von Gern auf dem Anrichte ein Stück gerader.
Das war alles.
Dr. Berger kam freitags, wie angekündigt. Er brachte ihr die Medizin und einen Beutel Äpfel, große, schon leicht frostige Boskoop.
Hab sie bei Frau Maier gekauft, sagte er und zog den Mantel aus. Sie sagt, der Winter wird mild.
Kommen Sie rein, sagte Nina. Tee?
Nur wenn es keine Umstände macht.
Sie setzte Wasser auf, er setzte sich an den Platz am Fenster. Draußen regnete es, Zweige des Johannisbeerstrauchs rieben am Fensterglas.
Wie ist Ihr Blutdruck? fragte Arkadius.
Geht. Habe heute Morgen gemessen.
Gut. Sie sollten die Tabletten trotzdem regelmäßig nehmen.
Ich weiß.
Er schwieg. Betrachtete die Äpfel, die sie auf den Teller legte.
Frau Schneider… begann er.
Dr. Berger… unterbrach sie, nicht unfreundlich, aber entschieden. Ich höre Sie.
Er schaute sie an, lange. Dann nickte er langsam, als habe er einen inneren Entschluss gefasst.
Ich wollte fragen, ob Sie Lust hätten, Sonntag nach Altötting zu fahren. Im Theater läuft ein neues Stück, habe gehört, es soll besonders sein.
Theater? Nina war überrascht. Er hatte das nie vorher vorgeschlagen.
Ich dachte, es würde Ihnen gefallen. Wenn nicht, müssen Sie nicht.
Nina schenkte Tee ein. Stellte ihm die blaue Tasse hin, die weiße mit dem Henkel blieb an ihrem Stammplatz. Das war Routine, so unveränderlich wie das knarrende Dielenbrett.
Ich überlege es mir, sagte sie.
Er lächelte nicht, aber in seinem Gesicht wurde es ein wenig wärmer.
Gut.
Sie tranken schweigend. Und dieses Schweigen war nicht bedrückend. Nina schaute hinaus; der Regen ließ nach, das grüne Gartentor schimmerte im dämmrigen Licht fast grau.
Arkadius ging gegen acht. Sie brachte ihn zur Tür, er verabschiedete sich, ohne sich aufzudrängen, sagte kein überflüssiges Wort. Sie achtete ihn dafür.
Zurück in der Stube räumte sie seine Tasse fort, spülte sie ab, stellte sie zum Trocknen hin. Die mit dem abgebrochenen Henkel ließ sie wie immer stehen.
So ist es, sagte sie leise, ohne zu wissen zu wem. Moritz hob den Kopf, schaute sie an. So ist es.
Nachts wurde der Regen stärker. Nina lag da, hörte zu, konnte lange nicht schlafen. Um halb zwei schien es, als quietsche das Gartentor. Sie lag still. Wind, sagte sie sich. Immer quietscht das Tor bei Wind.
Sie schloss die Augen.
Doch um drei Uhr kam das Geräusch wieder. Ein anderes diesmal, nicht der Wind. Schritte auf den Stufen der Veranda, langsam, zögerlich.
Nina stand auf, zog den Hausmantel über, wich beim Knarren des dritten Dielenbretts sorgfältig aus, blieb drüben vor der Tür. Draußen war es still: Regen, Wind.
Sie öffnete.
Auf der Veranda, unter dem winzigen Vordach, das kaum vor schrägem Regen schützte, stand ein Mann. Durchnässt. In altem Armeemantel, mit Beutel. Grauhaarig. Sie erkannte ihn erst nicht. Die Schultern, die Haltung, das Gesicht, das sie kannte alles war fremd geworden. Alt, eingefallen, mit einer blassen langen Narbe von der Braue zur Wange.
Aber die Augen waren dieselben.
Nina hielt die Tür, schwieg. Er auch. Der Regen rauschte.
Nina, sagte er endlich. Die Stimme rau wie lange ungebraucht.
Sie trat einen Schritt zurück, ließ ihn nicht herein, schlug die Tür aber auch nicht zu. Nur weil ihre Beine nachgaben.
Gern, sagte sie. Kein Fragezeichen, keine Behauptung. Nur das Wort.
Ich weiß nicht, wie ich es erklären soll, sagte er. Ich verstehe. Ich verstehe alles.
Nina sah ihn stumm an, dann ganz leise:
Komm rein. Du bist nass.
Er trat ein. Es tropfte von ihm auf den Boden. Sie reichte wortlos das blaue, alte Handtuch vom Haken.
Moritz kam aus dem Wohnzimmer, beschnupperte seine Schuhe, verzog sich wieder. Der Kater war schon alt und nahm Veränderungen gelassen.
Wie lange bist du unterwegs? fragte Nina.
Von Altötting zu Fuß. Kein Bus bei so einem Wetter. Er trocknete das Gesicht vorsichtig, als sei er Weiches nicht mehr gewohnt. Ich hätte bis zum Morgen warten können. Aber es ging nicht.
Setz dich.
Sie machte Licht in der Küche. Er saß, wie früher, ein wenig seitlich am Tisch. Nina setzte den Wasserkocher auf. Ihre Hände zitterten nicht, und sie wunderte sich über sich selbst. Alles in ihr war still, fast erstarrt, wie der Boden unterm Schnee.
Willst du was essen?
Wenn etwas da ist…
Aus dem Kühlschrank holte sie die gestrige Suppe, stellte sie auf den Herd, schnitt Brot dazu. Alles langsam, konzentriert, als wäre jeder Handgriff die Morgenroutine. Er schaute ihren Händen zu.
Ich erinnere mich nicht mehr an dich, sagte er auf einmal.
Nina erstarrte.
Nicht? Das fragte sie, weil es das Einfachste war.
Gar nicht. Lange nicht. Beide Hände lagerten auf dem Tisch, groß, sonnengebräunt, mit abgebrochenen Nägeln. Ich erinnere mich an den Absturz des Hubschraubers. Dann… Dunkel. Dann wachte ich bei Leuten auf. Keine Ahnung, ob sie mich gefunden haben oder ich sie. Ich weiß es nicht.
Was für Leute?
Im Schwarzwald, eine Klause. Altgläubige. Ein alter Mann, eine alte Frau, ihr Enkel, ein junger Bursche… Er schwieg kurz. Sie haben mich gepflegt. Ich hatte hohes Fieber, sehr lange. Danach wusste ich nicht mehr, wer ich war. Kein Name, nichts. Nur ein Gefühl, wie im Traum.
Nina stellte ihm die Suppe auf den Tisch. Er blickte sie an, dann auf die Suppe, wieder sie.
Iss, sagte sie.
Er aß. Zuerst langsam, dann schneller. Sie schenkte Tee ein, stellte auch Zucker daneben. Blieb ihrerseits mit gefalteten Händen sitzen. Die Tasse mit dem abgebrochener Henkel stand wie immer da.
Wie lange erinnerst du dich wieder?
Stückchenweise kam es zurück. Erst fremde Gesichter, später Hände, dann Gerüche. In der Klause roch es oft nach Kernseife, jedes Mal… Er stockte. …fühlte ich etwas, wusste aber nicht was.
Und dein Name?
Kam etwa im dritten Jahr. Nicht alles sofort. Erst Nina. Nur ein Wort. Wusste nicht, was es bedeutete.
Sie schwieg.
Dann kamen die Bruchstücke. Langsam wie… Er schüttelte den Kopf. Wie beim Puzzle, die Hälfte der Teile fehlt. Ich erinnerte mich Stück für Stück. Deine Hände kannte ich. Diese hier. Er schaute auf sie. Und der Geruch. Und wie du beim Stehen immer den rechten Fuß etwas schräg stellst.
Nina warf einen Blick auf ihre Füße, drehte sich dann zum Fenster.
Warum hast du dich nicht gemeldet? Als du dich erinnerst?
Ich wusste nicht, ob ich dich finde. Deinen Nachnamen wusste ich lange nicht. Dann fiel mir Waldstetten ein. Dann fand ich es auf der Karte der Enkel hatte eine. Er stellte den Teller beiseite. Danke. Gute Suppe.
Hab ich immer so gekocht.
Weiß ich. Habs wiedererkannt.
Sie schwiegen. Draußen klopfte der Regen an Blechdach, Fassregenrinne, Holzzaun.
Woher stammt die Narbe? fragte Nina. Es war nicht die wichtigste, aber die einfachste Frage.
Im Wald, als ich den Weg suchte. Bin hingefallen, vermutlich. Ich erinnere mich nicht.
Und das Grau?
Er lächelte schräg, zum ersten Mal in dieser Stunde ein lebendiges Gesicht.
Fieber vielleicht. Zeit vielleicht. Weiß nicht, Nina.
Wie alt bist du jetzt?
Achtundvierzig.
Siehst älter aus.
Ich weiß.
Sie räumte ab, goss sich noch einen Tee ein. Er bat nicht um mehr, sie bot es auch nicht an. Sie stand, den Rücken zu ihm, am Herd.
Haben die Leute nichts geraten, dir nicht geholfen, nach Hause zu finden?
Sie leben für sich, nach ihrer Art. Für sie ist jeder Suchende allein auf seinem Weg. Der Alte sagte nur: Wenn du es begreifst, gehst du..
Und du hast es verstanden.
Vor einem halben Jahr, etwa. Ich schrieb in das geologische Amt in Altötting. Antwort kam. Sie erklärten, dass… Er brach ab.
Ich weiß, was in den Papieren steht, sagte Nina.
Ja.
Sie drehte sich um.
Bist du müde?
Sehr.
Ich mach dir das kleine Zimmer fertig. Alles wie es war.
Etwas huschte in seinen Augen Schmerz, Erleichterung, man konnte es nicht sagen.
Kleine Zimmer… das mit dem Schreibtisch?
Ja.
Und die Regale drüber.
Genau da.
Er stand langsam auf. Die Größe war dieselbe; das fiel ihr auf, auch die Hände, wie er den Mantel auf den Stuhl warf alles wie früher. Doch sonst ein fremder Mann. Langsam, vorsichtig, als nehme er Rücksicht auf die Luft.
Handtuch habe ich für dich, sagte sie. Warmes Wasser ist da.
Nina.
Ja.
Ich weiß nicht, wie jetzt richtig…
Sie schaute lang. Auf die Narbe, das Grau, die Hände. Und die Augen, die noch immer die alten waren.
Jetzt muss gar nichts richtig sein, antwortete sie. Jetzt schlaf erst mal.
Am Morgen stand sie früh auf, wie immer. Kochte Haferbrei, deckte für zwei. Dann hielt sie inne, sah lange auf den zweiten Gedeck wann hatte sie den das letzte Mal für jemanden außer Gästen gedeckt?
Er kam gegen halb neun aus dem kleinen Zimmer. Gewaschen, im alten Hemd, das all die Jahre im Schrank gehangen hatte. Es fiel ihr auf, dass es zu weit an den Schultern war er war schmal geworden.
Du hast’s gefunden.
Ja. Es hing dort. Er fuhr mit der Hand über den Ärmel. Ich war mir nicht sicher…
Ich habe den Schrank nicht angerührt, sagte Nina einfach.
Er nickte, setzte sich, aß still. Moritz kam, rieb sich am Bein, Gern kraulte ihn. Der Kater kniff zufrieden die Augen zu.
Er lebt also noch, sagte Gern.
Achtzehn jetzt. Die Tierärztin sagt, einer der ältesten im Landkreis.
Immer schon stur.
Charakter nach dir, sagte Nina plötzlich und erschrak darüber. Sagte das so einfach, wie früher; dann starrte sie in die Tasse.
Auch er war überrascht, schwieg.
Nina, ich muss…
Nicht heute, unterbrach sie ihn, entscheiden wir heute nichts.
Ich verstehe. Nur ich muss meine Papiere neu beantragen. Den Pass. Nach Altötting fahren.
Ich weiß, wo deine Unterlagen sind vielleicht helfen sie.
Wirklich?
Im Schreibtisch, kleines Zimmer, dritte Schublade.
Sein Blick sie fand keine Worte dafür.
Zwei Tage später kam Klara. Nina sah sie durchs Fenster, die Eile in ihren Schritten, wie jemand, der eine wichtige Neuigkeit noch nicht verdaut hat. In Waldstetten verbreiten sich Gerüchte so windschnell wie Herbststurm.
Nina öffnete bevor sie klopfen konnte.
Frau Schneider! Klara blieb an der Schwelle stehen, die Augen rund. Ist es wahr?
Was?
Dass Gernot… dass er…
Gernot Voss ist zuhause, sagte Nina ruhig. Kommen Sie doch.
Klara trat ein, drückte sich in der Diele. Gern kam aus dem kleinen Zimmer. Klara sah ihn an. Zuerst ungläubig. Dann glaubte sies. Schluchzte leise.
Mein Gott, sagte sie. Herr Voss. Sie leben!
Ich lebe, Klara, sagte er ruhig. Guten Tag.
Aber wie…! Sie betrachtete die Narbe, das Grau, das alles, was neu war. Wie…?
Nina, darf ich die Küche mal für mich haben? fragte Gern. Les noch ein wenig.
Er nahm das Buch, das sie gestern dagelassen hatte, verschwand. Die Tür quietschte leise.
Und jetzt? flüsterte Klara, was macht ihr jetzt?
Er lebt.
Und Dr. Berger…?
Klara… sagte Nina, und ihr Ton ließ keinen Raum für weitere Fragen.
Sie tranken Tee. Klara war aufgeregt, wollte alles ordnen, wie man Nachrichten ordnet, bevor man sie weiterträgt. Ninas Antworten waren kurz.
Und die Papiere?
Werden neu gemacht.
Und mit ihm… also geistig, ist er…?
Alles in Ordnung.
Erinnerte er sich wieder an alles?
Nicht alles. Aber vieles.
Mein Gott, wiederholte Klara. Das ist Schicksal. Zehn Jahre. Frau Schneider, haben Sie geweint, als er kam?
Hab ich.
Wann?
Als ich allein war.
Klara sah sie an, ein Blick zwischen Bewunderung und Unverständnis. Als ob Ninas Zurückhaltung etwas Fremdes, Unerklärliches wäre.
Sie sind eine besondere Frau, Nina.
Bin ganz normal, sagte Nina. Trinken Sie den Tee, solange er warm ist.
Dr. Berger rief am dritten Tag an. Die Stimme war ruhig, doch Nina hörte Saiten, die gespannt klangen.
Frau Schneider, ich habe gehört…
Ja, sagte sie. Es stimmt.
Pause.
Gut, sagte er schließlich. Ich freue mich für Sie.
Dr. Berger…
Sie brauchen nichts erklären. Wirklich nicht. Noch eine Pause. Falls Herr Voss medizinische Hilfe braucht, Formulare, Atteste ich helfe gern, wann immer es nötig ist.
Danke, flüsterte Nina.
Alles Gute.
Er legte auf. Nina blieb einen Moment still, stellte dann den Hörer weg, ging in die Küche. Gern saß am Fenster, schaute in den Hof. Zwei Tage war es trocken, das Gartentor im grauen Vorwinter kaum sichtbar.
Wer wars? fragte er, ohne sich umzusehen.
Unser Arzt. Berger.
Pause.
Ein guter Mann?
Ein sehr guter.
Hat… Gern schwieg. Klara hatte was angedeutet…
Er war oft zu Besuch, sagte Nina. Hat Tee getrunken. Nichts weiter.
Gern wandte sich um. Blickte sie an.
Du musst mir nichts erklären.
Ich weiß. Sage es nur, wie es ist.
Er nickte langsam, drehte sich wieder zum Fenster.
Das Tor, sagte er plötzlich. Du hast es nicht gestrichen.
Nein.
Warum nicht?
Nina tat so, als nötige der Gasherd all ihre Aufmerksamkeit.
Ich weiß nicht. Ich wollte nicht.
Das war gelogen und sie wussten es beide. Aber Gern fragte nicht weiter.
Es war schwer, anders zu leben. Das begriff Nina erst allmählich, langsam, als sie ihn aus der Nähe beobachtete wie etwas Zerbrechliches. Er wusste nicht, wie er zuhause sein sollte. Nicht, weil er die Räume vergessen hätte. Er hatte vergessen, wie man Zuhause ist. Wie man sich einen Platz nimmt, wie man einfach spricht, ohne jedes Wort zu wiegen.
In der Klause, das erzählte er stückweise, lebte man still. Stand mit Sonnenaufgang auf, arbeitete, schwieg beim Essen. Kein überflüssiges Wort. Alles klar, nichts übrig. Zehn Jahre ändern einen Menschen zutiefst.
Nachts stand er manchmal auf, schlich leise durchs Haus, als fürchtete er, zu stören. Nina hörte es, hielt den Atem an, stellte sich schlafend.
Einmal kam er morgens in die Küche, als sie Kaffee kochte:
Schlaflos?
Es geht.
Ich höre, wenn du wach bist.
Sie drehte sich um.
Wann denn?
Wenn ich nachts gehe, atmest du nicht wie im Schlaf.
Sie stellte die Kanne auf die Flamme.
Gut, meinte sie. Manchmal gewöhnt man sich eben.
Woran gehst du?
Daran, dass wieder jemand im Haus ist.
Er schwieg, setzte sich.
Ich auch. Muss mich erst wieder daran gewöhnen.
Sie tranken den Kaffee schweigend und das Schweigen war weicher als zuvor.
Dann kam die Szene, vor der Nina sich gefürchtet hatte.
Dr. Berger kam. Eine Woche nach dem Anruf, ohne Anmeldung, wie vorher. Klopfte, Nina öffnete. Schritte von Gern im kleinen Zimmer hörbar.
Guten Tag, Frau Schneider, sagte Dr. Berger ruhig. Das Gesicht fes, nur etwas gerader die Schultern.
Guten Tag. Kommen Sie rein.
In der Diele begegneten sich Arkadius und Gern. Zwei Männer unterschiedlich. Der eine gepflegt, städtisch, im guten Pullover. Der andere, der mit der Narbe im Landhaus, wirkte größer, fremder als früher.
Herr Voss, sagte Dr. Berger, reichte die Hand.
Gern sah ihn, eine Sekunde. Dann drückte er die Hand.
Berger, sagte er.
Ich habe Frau Schneider versprochen, bei den Dokumenten zu helfen. In Altötting kenne ich die richtigen Leute. Wenn Sie möchten…
Gern sah ihn an ohne Feindseligkeit, ohne Missgunst, mit der Ruhe eines Menschen, der zu vieles gesehen hat, um sich um Kleines zu streiten.
Danke, sagte er. Ich bin Ihnen dankbar.
Nina stand daneben all ihre Angst vor dem Zusammentreffen also umsonst. Oder auch nicht. Denn alles Wichtige spielten sich in den Männern selbst ab.
Dr. Berger blieb nicht lange. Gab Telefonnummern, erklärte das Vorgehen knapp und sachlich. Zog seinen Mantel an.
Frau Schneider, sagte er leise im Flur, ich freue mich. Wirklich.
Ich weiß. Danke für alles, Herr Dr. Berger.
Er nickte, ging hinaus. Sie sah durchs Fenster, wie er zum Gartentor lief. Die grüne Farbe blätterte an der Stelle, wo seine Hand aufgriff, ab. Er bemerkte es nicht.
Nina schon.
November trieb weiter. Der Regen wich dem ersten nassen, zögernden Schnee. Die Johannisbeerblätter waren gefallen, der Strauch stand nackt, nur die Zweige blieben. Es musste geschnitten werden.
Ich mache das, sagte Gern, als sie es erwähnte. Wo ist die Gartenschere?
Im Schuppen, unterstes Regal.
Ist abgeschlossen.
Schlüssel hängt am Haken in der Diele, der zweite von rechts.
Er fand ihn, schnitt noch am selben Tag alles zurecht, vorsichtig, sauber. Nina sah ihm dabei zu. Seine Hände arbeiteten langsam und sicher. Der Körper wusste, was der Kopf vergessen hatte.
Drinnen schüttelte er den Schnee ab.
Der Zaun am Schuppen muss repariert, sagte er. Ein Brett ist locker.
Schon lange.
Morgen mache ich das.
Nina sah ihn an.
Gern, sagte sie.
Ja.
Ist dir das hier… zu schwer?
Er dachte ernsthaft nach.
Nein, sagte er. Schwer war es dort. Wo alles fremd ist, alles jemandem gehört, nie einem selbst. Hier… Er hielt inne. Hier ist alles am Platz. Der Hausschlüssel hängt wie immer. Die Diele knarrt gleich. Kater Moritz. Suppe wie früher. Schaute sie an. Das ist nicht schwer. Das ist… anders.
Wie anders?
Er zog den Pullover aus, nur noch Hemd an, setzte sich. Moritz sprang gleich auf die Knie.
Als müsste ich alles wieder lesen lernen. Ich kenne die Buchstaben aber Sätze bilden ist neu.
Nina nickte. Das verstand sie.
Draußen war es schwerer. Waldstetten sieht alles. Das ist sein Wesen jede Geschichte wird zum Dorfgespräch. Dass Gernot Voss nach zehn Jahren zurück war ein Ereignis. Manche gaben die Hand, wussten nicht, was sagen. Andere fragten direkt. Der alte Nachbar Franz Schröder meinte nur: So ist es dann. Mehr nicht. Das war das Beste.
Schlimmer waren die Fragen an Nina bei der Arbeit, im Bücherzimmer, fragte Frau Tamara Sprenger direkt:
Frau Schneider, wie ist das jetzt? So verändert, so fremd. Haben Sie ihn überhaupt erkannt?
Ja, sagte Nina, legte Bücher ins Regal, sah Tamara nicht an.
Und… passt alles? Ich meine, kommt ihr klar?
Frau Sprenger, ich habe einen Leser.
So, ruhig, ohne Streit. Das hatte sie längst gelernt.
Aber zuhause, abends, wenn Gern las oder über Papieren brütete und sie strickte da war das wahre Leben. Langsam, freiwillig. Er fragte nach den Büchern, die sie in all den Jahren gelesen hatte. Sie erzählte. Er hörte zu, wirklich, nicht bloß so. Manchmal fragte sie nach der Klause, und er erzählte von dort, vorsichtig, als lebten diese Jahre noch außerhalb seiner Sprache.
Es war still dort, sagte er einmal. Keine leere Stille, sondern voller Leben. Wald, Vögel. Der Bach rauschte unter dem Eis im Winter. Der Alte hat mich gelehrt, zu hören.
Warst du dankbar?
Ja. Sie haben mich gerettet. Ich habe ihnen versprochen zurückzukommen zu sagen, dass ich meinen Weg gefunden habe.
Kommst du zurück?
Er sah sie an.
Vielleicht. Eines Tages.
Allein ist es schwer, dahin zu kommen, sagte Nina.
Aber ich finde den Weg noch ungefähr.
Nina ließ eine Masche fallen, hob sie auf, beschäftigte sich mit der Wolle, sagte nach langem Zögern:
Ich könnte mitkommen. Wenn du gehst.
Stille.
Willst du das?
Will die Menschen sehen, die dich gerettet haben.
Er schwieg. Sagte dann:
Gut. Fahren wir zusammen.
Der Dezember brachte echten Schnee. Bedeckte Hof, Garten, Strauch. Das grüne Tor war zugeschneit, von oben weiß gepudert jetzt sah man, dass die Farbe nicht nur unten abblättert, sondern auch an der Seite.
Eines Tages trat Nina auf die Veranda, sah zum Tor.
Im Frühjahr streich’ ich es neu, sagte sie einfach, in die Kälte.
Und wusste: Diesmal stimmt es.
Gern trat zu ihr, blieb schweigend neben ihr stehen. Sie blickten gemeinsam auf den verschneiten Hof. Moritz rieb sich an den Türrahmen und verschwand ins Warme.
Welche Farbe? fragte Gern.
Weiß ich noch nicht.
Grün ist okay, sagte er. Nur ein bisschen ausbessern.
Vielleicht, sagte Nina.
Sie sagte ihm nicht, warum das Tor immer grün war. Er fragte nicht. Vielleicht wusste er es, vielleicht war keine Erklärung nötig.
Draußen roch es nach Schnee, nach Holz. Irgendwo brannte Tannenholz, das Harz roch würzig.
Kalt, sagte Nina.
Ja, antwortete er.
Keiner ging zuerst hinein. Sie blieben, bis der Schnee wieder zu fallen begann, leise, fast unsichtbar, auf die Schultern.
Nina dachte plötzlich, wie von draußen das Haus wirkt. Das Licht in der Küche. Zwei Gestalten auf der Veranda. Von weitem wirkt alles so alltäglich, wie an tausend Abenden in tausend Häusern.
Sie hatte nie gedacht, dass alltäglich so kostbar sein kann.
Dann sagte Gern:
Nina, ich will dich etwas fragen.
Frag.
Wie hast du all die Jahre durchgehalten?
Nina schwieg. Dann nur:
Weiß nicht. Gelebt. Tag für Tag. Was anderes kann ich nicht.
Die Leute sagten dir, du sollst loslassen.
Sagten sie.
Hast aber nicht losgelassen.
Nein.
Warum?
Sie sah ihn an. Die Narbe, das Grau, sein Gesicht im Winterabend. Dann:
Weil ich nicht fühlte, dass ich es müsste.
Er nickte. Langsam, so wie, wenn manches Wort genau das trifft.
Ich bin froh darüber, sagte er leise. Dass du nicht losgelassen hast.
Ich auch, traf Nina. Und, nach einer Weile: Komm rein, der Tee wird kalt.
Sie gingen ins Haus. Dritte Diele knarrte. Moritz blinzelte nur einmal vom Sessel. Auf dem Tisch standen jetzt zwei Tassen die blaue, die weiße mit dem gebrochenen Henkel. Nina stellte sie dicht nebeneinander.
Diesmal, erstmals, waren beide Tassen benutzt.
Gern nahm die weiße. Hob sie, betrachtete sie, strich mit dem Daumen über den abgebrochenen Henkel, stellte sie dann dicht neben sich.
Nina sagte nichts.
Draußen wurde es langsam dunkel; drinnen war Licht, Wärme und das leise Knarren des Sessels. Das reichte.
Vor dem Fenster begann der Schnee stärker zu werden. Das grüne Tor stand an seinem Platz, ein wenig bepudert, ein wenig abgeblättert, aber fest.
Im Frühling werden sie es ausbessern.




