Du bist eine richtige Oma, Gabi

Du bist doch eine Oma, Hannelore”, sagte Gerhard, ohne den Blick von seinem Handy zu heben. Jetzt mach dich mal langsam auf den Weg zur Kleingartenkolonie die Kartoffeln warten. Du schiebst das schon eine Woche vor dir her.

Hannelore stand am Herd und rührte bedächtig im Haferbrei. Draußen zog ein typisches graues Septembermorgen über Augsburg dahin. Der Löffel drehte noch eine weitere Runde im Topf.

Gerhard…, begann sie leise. Weißt du denn, was heute für ein Tag ist?

Samstag. Perfektes Wetter fürs Beet.

Dreißig Jahre, Gerhard. Heute sind es dreißig Jahre, seit wir geheiratet haben.

Jetzt hob er doch den Kopf. Schaute sie an, als hätte sie ihm gerade eine vergessene Rechnung unter die Nase gehalten.

Na und? Die Kartoffeln graben sich ja nicht von selbst aus. Ich hab mich die ganze Woche im Büro kaputtgeackert, ich brauch mal nen Tag Ruhe. Und du sitzt eh die meiste Zeit zu Hause, da kannst du auch eben rausfahren.

Ich dachte, wir gehen essen. Du hast letzten Monat noch davon gesprochen.

Gesagt, gesagt, brummelte er und stellte das Handy weg, griff zur Teetasse. Machen wir mal. Keine Zeit jetzt. Die Kartoffeln haben keinen Kalender, Hanne! Wenn die Bodenfrost kriegen, wars das mit Bratkartoffeln und Kartoffelsalat im Winter. Schon mal an sowas gedacht?

Hannelore stellte die Herdplatte aus. Hob den Topf vorsichtig auf das Untersetzerchen. Ihr innerer Knoten wollte sich einfach nicht lösen, egal wie strukturiert ihre Hände weitermachten.

Gerhard, ich wollte nur einen Tag. Einen, nach dreißig Jahren.

Ja, ja, wie lange willst du noch feiern? Wir sind zu alt, um dauernd was zu unternehmen. Oma bist du jetzt, Hanne, nicht mehr zwanzig… Was willst du im Restaurant?

Es dauerte, bis der Satz bei ihr wirklich ankam. Wie zwischen Kühlschrank und Herd hing das Wort im Raum: Oma. Ganz nebenbei, als hätte er alles klar oder passt schon gesagt. Ohne jede Bosheit was es fast noch schlimmer machte.

Schon gut, sagte Hannelore.

Braves Mädchen. Schaufel liegt im Schuppen, hab ich im Frühjahr frisch geschliffen. Und Kisten nicht vergessen, die stehen links im Eck.

Sie ging ins Schlafzimmer, holte ihren Beutel. Packte alles zusammen, ganz automatisch. Ihre Hände sortierten das Nötigste, aber ihr Verstand kreiste nur um dieses eine Wort. Oma. Nicht Hanne, nicht Hannelore. Einfach Oma.

Sechsundfünfzig Jahre. Gefärbtes kastanienbraunes Haar, weil das Grau zu schnell durchschlug. In den letzten Jahren etwas zugelegt, sicher. War das alles, was er noch sah? Bestand ihr Wert für ihn nur noch aus Gartenarbeit und Kartoffelpuffern?

Reißverschluss zu, Jacke unter den Arm, ab in den Flur.

Fährst du jetzt echt schon los?, kams verdutzt aus der Küche.

Du hast es gesagt.

Iss doch wenigstens was!

Ich hab keinen Appetit.

Sie zog ihre Schuhe an, griff nach dem Autoschlüssel. Draußen stand der kleine blaue Opel Astra, verlässlich und genügsam wie sie.

Hanne, lass wenigstens Brei da!, rief Gerhard noch.

Die Tür ging leise zu. Nicht geknallt. Einfach zu.

Die Kleingartenkolonie eine Stunde zwanzig entfernt: Stadt, Landstraße, zuletzt der Schotterweg, der im Herbst immer Schlaglöcher und im Frühling frischen Kies bekam. Hannelore fuhr und schwieg. Das Radio hatte sie nicht angeschaltet. Es war richtig, jetzt der Stille mal Vorrang zu lassen als wäre sie das Einzige, was sie sich noch gönnte.

Dreißig Jahre. Geheiratet mit sechsundzwanzig, Gerhard war drei Jahre älter, damals Techniker bei MAN, bodenständig, zuverlässig. Ein Mann, bei dem man wusste, woran man war. Die ersten zehn Jahre war das auch so. Dann die Kurzarbeit, der Jobwechsel, hierhin, dorthin. Sie unterrichtete in der Grundschule Musik, kein Karrieresprung, aber solide. Mit dem Sohn Markus großgezogen inzwischen längst in München mit seiner Frau und der kleinen Tochter Emilia. Dreimal im Jahr sieht man sich.

So läuft das Leben, so im Schnelldurchlauf. Zwischen Unterricht und Unkraut, zwischen Elternabenden und Apfelmus einkochen, zwischen seinen Dienstreisen und ihren einsamen Abenden mit Buch im Sessel. Sie beschwerte sich nie. Sie hatte es nie gelernt, sich zu beklagen. Aber heute Morgen war etwas in ihr verrutscht, wie bei einem alten Schrank, dessen Ecke man nach Jahren endlich anhebt.

Am Kolonie-Eingang stand seit Mai die Schranke dauerhaft offen. Im Spätherbst wars schon ruhig hier. Aus manchem Schornstein stieg noch Rauch. Es roch nach feuchter Erde und Birkenlaub. Herbst.

Sie öffnete das Gartentor, parkte vor dem kleinen, zweistöckigen Haus (wobei das Obergeschoss mehr Dachboden war). Die Veranda hatte schon bessere Tage gesehen; Gerhard hatte seit Jahren versprochen, die morschen Bretter zu tauschen, den Zaun auszubessern. Versprochen mehr nicht.

Fenster auf, durchlüften. Es roch verschlossen und leicht nach Äpfeln aus dem hinteren Regal. Teewasser aufgesetzt, dann ans Fenster gesetzt, Ausblick ins Beet.

Sechs Kartoffelreihen. Das Kraut lag müde und gelb, Gerhard hatte recht jetzt musste man ran. Aber es war nicht das, was er sagte, sondern wie… und dieses eine Wort.

Der Nachbarsgarten rechts war im Sommer verkauft worden. Früher lag er in den Händen von Herrn Petermann, der letztes Weihnachten verstarb. Die neuen Besitzer hatte Hannelore bisher nicht kennengelernt, nur davon gehört von Frau Niemann, der gesprächsfreudigsten Gärtnerin der Kolonie. Jetzt hämmerte drüben jemand, sang schief zu Popmusik aus dem Baustellenradio.

Der Lärm verstummte, Hannelore trank aus, schlüpfte in die uralten Arbeitsklamotten, griff sich die Schaufel. Vor der ersten Kartoffelreihe hielt sie inne mit jenem Gefühl, das alle Frauen über fünfundfünfzig kennen: Man steht vor etwas, das getan werden muss, und kann es einfach nicht mehr ausstehen.

Da drang eine Stimme über den Zaun.

Guten Tag, sagte ein Herr in etwa ihrem Alter, schick in grauer Windjacke, kurz geschnittenes silbernes Haar, steife Haltung. Fast, als wär’ er zum Salutieren geboren.

Grüß Sie, antwortete Hannelore.

Bin Ihr neuer Nachbar Viktor Adler. Im August das Grundstück übernommen, bisher aber kaum hier gewesen.

Hannelore Behrend, stellte sie sich vor. Schon zwanzig Jahre hier, mit meinem Mann.

Freut mich. Sie graben Kartoffeln?

Ja, muss ja.

Ganz allein?

Sie zuckte.

Heute schon.

Viktor Adler blickte von den Reihen zur Schaufel, dann wieder zu ihr.

Ich hab da so eine Spezialschaufel, richtig breite Markengerät, versteht sich, sagte er. Soll ich Ihnen helfen? Ich wollte eh hier im Garten werkeln, und ihre Kartoffeln schauen nach maximal drei Stunden aus.

Ach, danke, nicht nötig, ich schaff das schon, kam es reflexhaft.

Davon geh ich aus, entgegnete er ohne Ironie. Aber zu zweit ist es angenehmer falls Sie wollen.

Hannelore überlegte.

Na gut. Danke…

Er verschwand und tauchte Minuten später mit riesiger Schaufel, Handschuhen und einem unverschämt guten Laune-Grinsen auf, kam durch die offenstehende kleine Gartentür.

Ich fang außen an, Sie sammeln danach dann läuft’s!

Sie ackerten die erste halbe Stunde schweigend. Viktor Adler hob mit bedächtigem, erfahrenem Schwung jede Reihe aus. Hannelore sammelte die Knollen in die grauen Kisten. Die Erde war feucht, es lief gut.

Schon lange Garten hier?, fragte er.

Seit 98. Damals war Bauland günstig.

Gute Wahl. Ich hab viele Parzellen angesehen, diese war am ruhigsten. Wald, der kleine Bach in der Nähe gefällt.

Sind Sie aus Augsburg?

Jetzt schon. Früher München. Die letzten Jahre aber Berlin, jetzt will ich näher zu meiner Schwester wohnen. Sie lebt in Burgau, etwa vierzig Kilometer.

Hannelore nickte Burgau mit seiner kleinen Altstadt und dem hübschen Wochenmarkt.

Waren Sie bei der Bundeswehr?, fragte sie, eher überrascht über sich selbst. Irgendwas an seiner Erscheinung sagte es ihr.

Dreiunddreißig Jahre, bestätigte er prompt. Im Ruhestand, Oberstleutnant. Seit drei Jahren kein Morgenappell mehr.

Und, wie ist das so als Zivilist?

Er schaufelte.

Anfangs zäh. Jetzt passts. Viel Zeit zum Lesen, für Handwerk. Der Garten hier soll mein Winterprojekt werden ich bleib vorerst.

Im Winter? In der Kolonie ist dann doch tote Hose!

Genau, das brauch ich mal. Stille.

Sie arbeiteten weiter, und irgendwann merkte Hannelore, dass das Morgen-Drama in weite Ferne rückte. Sie sammelte, er schaufelte, sie redeten ab und an niemand fühlte sich verpflichtet, die Lücke zu stopfen.

Zur Mittagspause war die Hälfte geschafft.

Jetzt eine Auszeit, schlug Hannelore vor. Ich koch schnell Tee.

Sehr gerne.

Sie schnitt Brot, holte Käse und ihr legendäres Erdbeermarmeladenglas aus dem Kühlschrank, deckte den Tisch auf der Veranda.

Viktor Adler wusch sich draußen die Hände, setzte sich auf den knarzenden Gartenstuhl, als gehörte er schon immer hierher.

Bedienen Sie sich, bot sie an.

Hausgemacht?

Natürlich, beste Erdbeeren dieses Jahr.

Er probierte, nickte.

Daran erinnert mich meine Mutter. Bestimmt zwanzig Jahre ist das her.

Hannelore goss Tee nach. Es war ein seltsames Gefühl: Gerade jetzt, zu ihrem dreißigsten Hochzeitstag, auf ihrer Veranda mit einem halb-fremden Mann zu sitzen und über Erdbeermarmelade zu sprechen. Seltsam, aber gar nicht unangenehm eher unerwartet schön.

Sie haben Familie?, fragte sie, vielleicht einen Tick zu schnell.

Gehabt. Zwölf Jahre geschieden. Tochter in Hamburg, zwei Enkel. Wir telefonieren ab und zu.

Und sie wollten nicht aufs Land?

Sie hat ihr Leben. Ist gut so. Sie?

Unser Sohn lebt bei München, mit Familie. Enkelin Emilia, drei Jahre. Wir sehen uns wenig.

Ja, das ist immer öfter so.

Beide schauten auf die alte Äpfelbaum-Ecke im Beet.

Wissen Sie was?, begann Viktor plötzlich. Ich schlage Ihnen einen Deal vor.

Sie blickte irritiert auf.

Ich bin halt Militär klare Regeln. Ich helfe Ihnen mit dem Garten, tausche Glühbirnen, schleppe Kisten. Dafür gibts ab und zu Tee mit Erdbeermarmelade und einen guten Schwatz. Ganz unverbindlich. Einverstanden?

Sie lachte einfach so.

Ein merkwürdiger, aber fairer Deal.

Sie schlugen ein. Fester Händedruck, kein Schnickschnack.

Nach dem Essen wurden die restlichen Kartoffeln ausgebuddelt, Viktor Adler stellte einen schiefen Zaunpfosten wieder auf als ob er nie anderswo gewohnt hätte.

Am späten Nachmittag war alles erledigt. Kisten gestapelt, Zaunpfosten gerade so kann es überwintern.

So, sagte Viktor, die Handschuhe abstreifend, jetzt siehts nach Ordnung aus.

Danke! Ich hätte bis zum Abend gebraucht.

Ach, halb so wild. Wenn Sie morgen bei Prakterschwierigem Holzrat brauchen: Mein Vordach ist nicht das stabilste. Tipps willkommen.

Ich hab vom Handwerk auch wenig Ahnung!

Macht nichts zu zweit klappts immer.

Er verschwand, Hannelore ging rein, schaltete das Licht. Es wurde schnell dunkel.

Sie nahm das Handy, wählte Gerhard.

Na?, brummte er statt Hallo.

Kartoffeln sind raus.

Und alles sauber verstaut?

Jap.

Super. Vielleicht komm ich am Sonntag mit Sergej. Dann holen wir das Zeug ab.

Alles klar.

Er legte einfach auf. Hannelore blieb mit dem Telefon am Küchentisch sitzen. Danach ging sie wieder raus auf die Veranda, schaute zu, wie die Sonne hinter den Dächern verschwand.

Eine Nacht allein im Gartenhaus war für sie nie unheimlich. Im Gegenteil: Die Stille war fast schon Erholung, gerade in den letzten Jahren, als Gerhard immer öfter aus der Stadt gar nicht wegkam. Sie kochte sich ihren Tee, las, ging früh schlafen. Hier musste sie für niemand bereitstehen. Das war die stille Freiheit, die sie nie so genannt hatte, aber immer fühlte.

Am nächsten Morgen wachte sie früh auf, als der Tau noch auf dem Rasen glitzerte. Haferbrei, Kaffee, dann erinnerte sie sich an Viktors Angebot, das Vordach zu inspizieren. Sie zögerte kurz und stapfte dann einfach rüber.

Sie sind aber fix dran!, begrüßte er sie und grinste. Ich bin schon zwei Stunden wach.

Alte Gewohnheiten. Sie sah auf das schiefe Brett. Das müssen wir einfach nageln haben Sie lange Nägel?

Finden wir!

Nach anderthalb Stunden schraubten und hämmerten sie gemeinsam. Hannelore hielt die Latte, Viktor schlug drauf. Drinnen fiel ihr Blick auf sein Regal: lauter Bücher und eine ausgebreitete Wanderkarte, handbeschriftet.

Sie planen Ausflüge?

Hier lernt man’s: Wanderrouten markieren. Alte Militärangewohnheit.

Und was finden Sie hier?

Alles Mögliche. Hab gestern eine alte Windmühle entdeckt, fünf Kilometer den Bach entlang. Fast unberührt. Wollen Sie mal sehen?

Sehr gerne, kam es ihr spontan heraus.

Beim Tee fragte er: Spielen Sie selbst noch Musik?

Früher ja. Daheim steht noch mein Keyboard, bis 45 hab ich regelmäßig gespielt, dann irgendwie aufgehört. Zeit fehlte oder so hab ichs mir eingeredet.

Eingeredet?

Sie überlegte.

Naja, vielleicht war es Ausrede. Zeit hätte ich gehabt. Ich dachte irgendwann, ich dürfte das nicht.

Er sah sie forschend an.

Komische Regel, sagte er.

Finden Sie?

Jeder kann doch in seinen eigenen vier Wänden musizieren, muss keinen fragen, meinte er. Naja, ist nur meine Meinung.

Sie schwieg aber irgendetwas lockerte sich in ihr, als hätte jemand einen seit Jahren festsitzenden Deckel geöffnet.

Sie blieb noch drei Tage. Gerhard kam am Sonntag übrigens doch nicht vorbeigefahren, schickte nur eine knappe SMS von wegen: Schaffst du das auch allein.

In diesen drei Tagen räumte sie das Häusle um, entrümpelte: kaputte Blumentöpfe weg, angestaubte Vasen, die sie nie leiden konnte, Reste von Werkzeugen, die Gerhard bestimmt noch mal braucht. Zwei Jahrzehnte, nichts davon wurde je gebraucht.

Viktor kam fast täglich: Mal half er im Garten, mal quatschten sie nur kurz über den Zaun bei einer Tasse Tee. Sie sprachen über Bücher, Kinder, wie das Viertel vor dreißig Jahren war und wie jetzt. Er erzählte von Bundeswehrstationen, nüchtern, nicht eitel. Sie von Schülern, dem ewigen Lehrplan-Geschiebe, dem, was sie an ihrem Beruf mochte und was nicht.

Am zweiten Tag fiel ihr auf: Viktor hörte wirklich zu. Schaute sie an. Wartete ihre Sätze ab. Drängte sich nicht auf, fuhr ihr nicht ins Wort. Hannelore konnte sich nicht erinnern, wann sie das zuletzt erlebt hatte.

Am dritten Tag entdeckte sie im Gartenschuppen ein altes, verstaubtes Spiegelchen von Gerhard einst abgehängt, weil zu viel Klimbim. Sie hängte es auf, sah sich darin: zerzauste Haare, kein Make-up, uralter Pulli. Sie griff zur Lippenstift, der seit Ewigkeiten mitreiste, malte sich die Lippen. Einfach so. Weil es ihr gefiel.

Am Abend meinte Viktor:

Sie sehen richtig gut aus heute.

Der Lippenstift, erwiderte sie.

Nicht nur deswegen, sagte er. Sie schwieg, schenkte Tee nach.

Als sie wieder in die Stadt fuhr, begleitete er sie bis ans Auto.

Wann kommen Sie wieder?

In zwei Wochen vermutlich oder eher.

Ich bin jedenfalls hier auf unbestimmte Zeit.

Sie lächelte, stieg ins Auto, winkte. Nach ein paar Kilometern schaltete sie das Radio an ein 70er-Jahre-Hit kam, sie summte mit. Ewig nicht mehr gesungen. Zehn Jahre?

Der Stadtalltag holte sie ein: Unterricht, Einkaufen, Putzen, Kochen. Gerhard kam abends, aß, soff auf die Sportschau, verschwand manchmal wortlos. Sie fragte nicht. War seit Jahren so: Sie fragte nicht, er schwieg, das galt als Ehe.

Und irgendwie war trotzdem alles anders geworden wie es draußen im Herbst langsam heller und blasser wird. Eines Abends holte Hannelore den alten Casio-Keyboard vom Speicher, wischte Staub ab, schloss ihn an. Er funktionierte noch. Sie setzte sich, probierte Akkorde, erst vorsichtig, dann mutiger. Chopin Nocturne das hatte sie am längsten geübt, den Anfang kannte sie auswendig.

Gerhard polterte herein.

Du spielst jetzt wieder?

Ja.

Wozu denn? Es ist spät, Nachbarn hören alles.

Drei Betonwände dazwischen. Wird schon passen.

Na, wenn du meinst…

Er verschwand wieder. Sie spielte noch weiter. Nicht aus Protest sondern einfach, weil ihr gerade danach war.

Am nächsten Samstag stand sie extra früh auf, steckte sich die Haare hoch, zog das dunkelblaue Kleid an, das seit zwei Jahren im Schrank hing. Kam in die Küche.

Gerhard sah sie verdutzt an.

Wo willst du denn hin?

Nirgends. Nur so.

Er starrte, zuckte dann mit den Schultern, griff wieder zum Handy. Sie kochte sich einen Kaffee, stellte das Fenster auf Kipp. Der Ausblick: der übliche Hof. Aber der Kaffee schmeckte irgendwie besser.

Ihre Freundin Ursula schrieb per WhatsApp: Hanne, hast du dich irgendwie verjüngt? Das neue Profilbild ist ja toll! Was ist passiert?

Kurz schaute Hannelore auf das Foto, das Viktor am letzten Wochenende im Gartenhaus gemacht hatte: Sie im blauen Kleid, auf der Veranda, Kaffeetasse in der Hand, Viktor hatte gesagt: Schau mal, wie schön das Licht fällt. Wer wusste, dass das kleine Glück so sichtbar ist?

Alles gut, tippte sie zurück, endlich ausgeschlafen.

Smiley zurück.

Zwei Wochen später fuhr Hannelore wieder raus spontan, ohne Kommando. Diesmal kam das Keyboard mit.

Viktor Adler sah das Auto, kam zum Zaun.

Guten Morgen!

Morgen. Sie sind noch da?

Ich bleib doch hier! Was transportieren Sie da?

Mein Keyboard. Ich will wieder spielen.

Er grinste selten, aber dafür umso herzlicher.

Sehr gute Idee. Ich helf Ihnen!

Sie stellten das Keyboard auf die Veranda, dahin, wo das Licht schön fiel. Hannelore spielte zuerst unsicher, dann immer besser. Muskelgedächtnis lügt nicht, auch nach Jahren.

Viktor hörte zu, kommentierte nichts, war einfach da es reichte.

Später bei Tee brachte er edle Zartbitterschokolade mit.

Wissen Sie, seufzte Hannelore, ich hab so lange nicht gespielt… weil ich dachte, das macht nur überflüssigen Krach. Wenn man mit einem lebt, der das nicht mag, glaubt man es irgendwann selbst.

Das ist nicht überflüssig.

Nein, stimmte sie zu. Es ist nötig.

Er nickte. Dann erzählte er, wie er nach der Pensionierung als erstes von seiner Frau den Satz hörte: Jetzt bist du immer daheim. Und aus dem Ton verstand: Das war nicht ihre Wunschvorstellung. Die letzten Jahre lebten sie zwar zusammen eigentlich aber nebeneinanderher. Am Ende war Trennung die richtige Entscheidung.

Tut es Ihnen leid?, fragte Hannelore.

Er überlegte einen Moment.

Eigentlich nur, dass wir nicht früher geredet haben. Das jetzt ist ehrlich, das davor war Gewohnheit.

Sie sah in ihre Teetasse.

Mir fällt schwer, zu merken, wann aus Geduld stumpfe Routine wird, murmelte sie. Oder wo man einfach aufhört, es zu bemerken.

Keine einfache Antwort, sagte Viktor. Aber ein sehr guter Punkt.

Der Herbst zog sich sanft dahin. Hannelore kam alle zwei, drei Wochen raus, manchmal blieb sie die ganze Woche. In der Schule lief es, ihre Klasse die 5b war nett, nicht ohne Energiebündel, aber gut.

Jedes Mal brachte sie etwas anderes mit. Eines Tages alte Schallplatten für den alten Kofferplattenspieler aus ihrer Jugend. Viktor reparierte den Tonarm, sie hörten Udo Jürgens und Hildegard Knef, während draußen der Regen rauschte.

Meine Mutter hat die geliebt, meinte Viktor.

Meine auch, schmunzelte Hannelore. Ich erinnere mich an den Plattenschutz das knisterte immer.

Schöne Erinnerungen.

Tja… schlecht ist das nicht. Manchmal aber wird einem der Unterschied zwischen früher und jetzt schmerzlich klar.

Viktor wechselte die Platte.

Aber es ist ehrlich, sagte er nur. Sie lauschten dem Knistern und Regen. Es war warm.

Ende Oktober wurde Gerhard merkwürdig. Kam spät, versteckte das Handy. Hannelore hörte ihn einmal halbflüstern: Morgen klappt nicht, meine Frau ist daheim. Tränen oder Theater machte sie nicht. Sie ordnete alles im Kopf, wie eine schwierige Aufgabe.

Sechsundfünfzig war sie inzwischen. Musiklehrerin, mit leiser Stimme und einem Leben zwischen Noten, Kochtopf und Garten. Sie konnte Erdbeermarmelade, Chopin und Gespräche führen, bei denen das Gegenüber lauschte. Das war sie und keine Oma. Hannelore Behrend. Und vielleicht, dachte sie, würde sie das gerade zum ersten Mal wirklich begreifen.

Gerhard kannte sie inzwischen nicht mehr wirklich. Und sie ihn? Erzählt hatte sie Viktor nichts nicht aus Geheimniskrämerei, sondern weil es ihrs war.

Eines Tages fragte Viktor dann doch:

Alles in Ordnung bei Ihnen?

Sie saßen beim Mittagessen, er brutzelte Spiegeleier mit Zwiebeln, köstlicher Geruch im Häuschen.

Warum fragen Sie?

Sie sind heute abwesend.

Ein Blick hinaus.

Zuhause… naja, nicht so rosig. So ist das manchmal.

Ja. Manchmal.

Er schwieg. Sie schätzte dieses Schweigen mehr als jedes Alles wird gut.

Im November zeigte er ihr die Windmühle. Sie liefen fünf km durch den Wald, Luft eisklar, der Himmel Novembergrau. Am Bachufer, halb überwuchert, stand sie: ein hölzernes, dunkles Relikt des 18. Jahrhunderts.

Schön, sagte Hannelore.

Ich liebe solche Fundstücke. Mein Vater schwor übrigens auf n schönen Kartoffelsalat.

Und Sie beginnen wirklich nach 55 noch mal neu?

Ich nenns nicht neu. Es ist doch alles davor nicht falsch sondern einfach nur vorbei. Jetzt kommt etwas anderes.

Sie nickte.

Haben Sie Angst?

Vor Einsamkeit, vielleicht. Wobei… im Grunde bin ich schon längst allein irgendwie komisch, davor Angst zu haben.

Allein im Raum ist das eine. Allein im Gespräch ist schlimmer.

Sie liefen weiter, und Hannelore spürte, wie sie endlich, nach so langer Zeit, mal wieder richtig atmete.

Zur gleichen Zeit hatte Gerhard seine eigenen Problemchen. Die neue Bekanntschaft eine gewisse Simone, bauchpinselte ihn beim ersten Treffen im Café. Doch schon beim zweiten Mal fiel ihr auf, dass an seinem Hemd der Kragen vergilbt war. Im Kühlschrank gähnte Leere, Spülmittel war alle Hannelore war ja nun öfter im Garten. Er rief sie an:

Hanne, wo ist das Putzmittel?

Im Bad, unter dem Waschbecken.

Wie bügelt man Oberhemden?

Mittlere Stufe, mit Dampf.

In welche Werkstatt fahren wir mit dem Auto?

Schillerstraße, Nummer zwanzig. Frag nach Herrn Richter.

Sie antwortete sachlich keine Stichelei, keine Bitterkeit. Einfach, als wäre es eine Dienstanweisung.

Im Kolonie-Chat postete Niemann, die allzeit präsente Klatschbase: Wer ist eigentlich die flotte Dame bei den Behrends, dauernd mit dem neuen Nachbarn Kaffee trinkend? Herzlichen Glückwunsch, Hannelore! Bild anbei: Hannelore und Viktor, beide lachend beim Kaffee im Garten. Viktor im Karohemd, sie im blauen Kleid.

Gerhard las mit. Kurze Zeit später rief er an.

Wer ist das?

Hannelore sah zu Viktor, der auf der Bank las.

Unser neuer Nachbar. Hab ich längst erzählt, du hörst mir ja nie zu.

Und was macht ihr da?

Kaffee trinken und reden. Macht Spaß.

Kurz Stille, dann: Ich komm vorbei.

Mach das, sagte sie und legte einfach auf.

Viktor schaute sie an.

Ihr Mann?

Ja. Morgen früh. Soll ich verschwinden?

Bitte nicht.

Gerhard kam wie erwartet am Vormittag. Sah die beiden mit Kaffee, Buch, Sonnenlicht auf der Veranda.

Morgen.

Morgen, nickte Hannelore. Das hier ist Viktor Adler, unser Nachbar.

Viktor stand auf, reichte Gerhard die Hand.

Guten Tag.

Gerhard ignorierte sie, fixierte stattdessen die beiden Tassen, das Buch.

Wir müssen reden, fauchte er Hannelore zu.

Sag es. Viktor stört nicht.

Gerhard trat von einem Fuß auf den anderen, sichtlich in Rage.

Was machst du hier eigentlich?

Kaffee trinken. Musik spielen.

So ein Zirkus du kommst ja völlig auf Abwege! Kleid, Kaffee, Keyboard… und jetzt hast du auch noch ständig Männerbesuch? Spinnst du? Weißt du, wie alt wir sind?

Sie stellte die Tasse hin. Schaute ihn ernst an.

Sechsundfünfzig, Gerhard. Oma wolltest du gerade sagen aber da bist du ein bisschen feige.

Er schluckte.

Das hab ich nicht gemeint.

Doch. Genau das hast du gemeint damals auch, am Hochzeitstag. Als du mich lieber Kartoffeln schaufeln ließest, als mit mir essen zu gehen.

Jetzt reichts aber.

Nein, genau jetzt nicht mehr. Damals hab ich geschwiegen. Heute nicht.

Gerhard wollte nochmal Dampf machen, doch Hannelore fuhr ruhig fort.

Viktor Adler ist kein Fremder. Er hilft mir. Er redet mit mir. Er sieht mich an und hat mich nie auf mein Alter reduziert.

Gerhard blickte unsicher von einem zum anderen.

Verschwinden Sie doch mal, bitte.

Ich bleibe, wenn Hannelore es sagt, entgegnete Viktor.

Du, bleib ruhig sitzen, erwiderte Hannelore ruhig.

Willst du das wirklich? Warst du doch immer eine ganz normale Frau?!, motzte Gerhard.

Ja. Ganz normal: gekocht, gewaschen, Garten nach deinem Zeitplan, Kartoffeln bei Jubiläum. Jetzt mache ich das, woran ich Freude habe. Spiele Musik, trinke Kaffee, habe Gespräche im blauen Kleid.

Er runzelte die Stirn, plötzlich unsicher.

Hanne komm mit nach Augsburg. Reden. Bitte.

Kann sein, dass ich irgendwann komme. Aber hier hier ist auch mein Zuhause.

Er blickte sie nachdenklich an, dann drehte er sich wortlos um.

Hannelore nahm das Ehering vom Finger nicht demonstrativ, einfach so. Legte ihn neben die Tasse.

Gerhard starrte darauf.

Was soll das?

Du kannst dich ja um den Garten kümmern Werkzeug ist da, Kartoffeln im Schuppen. Du weißt ja, wo das Wichtigste liegt.

Zu Viktor gewandt: Gehen wir ein Stück?

Gern.

Sie liefen schweigend los. Herbstwind, trockenes Gras, geduckter Himmel. Erst nach einigen Minuten fragte Viktor:

Alles in Ordnung?

Sie atmete tief ein, ganz ruhig.

Komischerweise ja.

Bereuen Sie nichts?

Sie nickte.

Es gibt immer gute Tage, und ich erinnere mich an sie. Das wars wert.

Das ist gut so.

Was kommt, weiß ich nicht.

Weiß niemand. Ist in Ordnung.

Sie gingen weiter, Felder wurden zu Bäumen und das Leben irgendwie leichter. Das Leben nach fünfzig war eben kein Restprogramm es war neu, aufregend, beängstigend. Aber es war eben genau das, was es sein sollte: lebendig.

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Homy
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