Sabine, hast du den Tee aufgesetzt?
Sabine steht am Fenster und beobachtet einen Spatz, der über das Fensterbrett hüpft. Klein, grau, mit einem schwarzen Fleck am Hals. Er pickt nach etwas, hält inne, pickt wieder. Seit drei Minuten schon sieht Sabine ihm zu und kann den Blick nicht abwenden.
Sabine!
Kommt gleich, ruft sie ins Zimmer.
Der Spatz fliegt davon.
Sie geht in die Küche, stellt den Wasserkocher an, holt einen Becher heraus. Seinen Becher, den großen mit der Aufschrift Chef, den die Tochter mal aus Berlin als Scherz mitgebracht hat. Der Scherz ist lange nicht mehr lustig, aber der Becher ist geblieben.
Dauert das noch lange? fragt Martin, der in Hausschuhen und ausgebeulter Jogginghose mit einer Zeitung die Küche betritt. Ich bitte um Tee, und du bleibst weg.
Ich habe am Fenster gestanden.
Am Fenster? Er sieht sie an, als hätte sie etwas Unverständliches gesagt. Wozu denn?
Da war ein Spatz.
Martin legt die Zeitung ab.
Sabine, gehts dir gut?
Alles bestens, sagt sie und gießt kochendes Wasser in seinen Becher.
Er nimmt ihn, geht ins Wohnzimmer, setzt sich in den Sessel und schlägt die Zeitung wieder auf. Sabine bleibt beim Wasserkocher stehen. Sie möchte auch einen Tee. Aber warum auch immer, gießt sie sich keinen ein. Sie steht einfach nur da und betrachtet den Wasserkocher.
Beide sind achtundfünfzig. Sie haben sich mit dreiundzwanzig in der Kantine des Werkes kennengelernt, mit fünfundzwanzig geheiratet, und nun kocht Sabine seit dreiunddreißig Jahren Tee, wann immer Martin ihn wünscht.
Sie weiß gar nicht, wann das angefangen hat. Vielleicht hat es nie angefangen. Vielleicht war es immer schon da.
Ihre Freundin Elke hat sie vor drei Jahren einmal darauf angesprochen, als sie zusammen auf Elkes kleiner Küche saßen und Wein tranken aus Plastikbechern, weil bei Elkes Umzug alle Gläser zu Bruch gegangen sind.
Sabine, hörst du dich eigentlich mal selbst? Du sagst dauernd er will, er mag, für ihn ist es praktisch. Und du? Was willst du?
Ich möchte einfach, dass es uns gut geht.
Das ist kein Wunsch. Das ist eine Funktion.
Damals war Sabine beleidigt. Sie unterstellte Elke, nur neidisch zu sein, weil sie allein lebt. Elke war nicht beleidigt sie schenkte einfach Wein nach.
Jetzt, am Wasserkocher, denkt Sabine an das Wort. Funktion. Wie in der Mathematik: x hängt von y ab. Sabine abhängig von Martin.
Sie gießt sich doch Tee ein. Setzt sich an den Küchentisch. Öffnet am Handy die Nachrichten von Elke. Die letzte ist drei Wochen alt: Sabine, lebst du noch? Sabine hatte mit einem Smiley geantwortet. Elke schickte einen Smiley mit hochgezogener Augenbraue zurück.
Sabine tippt: Ich lebe. Haben uns lange nicht gesehen.
Elke antwortet sofort, als hätte sie gewartet: Komm samstags rüber. Mache einen Apfelkuchen.
Samstags will Martin eigentlich immer eine Suppe.
Sabine tippt: Ich komme.
Sie legt das Handy weg, trinkt ihren Tee aus, steht auf und beginnt, Hähnchen fürs Abendessen aufzutauen.
Elke wohnt zehn Minuten entfernt, in einem der alten Häuser mit Holzgeländer im Treppenhaus. Sabine ist hier schon mit fünfundzwanzig die Stufen hinaufgegangen, sie kennt jede Kerbe. Sie klingelt um halb drei, in der Hand ein Glas selbstgemachte Johannisbeermarmelade.
Oh, sagt Elke und öffnet die Tür. Du hast dir die Haare geschnitten.
Vor drei Monaten schon.
Sieht gut aus.
Sie gehen in die Küche. Der Apfelkuchen kühlt auf einem Gitter aus. Es riecht nach Zimt und irgendwie nach Geborgenheit, wie immer bei Elke, unter allen Umständen. Elke hat sich zwei Mal scheiden lassen, ist vier Mal umgezogen, hat Mutter und Vater innerhalb eines Jahres verloren, und trotzdem roch es bei ihr immer gut.
Erzähle, sagt Elke und schneidet den Kuchen an.
Was soll ich erzählen?
Alles.
Sabine greift zu einem noch warmen Stück Kuchen, die Äpfel darin weich und süß geschmolzen. Sie nimmt einen Bissen es schnürt ihr die Kehle zu, vor etwas, das nicht vom Geschmack kommt.
Martin hat mich gestern gefragt, wo die Fernbedienung ist, sagt sie. Die lag auf seiner Sessellehne. Ich habe sie genommen und ihm gebracht.
Und?
Nichts. Er nahm sie und schaltete um. Ich ging wieder zum Bügelbrett.
Elke sieht sie an.
Sabine?
Ich weiß schon, was du sagen willst.
Nein, dieses Mal nicht. Ich frage dich nur: Wie hast du dich dabei gefühlt? In dem Moment?
Sabine überlegt. Komisch, dass sie nie darüber nachgedacht hat. Sie ist einfach nur hingegangen und hat es getan.
Gar nicht, sagt sie schließlich. Ich habe gar nichts gefühlt. Nicht mal gedacht. Ich habe es einfach gemacht.
Das ist das Problem, sagt Elke leise. Nicht, dass du die Fernbedienung gebracht hast, sondern dass du nichts dabei gefühlt hast.
Sie schweigen. Draußen im Innenhof steht eine alte Birne, und am Samstag schaukelt eine Meise auf ihrem Ast.
Bei dir ist eine Meise, sagt Sabine.
Kommt jeden Samstag vorbei, nickt Elke. Ich habe sie Lilo genannt.
Du gibst Vögeln Namen?
Ich gebe allem einen Namen, das mir wichtig ist.
Sabine sieht erst zu Meise, dann zu Elke. Dann wieder zur Meise.
Ich bin achtundfünfzig, Elke.
Weiß ich. Ich auch.
Ist doch kein Alter mehr, um das Leben zu ändern.
Elke schenkt Tee ein. Sie stellt Sabine eine schöne Tasse hin, blau gemustert, ohne Spruch. Sabine nimmt sie mit beiden Händen.
Weißt du, was ich glaube? sagt Elke. Genau das ist das Alter. Früher dachtest du, du hast noch Zeit. Jetzt weißt du, du hast sie nicht.
Sabine geht langsam nach Hause. Der Oktober ist mild in ihrer Stadt, das Laub liegt wie ein weicher Teppich. Sie überlegt, wann sie zuletzt einfach so gelaufen ist, ohne Einkaufstüte, ohne Plan, was sie noch vor Martins Feierabend erledigen muss.
Martin arbeitet im Autohaus, nicht mehr in der Werkstatt, sondern als Disponent. Kommt immer um halb sieben, setzt sich in den Sessel, schaltet den Fernseher an und wartet aufs Abendbrot. Kein Befehl einfach so ist es eben.
Als sie heimkommt, hebt er den Blick vom Fernseher.
Wo warst du?
Bei Elke.
Und das Abendessen?
Sabine bleibt im Flur stehen.
Habe ich nicht gekocht. War bei einer Freundin.
Was soll ich dann essen?
Sie sieht ihn an. Das Gesicht, das sie seit dreiunddreißig Jahren kennt, die Falten um die Augen. Die Hände, auf den Lehnen wie der Chef im Büro.
Im Kühlschrank stehen noch Frikadellen von gestern. Und Brot ist auch da.
Sie zieht sich aus, nimmt ein Buch vom Nachttisch und legt sich mit dem Roman ins Bett.
Martin kommt zehn Minuten später mit seinem Teller Frikadellen.
Kalt, sagt er.
Leg sie dir in die Mikrowelle.
Er sieht sie lange an. Sabine hebt den Blick nicht vom Buch.
Er geht. Sie hört das Klappern der Mikrowelle. Dann das Surren. Danach ist es ruhig.
Sie liest einen Roman über eine Frau, die mit fünfzig ihre eigene Töpferei eröffnet. Sabine hat das Buch seit einem halben Jahr, nie angefangen, es war immer keine Zeit.
Jetzt liest sie und fragt sich, wie die Frau im Roman so genau wusste, was sie will. Einfach so. Ich will töpfern. Sabine weiß überhaupt nicht, was sie will. Ob es da überhaupt etwas gibt, das nur ihr gehört, außer es soll alles in Ordnung sein.
Ihr voller Name ist Sabine Schumacher, geborene Hartwig. Aufgewachsen in einem kleinen Ort bei Kassel, nach Frankfurt gezogen, um Buchhalterin zu werden, geblieben, weil sie geheiratet hat. Zwanzig Jahre in der Buchhaltung einer Baufirma, dann Kündigung, dann einige Jahre Handarbeits-AG in der Schule. Martin sagte irgendwann, es sei zu mühsam quer durch die Stadt zu fahren für den Hungerlohn, und so ist sie in eine kleine Accounting-Firma gleich um die Ecke gewechselt, halbtags. Jetzt arbeitet sie nicht mehr. Seit einem Jahr ist sie in Rente.
Sie dachte, sie würde sich freuen. Endlich Zeit für sich.
Aber Rente, merkt sie jetzt, heißt vor allem: mehr Zeit für dasselbe. Kochen, putzen, einkaufen gehen, bügeln und Tee kochen.
Am nächsten Sonntag wacht sie, wie immer, um sechs auf. Martin schläft. Sie bleibt liegen und starrt an die Decke. Dieselbe Decke wie vor dreißig Jahren. Die Risse über dem Fenster sind etwas länger geworden. Das ist alles.
Sie steht auf, zieht sich an, nimmt den Mantel und geht.
Die Stadt ist sonntags um sechs fast leer. Ein Straßenkehrer kehrt Laub. Eine Katze schleicht an den Zäunen entlang. Sabine läuft Richtung Stadtpark, einfach weil ihre Beine von allein dorthin führen.
Der Park ist leer und feucht. Die Bänke glänzen noch vom Regen in der Nacht. Sie setzt sich auf eine, wischt die Lehne mit der Hand ab und wartet.
Sie denkt an Elke. An ihre Worte: Du gibst Namen dem, was dir wichtig ist. Sabine gibt gar nichts Namen, weil so gut wie nichts nur ihr allein gehört.
Die Wohnung ist gemeinsam. Das feine Kaffeeservice wollte sie mal kaufen, hat es aber gelassen, weil Martin sagte Das alte ist doch noch gar nicht kaputt. Die Schwimm-Badekarte, die sie sich zum Geburtstag geschenkt hat, nutzte sie nur drei Mal, dann blieb sie lieber zu Hause, wenn Martin frei hatte.
Da sitzt sie nun im Park und fühlt: Sie ist verschwunden. Nicht auf einmal, sondern Stück für Stück. Ein Stück für Suppe, eines fürs Hemdenbügeln, ein weiteres für Wo warst du, noch eines für Was gibts jetzt zu essen.
Eine Frau mit Dackel bleibt stehen. Der kleine, rotbraune Dackel mustert Sabine neugierig.
Beißt er? fragt Sabine.
Nein, was denken Sie! Er liebt alle Menschen, sagt die Frau. Spazieren Sie?
Ja, einfach hinausgegangen.
Gut so, sagt die Frau. Ich gehe jeden Morgen. Früher mit meinem Mann Harald, jetzt mit Hund. Harald ist schon lange tot. Jetzt laufe ich trotzdem weiter.
Sie sagt das ganz sachlich. Sabine schaut auf ihr freundliches, ruhiges Gesicht.
Vermissen Sie ihn?
Harald? Ja. Aber manchmal vermisse ich mich selbst sogar mehr. In den letzten drei Jahren, als ich mich um ihn gekümmert habe, hatte ich mich selbst verloren. Nach seinem Tod habe ich mich gefragt: Wer bin ich eigentlich? Habe mich wie nebenbei wieder zusammengesucht. Mit Max, sie nickt zum Dackel, fange ich neu an.
Max schnuppert an Sabines Schuh, dann läuft er zur nächsten Bank.
Wie alt sind Sie, wenn ich fragen darf? fragt Sabine.
Dreiundsechzig. Warum?
Nur so.
Die Frau lächelt und geht weiter. Sabine schaut ihr nach.
Als sie heimkommt, sitzt Martin in der Küche, wirkt missmutig.
Wo warst du?
Im Park.
Im Park. Um acht Uhr morgens?
Ja.
Was macht man denn da um acht?
Da sitzt man einfach. Und denkt nach.
Er blickt auf den Tisch. Sie weiß, er wartet aufs Frühstück.
Sie setzt den Wasserkocher an. Holt Eier. Macht Rührei. Schneidet Brot. Stellt es ihm hin.
Er isst schweigend. Sie sitzt mit ihrem Tee ihm gegenüber.
Martin, sagt sie.
Ja?
Weißt du noch, warum wir geheiratet haben?
Er sieht auf.
Was für eine Frage?
Einfach. Warum haben wir geheiratet?
Na ja wir haben uns geliebt.
Ja, wir haben uns geliebt, wiederholt sie. Und jetzt?
Er legt die Gabel hin.
Sabine, was soll das?
Nur eine Frage.
Jetzt eben leben wir zusammen. Familie.
Familie, sagt sie leise. Dann schweigt sie.
Er isst zu Ende, stellt die Schale in die Spüle und geht ins Wohnzimmer. Sie bleibt sitzen und starrt auf das angeknabberte Brot.
Am Montag ruft sie im Schwimmbad an und verlängert ihren Pass. Sie will künftig mittwochs und freitags schwimmen gehen.
Mittwoch macht sie die Sporttasche fertig und sagt Martin beim Gehen:
Ich gehe ins Schwimmbad. Abendessen steht im Kühlschrank, brauchst es nur aufwärmen.
Er blickt über die Brille.
In welches Schwimmbad?
In das Delphin.
Ist doch weit weg.
Zwanzig Minuten mit der Straßenbahn.
Und wozu?
Sie zieht den Mantel an.
Ich will schwimmen.
Er sagt nichts. Sie geht.
In der Bahn sitzen nur wenige Leute, ein älteres Ehepaar am Fenster, eine Frau mit ihrem Kind. Sabine sieht auf Frankfurt im Herbst, die Platanen, Cafés, Passanten mit ihren Alltagssorgen.
Sie merkt, dass sie das Fahren in der Straßenbahn genießt.
Das Schwimmbad heißt Delphin, aber es gibt nur hellblaue Schwimmbahnen und Chlorgeruch. Sie wechselt in den Badeanzug, steigt ins Wasser und schwimmt. Langsam, Brustschwimmen. Das Wasser ist kühl und trägt. Sabine denkt an nichts, sie schwimmt einfach nur.
Als sie rausgeht, spürt sie zum ersten Mal seit Langem: Sie fühlt sich müde aber angenehm, weil sie etwas für sich getan hat.
Auf dem Heimweg geht sie in ein kleines Café und trinkt einen Cappuccino. Für sich. An einem Fensterplatz mit Blick auf die Straße. Die Kellnerin bringt ein Amarettini dazu. Sabine denkt: Vielleicht ist das das Leben. Kein großes Ding. Einfach Kaffee. Einfach Keks. Einfach Fenster.
Zu Hause hockt Martin im Sessel, vor sich ein leerer Teller.
Hasts aufgewärmt? fragt sie.
Ja, war zu salzig.
Sabine schweigt, geht ins Bad, zieht sich um und liest.
Eine Woche später ist sie wieder bei Elke. Erzählt vom Park, dem Schwimmbad, dem Kaffee.
Gut, sagt Elke. Noch was?
Was noch?
Was möchtest du noch?
Sabine denkt nach.
Ich möchte nochmal was lernen. Vielleicht malen. Früher habe ich gern gemalt.
Dann geh doch.
Wohin?
Ins Atelier. Es gibt Kurse. Schau mal online.
In meinem Alter, sagt Sabine.
Halt! ruft Elke. Wenn du jetzt sagst in meinem Alter, gehst du wieder nicht. Lass das mal!
Sabine schließt den Mund.
Na gut, sagt sie.
Das Atelier entdeckt sie zufällig. Ein Schild in der Nebenstraße: Aquarell für Erwachsene. Sie fragt nach. Die Gruppe trifft sich dienstags und donnerstags, nicht zu groß, alles Mögliche an Leuten. Die Kursleiterin, Frau Anna Seidel, ist etwa sechzig, hat Kurzhaarschnitt und silberne Tropfenohrringe.
Malerfahrung? fragt Frau Seidel.
Als Kind, seit vierzig Jahren nicht mehr.
Sehr gut. Dann sind Sie frei von festen Mustern. Kommen Sie nächsten Dienstag.
Sabine geht hin. In der Gruppe: vier Frauen um die sechzig, eine Jüngere, ein Mann um die Fünfzig und eine ganz junge Studentin.
Frau Seidel stellt ihnen einen Apfel auf den Tisch. Schauen Sie, sagt sie.
Sie sehen fünf Minuten auf den Apfel. Dann malen sie. Sabine malt einen Apfel, der aussieht wie eine Kartoffel, aber das ist ihr egal. Es fühlt sich gut an.
Sie haben ein Gefühl für den Raum, sagt Frau Seidel. Das ist das Wichtigste. Alles andere kommt.
Sabine fährt mit ihrem Apfel-Kartoffel-Bild nach Hause.
Martin sieht Nachrichten.
Wo warst du?
Beim Malen.
Er dreht sich um.
Wie bitte?
Ich male. Mit Aquarell. Einen Apfel.
Er schaut auf das Blatt.
Das ist ein Apfel?
Der Anfang vom Apfel, sagt Sabine, und setzt Wasser auf.
Abends ruft sie ihre Tochter an. Clara lebt in Berlin, ist Pharma-Managerin, verheiratet, zwei Kinder. Sie telefonieren sonst immer sonntags.
Mama, was war Mittwoch? Ich habe dich verpasst.
Ist nicht schlimm. Ich wollte erzählen: Ich mache einen Malkurs. Aquarell.
Kurze Pause.
Du malst?
Zweimal die Woche.
Toll, sagt Clara und klingt irgendwie unsicher. Weiß Papa das?
Weiß er.
Was meint er?
Er fragt, ob das mein Apfel ist.
Clara lacht.
Typisch. Aber wie gehts dir?
Besser als früher, sagt Sabine.
Das freut mich. Mama, hier ist Trubel, melde mich Sonntag.
Gerne.
Sabine legt auf. Sie bleibt noch etwas sitzen, dann hängt sie die Zeichnung mit einem Magneten an den Kühlschrank neben das Andenken aus Rügen.
Martin kommt, sieht es, schüttelt den Kopf. Schweigt.
Der November wird nasskalt. Sabine geht schwimmen, ins Atelier und manchmal zu Elke. Sonst kocht, putzt und liest sie mehr als die letzten zwanzig Jahre zusammen.
Im Atelier setzt sich eines Tages eine Frau zu ihr: Marianne, einundsechzig, früher Geografielehrerin. Rot-braun gefärbte Haare, schief geschnitten, steht ihr aber gut.
Malen Sie schon lange?
Dritter Monat.
Man sieht die Fortschritte! Ich nach sechs Monaten hab trotzdem nur schiefe Linien.
Frau Seidel meint, das komme nicht darauf an.
Ach, die Seidel ist sowieso eine Philosophin, lacht Marianne. Sie sagt: Malen ist nicht, wie man malt, sondern wie man schaut.
Sabine denkt darüber nach.
Vielleicht gilt das auch fürs Leben.
Alles gilt fürs Leben, nickt Marianne. Sind Sie verheiratet?
Dreiunddreißig Jahre.
Wahnsinn. Ich habe mich zweimal scheiden lassen. Lebe jetzt allein und mir gehts gut dabei.
Keine Einsamkeit?
Schon mal. Aber besser als früher. Der Erste trank. Der Zweite sprach nur mit mir, wenn es nötig war. Wie mit der Kaffeemaschine; Knopf drücken, fertig.
Sabine nickt.
Wie mit einem Haushaltsgerät.
Genau. Übrigens, ihr Baum lebt. Sehen Sie? Der Stamm atmet.
Sabine betrachtet ihren Baum. Er atmet tatsächlich ein wenig. Sie weiß nicht, wie sie das gemacht hat.
Im November verändert sich langsam etwas zwischen ihr und Martin. Nicht abrupt. Schrittchen für Schrittchen.
Er hat sich daran gewöhnt, dass sie dreimal die Woche außer Haus ist. Fragt nicht mehr wo warst du. Lernt, sich selbst Essen zu machen. Eines Abends kocht er sogar Kartoffeln. Einfach so.
Du hast Kartoffeln gekocht? sagt sie.
Ja. Hatte Hunger.
Sehr gut, sagt Sabine.
Komisch. Nicht schlecht. Einfach nur anders.
Eines Abends sitzen beide in der Küche, beide mit Tee. Der Fernseher ist kaputt, es ist ruhig.
Sabine, sagt er unvermittelt.
Ja?
Du hast dich verändert.
Sie schaut ihn an.
Zum Guten oder Schlechten?
Er denkt nach.
Kann ich nicht sagen. Bist anders geworden.
Ja, bestätigt sie.
Ich bin das nicht gewohnt.
Ich auch nicht, sagt sie. Aber ich werde mich schon dran gewöhnen.
Er schweigt. Dann:
Zeigst du mir deine Bilder?
Sie ist überrascht, holt die Mappe. Er blättert leise, hält an einigen an.
Was ist das?
Ein Krug. Wir übten Licht und Schatten.
Und das?
Eine Hand. Meine Hand.
Er sieht das Bild lange an.
Sieht ähnlich aus.
Danke.
Du kannst das, sagt er, schlicht und ohne Pathos.
Etwas Warmes in ihr rührt sich. Nicht so, wie früher, wenn er sie lobte falls überhaupt. Es ist etwas anderes. Ruhiges.
Ich weiß, sagt sie.
Der Dezember schickt Kälte. Sabine gönnt sich neue Winterschuhe, dunkelblau, warm gefüttert. Martin sieht auf den Kassenzettel: Ganz schön teuer, sagt er, aber sie erwidert: Dafür warm, und diskutiert nicht.
Im Atelier malen sie Winterlandschaften. Frau Seidel hat alte Schwarz-Weiß-Bilder mitgebracht: Winterwald, gefrorener Fluss, verschneites Dorf.
Winter ist nicht farblos, sagt sie. Im Schnee sind alle Farben, nur leiser. Suchen Sie sie!
Sabine sucht in Schwarz-Weiß nach Farben: Blau im Schatten, graurosa am Horizont, fast gelblich im Birkenstamm.
Daneben murmelt Marianne über ihr Blatt.
Bei mir ist alles grau, raunt sie.
Sieh dir die Schatten an, flüstert Sabine zurück. Die sind nicht grau.
Marianne nimmt Blau und streicht Schatten am Baum.
Oh!
Siehst du!
Nach dem Kurs trinken sie zusammen Kaffee in einem Bistro gegenüber. Marianne erzählt von ihrer Tochter aus Bremen, die sie zu sich holen will.
Ziehen Sie um?
Weiß nicht. Habe Angst. Dort ist alles fremd. Hier hab ich Atelier, Katze Max.
Max? Sabine lacht.
Ja. Fetter, orangefarbener Kater mit Charakter. Wir verstehen uns gut.
Elke, meine Freundin, gibt sogar Vögeln Namen. Ihre Meise heißt Lilo.
Richtig so! Mach das ruhig.
Draußen eilt eine Frau im roten Mantel vorbei, Haare im Wind.
Bedauern Sie Ihre Scheidungen? fragt Sabine.
Marianne rührt im Kaffee.
Manchmal. Jahre vergeudet? Klar, tut weh. Entscheidung? Nein. Ich wachte eines Morgens auf und wusste: Ich erinnere mich nicht, wann ich zuletzt an etwas nur für mich gedacht habe. Nur für mich. Da wusste ich ich bin verschwunden. Dann habe ich geredet, mit dem zweiten Mann. Er hat gesagt: Du bildest dir das nur ein. Kein Ich höre dich, kein Reden wir drüber nur: Du spinnst.
Und dann?
Wenn er mich nicht erkennt, dann gibt es mich für ihn nicht. Also bin ich gegangen.
Sie sitzen schweigend. Dann schüttelt sich Marianne.
Das ist Vergangenheit. Jetzt habe ich Max und meine Wasserfarben. Ist gar nicht übel.
Sie zahlen, gehen raus. Draußen ist es kalt, etwas Schnee rieselt. Der erste: zart, zaghaft. Sabine spürt eine Flocke auf der Wange schmelzen.
Martin telefoniert, als sie nach Hause kommt, winkt ihr mit dem Handy zu. Sie geht in die Küche, stellt Wasser auf. Draußen leuchtet Schnee im Licht der Straßenlaterne. Sie macht ein Foto, stellt es als Bildschirmhintergrund ein. Früher war dort ein altes Familienfoto von Claras Hochzeit. Jetzt: Schnee und Laterne. Das ist ihrer.
Im Januar entsteht ein Bild, das wirklich gelingt: die Straße mit dem Lichtkreis, wie sie es aus dem Fenster sieht. Frau Seidel betrachtet es lange.
Da ist Ihre Stimme, sagt sie schließlich.
Was meinen Sie?
Im Bild ist Ihre eigene Stimme. Nicht das Handwerkliche das lernt man. Die eigene Sicht auf die Dinge die hat man oder nicht. Sie haben sie.
Sabine hängt dieses Bild auch an den Kühlschrank, neben den Apfel.
Eines Morgens steht Martin vorm Kühlschrank, betrachtet beide Bilder. Sie kommt in die Küche.
Was gibts? fragt sie.
Ich schau mir deine Bilder an. Die sind gut.
Danke.
Konntest du das schon immer?
Weiß ich nicht. Wahrscheinlich. Ich habe nur nie gemalt.
Er nickt, öffnet den Kühlschrank und holt Käse raus.
Martin, sagt sie.
Ja?
Ich würde im Sommer gern ans Meer fahren. Allein. Oder mit Marianne aus dem Atelier. Einfach eine Woche ausspannen.
Er dreht sich mit dem Käse um.
Allein?
Ja. Oder mit ihr. Ich will einfach mal weg.
Er schweigt lange.
Hast du Geld?
Habe ich. Rente und bisschen gespart.
Na ja. Dann mach halt.
Nicht Natürlich, fahr ruhig, meine Liebe. Sondern: Dann mach halt. Etwas hilflos, als wüsste er nicht, wie man damit umgehen soll, dass seine Frau etwas für sich will aber immerhin. Es ist etwas.
Sabine tippt Marianne: Hast du Lust im Sommer ans Meer? Ich denke an Usedom.
Antwort fünf Minuten später: Max zu Tochter, ich bin dabei! Wann fahren wir?
Der Februar zieht sich. Sabine schwimmt, malt, trifft Elke. Einmal geht sie mit Marianne ins Theater, Tschechow. Martin bleibt zuhause: mag ich nicht. Sabine kauft sich ihr Ticket allein.
Das Stück ist gut, etwas langsam, aber gut. Sabine sitzt im dunklen Saal und wundert sich, dass sie fünfzehn Jahre nicht im Theater war.
Nachher gehen sie einen Kaffee trinken.
Und? fragt Marianne.
War schön. Ich habe an Irina gedacht.
Die mit nach Moskau, nach Moskau?
Ja. Sie wartete immer, dass das Leben beginnt. Und das Leben läuft vorbei.
Tschechow ist grausam. Er zeigt, wie die Leute Zeit verlieren, und zwar ganz ruhig, sodass es weh tut.
Genau.
Hast du dir was überlegt?
Sabine sieht sie fragend an.
Wie meinst du?
Na ja, mit dir. Ich merke, da arbeitet etwas in dir.
Sabine rührt im Kaffee.
Keine Ahnung. Ich fange einfach an zu leben. Ein bisschen. Auf meine Weise.
Das ist schon viel.
Martin versteht es nicht.
Hast du es erklärt?
Versucht. Er sagt: Du hast dich verändert. Ich sage: Stimmt. Er: Bin ich nicht gewöhnt. Ich: Gewöhn dich.
Und?
Schweigt. Aber kocht jetzt Kartoffeln selbst.
Marianne lacht.
Fortschritt!
Marianne, sind Sie jetzt glücklich?
Sie denkt nach.
Glücklich? Es geht so. Knie schmerzt, Geld reicht nur gerade, mit Tochter gibts Stress. Aber ich kann sein, wie ich bin, ohne mich zu verstecken dann: ja.
Sabine nickt.
Gute Antwort.
Überlegst du zu gehen?
Sabine blickt hinaus auf die dunkle Berliner Straße, nur Lampen.
Ich weiß es nicht. Dreiunddreißig Jahre. Er ist ja kein schlechter Mensch. Er sieht mich nur nicht wirklich. Ich weiß nicht, ob man das ändern kann ob ein Mensch lernen kann, jemand anderes zu sehen, wenn er es nie getan hat.
Manchmal ja, manchmal nein.
Ja, sagt Sabine, manchmal ja, manchmal nein.
Im März, zum 8. März, kommt Clara mit den Kindern aus Berlin zu Besuch. Zwei wilde Tage, Lachen und Leben. Martin blüht auf, spielt mit den Enkeln. Sabine denkt: Es gibt also etwas Lebendiges in ihm. Es zeigt sich nur selten.
Nach dem ersten Abend, als die Kinder schlafen, sitzen sie zusammen Sabine, Martin, Clara und Claras Mann Thomas und trinken Tee.
Mama, du wirkst so verändert! sagt Clara. Irgendwie erfüllt.
Das kommt vom Malen, sagt Sabine.
Zeig mal!
Sie holt die Mappe, Clara schaut alles aufmerksam an.
Mama, das ist wirklich schön. Echt!
Frau Seidel meint, ich habe eine eigene Handschrift.
Was für eine Handschrift? fragt Thomas.
Beim Malen. Gibts wie Schrift.
Interessant, sagt Thomas. Dachte nie, so was ist persönlich.
Ist alles persönlich, sagt Sabine. Wenn man es richtig macht.
Martin schweigt. Sieht in die Teetasse. Dann:
Sie konnte das schon immer, sagt er ruhig als Tatsache.
Wusstest du das? fragt Clara.
Hab gesehen, dass sies kann. Früher schon, bevor du da warst.
Sabine schaut ihn an. Er wusste es. Hat nie gefragt: Warum malst du eigentlich nicht? Nie.
Sie sagt nichts. Räumt die Mappe weg.
Als Clara wieder abgereist ist, wird es ruhig. Wieder Fernseher, wieder Zeitungen.
Mitte März kommt Sabine vom Atelier nach Hause. Sie zieht sich aus und betritt die Küche. Da liegt ein Zettel. Martin schreibt sonst keine Zettel.
Bin bei Frank im Schrebergarten. Komme übermorgen. Suppe im Topf, selbst gekocht.
Sie liest den Zettel zweimal. Selbst gekocht.
Im Kühlschrank steht tatsächlich eine Suppe. Blass, etwas versalzen, aber Suppe.
Sie wärmt sich eine Schüssel auf. Schmeckt zu salzig. Aber beim Essen denkt sie, dass etwas anderes wichtiger ist als der Geschmack.
Sie hat zwei entspannte Tage für sich. Geht morgens schwimmen, malt abends, isst, was sie mag, schläft mit Buch, trinkt Kaffee am Fenster so lange sie will.
Als Martin wiederkommt, merkt sie: Sie hat sich ans Alleinsein gewöhnt. Sie hat es genossen.
Das ist eine unbequeme Erkenntnis.
Im April passiert etwas Unerwartetes: Frau Seidel schlägt vor, dass Sabine bei einer kleinen Ausstellung im Kulturzentrum mitmacht. Kein großes Event, einfach ein paar Werke aus dem Kurs.
Ich? staunt Sabine.
Sie. Sie haben etwas zu zeigen.
Ich male doch erst seit einem halben Jahr.
Ihre Bilder leben. Das zählt.
Drei Tage überlegt Sabine, dann sagt sie zu.
Sie wählt fünf Bilder: Die Straße mit Laterne, die Hand, den atmenden Baum, den Krug im Gegenlicht, eine jüngste: Kaffeetasse neben offenem Buch, draußen Schnee.
Die Ausstellung ist am letzten Aprilfreitag. Ateliergruppe, Elke, Marianne mit Max in der Tasche (Kater darf nicht rein), Clara sendet Sprachnachricht: Mama, bin so stolz!. Auch Martin kommt.
Sie sieht ihn am Eingang, verlegen im Mantel. Weiß nicht, wie er sich verhalten soll. Er geht auf ihre Bilder zu, schaut lange auf die illuminierten Straße.
Das ist unser Fenster, sagt er schließlich.
Ja.
Hätte nie gedacht, dass man daraus was malen kann.
Ich schon.
Er dreht sich um.
Sabine.
Ja?
Ich will nur sagen: Ich habe wohl etwas verpasst. Ich weiß nicht, was genau. Aber es war wichtig.
Sabine sieht ihn an.
Ja, sagt sie leise.
Ich kann sowas nicht sagen.
Ich weiß.
Na ja.
Sie stehen gemeinsam vorm Bild mit dem Lichtkreis im Schnee. Ohne viele Worte.
Elke kommt und nimmt Sabine gleich mit: Der Kulturchefin will dich zur nächsten Ausstellung einladen!
Im Mai buchen sie, sie und Marianne, Tickets nach Usedom. Anfang Juli, acht Tage. Pension, zwei Zimmer nebeneinander.
Sabine sagt es Martin am Montagabend.
Ich habe gebucht. Fahre mit Marianne im Juli. Acht Tage.
Er sieht über die Brille.
Acht?
Ja.
Das ist lang.
Nein, sagt sie.
Pause.
Na gut, sagt er. Geh ich vielleicht zu Frank in der Zeit.
Gut.
Pass auf dich auf. Meer und so.
Ich schwimme, erinnert sie. Sechs Monate Schwimmkurs.
Aha.
Sie geht in die Küche, kommt zurück.
Martin.
Ja?
Ich will dich etwas fragen. Sei ehrlich.
Er legt die Zeitung beiseite.
Frag.
Siehst du mich?
Wie meinst du das?
Mich. Nicht Abendessen, nicht Tee. Mich selbst.
Er schweigt lange. Sie wartet.
Ich verstehe die Frage nicht, sagt er schließlich.
Ich weiß, sagt sie. Das ist es ja.
Sie geht in die Küche. Gießt sich einen Tee in die schöne, blau gemusterte Tasse, die sie im Februar im Laden am Atelier gekauft hat.
Juli wird heiß. Am Abreisetag packt Sabine einen kleinen Koffer, Malbuch und Farben, neue Pinsel.
Martin bringt sie zum Taxi.
Ruf an, sagt er.
Mache ich.
Es wird heiß, nimm einen Hut.
Hab ich.
Na dann.
Das Taxi kommt. Sabine stellt den Koffer hinein. Dreht sich um.
Er bleibt stehen, in seinem ausgebeulten Jogginganzug, etwas verloren. Groß, nicht mehr jung, nicht gewohnt, dass sie verreist.
Martin, sagt sie.
Ja?
Wenn du willst, dass sich was ändert bei uns, musst du reden. Richtig. Ich bin bereit. Aber ich kann nicht für uns beide sprechen.
Er schaut sie an.
Kommst du zurück? fragt er.
Ich fahre nur acht Tage ans Meer, sagt sie.
Der Fahrer hupt leise. Sie steigt ein.
Martin bleibt vorm Haus stehen.
Das Auto fährt an. Sabine schaut aus dem Fenster, sieht ihn kleiner werden, dann verschwindet er um die Ecke.
Sie lehnt sich zurück.
Frankfurt rauscht vorbei ihre Stadt, ihre Straßen, ihre Erinnerungen. Platanen, Cafés, Kreuzungen, alles vertraut. Die Sonne glitzert durchs Glas.
Sie nimmt das Handy, schreibt: Bin unterwegs. Wo bist du?
Marianne: Am Bahnhof! Max bei Tochter, musste weinen. Warte auf dich!
Sabine lächelt.
Dann öffnet sie eine Suchanfrage: Aquarellkurse online für Erwachsene. Nur mal gucken. Einfach so.
Schließt die Seite. Macht sie wieder auf.
In vier Stunden wird der Zug am Meer ankommen. Sie sitzt am Fenster, sieht wie das Land sich verändert, wie die Felder Hügel werden, dann am Horizont eine dunkelblaue Linie.
Sie holt ihr Skizzenbuch hervor und beginnt zu zeichnen was sie sieht.
Nicht das, was man soll. Nicht das, was anderen gefällt. Was sie selbst sieht.
Marianne am Bahnsteig: klein, lockiges rotes Haar, Rucksack.
Na, sagt Marianne, gehen wir?
Ja, sagt Sabine.
Und sie gehen.
Das Seltsame: Sie weiß nicht, ob sie zu Martin richtig zurückkommt wie zu etwas Beendigtem, Vertrautem. Aber zu sich selbst kommt sie zurück. Und das gibt sie nicht wieder her.
Der Bahnsteig ist laut, sonnig. Kinder lachen. Eisverkäufer rufen. Es riecht nach Eisen, nach Sommer, nach Fernweh.
Sie geht. Und spürt, dass der Boden fest ist.
Einfach fest. Ihr eigener.
Der Zug rollt sanft an, fast unmerklich. Wie immer, wenn man wirklich losfährt, nicht nur den Ort wechselt.
Vorbei zieht der Bahnsteig, dann die Dächer, dann Stadt, dann Felder.
Marianne döst am Fenster.
Sabine schlägt das Skizzenbuch auf, nimmt ihren Bleistift.
Draußen fliegt das Land vorbei. Endlos, sonnenverbrannt.
Sie beginnt zu zeichnen.
Den Horizont: klar gezogen, wie ein Gedanke.
Der Himmel darüber, etwas dunkler am Rand.
Eine Straße, die ins Weite führt.
Keine Menschen auf dem Bild. Nur Weite.
Was malst du? murmelt Marianne schlaftrunken.
Den Horizont.
Schön?
Sabine betrachtet ihr Blatt.
Weiß noch nicht, sagt sie. Aber es wird.
Marianne murmelt etwas und döst weiter.
Der Zug fährt.
Sabine malt.





