Zwei Fäden

Zwei Fäden

Klara, beeil dich! Wir haben heute viel vor! mahnte Helene Weber ihre kleine Hündin. Wir sind schon dreimal durch den ganzen Park gelaufen, und du schaffst es immer noch nicht, mit deinem Geschäft fertig zu werden! Und ich wollte doch heute Morgen Quarkkeulchen zum Frühstück machen.

Die schnauzbärtige Klara, Nachfahrin der furchtlosen Hofhunde chinesischer Kaiser, schaute ihre Besitzerin vorwurfsvoll an, als wollte sie sagen: Das Alter, meine Liebe! Verstehst du das nicht? Alt werden ist kein Vergnügen!

Helene verstand diesen Blick nur zu gut, und es machte ihr das Herz schwer. Wenn sie morgens zur Hunderunde aufbrach, redete sie sich noch ein, dass das Alter kein Urteil sei und das Leben noch lang vor ihr liege. Doch am Ende des Spaziergangs war ihre Motivation dahin, und selbst die warme Jacke konnte sie nicht mehr wärmen. Der frische Frühlingswind, der eben noch Fröhlichkeit versprach, wurde schlagartig zum Sturm, und Klara wurde zum Sinnbild ihrer trüben Gedanken, die Helenes Seele plagten.

Denn was erwartete sie nach dem Spaziergang? Küche, putzen, Wäsche, eine Serie und ein Ehemann, der seit seiner Pensionierung schrecklich launisch geworden war. Mal beklagte Peter Weber, sein Schicksal habe ihn zu früh aus dem Berufsleben gerissen, mal schwieg er stundenlang und ließ Helene glauben, er sei von irgendeiner Unwichtigkeit tief gekränkt, dann wieder nörgelte er ohne Grund.

Peters Nörgeleien waren inzwischen recht laut, wissend, dass Helene nach einer Krankheit schlechter hörte. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als sein Gemecker als Hintergrundrauschen zu akzeptieren und sich nicht vollends davon abstumpfen zu lassen.

Seit einiger Zeit fühlte sich Helene fast wie eine alte Frau. Manchmal hoben Kleinigkeiten wie die ersten Tulpen oder die Wirkung einer neuen Gesichtscreme für einen Moment die Stimmung, doch das verflog sofort, wenn Peter seine Lippen schmollend spitzte und fragte:

Versuchst du immer noch, jung auszusehen? Wozu das alles?

In solchen Momenten hätte Helene am liebsten irgendwas Schweres zu Boden geworfen, laut geschrien und das Haus verlassen, Klara im Schlepptau. Doch nach kurzem Durchatmen erinnerte sie sich daran, wie Peter früher war und was er alles für sie getan hatte, und schämte sich für ihre Schwäche.

Kennengelernt hatte Helene ihren Peter an der Universität. Schlagfertig, klug, witzig, hübsch sie war die Perle des Jahrgangs. Die jungen Männer standen Schlange, doch Helene blieb standhaft. Sie träumte von einer großen, leuchtenden Liebe, von einer, die das Herz verzaubert.

Das war so der Spruch ihrer Mutter:

Du bist ein Schatz, meine Kleine. Du hast alles und darfst alles, aber lass dich nicht auf unreife Kleinigkeiten ein. Warte auf deine Stunde, dann hast du den Himmel voller Diamanten und das Glück im Haus. Hör auf mich, das Beste kommt noch!

Und das tat Helene, soweit sie konnte.

Aber wann stand schon das Mutterwort über der Liebe? Wenn sie kommt, die Liebe ungebeten und unverhofft da zählen keine Ratschläge.

Doch ihre erste große Liebe hieß gar nicht Peter. Als Helene merkte, dass die Zeit gekommen war, kannten sie sich noch nicht mal.

Ihr Herz hatte an Alexander verloren, der ebenso lustig, gutaussehend und beliebt war. Bei den Mädchen war er ständig umringt, und Helene kannte ihn aus der gleichen Gruppe, aber sie hatten die ersten zwei Jahre kein Auge für einander. Später sprang ein Funke über ein Feuerwerk, dass die ganze Uni zum Staunen brachte!

Blumen, Abendspaziergänge, gemeinsames Lernen und Küsse vor der Klausur alles gehörte dazu. Helenes Eltern flüsterten schon über die baldige Hochzeit. Doch dann kam der Urlaub am Bodensee.

Das berühmte Freizeitheim am Ufer des Bodensees, wohin Alexander sie eingeladen hatte. Dort erlebte sie Liebe unter Sternen und den bitteren Geschmack des Verrats.

Glücklich, vor Hoffnung auf das gemeinsame Glück, erwischte Helene Alexander am Strand mit ihrer besten Freundin

Was es sie kostete, da Fassung zu bewahren, wusste nur der dunkle Himmel über dem See. Ohne sich umzudrehen, rannte sie davon und wusste, dass sie Alexander nie mehr verzeihen konnte. Sie stolperte den Strand entlang, hörte die Rufe hinter sich nicht.

Das Gewitter brach aus, als Helene die Böschung hochstieg. Der Regen prasselte nieder, und als der Donner krachte, duckte sie sich vor Angst.

Ob das ihren klaren Kopf zurückbrachte oder ihr Verstand über die Gefühle siegte sie riskierte nichts mehr. Sie klammerte sich an einen Busch, trat vorsichtig auf dem rutschigen Weg und flüsterte:

Alles wird gut

Sie glaubte selber nicht daran, aber diese Worte gaben ihr Kraft. Klitschnass kam sie zurück ins Heim, schwieg über das, was sie am Strand gesehen hatte.

Am nächsten Morgen traf sie Alexander gesucht am Ufer.

Helene, wo warst du gestern? Warm lagen seine Hände an ihren Schultern, aber sie entzog sich seiner Umarmung.

Du hast mich nicht vermisst

Was redest du denn? Alexander lachte verschlafen. War das dieser Fitmacher-Cocktail? Ich hab dir gesagt, lass es lieber. Erfrisch dich, Helene, beruhige dich! Komm, ein Wettrennen ins Wasser!

Alexander stürmte los, rief nach ihr Helene wollte erst noch beweisen, dass auch sie zu etwas fähig ist, aber da packte sie jemand am Arm.

Lass mal. Musst du nicht. Du bist doch schon die Beste!

Verwundert sah sie sich um. Der junge Mann kannte sie kaum. Gesehen hatte sie ihn schon im Flur, aber Namen wusste sie nicht. Sie wunderte sich nur immer über seine große Statur und abstehenden Ohren.

Ich bin Peter stellte er sich ruhig vor, ihre Hand noch haltend. Komm, lass uns gehen.

Helene blickte auf Alexander, der nun schon ohne sie in die Wellen sprang, und nickte langsam.

Den Rest des Urlaubs verbrachte sie allein. Am Horizont tauchte Peter auf, fragte sachte, wie es ihr gehe, aber verstand ihr Bedürfnis nach Ruhe.

Alexander erklärte nie etwas, nahm einfach die Hand einer anderen Frau und tat so, als hätte es zwischen ihnen nie etwas gegeben. Kein Jahr voller Dates, keine Hoffnungen, keine gemeinsamen Pläne. Er strich Helene aus seinem Leben, wandte sich neuen Seiten zu.

Nach Hause kehrte Helene braungebrannt, gereift und … nicht allein zurück. Das Leben in ihrem Bauch raubte ihr manche Nacht den Schlaf.

Was soll ich tun, Mama? Helene verschwieg nichts.

Leben, meine Kleine. So einfach ist das. Wenn du einem Leben das Licht nimmst, kannst du dann wieder ruhig schlafen?

Nein

Eben. Hab keine Angst. Wir stehen dir bei.

Verurteilst du mich nicht?

Wofür denn? Heilige gibt es genug! Ich war auch mal jung. Nein, Helene. Kein Urteil, aber Enttäuschung. Ich hätte gehofft, dass du den Kopf einschaltest bei solchen Dingen. Das ist kein Bonbon, das man einfach isst. Du änderst dein Leben für immer. Das wusstest du. Und trotzdem hast du mich nicht gehört. Hoffentlich denkst du künftig nach, bevor du handelst. Es ist dein Leben. Niemand lebt es für dich. Verstehst du?

Ja

Helene wusste nicht, dass das Schicksal zwei Fäden in der Hand hielt, bereit, sie zu verknüpfen.

Keine Woche nach ihrer Rückkehr tauchte abends Peter auf.

Ich wollte mit dir reden.

Worüber denn? Helene zog den Pullover enger, obwohl draußen Sommer war.

Willst du mich heiraten? Peter schaute ruhig, als wüsste er die Antwort schon.

So direkt?!

Wozu warten? Bessere als dich gibt’s nicht.

Nein, Peter. Das geht nicht, schüttelte Helene den Kopf. Du weißt doch gar nichts von mir

Dann erzähl es halt.

Wieso?

Weil es unser Leben ist, vielleicht. Deins und meins. Vielleicht auch unseres …

Du wirst mich abweisen, wenn du alles erfährst, seufzte Helene.

Lass mich das selbst entscheiden, runzelte Peter die Stirn. Jetzt erzähl schon.

Die Nachricht, dass sie schwanger war, ließ Peter scheinbar völlig kalt. Er nickte nur und wiederholte seinen Antrag, bat sie, gut nachzudenken.

Helene dachte nach und sagte schließlich fest ab.

Das ist nicht deine Aufgabe. Finde dir eine andere, Peter.

Ich entscheide selbst. Verstanden, nickte Peter ernst, verschwand aber nicht aus ihrem Leben.

Bis zur Geburt des Kindes war er stets an ihrer Seite. Auch im Krankenhaus holte er Helene ab gemeinsam mit den frischgebackenen Großeltern des kleinen Mädchens.

Die Tochter kam pünktlich zur Welt, im selben Krankenhaus, wo einst auch Helene geboren war.

Wie willst du sie nennen? fragte die Hebamme und bestaunte das starke, laute Baby.

Marie … Nach meiner Mutter.

Ein wunderschöner Name. Glück auf, Marie!

Nach der Entlassung zog Helene wieder zu ihren Eltern.

Wir haben alles vorbereitet! flüsterte Helenes Mutter, während sie Marie wog. Du solltest das Kinderbett sehen, das Peter gebracht hat! Ein echtes Kunstwerk!

Ach ja? Helene versteckte ihr Lächeln und spürte, dass ihr Kind doch einen Vater haben könnte.

Das Kinderbett war wirklich traumhaft. Helles Schnitzholz schimmerte im Halbdunkel von Helenes Zimmer.

Ist das schön Helene strich über die Schnitzerei und beobachtete ihre schlafende Tochter. Selbst gemacht?

Na klar! Mein Vater war Schreinermeister, der hat mir alles beigebracht. Für die Tochter hat die Handwerkskunst gereicht.

Tochter?

Wenn du willst. Den Antrag wiederhole ich nicht mehr. Du weißt Bescheid. Sag einfach Bescheid, wenn du so weit bist. Ich warte.

Und sie sagte es wenn auch erst nach mehr als zwei Jahren, als sie erkannte, dass Peter schon längst nicht mehr fremd war.

Die Hochzeit war schlicht, aber fröhlich. Marie klatschte vor Freude, als sie die glücklichen Eltern tanzen sah.

Dann kam vieles: Die Geburt eines Sohnes, der Tod der Eltern, Glück und Kummer alles, was das Leben zuteilte. Die Kinder wuchsen auf, gründeten eigene Familien, zogen in verschiedene Städte. Sie besuchten die Eltern zu Festtagen, gemeinsame Zeit mit den Enkeln war rar.

Helene und Peter blieben zurück. Selbst Klara, die Marie den Eltern schenkte, konnte die Leere nicht vertreiben. Sie beide, ihr Leben lang für andere da gewesen, litten unter der Stille. Marie wohnte mit Familie in Berlin, der Sohn, Andreas, diente als Soldat im tiefen Süden. Zu Weihnachten und im Sommer kamen beide, aber das reichte Helene und Peter nie.

Wieder daheim, wusch Helene Klaras Pfoten, band sich ein Schürzchen um und wollte gerade Quarkkeulchen machen, als Peter hereinplatzte.

Helene, tanz! rief er und wedelte mit einem Brief.

Was gibts denn zu feiern? murrte Helene, die plötzlich so missmutig war wie sonst Peter am Morgen.

Ein Brief von Andreas! Gute Neuigkeiten!

Und welche?

Helene öffnete den Kühlschrank, holte Quark, doch ließ vor Schreck ihre Lieblingsschüssel auf den Boden fallen, als sie hörte:

Er wird nach Berlin versetzt! Wohnt dann bei Marie um die Ecke! Und wir, meine Liebe, wir sollten auch. Was sollen wir hier noch? In Berlin sind Kinder, Enkel, das Leben. Marie bittet uns seit Jahren, zu kommen. Und jetzt wird Andreas mit Familie quasi Nachbar. Er hat sogar schon eine Wohnung für uns gefunden. Wenn wir unsere verkaufen und noch ein bisschen was drauflegen, reicht das. Möbel, Umzug, alles. Er bittet uns, ernsthaft zu überlegen. Was meinst du?

Helene seufzte, trat über die Scherben und umarmte ihren Mann.

Was gibts da zu überlegen, Peter? Wir fahren! Es ist unser Leben, und wenn nicht jetzt wann dann? Niemand lebt es für uns!

Peter küsste sie, schob sie sanft beiseite und griff zum Lappen.

Lass das! Du verletztst dich noch!

Ach, jetzt hast du plötzlich Angst, dass ich mich schneide? Immer tadelst du, ich würde versuchen, jünger zu wirken jetzt fürchtest du um mich? Was soll mir, altem Pilz, schon passieren?

Du bist doch nicht alt, Helene! Peter sah sie an. Für mich bist du schön wie damals am Bodensee, weißt du?

Und plötzlich spürte Helene wieder das Meersalz auf der Haut die warme, feste Hand, die sie hielt. Und alles andere erschien ihr so unwichtig, dass sie Peter den Lappen wegnahm.

Setz doch lieber Wasser auf, mein Lieber. Dein Rücken wird dir am Abend noch danken! Sie drückte seine Hand und lächelte. Ich weiß noch, Peter …

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Homy
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