Schwiegermutter verteilte meine Sachen an Verwandte, und ich zog mit den Möbeln weg.
Frau Klara Müller, haben Sie die Kiste mit meinen Herbststiefeln gesehen? Ich erinnere mich genau, dass ich sie im Frühling ins Hochbett gestellt habe, rief Anneliese Schmitt aus, stand mitten im Flur auf einer Trittleiter und blickte verwirrt zu den halb leeren Regalen.
Klara Müller, eine korpulentschrullige Frau, lugte aus der Küche, wischte sich die Hände am Schürzchen ab. Ihr Gesicht wirkte seltsam zufrieden, als hätte sie gerade die ganze hungrige Welt gespeist.
Ach, die braunen Stiefel? Die habe ich meiner Nichte Katrin aus Bamberg gegeben. Sie war letzte Woche zu Besuch, klagte, dass ihre Schuhe völlig zerschlissen sind, die Sohle nach Brei riecht. Und du, Anneliese, hast sie doch sowieso nicht getragen du hast dir neue schwarze gekauft. Warum sollst du zwei Paare haben? Zum Salzen, was?
Anneliese geriet fast von der Leiter. Sie stieg langsam hinunter, während in ihr ein kalter Zorn zu brodeln begann.
Frau Müller, das waren italienische Stiefel. Ich habe sie vor drei Jahren für zweihundert Euro gekauft. Sie waren in einwandfreiem Zustand, ein Ersatzpaar unter meinem Mantel. Wie dürfen Sie meine Sachen einfach weggeben?
Na, dann haben wir ja ein Thema!, rollte Klara die Augen und wedelte mit dem Geschirrtuch. Italienisch, zweihundert Euro Immer musst du mit Geld ringen, Anneliese. Der Winter naht, und du hängst an altem Kram. In unserer Familie hilft man sich, gibt das Letzte vom Hemd. Und du sitzt da wie ein Huhn auf deinem guten Stück. Übrigens, Katrin ist alleinerziehende Mutter!
Woher das die Sache mit Katrin? Das sind meine Sachen! Warum haben Sie nicht erst nachgefragt?
Wozu nachfragen? Du warst nie zu Hause, immer bei der Arbeit. Und Katrin musste fahren. Außerdem, ich habe gesehen, dass du sie nicht trägst. Sie lagen nur da, sammelten Staub. Ich habe Ordnung geschaffen, den Raum freigegeben. Jetzt kannst du besser atmen.
In diesem Moment schlug die Tür zu. Johann Becker, Annelieses Mann, kam von der Arbeit zurück. Er sah die angespannte Haltung seiner Frau und das missmutige Gesicht seiner Schwiegermutter, seufzte schwer und zog seine Stiefel an.
Was ist hier wieder los? Man hört schon vom Flur, wie ihr streitet.
Johann, sag deiner Frau, sie soll mich nicht anklagen!, schoss Klara sofort los. Ich habe ein gutes Werk getan, dem Waisenkind geholfen, und sie macht wegen alter Stiefel ein Theater! Das ist doch schade.
Anneliese wandte sich an ihren Mann, suchte Unterstützung.
Johann, sie hat meine Lederstiefel an ihre Nichte verschenkt, einfach so. Ist das normal für dich?
Johann drückte sich die Nase zusammen. Er geriet immer in die Zwickmühle zwischen der herrischen Mutter und seiner Frau.
Na, Anneliese, deine Mutter wollte doch nur das Beste. Sie hat sie einfach weggegeben. Wir kaufen neue, besser. Wir werden nicht arm. Warum jetzt die Nerven zerreißen wegen ein paar Stiefeln?
Du meinst also, das ist in Ordnung? Heute die Stiefel, morgen der Mantel?
Übertreib nicht. Deine Mutter ist gutherzig, teilt gern. In ihrem Dorf ist das Brauch. Sie hat nicht nachgedacht. Entschuldige sie.
Anneliese sah ihren Mann, dann die triumphierende Schwiegermutter, die bereits mit Tellern klimperte, und begriff: Ein Gespräch wird nicht fruchtbar sein. Johann nahm wieder die Haltung eines Vogels, der den Kopf im Sand vergräbt, nur damit die Mutter nicht verletzt wird.
Sie lebten seit zwei Jahren in Klaras Wohnung. Gleich nach der Hochzeit bestand Klara darauf: Warum Geld für Miete ausgeben? Wohnt bei mir, die Wohnung ist klein, reicht für alle. Spart das Geld für die Hypothek. Anneliese zögerte, doch Johann überzeugte sie Sparen klingt vernünftig.
Die Wohnung war ein Relikt aus der DDRZeit, nie renoviert, Möbel knarrten, durch die Fenster wehte ein kalter Zug. Anneliese, gewohnt an Gemütlichkeit, packte sofort an. Sie verdiente gut als Leitende LogistikManagerin in einem großen Unternehmen und konnte sich alles leisten.
In zwei Jahren verwandelten sie hauptsächlich dank Annelieses Geld (Johann wechselte ständig den Job, zahlte den Autokredit) die Wohnung. Neue Fenster, Tapezierarbeiten, neue Möbel: ein riesiger Kühlschrank, eine Waschmaschine mit Trockner, ein orthopädisches Sofa, ein Schlafzimmerset, eine Einbauküche, ein PlasmaFernseher, Mikrowelle, Kaffeemaschine, Vorhänge, Teppiche, Geschirr alles von Anneliese ausgesucht.
Klara nahm die Neuerungen mit Lob auf:Schaut, Kinder, wir haben renoviert, wunderschön!. Trotzdem sah sie sich selbst noch als HauptHausherrin.
Der StiefelStreit war nicht der erste, aber der größte. Schon vorher verschwanden Kleinigkeiten: ein HandtuchSet aus der Türkei landete bei Nachbarin Frau Vali, teurer Shampoo bei Katrin, eine Packung PremiumTee bei einem Arzt im Gesundheitsamt. Jedes Mal versuchte Anneliese, ihre Grenzen zu wahren, stieß aber auf taube Ohren.
Das ist mein Haus!, rief Klara. Alles darin ist gemeinschaftlich. Wir sind Familie, nicht irgendwer. Ihr jungen Leute seid doch nur Last.
Nach dem StiefelVorfall installierte Anneliese ein Schloss an die Schlafzimmertür. Das löste einen Sturm aus.
Verschließt ihr euch vor eurer eigenen Mutter? Was versteckt ihr da? Schande! Ich gebe mein Herz, und ihr schließt wie im Mietshaus!
Johann ging wie ein düsterer Schatten umher.
Anneliese, nimm das Schloss ab. Mutter weint, ihr Blutdruck steigt. Es ist unbequem, als würde man ihr nicht vertrauen.
Wir vertrauen ihr nicht, Johann, antwortete Anneliese hart. Ich will nicht eines Tages feststellen, dass meine Unterwäsche gespendet wurde.
Ein Monat verging relativ ruhig. Das Schloss funktionierte, Anneliese trug den Schlüssel an einer Kette wie ein Schulmädchen. Klara ließ die Tür offen, rief die Schwiegertochter nicht zum Tee, aber griff nicht mehr nach Dingen. Anneliese fühlte sich langsam sicherer.
Dann kam das Unvorhergesehene: Auf der Arbeit bekam Anneliese einen dringenden dreitägigen Einsatz. In der Hast rief sie ein Taxi um fünf Uhr morgens, vergaß, das Schloss zu drehen sie klappte die Tür nur zu, drehte den Riegel nicht.
Im Flugzeug erinnerte sie sich daran, ihr Herz pochte, doch sie beruhigte sich: Was kann schon in drei Tagen passieren? Das Große bleibt, das Kleine habe ich eingepackt.
Als sie spät am Sonntag zurückkam, war das Haus unheimlich still. Johann war vermutlich noch im Dienst, Klara sah eine Serie. Anneliese betrat das Schlafzimmer, ließ die Tasche fallen und spürte sofort: Etwas stimmte nicht. Der Raum wirkte leer.
Sie schaltete das Licht ein.
Der Platz, wo ihr KosmetikTisch mit Spiegel und Beleuchtung einst stand ihr ganzer Stolz, gekauft mit einer Quartalsprämie war ein gähnender Abgrund. Auf dem Linoleumboden blieben nur Abdruckspuren der Tischbeine.
Anneliese erstarrte. Sie dachte, sie träume. Sie blinzelte, doch der Tisch kehrte nicht zurück. Nicht nur der Tisch, sondern auch der Pouf, und das Schlimmste: sämtliche Inhalte der Schubladen Makeup, Parfüm, Schmuck waren verschwunden.
Sie rannte den Flur hin und stürmte ins Zimmer der Schwiegermutter.
Wo ist mein Tisch?
Klara zuckte zusammen, ließ die Fernbedienung fallen. Ein kurzer Schreck, dann setzte sie eine Maske aus Empörung auf.
Warum schreist du hier? Du hast mich erschreckt! Komm erst mal höflich.
Wo mein Tisch und meine Kosmetik.
Ach, beruhig dich! Meine Schwester Gisela hat eine Enkelin, die heiratet. Die Familie hat kein Geld, der Vater trinkt, die Mutter ist krank. Wir sammeln ein MitgiftGeschenk. Dein Tisch hat nur Staub gesammelt, du trägst ihn kaum. Ein tolles Geschenk für das Mädchen! Gisela hat geweint und gedankt.
Anneliese spürte, wie die Beine nachgaben, klammerte sich an den Türrahmen.
Sie haben meine Möbel verschenkt? Meine teure Kosmetik? Warum?
Nicht fremden, sondern Verwandten! Du kannst neue kaufen, du bist reich. Die Nichte braucht den Start ins Leben. Außerdem standen die Möbel in meiner Wohnung, also darf ich darüber entscheiden. Ihr wohnt hier kostenlos, zahlt keine Miete, wofür dankt ihr nicht?
Kostenlos? Wir zahlen die Nebenkosten komplett, haben renoviert, kaufen Lebensmittel für alle, und diese Möbel sind mein Eigentum. Ich habe Belege.
Belege! Die Papierkram interessiert hier niemanden. In meinem Haus gelten meine Regeln. Gefällt dir nicht, zieh dir ein Tuch davor! Und das Licht, das wir ihr geschenkt haben, war von mir.
Anneliese schwieg, drehte sich um und ging zurück ins Schlafzimmer.
Dort ließ ein Teil von ihr los. Keine Tränen, kein Schrei, nur eisige Leere und kristallklare Gewissheit: Das war das Ende.
Als Johann eintrat, saß sie auf dem Bett und starrte an die Wand.
Hey, ich bin so müde, begann er und stockte, als er die leere Stelle an der Wand sah. Wo ist das TischeKommode? Wer hat das umgestellt?
Mutter hat es an Natascha zur Hochzeit verschenkt, zusammen mit meiner Kosmetik, sagte Anneliese gleichmäßig.
Johann verzog das Gesicht.
Das kann nicht sein! Mama!, brüllte er den Flur hinunter.
Klara kam in den Türrahmen, verschränkte die Arme.
Was? Ja, ich habe es verschenkt. Der Auftrag ist erledigt. Und kein Grund für Drama. Johann, sag deiner Frau, sie soll sich beruhigen.
Johann sah erst die Frau, dann die Mutter.
Mama, das geht zu weit. Das sind Annelieses Sachen, teuer. Wie sollen wir das zurückholen? Das wird Natascha ärgern
Anneliese sah ihn an. Unbequem, zurückholen Natascha wird beleidigt werden.
Dann, begann sie leise, doch Stimme fest, es ist nicht nötig, etwas zu holen. Sie kann es benutzen. Auf dein Wohl.
Klara lächelte triumphierend.
Du bist klug, ich wusste, du verstehst. Es ist nur ein häuslicher Alltag.
Ich habe es verstanden, Frau Müller.
Die nächsten beiden Tage verhielt sich Anneliese vorbildlich. Sie arbeitete, kochte, lächelte. Johann atmete auf: Gott sei Dank, das war ein Sturm. Die Schwiegermutter hat sich beruhigt.
Am Mittwoch beim Abendessen verkündete Klara: Am Freitag fahren Tante Gisela und ich zum Wochenendhaus, Äpfel sammeln, das Obergeschoß müssen wir reparieren. Johann, bringst du uns?
Natürlich, Mama, sagte Johann, während er einen Kloß im Mund hatte. Anneliese, kommst du mit?
Nein, sagte Anneliese sanft. Ich bin nach einer Geschäftsreise erschöpft, will zu Hause schlafen und gründlich aufräumen.
Also gut, zuckte Klara die Schultern. Mach es, sonst verstauben die Ecken weiter.
Am Freitagabend lud Johann Mutter und Tante Gisela mit leeren Gläsern ins Auto und fuhr los. Sobald das Auto um die Ecke verschwand, griff Anneliese zum Telefon.
Hallo, Stefan? Ja, wir brauchen eine Umzugsfirma, einen LKW, fünf Tonnen, wie besprochen.
Eine halbe Stunde später hielt ein großer Lastwagen vor dem Haus. Vier kräftige Jungs stiegen aus, Anneliese hielt einen Ordner mit Rechnungen und Garantiescheinen bereit.
Jungs, bitte schnell und vorsichtig, befahl sie.
Zuerst trugen sie das massive Ecksofa aus dem Wohnzimmer, auf dem Klara früher ihre Lieblingsserien schaute. Das Zimmer wirkte sofort groß und leer. Dann entfernten sie den PlasmaFernseher von der Wand, nur noch Löcher blieben. Anschließend die Küche: Schränke, Arbeitsplatte, der glänzende ChromKühlschrank alles landete in Kisten. Im Bad folgte die Waschmaschine, sogar der Duschvorhang und die Badematten, alles gekauft von Anneliese.
Im Schlafzimmer zerlegten sie das orthopädische Bett, die Matratze, die sie noch in Raten zahlte, und den Kleiderschrank. Zum Schluss baten die Jungs um Erlaubnis, die Vorhänge und Kronleuchter abzubauen.
Darf ich die alten Glühbirnen ausbauen? fragte einer.
Bitte, nehm sie mit. Ich habe energiesparende gekauft. Die alten IlichGlühbirnen liegen im Tütenpaket, legt sie zurück, damit es nie ganz dunkel wird.
Nach vier Stunden war die Wohnung kaum wiederzuerkennen: abblätternde Wände, alter Linoleumboden mit Flecken, ein einsamer Hocker in der Küche, ein uralter Schrank im Schwiegermuttersaal, den Anneliese nicht angefasst hatte. Der Raum war zurück im OmaZustand, nur noch ärmer als am Morgen.
Anneliese ging durch die leeren Zimmer, das Echo ihrer Schritte hallte in der Leere. Kein Bedauern, nur ein befreiendes Gefühl, als hätte sie ein Betongewicht abgeworfen.
Sie ließ den Schlüssel auf den kleinen Konsolentisch im Flur (der ebenfalls alt war) und schrieb eine Notiz: Ich habe Platz geschaffen. Viel Raum, nichts Überflüssiges, wie gewünscht. Lebt wohl.
Sie bestieg ein Taxi und fuhr in die neue Mietwohnung, die sie am Mittwoch bezogen hatte, während sie noch perfekt ihr Verhalten vorgeführt hatte.
Am Sonntagabend saß Anneliese in ihrer neuen Küche, packte Kartons aus. Das Handy hatte sie am Samstagmorgen ausgeschaltet, schaltete es jetzt.
Zehn Anrufe von Johann, fünfundzwanzig von Klara, ein paar von unbekannten Nummern (vermutlich Tante Gisela).
Ein Anruf kam nach einer Minute: Johann.
Hallo, sagte Anneliese gelassen.
Was hast du getan?!, brüllte er, sodass das Mikrofon knisterte. Bist du verrückt? Wir sind zurück und da ist nichts! Eine Wüste! Du hast uns ausgeraubt!
Ich habe meine Sachen abgeholt, Johann.
Welche Sachen?! Du hast alles entfernt! Sogar die Toilette? (Anneliese hatte die Toilette nicht bewegt, aber die Angst war groß). Mutter liegt im Krankenhaus! Der Notarzt war da! Der Fernseher, der Kühlschrank, das Essen liegt auf dem Balkon! Wir haben nichts zum Schlafen!Im Morgengrauen erwachte Anneliese, fand ihr Herz leicht wie ein geflügeltes Blatt und wusste, dass das wahre Zuhause immer dort war, wo ihr Geist Frieden fand.





