Die Stieftochter

Stieftochter

Als ich und Sabine uns kennen und lieben lernten, war Annika gerade einmal sechs Jahre alt. Sie wuchs ohne Vater auf und hatte so ein großes Bedürfnis nach Zuneigung, dass es zwischen uns nie Schwierigkeiten beim Aneinandergewöhnen gab. Wir lebten harmonisch zusammen, bis er auftauchte der Heranwachsenden-Teufel, auch Pubertät genannt!

Du bist nicht mein Vater!, schrie Annika eines Tages.

Wie bitte, kein Vater? Und wer, entschuldige, hat sich all die Jahre deine Sorgen über Mitschüler angehört und dich bei Elternabenden verteidigt? Wer hat die letzten Stücke Schokolade im Haushalt versteckt, nur um sie dir zu schenken, wenn du traurig warst? Wer hat dir geholfen, das Geheimnis um die geklaute Playmobilfigur von der gemeinen Jana aus dem Nachbarhaus zu bewahren? Und wer ist, mit dieser Figur im Jackenärmel, nachts durch den Hof geschlichen, nur um sie unbemerkt irgendwo unter einer Hecke zufällig zu finden? Und soweit ich mich entsinne, haben wir vor ein paar Jahren abgemacht, dass jeder zu seinem Wort steht. Wenn du mich seit deiner Kindheit Papa genannt hast, wie kann ich dann plötzlich kein Vater mehr sein?

Aussagen von Annika, die ich immer als meine Tochter betrachtet habe, haben mir wirklich das Herz zerrissen, aber ich durfte mir nichts anmerken lassen. Erstens, weil ich ein Mann bin, und zweitens, weil ein Groll auf Annika unser Problem nicht löst, sondern nur verschärft.

Argument akzeptiert, salutierte ich und setzte die Hand zum Kopf, damit es überzeugender wirkte. Wollen wir also über unsere neuen Regeln sprechen? Die Rechte und Pflichten vom Nicht-Vater und der Nicht-Tochter, sozusagen.

Trotz meines gebrochenen Herzens fühlte ich, dass das der richtige Weg war. Annika sollte ihre Freiheiten haben, jedoch nur im erlaubten Rahmen und den bestimmten wir meistens gemeinsam. Doch Annika überraschte mich, brummte: Keine Lust”, und knallte mir die Tür vor der Nase zu. So kannte ich sie gar nicht, selbst als kleines Kind nicht. Annika war immer klar in ihren Bedürfnissen, und wir haben stets erst zusammen die Umsetzbarkeit diskutiert. War ein Plan, wie das Fliegen vom Garagendach, nicht umsetzbar, erklärte ich den Grund mit anschaulichen Youtube-Clips von Stürzen. Als Annika einmal, im ersten Schuljahr, meinte, Anton Müller wäre ihr Mann und sie wolle zu ihm ziehen, sagte ich sofort zu: Sobald das Gesetz das erlaubt, packe ich deine Sachen gerne und bring sie zu Anton. Einen Monat später hatte sie längst vergessen, dass sie umziehen wollte.

Wir haben immer alles vernünftig besprochen. Und jetzt? Plötzlich nur noch: Keine Lust und Du bist nicht mein Vater. Früher konnte Annika sogar schlüssig erklären, warum sie mal keinen Grießbrei essen wollte: Schmeckt nicht. Zu wenig Zucker und die Haut oben drauf. Klar und nachvollziehbar. Dann gibt´s halt Kuchen oder Mama macht eben einen anderen Brei.

So stand ich eine Weile vor der geschlossenen Tür, betrachtete das Holzmaserung und suchte nach Antworten. Fand aber keine und schüttelte resigniert den Kopf. Was soll’s, abwarten.

Sabine nahm die Veränderung ihrer Tochter überraschend gelassen. Sie meinte, sie hätte sich in dem Alter so benommen, dass ihr Vater am liebsten gehabt hätte, sie wäre weit weg gezogen Hauptsache weg von ihm. Sobald die Hormone sich wieder beruhigten, käme alles ins Lot. Das könne aber unterschiedlich lange dauern. Ehrlich gesagt fehlte mir Annika schon jetzt. Abends hatte ich niemanden, mit dem ich Sportschau schauen oder über Sabines Freundin Silke kichern konnte, deren Haarfarbe öfter wechselte als das Wetter in Hamburg.

Mit der Zeit kam Annika ab und zu aus ihrem Rückzug, zeigte dann aber zwischendurch ein noch aggressiveres Verhalten, sodass man sie am besten in Ruhe ließ. Den Plan dafür kannte offenbar nur sie. In Momenten, in denen sie wie früher war, freute ich mich wie ein Kind.

Mädels, wie wäre es mit einem Ausflug am Wochenende ins Grüne?, fragte ich fröhlich. Das Wetter wird super, Angeln, Zelte das wird ein Abenteuer!

Annika, gehen wir? Sabine fand die Idee gut.

Pah, niemals! Ihr könnt schön alleine eure Angeln schleppen, ihr Superangler! Zack, knallte die Tür, und wir schauten uns ratlos an. Noch vor einer Minute war Annika bester Laune, nun tobte sie.

Sie mag wohl jetzt auch kein Angeln mehr, seufzte ich.

Bis Annika eines Abends einfach nicht nach Hause kam. Keine Antwort auf Anrufe, wir hörten nichts von ihr. Wir telefonierten alle ihre Freundinnen durch, und ich, der das Herumsitzen nicht mehr aushielt, machte mich auf die Suche. Zuerst fuhr ich zu Lukas, ihr bis vor Kurzem bester Freund, von dem ich lange nichts gehört hatte.

Ich weiß nicht, wo sie ist, brummte Lukas.

Du hast doch bestimmt eine Vermutung?

Seit sie mich langweilig nannte, haben wir nicht mehr viel Kontakt, murmelte er.

Nun, sie nennt mich auch nicht mehr Vater, aber ich interessiere mich trotzdem noch für sie. Freundschaft, du weißt schon.

Ich ging Richtung Treppenhaus.

Warte Vielleicht ist sie bei Niklas.

Wer ist Niklas?

Einer aus der Parallelklasse. Aber kein besonders netter Typ. Ihnen würde wahrscheinlich nicht gefallen, was Sie da sehen.

Umso besser. Los, zeig mir, wo der Kerl wohnt.

Nee, ich komme nicht mit.

Lukas, manchmal brauchen Leute Hilfe, auch wenn sie denken, sie bräuchten keine. Du warst immer stark, lass dir von ein paar Worten nicht den Mut nehmen.

Kopfschüttelnd kam Lukas doch mit. Wir fuhren zu einer Hinterhofgarage, laute Musik war zu hören.

Wenn du Angst hast, bleib im Auto, meinte ich zu ihm.

Nein, ich hab keine Angst.

Vor einem der Garagentore hingen paar Jungs und ein Mädchen rum. Annika war nicht dabei. Ich ging näher.

Ist Annika hier?, rief ich durch den Lärm.

Suchtrupp, oder was?, witzelte einer.

Da tauchte Annika auf.

Was willst du hier?, fauchte sie.

Dich abholen.

Ich weiß den Weg nach Hause.

Sicher, aber es ist spät, und es wäre mir lieber, dich bei mir im Auto als bei der Polizei zu sehen. Also steigen Sie ein, die Herrschaft ist bestellt.

Sie schnaubte, stieg aber ein und zischte in Lukas Richtung: Verräter!

Von da an war sie immer öfter verschwunden. Tag für Tag holte ich Annika aus irgend einem Kellerclub ab, ertrug die dummen Sprüche der Jungs über ihren Privatfahrer. Doch eines Abends weigerte sie sich.

Was willst du? Lass mich in Ruhe, ich bin erwachsen! Ich geh solange raus, wie ich will!

Na, dann stelle doch mal einen Antrag im Bundestag. Die Rechte und Pflichten Minderjähriger sind klar geregelt, meinte ich trocken.

Du kannst mich mal Sie wandte sich ab.

Ist mir egal, ich bleibe hier, bis du mitkommst.

Ich wünschte, du hättest Mama nie getroffen. Es wäre besser ohne dich gewesen! raunte sie, stieg dann aber in den Wagen.

Das traf mich hart. Den ganzen Heimweg brannten mir die Augen. Sollte ich einfach aufgeben? Wer bin ich schon? Nur der Mann ihrer Mutter! Aber ich konnte sie nicht einfach alleine lassen, mit all den Fallen im Leben. Was, wenn sie fällt und keiner hilft ihr auf? Soll sie schimpfen, was sie will ich halte durch.

Als Annika und ihre Truppe ihre Treffpunkte wechselten, wusste ich oft nicht mehr, wo ich suchen sollte. Lukas riet mir noch weitere Orte, aber Annika war nie da.

Manchmal kam sie mitten in der Nacht heim. Sabines gespielte Gelassenheit schwand. Wir lagen wach und taten so, als wäre alles normal, um die Stimmung nicht kippen zu lassen.

Eines Nachts klingelte mein Handy. Lukas war dran. Herr Krüger, Annika hat angerufen, sie steckt in einer Wohnung in der Reeperbahn fest und weiß nicht raus.

Hat sie eine Hausnummer?

Nur eine Beschreibung. Ich weiß, wo das ist.

Komm, wir fahren gemeinsam.

Sabine zitterte vor Sorge. Bitte, reg dich nicht auf, ich kläre das! Bleib hier und back uns Pfannkuchen, irgendwas Süßes hilft immer bei Nachtfahrten. Und bitte, bitte lass mich nicht verhungern, wenn ich zurück bin!

Ich küsste sie, stieg ins Auto und raste zusammen mit Lukas los auch quer durch halbleere Straßen Hamburgs, und einmal hätte ich fast einen Flaschentrinker auf der Straße überfahren. Von der Reeperbahn bis zu den Seitenstraßen ging alles gut, trotz vieler Hindernisse.

An der richtigen Adresse bat ich Lukas, im Auto zu warten, in dieser Nacht traute ich der ganzen Stadt nicht.

Im Haus hörte ich Musik aus Wohnungen, Stimmen von Balkonen und unruhige Schatten, aber nichts Offenes. Die ersten beiden Stockwerke vergeblich. Doch im dritten ein Erfolg: Eine redselige, nachtschwärmende Oma kommentierte: Drei zwielichtige Wohnungen gibts hier, da wohnen nur Junkies!

Wirklich?

Natürlich, habs oft genug gesehen!

Auch wenn sie übertrieb meine Sorge wuchs.

Erste Wohnung, ein Trunkenbold mit einem gepflegten, klugen Schäferhund und einer Frau, von Leben und Schicksal gezeichnet. Zweite Wohnung: stille Nacht. Kein Laut. Doch vor der dritten Wohnung stieg Nervosität in mir auf.

Plötzlich kam eine blasse, wie eine Puppe aussehende Jugendliche heraus für einen Moment dachte ich, es wäre Annika, doch ihr starrer Blick war gespenstisch. Ich schob mich an ihr vorbei und rief in die Wohnung: Annika!

Ich stolperte durch die Zimmer, rief immer wieder nach ihr, schubste ein paar Gestalten zur Seite, stolperte über Flaschen. Da hörte ich sie hinter einer verschlossenen Badezimmertür:

Papa, Papa!

Mit Schwung riss ich die Tür auf Annika stürzte mir entgegengeschluchzt. Sie war allein dort, hatte sich nur versteckt.

Als wir herauskamen, lief mir schon die Polizei entgegen die Oma hatte angerufen, und ein Streifenwagen war gleich zur Stelle.

Wurde ihre Tochter hier festgehalten?

Ja Ich bin übrigens ihr Stiefvater.

Er ist mein Vater!, rief Annika.

Zu Hause aßen wir Sabines Pfannkuchen, ein wenig versalzen, sicher mit ein paar ihrer Tränen, aber so köstlich wie nie. Ich hielt Annika, die aufhörte zu motzen, eine kleine Ansprache: Dass ich ihr Leben nicht verlassen würde, auch wenn sie mich hinausschicken würde, weil ich sie liebe und ohne sie und ihre Mutter meine Welt leer wäre. Und dass das Leben so schwer ist ein Drahtseilakt. Aber dass jedes Fallen auch stark macht.

Sie saßen lächelnd am Tisch, Annika und Sabine, stützten ihre Wangen in die Hände. So vertraut meine Familie.

Am Ende lernte ich, dass Vatersein nicht Blut bedeutet, sondern Herz und Beharrlichkeit. Denn Liebe gibt man nicht auf. Schon gar nicht in der Pubertät.

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Homy
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Die Stieftochter
Der undankbare Stiefsohn