Liebes Tagebuch,
Heute Morgen war alles wie immer fast. Doch gleich nach dem ersten Kaffee ist mir doch tatsächlich etwas passiert, das mir seit Jahren nicht mehr passiert ist: Ich habe den Kaffee verschüttet! Fast hätte ich gelacht, wenn es nicht daran gelegen hätte, dass mich Frau Dr. Schreiber so aus dem Konzept gebracht hat. Sie hat sich mit einem lauten Das geht doch nicht! Man kann sich so was nicht gefallen lassen, Ulrike! aufgeplustert und dabei ihre Tasse so auf die Untertasse geknallt, dass der halbe Kaffee auf dem Glastisch gelandet ist. Ich stand wie versteinert daneben und habe mit einer Serviette versucht, alles schnellstmöglich aufzuwischen, denn Frau Dr. Schreiber hasst Unordnung genau wie schlechte Stimmung.
Sie hat sich schnell wieder gefasst und mir, mit ihrer rauchigen Stimme, rübergerufen: Verzeih mir, liebe Ulrike. Ich bin heute völlig neben der Spur… aber sag, wie kann ich dir helfen?
Ich konnte nur die Schultern zucken, schließlich, was kann man machen? Es ist, wie es ist sie ist eben meine Mutter. Das lasse ich so stehen, auch wenn mir Frau Dr. Schreiber widerspricht: Aber du, du hast diesen Jungen all die Jahre großgezogen! Du hast dich selber nie in den Vordergrund drängen lassen, und jetzt? Jetzt sollst du plötzlich zur Seite rücken? Hat Max überhaupt schon davon erfahren?
Nein, er weiß nichts, murmelte ich. Ich wollte ihn nicht beunruhigen. Studium, Prüfungen, Arbeit das reicht doch schon!
Frau Dr. Schreiber seufzte und nickte langsam. Ulrike, ich sage es nicht gern, aber es wird Zeit für dich, Grenzen zu setzen. Du musst auch an dich denken und an Max. Du bist wundervoll, das weiß ich seit dem ersten Tag, als du bei uns im Büro angefangen hast.
Mir wurde warm ums Herz, und ich versprach, darüber nachzudenken. Aber in Wahrheit schob ich ihre Worte nur auf später. Arbeit gibt es genug, und private Sorgen, die warte ich mittlerweile abends regelmäßig auf mich zu Hause. Seit Elisabeth, meine Schwester, vor einigen Wochen wieder in die Heimat nach Hannover gezogen ist, habe ich wirklich keine Lust mehr, nach Haue zu fahren. Im Büro bin ich sicher vor Vorwürfen.
Dabei war ich immer das Nesthäkchen. Nach Ulrike hat anfangs niemand wirklich gefragt, geboren bin ich eher aus einer Mischung aus Unsicherheit und einfach einer damals schlechten Zeit. Meine Mutter, Irmgard, lag eine Woche wach und wusste nicht, was sie tun sollte. Sie hatte schon zwei Kinder, Elisabeth und Ludwig, und jetzt noch eins? Aber eines Nachts, als sie das Weinen des Nachbarkindes durch das dünne Mauerwerk dringen hörte, traf sie ihre Entscheidung. Als ich dann pünktlich kam, war die Überraschung groß vor allem, weil ich so anders war als meine Geschwister: dunkle Augen, ruhiges Gemüt und immer zurückhaltend. Elisabeth und Ludwig waren platinblonde Krausköpfe, laut und temperamentvoll, wie Vater. Aber ich? Ich war eindeutig Mamas Tochter innerlich wie äußerlich.
Seither nannte mich niemand mehr Ulrike, sondern immer nur Ulrilein. Mein voller Name blieb ein Eintrag im Ausweis. Und obwohl uns die Geburt zu einer größeren Wohnung verhalf, blieb ich das fünfte Rad am Wagen. Die Großen wollten nicht mit mir spielen, und mir reichte schon dabei sitzen zu dürfen. Im Kindergarten wurde schnell klar, dass ich jedes Butterbrot, jeden Saft für einen schiefen Blick hergegeben hätte. Meine Mutter merkte viel zu spät, dass ich hungrig und blass war, bis die Schwester im Kindergarten darauf bestand, mich im Auge zu behalten. Von da an saß ich bei ihr und aß brav alles auf.
Im Kindergarten habe ich vor allem Frau Weber ins Herz geschlossen, die schwer allein war sie hatte keine eigenen Kinder und kam im Heim besser klar als daheim bei ihrem Mann. Ich umarmte sie zum Abschied jeden Tag und meine Mutter rügte mich dafür: Mensch Kind, bist du von Sinnen? Du bist so ein Gutmensch
Auch später, in der Schule, blieb ich diejenige, die nie Nein sagen konnte. Ich half bei den Hausaufgaben, lieh die neuen Filzstifte gern aus zum Verdruss meiner Mutter, die mir später eine Szene machte, weil die Stifte nicht zurückkamen. Trotzdem schloss ich mein Abitur mit Auszeichnung ab zu Max Bewunderung. Er war nach Ludwig der zweite, der die Schule schmiss und eine Ausbildung suchte.
Nach dem Tod meines Vaters, irgendwann wurde meine Mutter krank, fiel die Organisation des Haushalts auf mich zurück. Ludwig war längst verheiratet und lebte seit Jahren in Freiburg, Elisabeth tauchte nur zu Geburtstagen auf. Es wurde zur Selbstverständlichkeit, dass ich alle Pflege übernahm. Hätte ich nicht meine Freundin Barbara gehabt sie wurde für mich zur zweiten Mutter , wäre manches vielleicht noch schwerer gewesen.
Meiner Mutter schien meine Freundlichkeit nie zu gefallen. Warum lachst du immer so? Es gibt keinen Grund zum Lächeln!, hörte ich oft. Ich hab dann doch einfach weiter freundlich geblieben, auch wenn ich im Stillen heulte, wenn ich Vaters zerknitterte Hände hielt und er nicht mehr sprechen konnte.
Als meine Mutter nach dem Tod meines Vaters auch noch fünf Jahre kränker wurde, waren Ludwig und Elisabeth immer nur abschnittsweise da. Ludwig schickte eine Überweisung aus Freiburg, meinte aber, er hätte mit Familie selbst genug Sorgen, Elisabeth kam alle paar Wochen mit einer Liste an Kritikpunkten: Warum ist die Wäsche nicht frisch? Wieso ist es hier nicht sauber? Ich nickte immer nur noch stumm, war zermürbt und schlief kaum noch.
Barbara, die mich nie im Stich ließ, reiste regelmäßig an, sobald sie hörte, meine Mutter liege ganz flach. Sie brachte Streuselkuchen, umarmte mich und sagte: Du lässt dir das alles viel zu sehr gefallen, Ulrike.
Was soll ich machen? Die Mutter will nur, dass es ihr gut geht. Streit hilft doch nicht , flüsterte ich. Hauptsache, sie konnte in Ruhe gehen, sagte ich mir immer.
Als meine Mutter dann doch friedlich einschlief, wussten alle sofort, worum es nun ging: Das Erbe. Schon beim Leichenschmaus stritt meine Schwester, wem was zusteht, Ludwig saß dabei, verschlossen wie immer. Barbara wurde laut: Ist euch eigentlich noch was anderes wichtig? Ich ging auch weil ich das nicht mehr hören konnte.
Es dauerte nicht lange, da zog ich in eine kleine, günstige Ein-Zimmer-Wohnung im Norden von Hannover. Ich atmete nach Jahren erstmals richtig durch, kaufte prompt Zugtickets und überredete Barbara zu einer Reise an die Ostsee. In Timmendorfer Strand verbrachten wir zwei Wochen geborgene, leichte Zeit, an die ich noch heute oft denke.
Dann aber, zurück daheim, diese Notiz im Briefkasten: Elisabeth. Ich fuhr zu ihr, und im Wohnzimmer herrschte Chaos. Sie war völlig außer sich: Er ist weg, hat mich verlassen! Ich kümmerte mich um Max, ihren kleinen Sohn, der mucksmäuschenstill in einer Ecke kauerte. Still setzte ich mich zu ihm und fütterte ihn. Elisabeth weinte immer lauter, warf ihrem Mann alles Mögliche vor, aber ich blieb bei Max und streichelte leise seine Haare. Sie wollte sich gar nicht um ihn kümmern, ließ ihn einfach mit mir zurück. Nach ein paar Monaten rief sie an und sagte, sie gehe nach München das Zusammenleben mit dem Ex sei unmöglich.
Max blieb also einfach bei mir. Elisabeth besuchte ihn anfangs, aber bald war auch das vorbei. Sie schrieb dann, sie habe dort einen neuen Partner gefunden und bekomme wieder ein Kind. Ich nahm Kontakt zum Vater von Max auf, organisierte regelmäßige Treffen entgegen Elisabeths Willen, aber ich fand das richtig. Max gewöhnte sich an all das, hatte nun sogar Halbgeschwister.
Ich konzentrierte mich schließlich auf Max, suchte Sportvereine, Musikschule, förderte ihn, wo ich konnte. Er nannte mich Mama Ulli, und das war Wärme und Trost nach dieser langen Zeit.
Mit Ludwig und Elisabeth habe ich den Kontakt gehalten meistens war es einseitig, von mir aus. Sie antworteten selten, kamen kaum zu Besuch. Nach wieder ein paar Jahren, da hatte ich soviel gespart, dass ich meine Einzimmerwohnung gegen eine Dreizimmerwohnung tauschen konnte. Max freute sich über sein eigenes Zimmer so viel Platz hatten wir noch nie.
Bist du glücklich, Mama Ulli?, hat Max gefragt, als er sich die Zimmer ansah.
Solange du hier bist, ja. Das ist alles, was zählt, habe ich geantwortet.
Max machte sein Abitur und wollte in Hannover Medizin studieren seine Mutter bot ihm auch kein Zuhause mehr an. Ich unterstützte ihn, buchte die besten Nachhilfelehrer, und sein Traum ging wirklich in Erfüllung.
Seine Freundin, Friederike, brachte er dann im dritten Jahr nach Hause. Ein gutes Mädchen, sagte ich, als ich sie umarmte. Elisabeth fand sie arrogant, meinte, Max werde noch ein böses Erwachen erleben. Ich habe Friederike nie als arrogant erlebt, sondern als herzlich, hilfsbereit, engagiert im Seniorenheim alles, was ich selbst geschätzt habe.
Als Max und Friederike heirateten, war Elisabeth auf der Hochzeit, wetterte und stichelte, rauschte dann am Tag drauf wütend ab und versprach, nicht wiederzukommen. Für ein paar Wochen hielt sie das Versprechen, dann stand sie wieder mit Koffern vor unserer Wohnungstür: Ich bleibe ein paar Tage. Ich war besorgt sie hatte sich mit ihrem Mann endgültig verkracht. Die Kinder waren beim Vater geblieben, sie hatte alles Geld von der Erbschaft längst ausgegeben und stand nun da. Du kannst ja mich nicht einfach rauswerfen!, sagte sie, und ich ließ sie bleiben, aber schon bald ging das Leben im neuen Chaos weiter. Friederike und Max zogen sich immer öfter zurück, ich erkannte mich selbst kaum wieder meine Kräfte reichten auf einmal nicht mehr.
An einem besonders harten Arbeitstag war ich so durcheinander, dass ich Frau Dr. Schreiber Salz statt Zucker in den Kaffee rührte. Sie sah sofort, dass ich kaputt war und ich erzählte ihr alles. Ab da reifte mein Entschluss ich musste mich wehren.
Am nächsten Abend kam ich pünktlich von der Arbeit und hörte schon im Flur Streit. Elisabeth schrie, Sönke, mein Enkel, weinte jämmerlich. Friederike wiegte das Kind im Arm, am Boden lag eine zerbrochene Vase. Ich fragte ganz ruhig, was passiert sei. Elisabeth tobte noch, aber ich unterbrach sie: Du packst jetzt deine Sachen. Du kannst bleiben, solange Max es will, aber nicht gegen sein Zuhause. Und nicht auf Kosten von Friederike. Jetzt reichts.
Max kam dazu, stand zu mir. Er blieb ruhig, betrachtete Elisabeth lange und sagte: Du bist meine Mutter, aber alles, was Familie bedeutet, ist hier: Ulrike, Friederike, Sönke.
Elisabeth, baff, fasste sich, packte und fuhr zu Ludwig ins Allgäu.
Als Friederike mit zitternden Händen mir eröffnete, dass sie wieder schwanger ist, brach es einfach aus mir heraus: Das ist wunderbar! Mehr Familie für uns alle mehr Liebe im Haus!
Jetzt sitze ich hier, das Essen längst kalt, und merke, wie müde ich bin. Im Flur höre ich Lachen Max, Friederike und Sönke. Ich blicke nach draußen auf die funkelnden Lichter in den Hochhäusern in Hannover und weiß: Hinter jedem Fenster lebt ein anderes Schicksal. Und trotzdem fühlt sich meines gerade ziemlich vollkommen an. Mein Glück ja, das schnauft und schläft und lacht im nächsten Zimmer.
Danke, Barbara, danke, dass du mir beigebracht hast, dass man auch einmal an sich denken darf. Und danke, dass ich gelernt habe: Für andere da zu sein, ist kein Fehler. Es macht mich Ulrilein aus.
Leise flüstere ich in die Nacht: Pass auf meine Lieben auf.
Und dann schließe ich das Fenster und gehe schlafen.
UlrikeAm nächsten Morgen, als das erste Licht durch die Vorhänge fiel, setze ich mich mit einer Tasse Kaffee ans Fenster. Diesmal halte ich sie fest in beiden Händen. Ein leichter Wind trägt den Duft von frischem Brot von der Bäckerei unten herauf. Draußen beginnt die Stadt zu erwachen Autos, Fahrräder, vereinzelte Stimmen auf dem Gehweg. Alles wirkt ruhig, friedlich.
Ich spüre einen Moment lang diese stille Dankbarkeit, die sich langsam in mir ausbreitet. In all den Jahren habe ich vieles getragen, vieles losgelassen, manches verloren. Doch heute, da werfe ich einen letzten, liebevollen Blick auf das Leben, das ich mitgestaltet habe all die Fäden, die mich mit anderen verbinden, behutsam geknüpft, manchmal zerfasert, aber doch nie wirklich gerissen.
Die Tür zum Wohnzimmer geht leise auf, Sönke tapst mir im Schlafanzug entgegen und flüstert verschlafen: Hab dich lieb, Mama Ulli. Ichziehe ihn zu mir auf den Schoß, spüre seine Wärme, dieses kleine Gewicht, und weiß: Das ist mein Zuhause geworden. Nicht die Adresse, nicht die Möbel sondern Herz an Herz, Wort für Wort, Tag für Tag.
Unter uns erwacht Hannover, und oben, in unserer kleinen Welt, ist alles gut. Vielleicht nicht perfekt, aber endlich genug.
Und so beginne ich den neuen Tag mit leiser Zuversicht und dem Gefühl, dass das Glück, das ich gesucht habe, längst bei mir wohnt.





