Siebzehn Socken – Eine ungewöhnliche Geschichte aus dem Alltag einer deutschen Familie

Siebzehn Socken

Inmitten einer seltsam nebeligen Schwabenlandschaft saß Karla am Massivholz-Esstisch und tauchte ihren Löffel langsam in eine Schüssel dampfenden Linseneintopf. Der Dampf kringelte sich als Spirale an ihrer Brille vorbei, und auf der anderen Seite des Tisches, hinter der abblätternden Tageszeitung, verschmolz Heikos bleiches Gesicht mit dem Display seines Smartphones zu einer Art Flachbildschirm in Menschenform.

Schon wieder versalzen, brummelte er, ohne den Blick zu heben. Jedes Wort tropfte herab wie Salz aus einem überfüllten Streuer. Du stellst jedes Mal was anderes an, oder?

Ich koche nach Rezept, seit zwanzig Jahren, Heiko, flüsterte Karla, aber ihr Flüstern war nur ein leiser Windstoß im Herbstlaub.

Genau das ist das Problem. Immer das gleiche. Vielleicht solltest du mal was ändern?

Vorsicht, die Löffelablage darf kein Geräusch machen, dachte Karla. Sonst heißt es wieder: Ich wäre hysterisch. Ihre Bewegungen wurden klein und unauffällig, wie Schatten, die unter die Fußleiste kriechen, wenn Licht anknipst wird.

Heiko hatte schon Routine, sein überbleibendes Essen in die Spüle zu schwappen, aber nie den Wasserhahn zu drehen. Der Rest des Tages tropfte in die Spüle, unangetastet.

Karla betrachtete seine Schultern, als seien sie die letzten Felsen an der Nordsee, klamm und verwittert, an die man sich besser nicht lehnt. Dies war ein Dienstag im dritten Stock eines Wohnblocks in Stuttgart-Wangen, groß mit drei Zimmern, Eichenparkett, bodentiefen Fenstern, vollgestellt mit dem, was Heiko für Stil hielt. Besuchern prahlte er gern: Alles selbst ausgesucht. Karla wusste: Ein falsches Wort, und sie erhielte später eine Rüge. Die Etikette lag wie ein schweres Landbrot auf ihren Schultern.

Sie war zweiundfünfzig, er sechsundfünfzig. Sie hatten sich im metallenen Dunst der frühen Neunziger in einer Maschinenfabrik zwischen Fließbändern gefunden. Damals war alles anders oder? Heiko trug ihre Kaffeetasse, spielte den Charmeur, lachte viel zu laut. Vielleicht auch nur, weil er Eindruck schinden wollte. Karla hatte längst aufgehört, diese Frage zu stellen. Die Antworten verdampften wie das Wasser in ihren Kochtöpfen.

Jetzt war Heiko kaufmännischer Leiter einer mittelgroßen Baufirma, Baumeister & Partner. Verdiente ordentlich. Karla war Buchhalterin in einer Stuttgarter Klinik. Auch beständig, aber Heikos Gehalt galt als das einzig Wahre im Haus. Ihre Euros verschwanden für Lebensmittel, Strom, Krimskrams Heikos Geld war echt. Nicht, weil er es verboten hätte. Es war einfach so. Seins wurde für Dinge ausgegeben, die Gewicht haben. Ihres war zum Versickern da.

Dass er das hin und wieder betonte, war Teil des Inventars: Von deinem Geld kann man höchstens Brot kaufen. Seine Stimme: nüchtern, sachlich, nie beleidigend angeblich.

Auch das Thema Kinder war wie ein Keller voller Spinnweben so oft besprochen, dass es keiner mehr wagte, nachzusehen. Zu schmerzlich, zu viele Dinge, die sich nicht aussprechen lassen.

Schwiegermutter Margarete wohnte mit ihrem ewigen Schlüssel nur einen Straßenbahnabschnitt weiter und trat stets unverhofft ein, die Brille vorschiebend, als suche sie Fehler im Staub. Karla, hier, auf dem Regal! Staub!, schnarrte sie wie eine Kuckucksuhr. Gestern habe ich geputzt, antwortete Karla sanft, aber es zählte nie.

Heiko saß dann im Sessel, die Tagesschau murmelnd, Partei ergreifend durch Schweigen. Nie bat er seine Mutter um Ruhe, weil so ist es bequemer. Ist die Mutter zufrieden, ist die Ehefrau stumm, kann er sich in sein Schneckenhaus zurückziehen.

Karla nannte das früher Heikos Schwäche, später nannte sie es gar nicht mehr, sondern zog die Schultern hoch.

Heikos Socken tauchten überall auf. Vor dem Fernseher, unter dem Tisch, einmal entdeckte sie einen auf der Balkonbank neben Geranien fragte aber nicht mehr. Socken gehörten zum Inventar wie der Kieselsteinteppich. Stilles Arrangieren. Alles, was sie tat, floss in die Stille: putzen, waschen, kochen, schleppen.

Du gehst doch eh an den Einkaufsläden vorbei, meinte Heiko, wenn sie Taschen trug. Tatsächlich ging sie vorbei.

Dann wurde in der Klinik ein Jubiläum gefeiert, und die Mitarbeiter mussten bei einer Medizin-Quizshow mitmachen. Karla gewann einen Spa-Gutschein über zwei Hundert Euro. Sie trug ihn ein schimmerndes Stück Wohlgefühl in die Wohnung, fast so, als ob sie tatsächlich willkommen wäre.

Heiko drehte den Schein in der Hand. Mama klagt über Rückenschmerzen. Gib ihr das.

Heiko, das ist meiner

Wozu brauchst du das? Du hast eh genug zu tun. Mama hat mehr davon. Margarete kam am nächsten Tag, nahm den Schein, murmelte ein Dank an ihren Sohn. Zu Karla kein Wort.

Karla saß danach lange auf der Küchenbank, starrte auf den Hof, wo schon die Bäume die Blätter verloren. Sie wunderte sich, dass sie nicht weinte. Vielleicht, weil sie nichts anderes erwartet hatte. Das Kratzen im Herzen war Gewohnheit wie der Fernseherlärm nebenan.

Dann war da dieser Tag mit dem Socken.

Beim Staubsaugen unter dem Sofa ein grauer Baumwollsocke, alleine. Sie hielt ihn wie einen fremden Fundgegenstand in der Hand, studierte seine Form, als sei er eine Muschel, angeschwemmt aus fernen Zeiten. Irgendetwas drehte sich langsam in ihr ein alter Schlüssel, der sich endlich ins Schloss schob.

Statt ihn zu waschen, ging sie in den Abstellraum. Holte eine alte Schuhkartonkiste, legte den Socken hinein und verschloss ihn mit einer seltsamen Ruhe.

Heiko schaute Fußball. Sie brachte ihm Tee, er dankte nicht. Sie zog sich zurück und dachte. Bis tief in die Nacht. Überlegte, wie sie das Unsichtbare sichtbar machen könnte. Bald würde der neue Geschäftsführer von Baumeister & Partner, Herr Dr. Buchenau mit Ehefrau, zu Besuch kommen. Alles hing davon ab: die Beförderung, das Image der perfekten Familie. Heiko instruierte sie: Frisur, Kleid schweig lieber, deck nur ordentlich den Tisch. Mama kommt, die kann sich am besten benehmen.

Karla lächelte geübt, als sie nickte. Wie ein Windspiel, das sich immer in Lauerstellung hält.

Doch in jener Nacht formte sich ein Traum im Kopf. Ein Traum, der Logik und Schwerkraft aushebelte. Sie besorgte am nächsten Tag Einmachgläser mit Deckel, kleine Kärtchen, ein billiges Diktiergerät und ein Stück dunkelgrünen Samt. All das verstaute sie unauffällig in der Kammer. Heiko achtete nur auf Lebensmittel. Den Rest sah er nicht.

Das Gerät wanderte in ihre Schürzentasche. Sie zeichnete Heikos Bemerkungen auf, immer wenn das Unbehagen sie heimlich anstieß.

Am dritten Tag entstand die erste Aufnahme: “Wie immer zu trocken”, schnaubte Heiko, als sie ihm Hähnchen servierte. Du solltest wirklich mal was anderes versuchen. Karla drückte auf Aufnahme, noch bevor die Kritik fiel.

Die Socken wanderten in die Gläser, einzeln, als schwebten sie in formalinartigen Erinnerungen. Bald begann Karla, die Gläser zu etikettieren: Datum und das Zitat des Tages, feierlich notiert auf einem kleinen Schildchen.

Warum jammerst du eigentlich, Karla? Sei froh, dass du einen Mann und ein Dach überm Kopf hast.

Oder: Meine Mutter hat immer gesagt, du bist ungeschickt und jetzt weiß ich wieso.

Sätze, die sie nachts oft wieder und wieder durchkaute. Nun verwandelte sie sie in Ausstellungsexponate.

Nachts schob sie die Gläser auf winzige Samtpodeste, die sie selbst gebastelt hatte. Sie stellte kleine Lampen auf, die sie gebraucht im Internet erstanden hatte. Traumhaftes Licht tanzte durch das Glas, so als würde jedes Gefäß sein eigenes Geheimnis atmen.

Heiko bemerkte nichts. Er bemerkte selten etwas. Hauptsache, das Abendbrot war da, die Fenster sauber.

Als ihre Kollegin Sabine sie eines Tages fragte: Du wirkst verändert. Woran denkst du dauernd?, sagte Karla nur: Daran, wie ich weitermachen soll.

Zweimal in der Woche telefonierte sie mit Inken, ihrer alten Freundin, die nun in Hamburg lebte und behauptete, das Alleinsein sei ein Geschenk, kein Mangel.

An einem trüben Donnerstagabend erklärte Karla: Inken, ich brauche deine Hilfe. Ich ziehe aus. Wohnung auf der Uhlandstraße, einen Monat gezahlt. Komm am fünfzehnten, ich packe vorher alles.

Inken schwieg kurz, dann: Ich komme. Sag, was ich mitbringen soll. Nur dich. Und eine Portion Mut.

Am nächsten Tag zählte Karla die Gläser: neun.

Über das Internet fand sie eine Anwältin, Dr. Miriam Holtz, resolut, sachlich, akkurat. Karla erklärte in der Mittagspause alles: Die Wohnung ist gemeinsames Eigentum, aber ich verlange nichts. Ich will nur gehen.

Sind Sie sicher? Ja.

Die Anwältin nickte: Wir reichen die Scheidung ein. Fünfzehnter passt?

Ja.

Als Karla zurück in der Sonne zum Bus schlenderte, kam nur leises Herzklopfen auf, kein Angstschweiß, keine Panik. Nur der Gedanke: Wasser kaufen nicht vergessen.

Heiko lobte ihren Fisch an diesem Abend bloß mit Kann man essen. Das war das Höchste seiner Skala.

Kurz und unmissverständlich, alles vorbereitet: Heiko wünschte sich, dass der große Abend ein Meisterwerk werde. Bitte besteck ordentlich, nimm die gute Tischdecke aus Dänemark. Und nicht dieses blaue Kleid, das macht dich dick.

Karla schickte Inken eine letzte SMS: Achtzehnter, abends. Sachen stehen bereit.

Die Tage verschwammen in den Dämpfen der Vorbereitung Quartalsabschluss im Büro, Entenbraten besorgen, die Gläser anrichten. Dreizehn Stück zählte sie am Vorabend. Die Karteikärtchen ordnete sie säuberlich, manche fett gedruckt: die verletzendsten Sprüche.

Der Spa-Gutschein lag eingerahmt in einer gläsernen Schachtel wie ein Museumsstück. Darunter ein winziges Etikett: Ein Geschenk, das ich angeblich nie verdient habe.

Die Lampen baute sie so auf, dass jedes Glas im sanften Licht zu schweben schien. Dann verhüllte sie die Installation mit einer altmodischen Wohndecke und wartete.

Am besagten Abend trug Karla ein rotes Kleid, das sie sich vor Monaten gegönnt und noch nie getragen hatte. Heiko, im neuen Sakko, stutzte beim Anblick.

Was ist das denn für ein Kleid?

Neu.

Rot.

Ja.

Er murmelte etwas Unklares und verschwand.

Dr. Buchenau und seine Frau, Marlis, kamen pünktlich, mit einem Strauß Chrysanthemen.

Heiko wurde zum Gastgeber, als ob er fließend Smalltalk atmete. Margarete saß steif am Tisch und musterte Karla, die schweigend servierte und ein pflichtschuldiges Lächeln auffächerte.

Nach dem Essen erhob sich Karla: Darf ich Ihnen eine kleine Ausstellung zeigen? Sie ist auf ihre Art unserem Zusammenleben gewidmet.

Der Raum war traumartig weich beleuchtet. Sie zog die Decke weg. Siebzehn Gläser, jedes auf Samt. In jedem einzelnen: ein Socken, daneben die Zitate. Die großen Sprüche hingen als Schriftzüge an der Wand.

Fasziniert beugte sich Marlis vor. Dr. Buchenau las. Margarete stand wie festgewachsen am Rand.

Karla nahm den kleinen Fernbedienungsstein und drückte: Aus der Lautsprecherbox erklang Heikos Stimme:

Du bist nie zufrieden, Karla. Sei dankbar für Haus und Mann.

Schon wieder versalzen Das sag ich, das stimmt.

Das Wort Aushalten. Wenigstens ists sauber und das Essen steht auf dem Herd.

Die Stimmen verklangen, und die Stille tropfte von der Decke wie Kondenswasser.

Dr. Buchenau richtete sich auf, maß Heiko kühl. Ich lege Wert auf Integrität. Mit Männern, die so mit ihrer Frau sprechen, arbeite ich nicht zusammen.

Er trat zu Karla: Vielen Dank. Die Ente war hervorragend.

Marlis Blick verweilte mit einer Mischung aus Zustimmung und Traurigkeit auf Karla. Dann gingen sie, leise, und hinterließen nur einen sanften Luftzug.

Margarete, bleich, wollte zu einer Predigt ansetzen. Doch nun erklang ein letztes Tonstück aus dem Lautsprecher ein Gespräch Heikos, von dem Karla selbst lange nur die Hälfte gehört hatte:

Meinst du, ich halte meine Mutter noch aus? Aber ohne sie: keine, die kocht und putzt. Weder Frau noch Mutter können was anständiges auf den Tisch bringen!

Margarete erstarrte. Sie legte ihren Schlüssel auf das Eichenbrettchen im Flur und ging, ganz ohne Tamtam.

Karla stand nun alleine mit den Gläsern. Ein seltsames, windiges Gefühl mäandernd wie Nebelschatten. Sie nahm einen Socken, hielt ihn hoch, betrachtete die Fäden, setzte ihn wieder hinein.

Heiko, das Gesicht wutrot, knurrte: Was glaubst du, was du getan hast? Das ist Verrat! Wahnsinn!

Das sind deine Socken und deine Worte, Heiko. Nicht meine.

Heimlich aufgenommen, das verbietet das Gesetz!

Frag einen Anwalt.

Sie betrachtete ihn, erinnerte sich unscharf an den jungen Mann von früher, in einem Kariert-Schal, der ewigwitzige Witze machte. Wer war das? Vielleicht nur eine Gestalt aus einem anderen Traum.

Ich habe vor drei Tagen die Scheidung eingereicht. Meine Sachen sind schon weg. Deinen eigenen Schlüssel suchst du vergebens. Ich hatte nie einen.

Sie nahm ihre kleine, türkisfarbene Tasche, öffnete die Wohnungstür.

Ente ist fertig. Die Küche bleibt dreckig. Ab heute nicht mehr mein Problem.

Die Tür schloss sie ruhig. Ein seltsamer Duft von Lorbeer und Zitrone lag im Treppenhaus. Der Fahrstuhl summte herbei wie ein Traumtier, das sie zum Ausgang führte.

Draußen, Stuttgart im Spätsommerregen: warme Luft, Leute am Neckar, ein Hund hüpfte durch eine Pfütze. Keine Menschenseele beachtete eine Frau im roten Kleid mit leiser Tasche. Niemand ahnte, dass in einem einzigen Wohnblock gerade 23 Jahre zu Ende gegangen waren.

Karla schlenderte, als ob der Asphalt unter ihren Schritten neu nachgab. Alles war unbekannt: die Unruhe, das Zittern, das kleine Glück, selbst ans Licht zu treten.

Inken rief an: Wo bist du?

Auf dem Weg.

Wohin?

Erstmal weiter. Dann seh ich weiter.

Kurze Pause. Ich bring Wein.

Ja, aber heute in der neuen Wohnung.

Verstanden. Uhlandstraße. Bin in zwanzig Minuten da. Das Gespräch versickerte in einer Pfütze am Bordstein.

Karla wartete an der Ampel, ein Mann mit Dackel starrte ihr rotes Kleid unverwandt an, wie in einem Traum, in dem der Hund plötzlich Französisch sprechen könnte, wenn man nur länger hinsieht.

Irgendwo, in einem Baukasten aus Glas, Licht und Bitterkeit stand Heiko mittendrin. Seine Welt aus Socken und Linsensuppe.

Karla ging weiter. Der Abend roch nach Herbst, nach feuchtem Asphalt, nach Mohnkuchen aus einem fremden Fenster. Alles fremd und alles ihrs.

Was morgen kommt, wusste sie nicht. Nicht, ob sie es bereuen würde. Nicht, ob sie je Heikos Stimme vermisste. Nicht, wie es wäre, am Sonntag Brötchen nur für sich zu holen. Aber eines wusste sie: Der leere Zettel vor ihr den würde nur sie selbst beschreiben.

Inken, murmelte sie in den schwäbischen Herbstwind, ich komm nach Hause.

Der Klang ihrer Absätze hallte über den Traum der Stadt: einmal, zweimal, dreimal. Der Auftakt für ein Leben aus eigenem Ruß und eigenem Glanz, irgendwo zwischen einem fremden Gebäckduft und einem Versprechen von noch ungerührtem Wein.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Siebzehn Socken – Eine ungewöhnliche Geschichte aus dem Alltag einer deutschen Familie
Acht Jahre habe ich meine Enkel gehütet – keinen Cent dafür bekommen… und gestern sagten sie, sie mö…