Na, meine Tochter, wie gehts dir? Und deinem Sohn? Übrigens, hast du schon einen Namen für ihn ausgesucht?
Er hat keinen Namen. Sollen die neuen Eltern ihm später einen geben, wie sie wollen. Ich werde ihn abgeben, Mama Ich gebe ihn ab Niemand braucht uns, wir sind ganz allein auf dieser großen, weiten Welt.
Friederike, soll ich Ihnen Ihr Baby zum Stillen bringen?
Nein, ich habe doch schon gesagt, ich schreibe die Abgabe.
Die Schwester schüttelte den Kopf und ging hinaus. Friederike drehte sich zur Wand und fing an zu weinen. Die anderen Mütter im Zimmer sahen sich an, zuckten die Achseln und fütterten weiter ihre kleinen Geräuschemacher.
Friederike war in der Nacht gekommen, alles ging ruckzuck. Ein Junge, dreieinhalb Kilo, gesund und schön. Ein kurzer Blick auf ihn, und prompt liefen Friederike die Tränen nur fehlte dabei eindeutig die Freude.
Alles bestens, warum flennen Sie denn? Ein strammer Junge, wirklich. Hätten Sie lieber ein Mädchen gehabt? Tja, dann kommen Sie halt beim nächsten Mal für ein Mädchen wieder.
Ich lasse ihn hier Ich nehme ihn nicht mit.
Mensch, was ist denn das für eine Ausrede? Denk nochmal drüber nach. Das ist dein Kind, das lässt du doch nicht einfach so gehen!
Ihre Zimmernachbarin Miriam saß im Besucherflur auf einer Bank, zusammen mit ihrem Mann, und erzählte, wie lustig ihre Tochter immer mit der Nase zuckt. Sie lachten herzlich. Da kam eine Frau mit einer Tüte herein und bat, Friederike zu holen.
Miriam holte Friederike aus dem Zimmer.
Na, Kindchen, wie geht es dir? Und deinem Sohn? Hast du schon einen Namen?
Hat er nicht. Sollen die neuen Eltern später machen, wie sie wollen. Ich lasse ihn hier, Mama Niemand braucht uns, wir sind komplett allein.
Friederike bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und weinte. Miriam verabschiedete sich schnell von ihrem Mann und verschwand ein bisschen zu viel Drama am frühen Morgen.
Du bist nicht allein, Kind, ich bin doch da. Und Wilhelm ist ein Dussel, was soll man dazu noch sagen? Diese blöde Affäre von ihm hat ihm doch nur Blödsinn eingeredet, das sei nicht sein Kind, du hättest es irgendwo aufgerissen da ist er ausgeflippt! Aber irgendwann versteht er es schon noch. Ich habe dir übrigens was zu essen mitgebracht. Für die Milch, weißt du? Und nenn den Jungen ruhig Sebastian.
Friederike steckte das Päckchen einfach in ihren Nachttisch. Kinderstimmen hallten über den Flur. Sie ging hinaus.
Ist das meiner?
Ja, deiner.
Ich würde ihn doch gern stillen.
Die Schwester stand auf und brachte ihr das Kind. Der Kleine schrie, das ganze Gesicht knallrot.
Komm schon, Prinschen, nicht so laut. Gleich gibts was zu essen.
Friederike setzte unbeholfen an, die andere Mutter half ihr. Schon war Ruhe, und der kleine Sebastian schmatzte leise drauflos. Friederike lächelte so ein süßes, lustiges Kerlchen.
Fortan brachte man ihr Sebastian zu jeder Mahlzeit. Friederike betrachtete ihn gern: das Stupsnäschen und diese gerunzelten Brauen.
Sag mal, war das eben deine Mutter bei dir? Nette Frau, echt.
Nee, das war meine Schwiegermutter. Meine Mama ist gestorben, als ich noch ein Kind war. Vater war dauer-unterwegs, hat mich meine Tante großgezogen. Dann hab ich geheiratet, bin mit meinem Mann zusammengezogen. Es lief gut bis er sich diese Affäre anlachte.
Jetzt ist er weg und kennt mich nicht mehr. Ich war komplett durch den Wind und dann gings plötzlich mit der Geburt los.
Und was machst du jetzt mit dem Kind?
Meine Schwiegermutter will, dass ich bei ihr einziehe. Sie ist allein, ihr Mann ist tot, Sohn ist auch fort ausgerechnet mein. Sie ist wirklich nett, immer gut zu mir gewesen.
Zieh ruhig zu ihr. Sie freut sich auf das Enkelchen und hilft dir bestimmt. Und der Gatte kommt schon irgendwann angekrochen.
Genau das tat Friederike. Erika, die Schwiegermutter, war begeistert vom Enkelkind und half überall mit.
Als Sebastian einen Monat alt war, stand plötzlich Wilhelm vor der Tür. Friederike war gerade zum Supermarkt.
Mama, ich geh mit Kathrin zum Arbeiten nach Österreich. Hab hier kurz vorbei geschaut zum Tschüss sagen. Ach ja und könntest du mir etwas Geld leihen, was immer du entbehren kannst?
Schön wärs. Du hast deine Frau schwanger sitzenlassen, du Dussel, beinahe hätte sie das Kind im Krankenhaus gelassen Tja, hättsen Vater noch gegeben, der hätte dir den Hosenboden versohlt. Von mir gibts kein Geld das braucht mein Enkel viel dringender. Geh arbeiten.
Da fing Sebastian zu schreien an, Erika hastete zum Bettchen.
Schau an, nicht mal zu deinem Sohn schweifst du? Ganz der Papa.
Was denn, das ist doch gar nicht mein Sohn Friederike hat sich den angelacht, was soll ich mit Fremden?
O Mann, bist du wirklich so beschränkt, Wilhelm? Los, mach dich vom Acker!
Erika ging in Rente, stattdessen übernahm Friederike den Job. Sebastian kam in die Kita. Zu dritt wohnten sie jetzt zusammen wie eine kleine WG.
Erika, willst du deine Schwiegertochter also gar nicht mehr loswerden? Normal hat doch die Schwiegermutter Vorrang, den Sohn hätte ich aber nicht rausgeschmissen.
Ach, Friederike ist für mich wichtiger als mein Sohn, und mein Enkel ist sowieso das Beste, was mir je passiert ist. Für die beiden lebe ich, Klaudia. Und du solltest dir deinen Spruch sparen.
Die Nachbarin Klaudia schnaubte und verschwand wieder. Sie verstand die Erika nie ihr Söhnchen hätte immer an erster Stelle gestanden. So ist das mit dem Leben.
Nur, seit einiger Zeit wunderte sich Erika, dass Friederike sich herausputzte und abends viel unterwegs war.
Friederike, wie heißt er denn?
Wer, Mama?
Der, zu dem du abends läufst, los, rück raus, ich bin neugierig!
Ach, wir gehen nur zusammen spazieren Er ist bei Verwandten zu Besuch, hat mich zufällig kennengelernt.
Weiß er von Sebastian?
Natürlich, ist doch kein Geheimnis.
Dann bring ihn mal her, ich will wissen, mit wem du dich da rumtreibst. Wenn er gut ist, dann ist das so.
Martin, so hieß Friederikes Freund, brachte einen Korb mit Erdbeeren und einen Apfelkuchen, den seine Tante gebacken hatte. Sebastian bekam ein Spielzeugauto und einen Fußball.
Es war ein fröhlicher Abend mit vielen Geschichten und Gelächter sogar Erika mussten die Tränen kommen vor Lachen. Nachdem Martin weg war, fragte Friederike:
Na, wie fanden Sie ihn, Mama? Anständiger Mensch?
Sehr anständig, Kind! Höflich, unterhaltsam, gepflegt. Und vor allem liebt er dich. Den Mann darfst du nicht durch die Lappen gehen lassen!
Einen Monat später kam Martin traditionell um Friederikes Hand an bei Erika.
Machen Sie sich keine Sorgen, wir ziehen nach München ich hab dort ein großes Haus. Wir lieben uns, und Sebastian ist für mich wie ein eigener Sohn. Geben Sie uns Ihren Segen.
Erika verabschiedete Friederike, Martin und Sebastian. Sie fuhren in die Stadt, versprachen, oft zu schreiben und zu Besuch zu kommen. Und Erika stand da, das Häuschen plötzlich still.
Ein Jahr später stand Wilhelm wieder auf der Matte jetzt mit einem recht mitgenommenen Balg.
Mein Gott, auf wen siehst du nur aus, Wilhelm! Wäscht Kathrin dir überhaupt noch die Wäsche?
Gibt keine Kathrin mehr Die ist abgehauen mit einem Kerl mit Geld Mein Geld ist weg alles! Da fiel mir plötzlich wieder ein, dass ich ja noch eine Mutter und ein Haus habe.
Na, das hast du ja früh gemerkt, nach all den Jahren Ob ich wohl noch lebe?
Übrigens, das mit dem Kind, das hat Kathrin damals nur behauptet, um mich von euch fernzuhalten, hat sie jetzt zugegeben. Ich würde Sebastian gern kennenlernen Wo ist er?
Tja, zu spät, du hast dein Glück verpasst. Friederike ist längst glücklich verheiratet, Sebastian trägt Martins Nachnamen, das ist jetzt sein Vater. Ich pack meine Siebensachen und zieh zu ihnen, Friederike hat nämlich ein Mädchen bekommen. Ich will helfen und mein Enkelkind sehen. Du kannst hier bleiben, kümmer dich um das Haus, verstanden?
Und so fuhr Erika mit dem Zug nach München und sinnierte, wie seltsam das Leben doch spielt. Welch ein Glück, gebraucht zu werden, helfen zu dürfen so, wie sie einst Friederike geholfen hatte. Wer weiß, wie alles sonst gekommen wäreAls der Zug in München einrollte, stand Friederike schon am Bahnsteig, den kleinen Sebastian an der Hand und das Baby hellwach und neugierig im Kinderwagen. Martin winkte von hinten. Erika stieg aus, drückte ihre Enkel fest an sich und spürte ein warmes Ziehen im Herzen, wie eine Sonne, die nach langer Dunkelheit endlich wieder aufgeht.
Sie verbrachten den Nachmittag unter blühenden Kastanien im Park. Sebastian turnte auf dem Klettergerüst, Martin schnitt dem Baby geduldig die Erdbeeren klein, während Friederike Erika lachend erzählte, wie ihre neue Arbeit hier sei. Wohin sie auch blickte, gehörte sie dazu: zu einem lebendigen, manchmal chaotischen, aber innig verbundenen Kreis. Die Vergangenheit lag hinter ihnen, wie alte Fotos in einer Schublade lieb und schmerzvoll, aber nicht mehr alles bestimmend.
Am Abend, als das Haus zur Ruhe kam, saß Erika auf dem Balkon. Unten in der Küche summte leise die Spülmaschine, durch das offene Fenster drang ein Lachen aus Sebastians Zimmer. Ein Windhauch trug den Duft von Apfelkuchen herauf. Über die Dächer der fremden Stadt zog die Dämmerung, und Erika dachte daran, wie viele Abschiede und Neuanfänge ein Leben bereit hielt.
Sie hatte viel verloren ihren Mann, Freunde, ja selbst ihren eigenen Sohn. Doch das Wichtigste hatte sie gewonnen: das Gefühl, gebraucht zu werden und Liebe geben zu können, ohne Bedingungen und ohne Angst. Vielleicht würde Wilhelm seinen Weg noch finden, vielleicht auch nicht. Aber hier, inmitten von Lachen und neuen Geschichten, wusste Erika sicher: Es gibt immer einen Ort, an dem das Herz ankommen kann, selbst wenn die Welt draußen manchmal laut und fremd bleibt.
Drinnen seufzte das Baby im Schlaf. Sebastian rief leise nach ihr. Erika nickte sich selbst zu, stand auf und trat ein ins Licht ihres neuen Zuhauses.




