22. März
Heute ist etwas passiert, das ich niemals vergessen werde. Es verfolgt mich noch jetzt, während ich diese Zeilen aufschreibe.
Ich war wie immer am frühen Nachmittag vor der Kindertagesstätte in München, um meine Kinder abzuholen. Doch die Unruhe im Flur war sofort spürbar. Ein kleiner Junge wurde gerade von einer der Erzieherinnen vom Tor weggezogen, seine Turnschuhe schleiften laut über den betonierten Boden. In seiner kleinen Faust krallte er ein winziges rosa Haarband die von seiner Schwester Amelie.
Meine Schwester ist noch drin!, schrie er, seine Stimme überschlug sich voller Angst und Verzweiflung.
Die Erzieherin lächelte steif und versuchte, die versammelten Eltern mit freundlicher Stimme zu beruhigen: Ach, er macht nur Theater. Die Schwester ist schon längst mit der Fahrgemeinschaft nach Hause gefahren.
Doch der Junge wand sich und trat wild um sich, Tränen liefen ihm über das Gesicht. Sie kann die Tür nicht aufmachen! Sie ist noch da drin!
Mein Herz setzte für einen Moment aus. Mit meiner Handtasche und Amelies Brotdose in der Hand blieb ich wie verwurzelt stehen. Wo ist meine Tochter?, fragte ich, meine Stimme bebte.
Das Lächeln der Erzieherin wirkte plötzlich angestrengt, der Mund verzog sich leicht. Wie gesagt, sie ist schon früher gegangen. Sie machen sich umsonst Sorgen!
Der Junge schüttelte so wild den Kopf, dass ihm der Atem stockte. Nein! Hören Sie doch endlich!
Einen Augenblick war es still im Flur; jeder im Gebäude hielt den Atem an.
Vielleicht eine Sekunde später kam ein zartes Stimmchen aus dem verschlossenen Gruppenraum: Mama?
Die Brotdose fiel klappernd zu Boden Trauben und ein Saftkarton rollten über die kalt glänzenden Fliesen. Eine eisige Stille lag in der Luft. Alle Eltern starrten entsetzt. Panik stieg in mir auf.
Ich stürmte zur Tür und rüttelte am Griff. Nichts bewegte sich abgeschlossen.
Machen Sie sofort diese Tür auf!, schrie ich. Mein Herz hämmerte wild.
Unter dem Türspalt tasteten kleine Finger verzweifelt umher, kratzten über den eiskalten Boden.
Hinter mir sah ich, wie die Erzieherin mit zitternder Hand zur roten Feuermelder-Taste griff.
Ich wirbelte herum. Wagen Sie es ja nicht!
Ein anderer Vater stellte sich blitzschnell zwischen sie und die Wand, packte ihr Handgelenk. Was soll der Unsinn denn!?
Dann brach Chaos aus. Handys wurden gezückt, Stimmen überschlagen sich. Jemand rief nach der Leitung. Zwei Väter stemmten sich gegen die Tür, schlugen mit den Schultern dagegen. Die Erzieherin wurde kreidebleich, als sie merkte, dass ihre Lüge nun vor zu vielen Augen geplatzt war.
Noch nicht einmal zwei Minuten später war die Tür eingeschlagen.
Amelie lag, ganz klein zusammengerollt, hinter einem Regal mit buntem Spielzeug. Ihr Gesicht voller Tränen und Staub. Niemand hatte kontrolliert, ob alle Kinder bei der ungeplanten Feuerübung das Gebäude verlassen hatten. Niemand hatte die Anwesenheitsliste gründlich durchgesehen. Meine stille, fünfjährige Tochter hatte sich während des Lärms aus Angst versteckt und keiner hatte nach ihr gesucht.
Die Erzieherin stand starr im Flur, während die meisten Eltern lautstark protestierten und alles filmten. Noch am selben Abend kamen Polizei und Jugendamt. Die Erzieherin wurde sofort suspendiert. Es stellte sich heraus, dass dies nicht das erste Mal war, dass während hektischer Wechsel ein Kind vergessen wurde nur war es nie so öffentlich aufgefallen.
Der Kindergarten musste hohe Bußgelder zahlen, wurde vorübergehend geschlossen und verlor die Betriebserlaubnis. In den nächsten Tagen holte mehr als die Hälfte der Eltern ihre Kinder aus der Kita.
Abends, im fast leeren Parkplatz, fiel ich mit meinen beiden Kindern auf die Knie und drückte sie fest an mich. Das rosa Haarband hing schief in Amelies Haar, denn meine Hände zitterten, als ich es in Panik festgebunden hatte. Mein Sohn sah mich an, seine Augen rot und geschwollen:
Mama wenn ich nicht geschrien hätte hätten sie sie die ganze Nacht da gelassen?
Diese Frage lässt mich nicht mehr los.
Wie hätte ich wohl gehandelt, wenn es mein Kind gewesen wäre, das hinter einer verschlossenen Tür eingesperrt war?




