Als ich meinem Freund mitteilte, dass ich ein Kind erwartete, sah ich alles sofort in Pauls Gesicht. Es war klar, dass er so früh weder mit einem Kind gerechnet hatte noch überhaupt ans Heiraten gedacht hatte
Ich, Annemarie, hatte mich schon vor meinem 18. Geburtstag in Paul verliebt. Der Junge aus unserem Dorf gefiel mir schon lange und wir verbrachten den ganzen Frühling miteinander wir spazierten durch die Wiesen, gingen an die Weser, genossen die Sonnenuntergänge.
Bald sollte ich auf die Fachschule nach Hannover gehen. Doch plötzlich wurde mir klar, dass ich schwanger war. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte.
Was wird wohl meine Mutter sagen, meine Schwester, die Leute hier im Dorf?
Ich war vollkommen hilflos.
Fest entschlossen, das Kind nicht zu bekommen, erzählte ich meiner Mutter unter Tränen, was passiert war. Gemeinsam fuhren wir nach Hannover. Sie hielt mich nicht auf sie hatte selbst genug Sorgen: meine kleine Schwester wuchs ohne Vater auf, und jetzt brachte ich ihr auch noch solch ein Problem
Im Krankenhaus lief alles reibungslos. Danach brach ich jeden Kontakt zu Paul ab. Er versuchte auch nicht, das Gespräch zu suchen
Eine bittere Leere breitete sich in meiner Seele aus. Studieren konnte ich nicht mehr ich konnte von meiner Mutter keine Unterstützung erwarten, sie war immer noch enttäuscht und wütend.
Ich musste Arbeit und ein Zimmer finden, um in Hannover irgendwie über die Runden zu kommen. Zurück ins Dorf wollte ich auf keinen Fall die Leute flüsterten schon hinter meinem Rücken.
Vielleicht war es das Schicksal, das mich zu dieser Pinnwand mit Stellenanzeigen brachte: In ordentlicher Schrift stand da ein neues Angebot gesucht wurde ein Kindermädchen für einen dreijährigen Jungen, Unterkunft bei der Familie inklusive. Genau das, was ich brauchte!
Ich wurde bei einer Professorenfamilie eingestellt. Der kleine Roman ein Nachzügler, das einzige Kind der Familie schloss mich sofort ins Herz und fragte immer nach mir, wenn ich ab und zu zu meiner Mutter und Schwester ins Dorf fuhr.
Die Jahre gingen ins Land. Ich lebte mich gut in der Familie von Professor Johannes Müller und seiner Frau Dr. Ingrid Müller ein, beide arbeiteten an der Universität Hannover. Nach und nach übernahm ich fast alle Aufgaben im Haushalt: Ich wusch und bügelte die Wäsche, sorgte für Ordnung, half Roman bei den Hausaufgaben, erledigte die Einkäufe und kochte hervorragend.
Als Roman größer wurde und kein Kindermädchen mehr nötig war, blieb ich als Haushaltshilfe. Mein Lohn war nicht besonders hoch, dafür hatte ich aber Essen und ein Dach über dem Kopf für mich war das vollkommen ausreichend. In dieser Familie fand ich Geborgenheit, Ruhe und ehrliche Zuneigung.
Nur eines betrübte mich: Einige Monate zuvor hatte ich Igor kennengelernt er wohnte im Nachbarhaus. Unsere kurzen abendlichen Treffen wurden bald zu mehr. Wir kamen uns näher und waren letztlich fast drei Jahre zusammen. Doch eigene Kinder konnte ich nicht bekommen
Ich verschwieg Igor meine Geschichte nicht und wieder wurde ich verlassen. Wieder das schmerzhafte Gefühl, allein zu sein.
Die Familie war nun mein einziger Halt. Ich kümmerte mich um Frau Dr. Müller und Herrn Professor Müller, als wären sie meine eigenen Eltern.
So wurde ich de facto ein Familienmitglied. Nach dem zweiten enttäuschenden Versuch einer Beziehung beruhigte sich meine Seele. Ich machte mir keine Hoffnungen mehr, je zu heiraten.
Einige ruhige Jahre vergingen. Roman absolvierte erfolgreich sein Studium, sprach ausgezeichnet Englisch und bekam gute Jobangebote schließlich nahm er eine Stelle im Ausland an.
Doch Ingrid Müller wurde krank. Ich pflegte sie jahrelang, während Professor Müller pausenlos arbeitete, um die Familie zu versorgen und Roman zu unterstützen.
Nach einigen Jahren, in denen meine Fürsorge für Frau Müller und die stetige Arbeit von Herrn Müller unser Leben bestimmten, kam der Abschied. In ihren letzten Minuten flüsterte Ingrid mir zu:
Verlass Johannes nicht, Annemarie. Bleib bei ihm
Nach Ingrids Tod zog eine traurige Stille ins Haus ein. Professor Müller wurde schweigsam und starrte beim Abendessen oft nur in seinen Teller.
Ich fühlte mich plötzlich überflüssig und einsam. Etwas musste sich ändern: Entweder suchte ich mir einen anderen Job, was ohne Ausbildung schwierig war, oder ich musste zurück ins Dorf, wo die Arbeitssituation genauso schlecht war wie früher.
Eines Abends stand ich nach dem Essen ruhig vor Professor Müller:
Ich werde kündigen, Herr Professor. Sie brauchen mich nicht mehr. Es wird Zeit für mich zu gehen. Danke für alles.
Es war, als ob er plötzlich aus einem langen Schlaf erwachte. Er hob den Kopf, sah mich erstaunt an.
Was? Weggehen? Warum? Wollen Sie mich jetzt auch allein lassen? Einfach so?
Ich seufzte. Da stand er auf, trat zu mir, nahm meine Hand und zum ersten Mal küsste er mich zärtlich.
Weißt du, Annemarie, du bist für uns nie nur eine Angestellte gewesen, sondern ein echtes Familienmitglied. Ich will dich nicht verlieren
Bewegt nickte ich.
Ingrid hat es mir gesagt du sollst bei uns bleiben. Wir sind in all den Jahren wie eine Familie geworden. Bleib bitte, Annemarie, lass uns alles so weiterführen. Ich brauche dich, und du mich.
Wir standen schweigend am Fenster, umarmten uns und weinten leise. Doch es ging uns danach beiden besser.
Es folgten stille, sorgenlose Alltage. Ich wartete abends auf Professor Müller, hielt das Haus in Schuss; Roman rief manchmal an und versprach einen Besuch
So verging ein Jahr, dann noch eines. Kurz vor meinem Geburtstag sprach Johannes Müller mit mir über all das, was ich ihm bedeutete, und dass er mich gern heiraten würde.
Wir waren zwar nicht wie ein typisches Paar zusammen, aber er wollte auch auf dem Papier für mich sorgen zumal ich jünger war und er im Alter Unterstützung brauchte.
Ich war ihm zutiefst dankbar wollte aber nichts ohne Roman entscheiden. Als Roman schließlich zu Besuch kam, sprach sein Vater erneut mit ihm darüber.
Roman war einverstanden er liebte mich fast wie eine Mutter. Inzwischen war er verheiratet, hatte eine gute Stelle im Ausland und eine eigene Wohnung.
So wurde ich schließlich doch Frau Müller. Die Zuneigung zwischen Johannes und mir stand anderen Paaren in nichts nach.
Ich nannte meinen Mann weiterhin voller Respekt Herr Müller, während er mich immer liebevoll Annemarie rief. So glücklich war ich nie zuvor.
Ich betete täglich für seine Gesundheit, auf dass seine Jahre noch lange währen mögen.
Und niemand hätte es wohl gedacht, wenn wir bei Spaziergängen im Park Händchen hielten wie viel uns verbindet und wie tief unsere Gefühle zueinander nach all den Jahren sind.





