Die Abrechnung für Verrat

Die Sühne des Verrats

Es war an jenem kalten, aber wunderschönen ersten Wintertag, als ich damals hieß ich noch Michael einen Mann auf der verschneiten Straße fand. Vorsichtig drehte ich ihn um und traute meinen Augen kaum. Nein, das kann doch nicht sein! Das ist doch…

Gerade in diesem Moment schlug der vermeintliche Obdachlose die Augen auf, und ich erkannte sofort, dass ich mich nicht getäuscht hatte.
*****
Ich kann mich noch erinnern, wie hell und ruhig es damals war. Der Schnee lag dick und makellos, und durch das offene Fenster drang eisige, klare Luft. Das Herz wurde mir weit, so sehr, dass ich beinahe vergaß, meinen Kaffee zu trinken, der einsam auf dem Küchentisch stand.

Ganz plötzlich kam mir ein Gedanke, den ich seit meiner Kindheit in einem Dorf bei meiner Großmutter nicht mehr gehabt hatte: Warum eigentlich nicht den Kaffee draußen trinken? Damals hatte ich oft draußen auf dem Hof Tee getrunken und mich an den kleinen Dingen gefreut.

Kurzerhand füllte ich den Kaffee in eine alte Thermoskanne, zog meine dicke Jacke an und trat aus dem Haus.

*****

Am Ausgang des Wohnblocks standen wie so oft Frau Schmitt und Frau Baumgartner. Sie hielten schwarze Müllbeutel in den Händen und tuschelten leise, doch als sie einen seltsamen Mann auf der Straße erblickten, wurde ihr Flüstern lauter:

Sieh nur, Frau Schmitt, zischte Frau Baumgartner. Schon wieder treiben sich hier irgendwelche Landstreicher herum!

Stimmt, entgegnete die andere. Als gäbe es keine anderen Orte für so was.

Schau mal, wie der da liegt mitten auf der Straße! Nicht mal mit dem Rad käme man vorbei. Und daneben ein Haufen Müll

Wohl gar betrunken, meinst du?

Bestimmt! Und dann noch dieser Hund.

Ich musste schmunzeln. Tatsächlich lag da ein Mann in Trainingshose und Lederschuhen eine merkwürdige Kombination. Neben ihm saß ein kleiner Hund, ein Mischling mit Hundemarke, aber ohne Leine. Er winselte kläglich und leckte dem Mann immer wieder das Gesicht, bellte gelegentlich laut und schaute in Richtung der Vorbeigehenden.

Die beiden alten Damen waren sich sicher, dass es sich um einen Obdachlosen handelte, doch ich spürte instinktiv, dass dieser Mensch aus der Nachbarschaft war.

Als ich näherkam, bellte der Hund mich noch energischer an, als wolle er mich zu Hilfe rufen. Gewiss war etwas passiert, doch die alten Damen diskutierten weiter aufgebracht, ob sie nun die Polizei rufen sollten.

Ich trat zu ihnen und sagte: Lassen Sie mich mal nachsehen, was hier los ist. Ich bin übrigens neu hier im Haus, Michael Schneider.

Erleichtert nickten sie, übergaben mir ihre Müllbeutel mit der Bitte, sie eben mitzunehmen, da die Straße so glatt sei, und blickten ängstlich zum Mann und dem Hund.

Ich näherte mich, kniete nieder, drehte den Mann auf den Rücken und erschrak. Das gibts doch nicht! Das ist ja

In diesem Moment öffnete er die Augen. Sebastian?, rief ich entsetzt.

Michael? Schneider? Bist dus wirklich? Hilf mir auf, meine Beine wollen mich nicht tragen…

Wir waren nie Freunde gewesen, doch ich half ihm natürlich. Er rappelte sich auf, klopfte sich ab, umarmte mich überraschend stürmisch die Damen auf der Bank starrten uns an, als sähen sie Gespenster.

Er bedankte sich überschwänglich. Weißt du, Michael, von Hilfe kannst du hier bloß träumen. Die Alten da drüben na ja

Ich lachte leicht: Vielleicht solltest du dich auch einfach nicht im Schlafanzug auf die Straße legen.

Ach, die Leute hier sind alle gleich: Urteilen sofort, ohne zu wissen, was passiert ist. Ich bin nur ausgerutscht und gleich umgekippt. Von dem Hund ganz zu schweigen. Die haben Angst vor ihm… Wie heißt er eigentlich?

Fritz, sagte Sebastian, hielt aber kurz inne. Doch das fiel mir gar nicht auf.

Fritz wich seinem Herrchen kaum von der Seite, starrte ihn unverwandt an, als wären sie sich seit Jahren nicht begegnet.

Wegen dem ist alles passiert!, seufzte Sebastian. Sprang mir von hinten an, ich habe mich erschrocken und bin gestürzt.

Ich grinste. Nun ja, einen Dank verdient Fritz trotzdem, sonst lägest du noch immer bewusstlos auf der Straße.

Ich entsorgte den Müll der Alten und seinen eigenen schweren Müllbeutel, während Sebastian sich dankbar mit meinem Kaffee wärmte.

Hoffentlich hast du nichts dagegen, aber ich war komplett durchgefroren.

Trink ruhig. Du scheinst ohnehin nicht nach Hause zu wollen, wenn du schon fremden Kaffee auf der Straße trinkst.

Sebastian winkte ab. Meinst du, ich hätte dort Ruhe? Meine Freundin Maria treibt mich mit der Renovierung in den Wahnsinn. Es gibt keine Minute Pause, alles muss bis Weihnachten fertig sein

Und so erzählte Sebastian aus seinem Leben: Dass er als Gehilfe auf einer Baustelle arbeitete, weil ihn das Technikum nicht genommen hatte. Dass er mit Maria zusammengezogen war, weil es in ihrer Drei-Zimmer-Wohnung mehr Platz gab. Aber Maria hatte Hunde nicht ausstehen können.

Auf meine Nachfrage, wo denn nun Fritz abbliebe, wich er aus und erklärte schnoddrig: Maria hat drauf bestanden, dass der Hund wegmuss. Sie konnte Fritz nie leiden. Hat einmal ihre Lederschuhe zernagt… Ich hab ihn auf einen Bauernhof außerhalb von München gebracht, aber irgendwie ist er wieder zurückgelaufen.

Ich konnte den Ärger kaum unterdrücken. Du hast deinen Hund einfach für deine Freundin rausgeworfen?, fragte ich fassungslos.

Na ja, was sollte ich machen? Keine Zeit. Der ganze Umbau frisst mich auf. Und Hundespaziergänge kann ich mir nicht auch noch leisten

Die Wut stieg in mir auf. Wenigstens Fritz ist treu und kümmert sich um dich, auch wenn du es nicht verdienst.

Na ja, jetzt muss ich wirklich los, Maria wartet, murmelte Sebastian und verschwand mit kleinen, lahmen Schritten.

Fritz schaute ihm traurig nach, aber er lief ihm nicht hinterher. Vielleicht wusste der Hund längst, dass sein Herrchen endgültig gegangen war.

Ich seufzte und fuhr Fritz beruhigend über das zerzauste Fell. Weißt du, ich wollte immer schon einen Hund. Platz ist mehr als genug… Was meinst du, Fritz?

Der Hund schaute mich treuherzig an und bellte leise. Ich musste lachen.

Ich glaube, das war ein Ja. Komm, lass uns nach Hause gehen und zusammen frühstücken.

So hatte ich einen neuen Freund gefunden.

*****
Zwei Tage vor Weihnachten begegnete ich Sebastian wieder. Er stand mit gesenktem Kopf und zwei gepackten Koffern vorm Haus seiner Freundin.

Ich ging widerstrebend zu ihm.

Was ist passiert?

Ach Michael, du hast recht gehabt. Renovierung ist fertig, da wirft mich Maria raus. Sie meinte, für mich interessiere sie sich nicht mehr. Die Polizei hat sie auch gleich gerufen.

Und jetzt?

Ich habe meine alte Einzimmerwohnung vermietet, alles Geld in Marias Wohnung gesteckt, und jetzt steh ich auf der Straße.

Er bat, ob er bei mir schlafen könne. Ich lehnte ab. Sorry, Sebastian. Wer so mit seinem Hund umgeht, verdient keine Hilfe.

Er schulterte wortlos seine Taschen und verschwand.

*****
Am Tag vor Weihnachten spielte sich eine weitere Szene ab, fast wie aus dem Theater. Am Haus, in dem Maria lebte, stritten zwei Frauen: Maria und ihre Mutter.

Du hast mich auf die Straße gesetzt, Mama! Obwohl ich für dich renoviert habe!

Das ist meine Wohnung, Maria! Ich mache, was ich will! Geh jetzt, sonst ruf ich auch die Polizei!

Die junge Frau zog davon, beschämt und verlassen.

Ich drehte mich zu Fritz und sagte: Siehst du, mein Freund, wie das Leben manchmal spielt. Gut, dass du und ich füreinander da sind.

Fritz bellte mir zustimmend entgegen.

Zusammen gingen wir, um auf dem Weihnachtsmarkt eine Tanne zu kaufen. Der ganze Platz war erfüllt von frischem, klarem Winterduft, wie ich ihn immer geliebt habe und diesmal störte nichts und niemand mehr den Frieden.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: