Warum bleibt das Handy heute Abend eigentlich stumm? Vielleicht ist der Empfang schlecht? Oder haben sie sich im Datum vertan? Sie hätten mich doch nicht einfach vergessen können, Markus. Das ist schließlich ein runder Geburtstag, vierzig Jahre nicht irgendein Tag, sagte Annemarie und drehte nachdenklich ihr Weinglas in der Hand, ihr Blick lag auf dem dunklen Display des Smartphones, das auf der strahlend weißen Tischdecke lag.
Markus, ihr Mann, schielte schuldig auf seinen Teller mit der ofenfrischen Ente. Er kaute auffällig langsam, als könne er so den Augenblick der Antwort hinauszögern. Im Wohnzimmer brannten Kerzen, leise Musik spielte im Hintergrund, es duftete nach Tannenzweigen und Mandarinen Annemarie hatte im Dezember Geburtstag, kurz vor Weihnachten. Der Tisch bog sich unter den Speisen, die sie zwei Tage lang vorbereitet hatte, in der Hoffnung, dass abends wieder wie jedes Jahr Markus Verwandte hereinschneien würden. Oder sie zumindest anrufen.
Anna, du kennst doch meine Mutter, rang Markus sich schließlich ab und legte die Gabel beiseite. Ihr Kreislauf macht bestimmt wieder Probleme. Oder sie war mal wieder so in den Gartenarbeiten vertieft oh, stimmt, im Winter gibts keine Gartenarbeit Egal, sie hats einfach vergessen. Ihr Gedächtnis Und Kathrin? Die schuftet rund um die Uhr, ist Quartalsende, du weißt doch.
Für Kathrin ist das ganze Jahr Quartalsende, wenn es um mich geht, ein bitteres Lächeln huschte über Annemaries Lippen. Aber sobald sie mal die Kinder bei mir parken oder bis zum Ersten Geld leihen will, findet sie ganz plötzlich Zeit, mich anzurufen.
Annemarie stand auf und trat ans Fenster. Draußen tanzten dicke Flocken durch die Dunkelheit. Vierzig. Ein Meilenstein. Das Alter, in dem eine Frau Bilanz zieht. Das Fazit des heutigen Tages: Die Familie ihres Mannes, der sie fünfzehn Jahre lang als Nothelferin, Hobbyköchin, Chauffeurin und Therapeuten einsprang, hatte sie einfach aus dem Kalender gestrichen.
Reg dich nicht auf, Markus kam von hinten und legte beruhigend die Hände auf ihre Schultern. Hauptsache, wir sind zusammen. Ich hab dich doch gefeiert. Und das Geschenk du wolltest doch immer schon ins Spa.
Das Geschenk war schön ein Gutschein für das Spa, das sie sich schon lange wünschte. Markus liebte sie, das wusste sie. Aber Markus war ein zu sanfter Mensch. Er konnte seiner Mutter, Brigitte, nie widersprechen. Und seiner jüngeren Schwester Kathrin schon gar nicht. Immer hoffte er, Konflikte versenden sich von selbst, wie Nebel im Morgenlicht.
Ich rege mich nicht auf, Markus, flüsterte Annemarie, ihr Spiegelbild betrachtend, das sie im Fensterglas ansah. Ich ziehe nur meine Schlüsse.
Diese hatten sich ohnehin schon lange aufgedrängt. Sie erinnerte sich an den runden Geburtstag von Brigitte im letzten Jahr. 65 wurde ihre Schwiegermutter damals. Annemarie hatte eine Woche unbezahlten Urlaub genommen, ein Restaurant gefunden, Preisnachlass ausgehandelt, das Menü erstellt, selbst eine zweistöckige Torte gebacken, um Brigittes Portemonnaie zu schonen, und fast eine halbe Nacht einen rührenden Film aus alten Fotos geschnitten.
Was bekam sie als Dank? Ein trockenes Danke, aber die Creme in der Torte war zu wenig und ein Billig-Duschgel mit Kassenaufkleber 2 für 1 aus dem Supermarkt.
Und Kathrin? Für sie war Annemaries Hilfe selbstverständlich. Anna, könntest du die Kinder aus der Kita holen? Komm sonst nicht mehr zur Maniküre!, Anna, kannst du meine Seminararbeit Korrektur lesen? Bist doch so klug!, Anna, verleih mir bitte mal das Kleid für die Betriebsfeier! Und Annemarie half, holte, verlieh. Sie dachte, so funktioniert Familie. Dass Güte irgendwann zurückkommt.
Das Handy blieb stumm. Weder an jenem Abend noch am nächsten Tag kam Nachricht. Keine Messenger-Gratulation, nicht einmal diese vorgefertigten Blumen-Bilder, die sie an Kirchlichen Feiertagen immer zu Dutzenden verschickten.
Eine Woche herrschte bedrückende Stille. Annemarie wartete. Sie war neugierig, wie lange sie noch vergessen blieb. Genau sieben Tage.
Das Display leuchtete: Kathrin.
Na, Geburtstagskind! Kathrins Stimme plärrte kumpelhaft ins Ohr. Keine Spur von Peinlichkeit. Du, wir wolln am Wochenende mal kurz nach Hamburg. Durchatmen! Hättest du Zeit, auf Bruno aufzupassen? Er kennt dich doch und Hunde-Pension sprengt unser Budget total!
Annemarie blieb mit dem Handy in der Hand wie festgewurzelt stehen, das Rührgerät schwebte noch über der Teigschüssel.
Hallo Kathrin, sagte sie langsam. Möchtest du mir vielleicht noch wegen letzter Woche was sagen?
Letzte Woche? Echtes Erstaunen. Ach, Geburtstag, ja oh Anna, sorry! Total vergessen, war echt zu viel los. Aber du bist ja nicht nachtragend? Nachträglich alles Gute, Gesundheit, Glück und so weiter! Und mit Bruno Freitagabend bringen wir ihn, wie immer, okay?
Bruno war der riesige, unerzogene Labrador, der beim letzten Mal ihre neuen Pumps angefressen und die Tapete im Flur zerkratzt hatte.
Nein, sagte Annemarie ruhig.
Wie, nein? verstand Kathrin nicht.
Nein, ich kümmere mich diesmal nicht um Bruno.
Stille in der Leitung schwer, abrupt.
Was meinst du mit nicht? Kathrins Stimme stieg eine Oktave. Anna, bitte, willst du, dass wir unsere Tickets verfallen lassen? Das Hotel ist schon bezahlt! Du hast den Hund doch immer genommen!
Habe ich, aber diesmal nicht. Ich habe andere Pläne. Die Hundepension nimmt Tag und Nacht welche auf.
Bist du jetzt beleidigt, weil ich den Geburtstag vergessen habe? Falsches Lachen, spitze Worte. Mein Gott, Kindergarten! Vierzig und zickig wegen einer Karte. So kenne ich dich gar nicht, Anna! Ich ruf Mama an und erzähl ihr, wie du dich verhältst!
Mach das, sagte Annemarie gelassen und legte auf.
Ihre Hände zitterten leicht, aber in ihrem Inneren breitete sich eine seltsame Erleichterung aus. Sie hatte zum ersten Mal nein gesagt. Die Welt war nicht untergegangen. Die Decke war nicht eingestürzt. Nur der Teig in der Schüssel ruhte friedlich unter dem Tuch.
Abends kam Markus von der Arbeit mit schlechtem Gewissen im Blick. Offensichtlich hatten Mutter und Schwester schon mit ihm Krisengespräche geführt.
Anna, Mama hat angerufen Kathrin weint, der Trip nach Hamburg geht flöten. Vielleicht sollten wir doch den Hund nehmen? Was kostets uns?
Annemarie sah ihn lange und aufmerksam an.
Markus, sie haben meinen runden Geburtstag vergessen. Nicht irgendeinen Tag meinen vierzigsten. Niemand hat sich entschuldigt. Kathrin hat sich ausschließlich gemeldet, weil sie einen kostenlosen Hundesitter sucht. Findest du das nicht ein bisschen einseitig?
Schon Markus seufzte und ließ sich auf einen Stuhl sinken. Aber, es ist nun mal Familie
Und genau deshalb sollte man sich respektieren. Mich behandelt man wie Personal. Aber damit ist jetzt Schluss, Markus. Ab heute ändere ich was.
Markus schwieg und der Hund blieb fortan in der Pension. Kathrin musste tief in die Tasche greifen, und Annemarie war zwei Wochen lang tabu. Die Familie schwieg, tuschelte hinterm Rücken, nannte sie nachtragende Zicke.
Doch die Zeit verging und bald stand das wichtigste Ereignis des Jahres im Hause der Familie: Brigittes siebzigster Geburtstag.
Der wurde groß aufgezogen. Die Schwiegermutter, eine resolute Frau mit Hang zur Selbstdarstellung, wollte die ganze Verwandtschaft, Ex-Kollegen und Nachbarn einladen. Veranstaltungsort: das Ferienhaus im Taunus über Jahre hinweg von Markus in Eigenleistung renoviert.
Normalerweise war der Ablauf solcher Feste fix: Zwei Wochen vorher rief Brigitte Annemarie an, diktierte Einkaufsliste und Menü. Annemarie, die mit Auto und Organisationstalent herausstach, hatte alles zu besorgen, herzufahren und stand zwei Tage am Herd, während die Jubilarin und Kathrin sich schön machten und Gäste empfingen.
Der Anruf kam Mitte Januar.
Annemarielein, wie gehts, meine Liebe? Brigittes Stimme trieft vor Süße am Telefon, als hätte es nie einen Eklat um den Hund gegeben. Also, wegen dem Geburtstag, wir sollten langsam planen. Ich hab mir schon eine Liste gemacht, schreib mal mit! Also: drei Gläser Lachs-Kaviar bitte nur beste Qualität, keine Sonderangebote. Halbes Kilo Räucherlachs, möglichst frisch. Zehn Kilo Nackenkoteletts für den Grill, sie müssen zart sein. Dann fünf Sorten Salate…
Annemarie hörte den Wasserfall aus Ansprüchen, während ihr Kaffee dampfte. Sie schrieb nichts mit. Der Stift lag stumm auf dem Tisch.
Brigitte, hielt sie sanft die Schwiegermutter an, als die gerade mitten bei der Mayonnaise war. Wer von uns soll denn all das zubereiten?
Wer wohl?! Brigitte war ungehalten. Du und ich natürlich. Also eigentlich du in der Küche, ich dir als Chef mit Rat zur Seite mit meinen Beinen kann ich kaum stehen, du weißt ja, die Venen. Kathrin hilft dann den Tisch decken, wenn sie Zeit hat.
Es tut mir leid, Brigitte, da kann ich nicht, antwortete Annemarie, ruhig und höflich. Ich habe an dem Wochenende eigene Termine. Ich komme pünktlich zur Feier, aber eben als Gast.
Betretenes Schweigen am anderen Ende. So schwer, dass man es schneiden könnte.
Eigene Termine? Brigittes Ton wurde eiskalt. Was kann wichtiger sein als der siebzigste Geburtstag der Schwiegermutter? Bist du irre, Anna? Wer kocht dann? Ich, eine alte, kranke Frau? Oder Kathrin mit ihrem Maniküre-Termin?
Man kann mittlerweile super Catering bestellen. Oder gleich das Menü vom Restaurant liefern lassen. Kommt heiß, schön angerichtet, das Geschirr gleich mit. Ist bequem.
Restaurant?! Hast du die Preise im Blick? Von meiner Rente kann ich das nicht stemmen! Außerdem: Hausgemacht schmeckts besser. Anna, bitte, hör auf, dich querzustellen. Du bist zwar bestraft wegen der Hundesache, aber der Geburtstag steht über allem. Ich erwarte dich Freitagabend am Haus mit den Einkäufen. Liste schick ich Markus per WhatsApp.
Brigitte legte auf.
Abends erschien Markus blass daheim.
Anna, Mama tobt! Sie hat ne Einkaufsliste für vierhundert Euro geschickt und will, dass wir Freitag kommen. Was machen wir?
Du kannst gerne hinfahren, sagte Annemarie ruhig, während sie im Magazin blätterte. Kauf alles, wenn du möchtest. Ich jedenfalls fahre nicht Freitag und auch nicht zum Kochen ich habe Brigitte Bescheid gegeben.
Anna, das wird ne Katastrophe! Keine Feier, nichts auf dem Tisch, das bringt sie um!
Markus, Annemarie fixierte ihn erinner dich an meinen Geburtstag. Der Tisch war gedeckt aber die Stühle waren leer. Ich stand zwei Tage in der Küche. Ich wartete. Und ihr habt mich vergessen. Ab jetzt mache ichs wie ihr. Ich komme zur Feier, überreiche meine Glückwünsche, aber als Küchenhilfe stehe ich nicht mehr zur Verfügung. Wenn deine Mutter ein Fest möchte, kann sie einen Koch bestellen oder Kathrin in die Küche schicken.
Markus tigerte aufgebracht herum, telefonierte, schimpfte. Letztlich kaufte er die Lebensmittel, aber kochen konnte er nicht. Kathrin ließ am Telefon verlauten, dass sie sich die Hände wegen Kartoffelschälen nicht ruiniere.
Der Tag des Jubiläums kam. Samstagmorgen.
Annemarie schlief aus, gönnte sich ein langes Bad, eine Gesichtsmaske. Sie zog ihr schönstes Kleid an, dunkelblau, bodenlang, betonte die Figur. Das Haar war perfekt. Sie sah großartig aus.
Markus hatte das Haus schon früh verlassen, bemüht und überfordert. Er rief fünfmal an: Anna, bitte komm früher, hier ist das Chaos, Mama schreit, das Fleisch ist noch roh, Salate fehlen!
Ich komme um vierzehn Uhr, wie auf der Einladung, antwortete Annemarie und legte auf.
Sie orderte ein Business-Taxi, holte einen kleinen, stilvollen Chrysanthemenstrauß kein üppiges Rosenbouquet, wie sonst und ein Geschenk aus dem Laden.
Am Haus angekommen, parkten draußen schon die Wagen der Gäste. Aus den offenen Fenstern drangen keine Musik, sondern Streitereien und Klirren von Geschirr.
Annemarie betrat das Haus. Das Bild war dramatisch: Brigitte, im Bademantel mit Lockenwicklern, hochrot, hetzte hastig durch die Küche. Kathrin, sichtlich genervt im schicken Kleid mit Schürze, kämpfte mit einer Erbsenkonserve das frisch gemachte Nageldesign in Gefahr. Markus, voller Ruß, rang draußen mit dem Grill.
Die Gäste Onkel und Tanten hockten im Wohnzimmer am leeren Tisch, vor Wasserflaschen und Gedecken, tuschelten.
Da ist sie ja! schrie Brigitte, als sie Annemarie sah. Guckt mal, die Prinzessin! Wir hacken uns hier ab, die Leute verhungern, und sie macht sich schön! Hast du kein bisschen Scham?
Guten Tag, Brigitte! Annemarie lächelte strahlend. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Viel Gesundheit und ein langes Leben!
Sie reichte Blumen und eine kleine Geschenkbox.
Was ist das? Brigitte nahm es, ohne hinzuschauen. Das ist jetzt nicht dein Ernst! Auf in die Küche! Kartoffeln kochen, Aufschnitt machen, die Gäste warten!
Brigitte, ich bin ein Gast, verkündete Annemarie so laut, dass alle es hörten. Ich gratuliere Ihnen, aber ich komme nicht in die Küche wie klar angekündigt.
Na so was Brigitte war vor Empörung sprachlos. Vor den Leuten blamierst du mich, Anna!
Kathrin knallte die Erbsendose auf den Tisch.
Anna, jetzt reichts! Wegen dir hab ich mir einen Nagel abgebrochen! Beweg dich endlich!
Kathrin, es ist der Geburtstag deiner Mutter, erwiderte Annemarie sachlich. Logisch, dass du ihr zur Hand gehst. Ich bin die Schwiegertochter, also quasi ein Fremder, wie ihr beim Thema Erbe und Entscheidungen immer meint. Also behandelt mich auch so.
Annemarie ging ins Wohnzimmer, setzte sich an den freien Stuhl.
Guten Tag allerseits, grüßte sie ruhig in die Runde. Tolles Wetter, nicht wahr? Vielleicht gibts ja gleich etwas zu essen, aber ich bin sicher, die Gastgeberin überrascht uns.
Markus erschien, die Hände schwarz vom Grill.
Der Spießbraten ist verbrannt, sagte er niedergeschlagen. Ich war abgelenkt, das Fleisch ist hinüber. Die Kohle war zu heiß.
Totenstille. Zwanzig hungrige Gäste starrten auf die gastgebende Familie. Brigitte sackte auf den Stuhl und griff sich ans Herz diesmal nicht geschauspielert, sondern vor echtem Schrecken.
Alles deine Schuld! stieß sie hervor und zeigte auf Annemarie. Du hast das mit Absicht gemacht, um mich zu blamieren! Ich war immer gut zu dir
Brigitte, Annemarie stand auf. Ich will niemanden blamieren. Ich tue nur, was mir vorgemacht wurde. Ihr habt meinen Geburtstag vergessen, mich ignoriert, mich als Funktion, nicht als Mensch gesehen. Ich möchte erinnern: Auch ich habe ein Recht, als Person wahrgenommen zu werden. Übrigens, öffnen Sie mal das Geschenk.
Brigitte riss die kleine Schachtel auf. Darin: ein Wandkalender. Ein schlichter Kalender mit Katzenbildern.
Was soll das sein? hauchte sie.
Ein Kalender, erklärte Annemarie. Familiengeburtstage sind schon rot eingekreist. Meiner auch. Damit Sie nächstes Jahr nicht wieder jemanden vergessen. Gedächtnis ist manchmal tückisch. Das ist mein Gegengeschenk. Sie schenkten mir Duschgel für 2,99 Euro, ich Ihnen einen Kalender. Fair, oder?
Einige Gäste kicherten. Onkel Johann lachte laut.
Anna hat recht, Brix, rief er. Du erzählst immer, deine Schwiegertochter ist Gold wert und dann vergisst du ihren 40. Geburtstag? Schwach!
Halt den Mund! fuhr Brigitte ihn an.
Die Party war ruiniert. Essen? Nur hastig aufgeschnittene Wurst, Bratheringe ein, zwei Dosenerbsen. Warmes? Fehlanzeige. Die Gäste tranken Wodka ohne ordentlichen Happen, tuschelten unglücklich.
Nach einer Stunde bestellte Annemarie ein Taxi.
Ich geh dann mal, sagte sie zu Markus. Mir ist hier nicht wohl. Richtig feierlich ists auch nicht.
Anna, du bringst mich um, flüsterte Markus, während er sie zur Tür brachte. Das nimmt Mama mir nie ab.
Jetzt weißt du wenigstens den Wert meiner Arbeit, Markus, erwiderte sie. Früher habt ihr das nicht geschätzt. Jetzt, wo ihr es selbst machen müsstet, vielleicht ja. Komm heim, wenn du hier fertig bist ich bestelle Pizza. Und zwar eine richtig gute.
Sie ging.
Monate tobte noch der Familienstreit. Brigitte schämte sich vor den Gästen, wandelte Scham in Ablehnung gegen die Schwiegertochter. Kathrin schimpfte Annemarie einen Egoisten.
Doch es geschah Seltsames. Markus hörte auf, sie zu verteidigen und alles durchzuwinken. Nach dem desolaten Geburtstag, als er seine Mutter hilflos und bitter, aber nicht mehr als große Matriarchin sah, ging ihm die Augen auf.
Er merkte den Unterschied: Zu Hause, wo Annemarie Ordnung und Geborgenheit schuf, war es warm, fröhlich, lecker. Bei seiner Mutter herrschten Chaos, Vorwürfe und Ausnutzung.
Etwa einen Monat später kam Markus an einem Mittwoch mit einem riesigen Strauß Rosen nach Hause einfach so.
Für dich, sagte er leise. Und übrigens: Ich hab Brigitte gesagt, dass wir an Pfingsten nicht aufs Land fahren. Ich hab eine Kur gebucht. Für uns beide.
Annemarie roch an den Rosen und lächelte.
Und die Kartoffeln?
Die kaufen wir, entgegnete Markus entschieden. Verwandtschaftliche Zuneigung sollte man nicht durch sein Kreuz kaufen müssen. Du hattest recht, Anna. Gegenseitiger Respekt zählt.
Die Schwiegermutter und die Schwägerin schmolzen noch lange. Doch zum nächsten Frauentag schickte Kathrin eine Nachricht: Alles Liebe, Anna! Einen schönen Frühling! Dazu ein Tulpen-Emoji.
Ein kleiner Sieg. Annemarie wurde weder zur engsten Freundin der Schwägerin, noch entflammte Brigitte für sie in aufrichtiger Liebe. Aber eins hatten sie gelernt: Bei Annemarie fährt man nicht mehr auf dem Rücken. Der Laden ist dicht. Die Tür dazu öffnet sich nur noch mit dem Schlüssel für gegenseitigen Respekt und für das Erinnern an wichtige Tage.
Und der Katzenkalender? Markus erzählte später, er hinge bei Brigitte an prominentester Stelle. Annemaries Geburtstag fett rot markiert. Für alle Fälle.
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