Ich bereue nichts

Kein bisschen Reue

Und wenn ich zurückkomme, soll die Wohnung blitzblank sein! Mit diesen Worten stürzt Frau Olga Schneider auf den Hausflur und schlägt so heftig die Tür hinter sich zu, dass die Fenster im Treppenhaus vibrieren.

Natascha, die gerade die Treppe hinuntergeht, zuckt ebenfalls zusammen und bleibt abrupt stehen.
Sie hofft, dass die Nachbarin sie nicht bemerkt. Doch vergebens Olga hat sie natürlich längst entdeckt.

Ach, Nataschchen… Guten Morgen!

Mit einer achtlos abgesetzten Kartonschachtel einem Überbleibsel von der letzten Küchenmaschine beginnt Olga Schneider, die Knöpfe ihres Mantels hektisch zu schließen. Man sieht deutlich, dass sie im Stress ist.

Guten Tag, Frau Schneider, entgegnet Natascha mit einem gezügelten Lächeln. Haben ihre Kinder wieder Unfug gemacht?

Was anderes kennen die gar nicht! Mein letzter Nerv liegt blank…, sprudelt die Nachbarin hervor, kämpfend mit dem letzten Knopf.

In diesem Moment kommt Bewegung in die Kartonschachtel am Boden.

Vor Schreck fährt Natascha zusammen, auch wenn sie noch in sicherer Entfernung steht.
Nein, ängstlich ist sie sicher nicht. Aber dass in dem Karton jemand oder etwas lebt, hätte sie nicht gedacht…

Was mag das bloß sein?

Schon beginnt ihre Fantasie zu spielen: Ein lebendiger Küchenautomat, der sich gegen eine Gemüse-Suppe aufgelehnt hat, könnte im Karton sitzen und seiner Strafe harren das wäre die fachgerechte Entsorgung auf dem nächsten Wertstoffhof.

Na, schau mal, sagt Frau Schneider schließlich und hebt den Karton an, um den Inhalt zu präsentieren.

Natascha steigt die wenigen Stufen weiter hinunter, tritt zur Nachbarin und blickt vorsichtig hinein.

Zwar weiß sie, dass sich in dem Karton nicht wirklich ein rebellischer Küchenautomat verstecken kann. Angst braucht sie jedenfalls keine zu haben. Doch das, was sie sieht, überrascht sie trotzdem.
Angenehm überrascht.

Zwei riesige, neugierige Augen blicken sie vom Schachtelboden an sie gehören einem kleinen Kätzchen.

Ach Gott, wie süß! entwischt es Natascha.

Süß, na klar. Find mal was anderes zum Staunen, brummelt Frau Schneider und klappt schnell den Deckel wieder zu.

Woher haben Sie den denn?

Meine Kinder haben das Tier angeschleppt… Ich bereue es jetzt schon, sie überhaupt gefragt zu haben, ob er bleiben darf. Eigentlich hatte ich mich auch von dem hübschen Blick und den großen Augen blenden lassen, aber man sagt ja: Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Außen hui, innen pfui der Charakter ist wie bei meinem Exmann.

Lassen Sie ihm Zeit, Frau Schneider, Kätzchen werden doch schnell ruhiger, wenn sie erst mal etwas größer sind, versucht Natascha zu beschwichtigen. Sie wollen doch sicher mit ihm zum Tierarzt? Impfungen machen lassen?

Noch was, du! Tierarzt, Impfung? Nataschchen, ich kann und will mich um den nicht länger kümmern. Hab schon entschieden der kommt aufs Land, auf unseren Schrebergarten. Soll das Kätzchen dort glücklich werden.

Natascha schaut sie verwundert an hoffte noch auf einen Scherz.

Aber der böse Blick der Nachbarin und die zusammengezogenen Brauen sprechen leider eine andere Sprache. Nein, heute ist nicht der 1. April, es ist der 15. November.

Ins Gartenhaus bringen? Im Spätherbst?

Und soll ich bis zum Frühling warten? Ach was! Hätte ich eine Verschiebung gebraucht, hätte ich auch im tiefsten Winter rausgefahren. Das Ding ist kein Kätzchen mehr, sondern ein Missgeschick!

Olga schnappt nach Luft, ringt sichtlich mit ihren Gefühlen.

Also fährt sie nach kurzem Durchatmen fort:

Du hättest mal sehen sollen, was der alles schon angestellt hat! So viele Beruhigungstees habe ich selbst als Alleinerziehende mit zwei Kindern nicht gebraucht! Meine Entscheidung ist endgültig. Schluss aus Schrebergarten!

Aber

Ich könnte ihn ja auch einfach im Hof lassen. Da haben meine Kinder ihn ja gefunden. Aber die kommen sicher wieder, holen ihn heimlich zurück und verstecken ihn im Schrank. Oder es kommt von allein! Das reicht mir endgültig!

Olga zieht ihr Handy aus der Tasche, sieht auf die Uhr und schüttelt den Kopf:

Du hast mich ganz schön aufgehalten, Nataschchen. Ich muss jetzt aber wirklich los, nicht dass ich den Bus verpasse.

Sie schnappt sich den Karton, dreht sich auf dem Absatz und poltert die Treppe hinunter, die freie Hand fest am Geländer.

Natascha bleibt zurück und versteht nicht: Wie kann man so ein kleines Kätzchen einfach alleine im Garten zurücklassen? Das schafft doch keine Nacht dort!

Warten Sie doch, Frau Schneider! ruft sie plötzlich.

Ja, was jetzt noch? Ich sags dir ich bin spät dran!

Bitte bringen Sie das Kätzchen nicht in den Garten. Ich versuche lieber, es in liebevolle Hände zu vermitteln. Geben Sie es mir doch, bitte.

Die Nachbarin bleibt stehen und dreht sich langsam zu Natascha.

Liebevolle Hände, ja? Was willst du damit andeuten? Haben meine Hände etwa nicht ausgereicht? Ich hab immerhin zwei Kinder groß gezogen!

Es ist nicht böse gemeint. Ich will doch nur das Beste für das Kleine. Auf dem Land schafft es das Kätzchen nicht.

Wers nicht schafft, der hats auch nicht verdient. So ist das Leben. Dann hätte es halt gar nicht erst geboren werden sollen…

Aber warum denn so?

Du, das ist nicht mein Problem! Das Kätzchen benimmt sich einfach unmöglich. Es passt nicht ins Haus.

Es ist ja noch ein Baby! Das lernt schon noch!, hält Natascha entgegen. Und dann platzt es aus ihr heraus: Sie bringen doch ihre eigenen Kinder auch nicht auf den Schrebergarten, auch wenn Sie sie den ganzen Tag anschreien.

Meine Kinder sind meine Kinder, das kann man doch nicht vergleichen! Aber von mir aus nimm das Vieh.

Sie stellt den Karton auf den Boden.

Mir recht! Muss ich mich nicht mehr abhetzen oder das Geld fürs Ticket rausschmeißen. Mal schauen, wie lange du durchhältst haha, spottet Frau Schneider.

Und schon ist sie in der Wohnung verschwunden diesmal mit noch lauterem Türknall und drinnen geht das Rufen schon weiter:

Was ist denn das hier? Warum hat noch niemand mit der Hausarbeit angefangen? Sofort her mit den Handys!

Was danach passierte, hört Natascha nicht mehr sie hebt den Karton, blickt noch einmal hinein und macht sich auf den Weg in ihre Wohnung.

So wird sie quasi aus heiterem Himmel zur glücklichen Besitzerin einer Küchenmaschinen-Schachtel mit…
…einem kleinen Kater darin.

Eigentlich hatte Natascha überhaupt nicht geplant, heute einen pelzigen Mitbewohner aufzunehmen. Noch dazu: Heute! Sie wollte nur Kaffee kaufen gehen der war urplötzlich aus und landete so ganz zufällig zur richtigen Zeit am falschen Ort.

Im Grunde war sie auch kein Fan von Tieren. Nicht, dass sie sie nicht mochte, aber diese grenzenlose Tierliebe, von der Hundebesitzer so gerne berichten, verspürte sie nie.

Trotzdem: Olga einfach das Kleine aussetzen lassen das konnte sie nicht.
Denn Gleichgültigkeit ist nicht gleich Unmenschlichkeit. Das darf man einfach nicht zulassen!
Warum eine radikale Lösung, wenn man einfach nur jemanden suchen muss, der das Tierchen gern zu sich nimmt?

So einen hübschen, kleinen Kerl wird bestimmt irgendwer nehmen, da war sie sicher.

Ein paar gute Fotos aus allen Blickwinkeln, die ins Internet gestellt, und vor der Wohnungstür stapeln sich sofort die Tierfreunde.

So einfach ist das!

*****

Natascha schiebt es nicht auf: Kaum zuhause, wird das Kätzchen in Pose fotografiert und die Bilder auf mehreren Plattformen in den Rubriken Verschenke Katze und In gute Hände abzugeben hochgeladen.

Dann kann sie endlich los, um Kaffee (und jetzt auch Katzenfutter!) zu kaufen.
Gemeinsam damit wandert auch ein kleines Katzenklo und Streu in den Einkaufswagen.
Gut, war nicht geplant, aber ohne gehts eben nicht.

Ich geb den Kram einfach weiter an den, der die Katze abholt, denkt sie und hat dabei ein richtig gutes Gefühl. Kein Gedanke an verlorenes Geld.

Laut Olga hieß der Kater eigentlich Murmeli, aber auf den Namen hörte er nicht. Also denkt sich Natascha einen neuen aus. Nach langer Überlegung bleibt sie bei ihrem 132. Vorschlag:

Ab heute bist du Felix! Einverstanden, wenn ich dich so nenne?, fragt sie und das Kätzchen miaut begeistert zurück, saust gleich in den Flur, um sich mit den Pantoffeln anzulegen ebenfalls pelzig, was Felix ziemlich nervt.

Natürlich ist er der Flauschigste und Schönste, und nicht etwa diese muffigen Pantoffeln.

Natascha lacht, während der Kater durch die Wohnung tobt, und widmet sich dann ihrer Arbeit.

Denn Natascha arbeitet als freiberufliche Fotografin, organisiert regelmäßig Shootings und liebt diese Arbeit, die auch finanziell ein schönes Auskommen sichert.

Dringend muss sie heute eine frische Fotoserie nachbearbeiten. Also Computer an, Photoshop laden, das erste Bild öffnen und konzentriert ans Werk.

Nur: In Ruhe arbeiten klappt nicht.
Felix, der die Pantoffeln abgefertigt hat, rast durch die Wohnung, rutscht um jede Ecke und lärmt dabei ohne Ende.

Hey, Kleiner!, ruft Natascha, dreht sich im Stuhl um und droht spaßig mit dem Finger.

Der Kater hält inne, schaut sie an: Was gibts denn, ich muss weiterspielen!

Ich versteh ja, dass du spielen willst. Aber vergiss nicht, du bist hier nur vorübergehend…

Miau!

Kein Widerspruch! Du bist Gast. Also benehm dich, bitte, und lass mich arbeiten.

Das hätte sie besser nicht gesagt.

Felix zieht einen beleidigten Dackelblick und Natascha spürt, wie das schlechte Gewissen wächst. Jetzt hat sie ein schlechtes Gefühl, richtig schlimm.

Wie kann man so ein kleines Wesen ausschimpfen?!

Na gut, spiel, aber leise!, gibt sie nach.

Der Kater miaut vergnügt und düst ab, kracht hier gegen den Stuhl, dort gegen den Schrank, da ans Polster.

Ziel vor Augen, Hindernisse werden ignoriert das ist Felix in Reinform, denkt Natascha.
Sie steckt Kopfhörer in die Ohren, Musik an und zurück an die Bildbearbeitung.

Keine fünf Minuten später donnert Felix erneut quer durch die Wohnung, rutscht unter den Tisch und zieht mit einer Pfote das Stromkabel vom Rechner aus der Steckdose flutsch, verschwindet, Schuld lässt sich nie beweisen.

Nicht dein Ernst… Wie schaffst du das nur?!, stöhnt Natascha zum schwarzen Bildschirm.

Nun tobt nicht mehr nur Felix, nein, auch sie, beide jagen durch die Wohnung. Der Kater kann entkommen, aber Natascha stößt sich dafür zweimal heftig den Fuß an Stuhl und Knie am Sessel.

Als der Computer wieder läuft, durchsucht sie die Seiten, auf denen sie Felix Fotos hochgeladen hat. Viele Likes und nette Kommentare. Beim Lesen sackt allerdings die Stimmung.

Denn niemand will Felix! Alle schreiben sowas wie:
Wow, wie süß!, Was für ein Glück, so ein Kätzchen zu haben!, Ein Traum von einem Kater!
Aber keiner bittet darum, ihn zu adoptieren.

Niemand ruft an, nicht mal bei ihr vor der Tür steht einer. Nicht mal dreimal nachsehen lohnt sich.

Also ergänzt sie unter jeden Post, dass sie Felix auch gerne selbst bringt. Egal, wohin ans andere Ende der Stadt oder sogar in eine andere Stadt. Wenns sein muss, bis ans Ende der Welt.

Wahrscheinlich wohnen die einfach zu weit weg so meldet sich bestimmt bald jemand!, denkt sie.

Inzwischen klettert Felix mit Mühe aufs Sofa, rollt sich in der Pose Lieb mich so, wie ich bin zusammen und präsentiert seinen Flauschbauch. Natascha muss sich daneben setzen und ihn ausdauernd streicheln, bis er einschläft.
Schließlich schläft sie gleich mit ein.

So verbringen die beiden fast den ganzen Tag zusammen an arbeiten ist nicht zu denken.

*****

Nach einer Woche muss Natascha sich eingestehen: Ein Kätzchen in gute Hände zu vermitteln ist schwieriger als gedacht. Viele Kommentare, viele Likes, aber niemand meldet sich. Kein Anruf, keine Nachricht.

Drei Tage später denkt sie ernsthaft:
Was, wenn ihn gar keiner nimmt? Muss er dann für immer bei mir bleiben?
Typisch, das hat mir gerade noch gefehlt!, murmelt sie, schimpft aber gleich auf sich selbst.

Felix schläft quer über ihrer Tastatur, umklammert mit seinen Pfoten die Computermaus seit vierzig Minuten kann Natascha nicht arbeiten als er, nach ihrem Ausruf, einen Augenwinkel öffnet, missmutig miaut, ganz nach dem Motto:

Ruhe jetzt! Es ist Siesta-Zeit, hörst du?

Natascha seufzt, greift zum Handy und liest die neuen Kommentare.
Nichts Neues. Immer noch Lobeshymnen auf Felix, nette Worte für Natascha. Doch sie verliert mit jedem Like und netten Kommentar Hoffnung, einen neuen Besitzer für Felix zu finden.

Sie erinnert sich plötzlich daran, wie sie neulich einen Psychologen aufgesucht hatte: Er sollte ihr helfen, das seltsame Gefühl der Leere in ihrem Leben zu erklären.

Beruf und Einkommen stimmten, sogar die Wohnung gehörte ihr Dank an die Eltern. Sie lebt doch eigentlich sehr zufrieden.

Trotzdem hatte sie das Gefühl, es fehle etwas.
Männer? Nein, daran lag es nicht. Sie hatte beschlossen, eine Pause zu machen.

Doch was war es dann?

Um das herauszufinden, hatte sie einen erfahrenen Profi konsultiert.
Nach dessen Rat versuchte sie ein Selbstgespräch, suchte die Ursache der Leere tief im Inneren (Psychologen sprechen ja gern von der Marianengraben-Tiefe).

Das Ergebnis war ernüchternd: Ein Glas Wasser, eine Kopfschmerztablette. Die Ursache liegt wohl immer noch auf dem Meeresgrund.

Von dem Psychologen enttäuscht, fragt sie Freundinnen.
Du bist einfach zu verwöhnt, das ist alles, meint Alina, die ein bisschen neidisch auf Nataschas Beruf und Wohnung ist.

Unsinn, Alina! Ich arbeite gleich viel wie du!

Vielleicht fehlt dir EINS einfach?, wirft Marie ein, noch ein Stück Käsekuchen verspeisend.

Was fehlt mir?

Nicht eins, sondern Speck! Du bist so dünn, du solltest mehr Törtchen essen, dann wärst du glücklicher!

Auch das Gespräch mit Freundinnen bringt keine Antwort. Sie beschließt, nicht weiter darüber zu grübeln. Und jetzt, da sie wieder darüber nachdenkt, fragt sie sich: Oder fehlt mir wirklich nur Felix zu meinem Glück? Mal sehen.

*****

Seit dem Tag, als Felix bei Natascha eingezogen ist, vergeht ein Monat. Oder besser gesagt der Monat fliegt vorbei.

Noch immer hat niemand Felix adoptiert. Und Natascha wundert sich: Von 1.228 Menschen (so viele Likes bekam Felix Bild) will keiner den Kater haben?

Nach 30 Tagen ahnt sie aber langsam, warum.

Viel ist passiert. Soviel, dass ein ganzer Roman daraus werden könnte.
Kurz und gut: Felix ist eigentlich ein äußerst kluges Kätzchen.

Er versteht Natascha fast ohne Worte, sogar nach dem zehnten Lass mein Sofa in Ruhe!

Er probiert sich außerdem in neuen Berufen ganz traditionell fängt er als Wohnungsdesigner an. So hat Natascha viermal die Vorhänge ausgetauscht, nur um am Ende festzustellen, dass keine Vorhänge eh besser sind.

Dann versucht er sich als Chefkoch probiert alles auf dem Tisch, spuckt Gurken, Pilze und Kartoffeln aber postwendend aus.

Schließlich beschließt Felix, das zu machen, was alle Katzen irgendwann machen: Er erfreut seine Besitzerin, wie nur Katzen das können.

Natürlich verstehen Felix und Natascha Glück auf ihre eigene Art: Für Natascha heißt Glück, auszuschlafen und Fotos zu bearbeiten.
Doch mit Felix ist an ruhigen Schlaf nicht mehr zu denken.

Scheinbar hat das Schicksal beschlossen, dass Natascha zu ruhig lebt. Deswegen schickt es ihr Felix.

Kaum sitzt sie auf dem Sofa oder Stuhl, sitzt Felix ihr auf der Pelle und fragt stumm: Spielst du heute mit mir?

Dann legt er erst richtig los. Dinge zu beschreiben, dafür fehlen Natascha irgendwann die Worte.

Heute versteht sie Frau Schneider viel besser auch wenn sie es immer noch nicht in Ordnung findet, so ein Wesen auszusetzen. Das hätte sie nie selber gekonnt. Niemals.

Aber es gibt auch viele schöne Momente:

Zum Beispiel macht Natascha sich keine Gedanken mehr darüber, was ihr im Leben fehlt. Die Frage stellt sich nicht mehr.

Sie verbringt weniger Zeit mit Putzen, nicht weil es weniger Dreck gibt sondern weil sie schneller geworden ist, bevor Felix wieder aufwacht.

Und so viele Glücksmomente gab es in diesem Monat, die bleiben lange im Gedächtnis!

Wie eine Mutter, die sich an den ersten Schritten ihres Kindes freut, so freut Natascha sich, als Felix endlich alleine das Katzenklo benutzt. Vorher musste sie ihn immer, egal wie spät, dorthin tragen.

Felix schafft es auch, nachts das Nachtlicht an- und auszuschalten. Irgendwann landet das Nachtlicht im Schrank dort, wo schon lange die Vorhänge liegen. Die Wohnung ist jetzt heller.

So geht es immer weiter, genau wie überall anders auch, gewöhnt man sich an alles.

Natascha hat sich längst an Felix gewöhnt.

Nach einem Monat mit ihm macht sie schließlich eine erstaunliche Entdeckung:

Nicht Felix wohnt bei ihr, sondern sie kommt bei ihm zu Besuch!
Tagsüber arbeitet Natascha, Felix ist Herr im Haus, empfängt sie abends an der Tür, verabschiedet sie morgens. Ein echter Hausherr!

Und plötzlich erkennt Natascha, dass sie gar nicht mehr nach liebevollen Händen für Felix suchen muss, weil sie selbst die Frau mit den guten, liebevollen Händen ist, die alle seine Streiche aushält!

Sie ist bereit, mitten in der Nacht aufzuwachen, um mit ihm zu spielen, bereit, ihn zu streicheln, wenn er sich quer über das Bett ausbreitet und zwar so, dass sie kaum noch Platz hat.

Ja, sie ist bereit und sie bereut nichts. Weil sie liebt. Weil man so einen Felix einfach lieben muss.
Und Felix liebt sie genauso…

Er weckt sie morgens nicht mehr, damit sie einmal so richtig ausschlafen kann.
Er kommt einfach still zu ihr ans Bett, legt sich ruhig hin und wartet, bis Natascha aufwacht.
Und manchmal blitzt in seinem Blick der Vorwurf: Wie lang willst du noch schlafen, Frauchen? Ich sehne mich nach dir……Und dann, eines sonnigen Nachmittags, klingelt es an der Tür. Natascha öffnet leicht verwundert vor ihr steht die kleine Nachbarstochter aus dem dritten Stock, schlaksig, mit schüchternem Lächeln und ganz ernsten Augen:

Stimmt das, dass Sie ein süßes Kätzchen gefunden haben? Mama hat erzählt, Sie suchen jemanden zum Liebhaben…

Bevor Natascha antworten kann, schlängelt sich Felix schon majestätisch zwischen ihre Beine, reckt der kleinen Besucherin mit aufgestelltem Schwanz sein Köpfchen entgegen und schnurrt so laut, als wolle er sagen: Diesmal entscheide ich.

Das kleine Mädchen lacht, kichert, streichelt mutig das Kätzchen. Felix schmiegt sich anschmiegsamer als je zuvor an ihre Hand, doch seine funkelnden Augen suchen sofort wieder Nataschas Blick. Prüfend, fragend, ein kluger kleiner Kater, der alles versteht.

Na, Felix? Willst du vielleicht umziehen?, fragt Natascha, schon ein kleines Stechen im Herzen spürend.

Doch in dem Moment, als das Mädchen wissend mit dem Finger an die Nase tippt und fröhlich ruft: Der will doch gar nicht weg! Der gehört zu Ihnen, das seh ich doch!, da weiß sie es selbst: Manches findet zu uns, wenn wir aufhören zu suchen. Manches bleibt, weil es gar nicht anders sein darf.

Felix springt zurück in Nataschas Arme und rollt sich zufrieden schnurrend ein, als hätte er nie etwas anderes vorgehabt. Natascha lacht, zum ersten Mal laut und unbeschwert seit langer Zeit. Ihr Herz, das so lange unruhig war, ist plötzlich still.

Als abends die Sonne schräg durch das Fenster fällt, blitzblank alles durchwärmt und Felix seinen Lieblingsplatz auf der Fensterbank einnimmt, weiß Natascha: Glück sucht man nicht manchmal wird es einfach in einer Kartonschachtel an die Treppe gestellt und wartet darauf, dass wir nur mutig genug sind, es hereinzulassen.

Und während Felix zufrieden die Stadt betrachtet und Natascha ihre Kamera hebt, um diesen einen vollkommenen Moment festzuhalten, denkt sie: Kein bisschen Reue. Nicht heute. Nicht morgen. Kein bisschen je.

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Homy
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Ich bereue nichts
Ich habe es abgelehnt, die Verwandten meines Mannes bei uns wohnen zu lassen – und so meine Nerven gerettet – „Aber die Steffi hat die Zugtickets schon gekauft, das gibt Ärger mit der Rückgabe und das Geld ist weg! Und überhaupt – sie ist doch deine Nichte! Das Mädchen steckt gerade in einer schwierigen Lebenslage, sie muss mal raus in die Stadt, ein bisschen shoppen, ihre Nerven entspannen, und du benimmst dich, als wärst du ein Geizhals – wirklich! Ihr habt doch eine schöne Zweizimmerwohnung mitten in Berlin, ihr lebt ja nicht wie Könige, dass ihr Familie von der Tür abweist.“ Meine Schwiegermutter Frau Ingrid klang am Telefon so laut, dass ich gar nicht auf Lautsprecher schalten musste – jedes Wort prallte von den Küchenfliesen ab wie ein Pingpong-Ball. Sebastian, mein Mann, saß mir gegenüber am Tisch, zog den Kopf ein und rührte traurig in seinem längst kalten Tee. Er hasste diese Momente, in denen er zwischen den Fronten stand: seiner resoluten, grenzüberschreitenden Mutter und mir, wie sich gerade herausgestellt hatte, einer Frau, die durchaus Rückgrat besaß. Ich wischte ruhig meine Hände am Küchentuch, atmete tief durch, nahm das Handy vom Tisch und übernahm das Gespräch, bevor mein Mann noch irgendetwas zu stammeln versuchte. – Guten Tag, Ingrid, sagte ich gleichmäßig. Lassen Sie mich die Sache klarstellen: Bei Steffi herrscht keine „schwierige Lebenssituation“, sie macht einfach mal wieder Urlaub und will ihn in Berlin auf unsere Kosten verbringen. Wir arbeiten beide, ich habe gerade den Monatsabschluss und arbeite von zuhause, dafür brauche ich Ruhe. Und Steffi kommt mit ihrem Sohn Ben, fünf Jahre alt, der – bei allem Respekt – schlicht nicht zu bändigen ist. Das hatten wir alles schon vor zwei Jahren. – Ach, du wirst doch nicht alten Kram ausgraben! – Schwiegermutter wechselte sofort von Angriff zu Beschwichtigung. – Das Kind ist doch jetzt älter, vernünftiger. Und Steffi hilft dir bestimmt! Putzt, kocht Suppe. Ihr habt’s doch dann auch mal lustiger! Sebastian hat seine Cousine vermisst, die haben früher so schön zusammen gespielt. – Ingrid, ich unterbreche sie – Die Entscheidung steht fest. Wir nehmen keine Gäste auf. Nicht für zwei Wochen, nicht für zwei Tage. Ich habe Sebastian die Links zu günstigen Hotels in unserer Gegend geschickt. Wenn Steffi sich erholen will, kann sie dort ein Zimmer buchen. Wir treffen uns gerne am Wochenende, gehen im Park spazieren und trinken Kaffee. Aber wohnen können sie bei uns nicht. Am anderen Ende herrschte bedrohliche Stille. Ich spürte fast körperlich, wie Ingrid Luft holte für den nächsten Schuss. – Also wirklich – ihr lasst Blutsverwandte nicht rein? Gründet in Berlin eure eigene Familie, kauft euch Wohnung, macht Renovierung und haltet euch plötzlich für was Besseres? Pass mal auf, Anna, das Leben ist rund, irgendwann brauchst du selbst Hilfe und dann dreht sich alles. Sebastian! Hörst du, was deine Frau da sagt? Bist du noch ein Mann im Haus oder nur ein Fußabtreter? Sebastian zog beim Hören seines Namens zusammen und griff nach dem Handy. Ich schüttelte den Kopf und legte selbst auf. In der Küche wurde es plötzlich ganz still, nur der Kühlschrank summte und draußen war der Verkehr auf der Abendstraße zu hören. – Du warst ganz schön hart zu ihr, – murmelte Sebastian, ohne aufzublicken. – Mama misst bestimmt gleich den Blutdruck und nimmt Baldrian. Und Steffi… Sie hat die Tickets nun wirklich gekauft. – Sebastian, schau mich an, – sagte ich und setzte mich ihm gegenüber, nahm seine Hand. – Erinnerst du dich an das letzte Mal? Wirklich? Steffi kam „für eine Woche“. Geblieben ist sie drei. Ben hat die frisch renovierte Flurtapete mit Filzstift verziert, weißt du noch? Als ich was gesagt habe, meinte Steffi nur: „Das ist doch ein Kind, eine kreative Seele, ihr klebt einfach neue drauf.“ Sie hat alles an Vorräten aufgegessen, nicht einmal für uns eingekauft, und bei der Abreise mein neues Kosmetikset „aus Versehen“ eingepackt. Wir haben Wochenlang gebraucht, bis wir uns wieder eingekriegt hatten. Du hast auf der Klappcouch in der Küche geschlafen, weil Steffi es „zu stickig“ fand im Wohnzimmer, und ich habe mich von ihrem Schnarchen erholt. Willst du das nochmal? Sebastian verzog das Gesicht. Damals schien das normal, Familie muss man ja irgendwie ertragen. Aber jetzt, vor meiner ruhigen, entschlossenen Haltung, wusste er, Wiederholung will er nicht. Ihm fehlte nur der Mut, konsequent Nein zu sagen – seiner Mutter, die es gewohnt war, die ganze Familie wie einen Regiment zu führen. – Sie kommen morgen früh – sagte er leise. – Zug fährt um sieben Uhr dreißig ein. Sie kommen einfach her, ganz praktisch. – Sollen sie kommen, – ich zuckte mit den Schultern. – Sie haben alle Hoteladressen. Ich mache die Tür nicht auf, Sebastian. Und dir rate ich das auch. Wenn wir jetzt nachgeben, werden sie uns für immer ausnutzen. Steffi hat schon im ganzen Dorf erzählt, dass ihr Bruder in Berlin eine „Basis“ hat – Unterkunft, so lange man will, kostenlos. Der Abend verging im schweren Schweigen. Sebastian lief auf und ab, schaute aufs Handy, seufzte. Ich demonstrierte Ruhe: Wäsche, Abendessen, E-Mails. Ich wusste, die Schlacht war noch nicht gewonnen. Ingrid und Steffi sind einfache Gemüter – ein „Nein“ ist für sie nur ein Signal: Mehr Druck ausüben. Am nächsten Morgen wurde ich vom Klingeln der Gegensprechanlage geweckt. Acht Uhr dreißig. Sebastian war schon weg – hatte feige früh das Feld geräumt und mich zurückgelassen. Ich nahm es ihm nicht übel, jeder hat seine Prägungen, und Hauptsache, er öffnete nun nicht selbst die Tür. Die Klingel dröhnte. Ich ging zum Hörer, drückte aber nur auf „Stummschalten“. Dann klingelte mein Handy. Steffi. Dann Ingrid. Dann wieder Steffi. Das Handy vibrierte auf dem Nachttisch, aber ich schenkte mir Kaffee und öffnete den Laptop. Um neun war ein wichtiges Zoom-Meeting – keine Familie durfte das stören. Nach einer halben Stunde klopfte es energisch an die Wohnungstür. Vermutlich waren sie hineingekommen, als ein Nachbar das Haus betrat. Das Klopfen war fordernd. – Anna! Mach auf! Wir wissen, dass du da bist! – Steffis Stimme war schrill, beleidigt. – Wir sind vom Zug, müde, das Kind muss auf Toilette! Und du hast keinen Funken Anstand! Ich ging zur Tür. Das Herz hämmerte, doch ich zwang mich, ruhig zu atmen. Ich schloss nicht auf, sondern stand dicht davor. – Steffi, ich habe doch gesagt, dass wir euch nicht erwarten. Geh bitte. – Spinnst du? – schrie Steffi. – Wo soll ich hin mit Koffern und Kind? Mach auf! Sebastian hat gesagt, ich kann! – Sebastian hat das nicht gesagt. Ich habe dir gestern die Adressen von Hotels geschickt. Das nächste ist zwei Häuser weiter. Geh dorthin. – Ich ruf gleich meine Mutter an! Die macht dir das Leben zur Hölle! – Ruf, wen du willst. Die Tür bleibt zu. Ich habe Arbeit. Draußen gab es Krach – Steffi trat wohl gegen die Tür oder schlug mit ihrer Tasche. Dann weinte Ben: „Mama, ich hab Hunger, Mama, Tante ist böse!“ Ich biss mir auf die Lippe. Mit dem Kind zu manipulieren – das war verboten, aber zu erwarten gewesen. – Ben, weine nicht, die macht gleich auf, die hat keine Wahl! – rief Steffi laut, für die Nachbarn hörbar. – Wir sind doch Familie! Ich setzte mich an den Laptop, Kopfhörer auf, Musik an. Ich musste mich konzentrieren. Das Klopfen dauerte noch eine Viertelstunde, dann wurde es still. Vermutlich drohten die Nachbarn mit Polizei wegen Ruhestörung. Der Tag blieb angespannt. Ich wartete auf eine Finte. Sie kam abends, als Sebastian zurück war. Blass und schuldbewusst. – Sie sitzen auf der Bank vorm Haus, – flüsterte er, als er reinkam. – Steffi, Ben, Koffer. Sie sitzen da seit Vormittag. Die Nachbarn tuscheln. Frau Meier aus dem Erdgeschoss hat mir schon gesagt, dass wir herzlos sind. – Und? – Ich verschränkte die Arme. – Sollen wir sie reinlassen? – Ach, mir tun sie leid… Es wird kalt, windig. Ben hustet. Vielleicht wirklich für eine Nacht? Nur eine! Morgen bring ich sie selbst ins Hotel. Ich sah ihn lange an. Ich konnte ihn verstehen, doch ich wusste: Gibst du ihnen „für eine Nacht“, bleiben sie zwei Wochen. Steffi findet Gründe: „Geld alle“, „Hotel doof“, „Ben Fieber“, „Rückfahrt geht nicht“. – Nein, Sebastian, – sagte ich fest. – Wenn du sie jetzt reinlässt, packe ich meine Sachen und ziehe selbst ins Hotel. Und komme erst zurück, wenn sie weg sind. Du entscheidest: Grenzen JETZT, oder Dauer-Gastspiel. Sebastian ließ den Kopf sinken, stand so eine Minute, dann holte er entschlossen Luft. – Du hast Recht. Ich hätte Mama gleich klipp und klar Antwort geben müssen. Ich gehe jetzt runter, rufe ihnen ein Taxi und fahre sie ins Hotel, zahle für zwei Nächte. Das ist alles, was ich tun kann. – Gut, – ich nickte. – Aber keine Wohnung: Kein Tee, keine Koffer. Direkt ins Taxi. Sebastian ging. Ich stand hinterm Vorhang und sah zu, wie er zur Bank ging. Steffi saß eingeschnappt, Ben baumelte auf dem Koffer und kaute ein Brötchen. So hungrig waren sie also nicht – Supermarkt gab’s ja. Das Gespräch war heftig. Steffi gestikulierte wild, zeigte auf unser Fenster, schrie. Dann kam das Taxi. Steffi warf den Koffer extra laut ins Auto, setzte Ben auf die Rückbank und zeigte den Fenstern einen unfeinen Gruß, dann fuhr das Taxi ab. Ich atmete auf. Erste Runde gewonnen. Aber das war noch nicht das Ende. Sebastian kam nach einer Stunde zurück. Er sah aus, als hätte er einen Kohlenwagen entladen. – Ich hab sie einquartiert – setzte sich müde in die Küche. – Zwei Tage bezahlt. Rest müssen sie selber sehen. Steffi hat am Empfang laut geschrien, ich sei unter deiner Fuchtel, du hättest mich verhext, wir seien überheblich. Mama hat fünfmal angerufen auf dem Weg. Ich bin nicht rangegangen. – Du hast es super gemacht – ich umarmte ihn. – Wirklich, ich bin stolz. War hart, ich weiß. – Mar… Anna, jetzt werden sie uns für immer hassen – lachte er bitter. – Die ganze Verwandtschaft weiß, was wir für Schweine sind. – Sollen sie. – Ich blieb ruhig. – Dafür wissen sie wenigstens: Zu uns kommt niemand unangekündigt und ohne Einladung. Das nennt sich Ruf. Der schützt uns. Am nächsten Tag startete die Telefonattacke erneut. Nicht nur Ingrid, auch Tante Brigitte aus Köln und sogar irgendeine Cousine vierten Grades, die Sebastian nur einmal getroffen hat. Alle wollten uns an die Familientradition und Gastfreundschaft erinnern. Ich habe fremde Nummern blockiert, Sebastian empfohlen, sein Handy abzustellen. Abends schrieb Steffi: „Ben hat Fieber, Hotel ist kalt, wir sterben! Hol uns!“. Sebastian zeigte mir bleich die Nachricht. – Bleib ruhig, – sagte ich. – Das Hotel hat laut Bewertungen super Heizung. Das ist Manipulation. Schreib ihr: „Bei schlimmen Symptomen: Notarzt rufen. Zu uns ist unmöglich, wir haben Quarantäne, ich bin krank.“ – Wie jetzt? – Sebastian war irritiert. – Was für Quarantäne? – Irgendwas – Grippe, Virus. Die Angst vor Ansteckung wirkt besser als Polizei. Sie wollen nicht krank werden. Sebastian schrieb: „Ich habe Verdacht auf Lungenentzündung, hohe Temperatur. Arzt hat Kontakt verboten. Ruf den Notarzt bei Ben.“ Antwort kam sofort: „Du bist so ein Ekel! Na gut, kommen klar. Bleib weg, bist verseucht.“ Von „Fieber“ war keine Rede mehr. Zwei Tage später fuhr Steffi ab. Für Shopping und Spaß war wohl kein Geld mehr, und fürs Hotel zahlen kam nicht in Frage. Kurz vor Abfahrt kam nur noch eine üble WhatsApp: Sie würde allen die Wahrheit sagen über die „eiskalte Berlinerin“. Nach einer Woche war Ruhe. Sebastian, erst noch betrübt wegen der Mutter, bemerkte plötzlich, wie friedlich alles geworden war. Niemand forderte Geld, drängte sich auf, mischte sich ein. Ingrid hatte ihnen einen demonstrativen Kontaktstopp verordnet, aber Sebastian fand das eher angenehm. Am Samstag saßen wir bei Kuchen am Küchentisch. Sonne auf den blitzsauberen, ungezeichneten Tapeten. – Weißt du, – sagte Sebastian nachdenklich beim Kuchen. – Du hattest Recht. Hätten wir sie hereingelassen, hätten wir das Chaos jetzt. Ben würde durch die Wohnung springen, Steffi ständig meckern, alles kritisieren wollen. Ich wäre dauerkopfschmerzlich. – Und wir wären zerstritten – ergänzte ich. – Ich mit dir, du mit mir. Jetzt sitzen wir hier, mit Ruhe und Frieden. Wir haben unsere Nerven und unsere Beziehung gerettet. – Aber meine Mutter… – seufzte Sebastian. – Sie kühlt schon wieder ab. Spann dich nicht, – sagte ich sicher. – Irgendwann ruft sie an, aber im anderen Ton. Sie merkt, dass die alten Methoden nicht mehr funktionieren. Ab dann reden wir neu – auf Augenhöhe. Und tatsächlich, nach drei Tagen klingelte es. – Sebastian, hallo, – Ingrids Stimme war nüchtern, ohne Drama. – Geht es dir besser? Steffi meinte, du warst ernsthaft krank. – Hallo Mama. Ja, stimmt, aber geht wieder. – Gut, da bin ich beruhigt. Sag mal, dein Vater hat bald Geburtstag, sechzig. Kommt ihr vorbei? Aber nur ganz kurz, wir haben Baustelle, das Haus ist voll… Sebastian sah mich an und zwinkerte. Jetzt galt „zu wenig Platz“ auch in der Heimat. Die Grenzen standen. – Wir schauen, Mama, – antwortete er. – Viel Arbeit. Vielleicht kommen wir auf einen Sprung, gratulieren. Übernachten aber lieber im Hotel, damit wir euch nicht stören. – Na… Wie ihr wollt, – kam Unsicherheit auf, aber Widerspruch blieb aus. – Ihr entscheidet! Sebastian legte auf und fühlte sich zum ersten Mal wirklich erwachsen in seinen vierzig Jahren. – Und? – fragte ich. – Einladung zum Geburtstag, mit wenig Platz. – Hervorragend! – grinste ich. – Nennt sich gegenseitiger Respekt. Die Geschichte war ein Wendepunkt für uns. Wir begriffen: Nein zu sagen ist nicht schlecht. Es ist ein Schild, das unser Familienglück schützt. Und das darf man ohne Schuldgefühl einsetzen. Und Verwandte… liebt man eben mit Abstand. Je größer das Abstand, desto liebevoller. Übrigens – ein Monat später postete Steffi Fotos aus Antalya: „Endlich Urlaub, nicht wie dieses staubige Berlin!“ Geld für die Reise war also da, fürs Hotel in Berlin aber zu schade. Ich sah mir die Fotos an, schmunzelte und setzte sogar ein Like. Ehrlich. Sie kann Urlaub machen, wo sie will – solange nicht auf unserem Sofa. Haben Sie ähnliche Erfahrungen mit aufdringlichen Verwandten gemacht? Schreiben Sie es in die Kommentare und abonnieren Sie den Kanal!