Das Hotel schließt
Die Tabletten habe ich schon in der S-Bahn gemerkt. Ich habe in meiner Tasche gekramt, die Brille gefunden, die Schlüssel zum Schrebergarten, eine Tüte mit Kirschen, die ich auf dem Markt am Bahnhof gekauft hatte, und dann kam es mir: Die kleine gelbe Schachtel fehlt. Genau die, die ich seit drei Jahren immer an denselben Platz ins Küchenregal lege, seit Dr. Sebastian Kramer mir gesagt hat, dass ich den Blutdruck im Griff halten muss, sonst hält er mich im Griff.
Ich saß am Fenster, sah wie die Gärten an mir vorbeizogen, hörte, wie sich zwei Männer hinter mir über irgendwelche Rohre unterhielten, und überlegte: Zurückfahren oder einen der Schrebergartennachbarn bitten? Aber Frau Ingrid Berger von Parzelle Sechs hat selbst Bluthochdruck, ihre Tabletten sind andere helfen mir also nicht. Beim letzten Mal bin ich das Wochenende auch ohne meine durchgekommen, und danach fast im Garten umgekippt. Das wollte ich nicht riskieren.
Also musste ich zurück.
Ich stieg an der nächsten Haltestelle aus, nahm die S-Bahn zurück in die Stadt. Immer wieder dachte ich, dass Anton und Sophia es sich sicher schon in der Wohnung gemütlich gemacht haben. Anton wusste, dass ich bis Sonntag im Schrebergarten bin. Er wusste, dass ich die Johannisbeeren gieße, in den Beeten buddle, abends auf der Veranda lese. Zwei freie Tage nur für mich, die ich mir einmal im Monat gönne nicht mehr.
Die Wohnung war mal Bories und meine, später dann nur meine. Und als Anton mit seiner jungen Frau Sophia keine Bleibe fand, ließ ich sie bei mir wohnen. War für mich selbstverständlich, als Mutter hilft man. Eine Mutter lässt doch nicht im Regen stehen.
Die S-Bahn ruckelte. Draußen nieselte es leicht.
Ich bin achtundfünfzig Jahre alt. Arbeite halbtags als Buchhalterin, mehr schaffe ich nicht mehr. Den Schrebergarten halte ich weniger aus Liebe zur Erde, sondern weil: eigene Kartoffeln und Gurken eine echte Ersparnis. Ich klage nicht. So bin ich eben.
Borie habe ich vor sechs Jahren verloren. Seitdem lebe ich allein mal abgesehen von Anton und Sophia, die vor zwei Jahren auftauchten, als Anton sie das erste Mal vorstellte und sagte: Mama, wir haben geheiratet. Kein Wir wollen heiraten, kein Das ist Sophia, wir sind zusammen. Einfach: geheiratet. Punkt. So war er schon als Kind. Ich habe akzeptiert, genickt, Glück gewünscht, den Tisch gedeckt.
So war und bin ich.
Vor dem Haus stand ich gegen halb drei. Der Regen hatte aufgehört, aber der Asphalt war noch nass und roch wie nur Stadtasphalt nach Regen riecht: etwas nach Staub, nach Wärme, und ein Hauch Eisen. Ich tippte den Code am Haustor, stieg die vier Stockwerke zu Fuß hinauf, weil der Aufzug meistens nicht geht. An der Tür bemerkte ich, wie ich besonders leise auftrete. Warum eigentlich? Vielleicht wollte ich sie nicht erschrecken. Keine peinliche Situation verursachen.
Das habe ich mir angewöhnt. Nie Peinlichkeit verursachen.
Vorsichtig steckte ich den Schlüssel ins Schloss und öffnete langsam die Tür. Im Flur roch es fremd, süßlich, nach irgendeinem Parfüm, das ich nie gekauft habe. Sophias Schuhe standen mitten im Flur, nicht ordentlich an der Wand, sondern mitten im Weg, die Absätze weit auseinandergestellt, sodass ich fast stolperte. Antons Turnschuhe lagen daneben.
Ich ging an der Küche vorbei. Aus der Pfanne zischte etwas, Rauch hing in der Luft, obwohl ich mehrfach gebeten hatte, in der Wohnung nicht zu rauchen wegen des Geruchs und der Tapeten. Sie hatten immer genickt und weitergeraucht.
Die Tür zu meinem Schlafzimmer stand einen Spalt offen.
Im Flur blieb ich stehen, weil ich Sophias Stimme hörte. Sie sprach in diesem geschäftigen, leicht genervten Ton, den ich an ihr kennengelernt hatte. Wie jemand, der längst alles entschieden hat und jetzt nur noch seinen Plan präsentiert.
Schau mal nur, das ist doch kein billiges Ding das ist echter Perlen- und Saphirschmuck, sagte sie.
Legs zurück, meinte Anton. Aber ohne Nachdruck, so wie man es sagt, wenn man eigentlich nichts dagegen hat.
Ich schau doch nur. Weißt du, dass sie das nie anzieht. Liegt einfach nur rum.
Ich wusste sofort, worüber sie redeten. Die Perlenkette mit Saphir in der Mitte. Ein Geschenk von Borie zum zwanzigsten Hochzeitstag. Wir hatten lange gespart, er hat ewig gesucht. Ich weiß noch, wie er mir damals die Schachtel überreichte und selbst ganz rot wurde, wie ein Junge, dabei war er schon über vierzig. Ich habe die Kette nur einmal getragen, zu seiner Beerdigung. Danach nie wieder. Sie lag stets in meiner Kassette im Schlafzimmer, in der verschlossenen Kommode.
Immer verschlossen.
Anton, ich meine es ernst, hörte ich Sophia sagen. Wir müssen an die Zukunft denken. Wollen wir ewig so weiter hausen? Immer nach ihren Regeln, in ihrer Wohnung?
Es ist aber ihre Wohnung.
Noch, sagte Sophia und ich hörte, wie sie etwas auf das Möbel stellte. Überleg doch mal, wie viel das wert ist vier Räume, mitten in der Stadt. Das ist Geld, Anton. Richtig viel Geld.
Und was schlägst du vor?
Das war kein wirkliches Nachfragen, nur so dahingesagt. Ich stand hinter der Tür und in meinen Ohren rauschte es. Noch nicht aus Wut. Es war seltsam ruhig, eisig, wie manchmal, wenn man eine Wahrheit zum ersten Mal ganz begreift und noch gar nicht weiß, wie man dazu stehen soll.
Sie hat doch Bluthochdruck. Und dieser Arzt von ihr sagt immer, sie soll sich besser beobachten lassen irgendwas mit dem Kopf, weißt du noch? Sie hats doch erzählt.
Was denn mit dem Kopf? Sie ist völlig klar.
Anton. Sophias Ton war nun leise, fest. Wir leben hier nur, solange sie uns lässt. Wenn sie sagt: raus, sind wir draußen. Wo willst du dann hin? Zu meiner Mutter? Zwei-Zimmer-Wohnung, Schwester samt Mann wohnen auch da.
Ja, aber was willst du tun?
Ich schlage vor, mit unserem Arzt zu reden. Sebastian kennt sich aus. Ein Gutachten, dass sie kognitive Probleme hat. Kein Drama, nicht strafbar. Nur ein Attest. Dann Antrag auf Betreuung, dauert zwar, aber es klappt. Dann kann man die Wohnangelegenheit regeln. Sie lebt im Schrebergarten, ihr geht es dort gut, frische Luft, Gemüse. Und die Wohnung kommt unter unsere Verwaltung.
Ich hörte, wie Anton schwieg. Ich kenne sein Schweigen. Er schwieg genauso, als er mit acht die Fensterscheibe kaputt machte und nichts zugeben wollte. Oder mit sechzehn Geld aus meiner Tasche nahm und meinte, er hätte es auf der Straße gefunden. Oder als er Sophia brachte und ohne Vorwarnung vor vollendete Tatsachen stellte.
Sein Schweigen bedeutete nur das eine: Er ist fast einverstanden.
Das ist aber nicht fair, sagte er schließlich.
Natürlich nicht fair. Aber hast du die letzten 30 Jahre immer fair gelebt?
Wie meinst du das?
Sie hat dich dein ganzes Leben an der kurzen Leine gehalten. Du rufst sie täglich an. Besorgst ihre Medikamente. Fährst am Wochenende in den Schrebergarten, weil sie alleine ist. Du bist 34, Anton, langsam solltest dus gut sein lassen mit dem Muttersöhnchen.
Ich bin kein Muttersöhnchen.
Doch. Schon. Wir wohnen zwei Jahre hier, sie duldet uns, wir sie. Es reicht. Ich habe genug.
Gut, sagte er leise. Aber dann räum wenigstens auf, bevor sie kommt. Du musstest ja unbedingt an die Kommode.
Das war alles. Maximaler Widerstand, so viel hat er mir immer gegeben.
Im Flur wurden meine Finger taub. Nicht vor Kälte, es war ja warm. Es gibt solche Momente, da ordnet sich innen alles ganz still neu, und eine seltsame Leere zieht ein nicht in den Ohren, sondern im Kopf.
Da fiel mir ein, wie viele Jahre ich versucht habe, jede Peinlichkeit zu umgehen.
Mir fiel ein, wie Sophia vor drei Monaten beiläufig bemerkte, sie vertrage meinen Nachtcremegeruch nicht. Seitdem hab ich die Creme nur noch heimlich im Bad benutzt. Und wie Anton letztes Jahr bat, nach zehn abends den Fernseher leiser zu drehen ab dann schaute ich nur noch mit Kopfhörern. Oder wie Sophia meine Teller in den Unterschrank räumte, weil es ihr bequemer war und ich nie etwas sagte und mich seitdem jedes Mal bücke.
Das, was meine Freundin Ulrike immer sagte: Mit erwachsenen Kindern umzugehen, sei eine eigene Wissenschaft. Man müsse Distanz wahren, das Nein-Sagen lernen. Ich habe das immer weggelacht. Nein sagen? Mein Sohn das ist doch keiner anderen Mutter anders.
Ich schob die Tür auf.
Sophia stand vor dem Spiegel. Die Kette lag um ihren Hals. Meine Kette. Borie hätte jetzt neben mir gestanden und gewusst, er sagt besser nichts ich spürte das richtig, als wäre er noch da. Anton saß auf dem Rand meines Bettes. Meinem Bett. Auf der Decke, die ich mit Borie auf dem Markt am Bodensee gekauft habe, damals, als wir das einzige Mal zu zweit, ohne Anton, weggefahren sind.
Sie sahen mich gleichzeitig. Sophia erstarrte. Anton stand auf.
Mama, kam es von ihm leise, wie ertappt bei einer Kleinigkeit. Nicht beim Plan, die Mutter zu entmündigen und aus der Wohnung zu drängen, nur bei einer Kleinigkeit. Mama, du bist doch im Garten.
Tabletten vergessen, sagte ich.
Schweigen. Dicht und drückend. Ich sah zu Sophia. Zu der Kette. Sie hielt sie noch, als wolle sie sie abnehmen, oder wusste nicht: abnehmen oder nicht?
Ich trat zu ihr. Sie war einen halben Kopf größer als ich, jung, diese scharf blickenden Augen, die ich immer für Klugheit gehalten habe und die mir jetzt einfach kalt erschienen. Ich streckte die Hand aus.
Bitte nimm sie ab.
Frau Kretschmer, ich wollte nur …
Nimm sie ab.
Sie tat es und legte die Kette mir in die Hand. Sie war noch warm von ihrer Haut, und das fühlte sich an wie eine Fremdheit auf Bories Perlen.
Ich schloss sie zur Faust und wandte mich Anton zu.
Er stand da wie früher als Kind, wenn er wusste, er hat Mist gebaut, aber noch nicht entschieden hat, ob er es zugibt. Ein erwachsener Mann von 34 mit einem Kindergesicht, meinen Augen und Bories entschiedenem Mund.
Ich hab alles gehört, sagte ich.
Mama …
Alles. Von Sebastian, dem Arzt. Von den kognitiven Störungen. Von der Idee, mich entmündigen zu lassen.
Anton wurde bleich, Sophia nicht. Sie sah mich mit diesem Rehblick an, in dem jetzt aber schon Taktik lag wie sie wohl da wieder rauskommt.
Frau Kretschmer, das war nur ein Gespräch. Wir dachten nach, mehr nicht …
Bitte, sei ruhig.
Sie schwieg. Ich glaube, mit dem Ton hatte sie nicht gerechnet. Ich selbst auch nicht. Ruhig, fest, kein Zittern, auch wenn meine Hand bebte und die Perlen darin rollten.
Anton, sagte ich und sah meinen Sohn an. Mitleid hatte ich mit ihm, das letzte, was von mir aus früherer Zeit übrig war. Dieses warme, blinde Mutter-Mitleid für einen Menschen, der gerade zugestimmt hatte, mich für unzurechnungsfähig erklären zu lassen.
Verstehst du, was da passiert ist?
Mama, es war nur ein Gespräch …
Ihr habt überlegt, wie ihr mich aus dieser Wohnung kriegt. Aus der Wohnung, in der ich dreißig Jahre lebte. In der dein Vater gestorben ist. In der du aufgewachsen bist. Darüber habt ihr geredet, während Sophia die Kette anprobierte, die Papa mir zum Hochzeitstag schenkte. Habe ich das richtig verstanden?
Anton schwieg.
Habe ich das richtig verstanden?
Mama, du …
Anton. Ich wollte diese angefangenen Sätze nicht mehr hören. Antworte mir. Ja oder nein.
Es war nur ein Gespräch. Da klang wieder dieses beleidigte Für-ungerecht-halten durch, als sei ich schuld. Du kennst den Zusammenhang nicht.
Ich habe genug gehört.
Ich trat zur Kommode. Die Schmuckschachtel war offen. Da lagen auch die anderen Sachen, meine Bernsteinohrringe aus Rostock, das Armband, das ich mir zum fünfzigsten gegönnt hatte, ein Granatring, den ich nie trage, aber aufbewahre. Alles durchwühlt, nicht so ordentlich, wie ich es hatte. Anders.
Ich schloss die Schachtel, steckte sie in meine Tasche.
Folgendes, sagte ich. Und ich sprach ruhig, in meiner Wohnung, im eigenen Schlafzimmer. Das Hotel Bedingungslose Mutterliebe schließt. Für immer. Ihr habt bis morgen früh Zeit, eure Sachen zu packen und die Wohnung zu verlassen.
Sophia wollte widersprechen.
Frau Kretschmer, im Ernst? Wohin sollen wir denn?
Das ist nicht mein Problem.
Wir haben kein Geld …
Sophia, unterbrach ich sie. Du hast gerade besprochen, wie du mich entmündigen lässt ausprobiert hast du schon meinen Schmuck, mitten in meinem Zimmer. Du meinst wirklich, ich kläre jetzt deine Wohnungsfragen?
Mama. Anton trat zu mir. Das kannst du nicht. Ich bin dein Sohn.
Ich sah ihn an. Sein Gesicht, meine Augen. Und es tat weh dieser spezielle Schmerz, wie ihn nur Kinder verursachen können. Die Menschen, die man liebte, lang bevor sie wurden, was sie heute sind.
Genau weil du mein Sohn bist, sagte ich, sage ich es dir ins Gesicht. Nicht über Nachbarn, nicht über Anwälte oder Ärzte. Direkt. Bis morgen früh.
Ich verließ das Zimmer. Nahm vom Küchenregal die Tabletten da stand sie, die gelbe Schachtel. Zählte sie kurz durch, steckte sie ein. Zog die Jacke an, griff die Schlüssel.
Frau Kretschmer…, Sophia stand im Flur, der Ton jetzt bittend. Den kannte ich immer wenn sie etwas wollte. Reden wir doch in Ruhe … Sie missverstehen uns.
Ich habe Sie genau richtig verstanden, sagte ich und öffnete die Wohnungstür.
Auf der Treppe roch es nach Essen von den Nachbarn. Draußen stand ich auf dem nassen Gehweg.
Da zitterten meine Knie zum ersten Mal richtig. Ich lehnte mich an die Hauswand, wusste kurz, dass ich gleich weinen würde. Nicht aus Kummer oder doch, aber es war ein anderer Kummer als nach Borie. Kein stiller, sondern ein scharfer, wie der erste Schluck eiskaltes Wasser.
Ich ging in den kleinen Park, zwei Straßen vom Haus entfernt die Linden, die Bänke, alles vertraut. Manchmal war ich mit einem Buch dort, einfach um allein zu sein was immer seltener wurde, seit Sophia da war.
Ich setzte mich auf eine nasse Bank, merkte es, stand auf, legte die Plastiktüte aus der Tasche unter und setzte mich wieder.
Dann weinte ich.
Nicht schön, nicht leise, sondern richtig. So wie Menschen ohne Zeugen weinen. Ich weinte um Borie, der nicht mehr erleben musste, was aus seinem Sohn geworden war. Weinte um die Kette, die fremde Wärme abbekommen hatte. Weinte über all die Jahre, in denen ich Teller aus dem Unterschrank holte und nie etwas sagte. Weinte um den Sohn, den ich ein Leben lang meinte zu haben, und der es am Ende nicht war.
Eine Frau mit Dackel ging vorbei, der Hund zog kurz zu mir hin, sie ging eilig weiter. Ich nahm es kaum wahr.
Irgendwann nahm ich eine Tablette, trank Wasser aus der Flasche, die immer in meiner Tasche steckt, saß noch etwas. Wischte mir das Gesicht mit einem Papiertaschentuch aus der Jackentasche ab und atmete tief durch.
Der Parkhimmel war grau, dieses milde Grau nach dem Regen, vor dem Abend. Irgendwo in den Linden zwitscherte ein Vogel. Ich wusste nie, welcher es war Borie schon, ich nicht.
Ich saß und dachte darüber nach, was jetzt kommen würde. Anton. Sophia. Wahrscheinlich gehen sie zu ihrer Mutter zwei Zimmer, mit Schwester und Ehemann. Dort wirds eng, unbequem, Anton wird vielleicht anrufen: wütend oder bittend. Ich wusste nicht, was ich antworten würde aber zum ersten Mal hatte ich keine Angst davor.
Das war neu. Keine Wut, keine Freude. Einfach: Keine Angst.
Der Familienkonflikt, den ich so lange zugedeckt habe, war ein echter Konflikt geworden. Und nichts war zerstört. Der Himmel ist nicht heruntergefallen. Ich sitze auf der Parkbank mit leerer Wasserflasche und lebe.
Ich stand auf, richtete die Tasche, ging zum Bahnhof.
In der S-Bahn saß ich wieder am Fenster, sah, wie die Stadt immer weniger wurde, mehr Himmel zwischen den Häusern aufkam, die Bäume dichter wurden. Ich dachte an nichts. Oder an alles das war dasselbe.
Im Schrebergarten kam ich in der Dämmerung an. Schloss das Tor auf, ging über das nasse Gras zum Haus. Die Johannisbeeren glänzten noch vom Regen. Es war still, nur ganz hinten auf der Straße bellte ein Hund.
Ich trat ins Haus. Zündete die Lampe in der Küche an. Setzte Wasser auf.
Es roch nach Holz, nach ein wenig Feuchtigkeit, ein Hauch Erde. Mein Geruch, der mir seit zwanzig Jahren vertraut ist. Ich hängte die Jacke auf, stellte die Schmuckschachtel ins Regal zu den Büchern. Dachte noch: Muss einen sichereren Platz finden.
Dann legte ich mich, ohne zu essen, aufs Bett und schlief schnell ein. Kurz vorm Einschlafen kam mir der Gedanke: Wie werde ich jetzt leben? Allein in vier Zimmern? Ohne Anton? Ohne dieses Alltag-Gebrauchtwerden?
Der Gedanke kam und blieb ein Gedanke, nicht Angst.
Am Morgen wachte ich früh auf. Der Himmel war klar, wie frischgewaschen. Das Gras noch voller Tau. Die Vögel lärmten, und ich konnte wieder nicht sagen, welches der Singvogel vom Park war.
Ich trank Tee, aß Brot mit Johannisbeermarmelade vom letzten Jahr, und wusste: Ich musste fahren. Nachsehen. Es war Zeit, die Wohnung zurückzunehmen.
Gegen elf war ich zurück in der Stadt. Wieder zu Fuß, der Aufzug blieb wie immer aus. Ich schloss die Tür auf.
Keine Sophias Schuhe im Flur, keine Antons Turnschuhe. Es war ruhig, es roch noch leicht nach dem fremden Parfüm, das aber schon verflog.
Ich ging durch die Wohnung. Die Küche war sauber das überraschte mich. Auf dem Tisch lagen die Schlüssel. Einfach hingelegt, ohne Zettel. Ein Schlüssel für die Haustür, einer für den Briefkasten.
Ich nahm sie, legte sie in die Kommodenschublade im Flur.
Im Schlafzimmer war die Decke glatt. Die Kommode geschlossen. Alles am Platz, als ob nichts gewesen wäre. Aber ich wusste, dass es nicht so war; dieses Wissen lag leise in mir, nicht mehr schmerzhaft, sondern einfach als Fakt.
Ich öffnete das Fenster. Die kalte April-Luft kam rein, mit Stadt- und Frühlingsgeruch vom nahen Park. Einen Moment stand ich am Fenster und schaute auf die Straße.
Dann in die Küche.
Dort stehen die Tassen schlichte, bunte Alltagstassen. Eine hebe ich besonders auf, im Glasschrank: feines Porzellan, blauer Blumenrand, dünn durchscheinend. Hat mir Ulrike vor zehn Jahren geschenkt, ich hüte sie für Gäste.
Gäste kamen selten. Die Tasse stand im Schrank.
Ich öffnete den Schrank, stellte sie auf den Tisch.
Kocher auf den Herd, frischer Kaffee den ich sonst selten koche, weil ich meist löslichen nehme. Ich beobachtete das Aufschäumen, nahm ihn im rechten Moment vom Herd.
Goss den Kaffee in die Tasse mit den blauen Blumen.
Setzte mich.
Trank langsam, sah aus dem Fenster ins Aprillicht. Dachte an den Schlüsseldienst, an das Zimmer der Kinder, das gelüftet werden musste. Vielleicht könnte ich Ulrike alles erzählen. Oder auch nur ihre Stimme hören.
In dieser Wohnung gibt es vier Zimmer, überall kann ich abends fernsehen, so laut wie ich will. Ich kann meine Creme benutzen, wann und wo ich will. Die Teller wieder ins obere Regal stellen.
Der Kaffee war heiß, ein kleines bisschen bitter. Die Tasse federleicht. Ich hielt sie mit beiden Händen.
Zwei Jahre lang habe ich nie aus dieser Tasse getrunken.
Na, hallo, sagte ich leise.
Nicht zu Borie, nicht zu Anton. Nicht zur Vergangenheit.
Zu mir.
Das Handy lag auf dem Tisch. Kein Ton, kein Licht. Seit gestern Abend keine Nachricht. Ich wusste noch nicht, ob das gut oder schlecht war, aber es war egal.
Mutter und Sohn. Schwiegertochter und Schwiegermutter. Wann hört man auf, bequem zu sein? Wie sagt man Nein? Ich habe dazu nie Ratgeber gelesen. Ich lebte einfach, dachte, ich meistere es. Geduld sei Tugend, Konflikte immer Schuld von beiden.
Vielleicht habe ich mit Schuld, weil ich so lange den Mund gehalten habe. So lange die Teller gebückt, so lange Kopfhörer genommen. Mich klein machen lassen.
Leben nach Fünfzig, heißt es, fängt neu an. Ich habe darüber immer gelacht. Zu schöner Spruch für zu schwere Sache.
Aber: Kaffee in Porzellan. Aprilhimmel. Stille.
Da war doch etwas daran.
Das Handy vibrierte. Anton.
Ich hob ab, stellte die Tasse ab, wartete einen Moment.
Ja?
Mama … Seine Stimme war leise, ob Scham oder Müdigkeit, ließ sich nicht sagen.
Wir sind weg. Die Schlüssel liegen auf dem Tisch.
Ich habs gesehen.
Mama, ich will, dass du weißt, ich hätte das nie … ich hätte nicht zugelassen, dass Sophia das macht, mit dem Arzt und all dem. Das war nur sie, ich hätte nie …
Ich hörte zu. Vielleicht stimmte es. Vielleicht hätte er es wirklich nicht getan. Vielleicht ist der Unterschied zwischen nicht zulassen und nur noch aufräumen lassen riesig, aber anders kriegt man das am Telefon auch nicht raus.
Anton, sagte ich sachlich. Wut war vergangene Nacht irgendwo in der S-Bahn zwischen Stadt und Schrebergarten verdampft. Etwas anderes war übrig, unbenannt.
Wir müssen reden. Aber nicht heute. Heute brauche ich Zeit für mich allein.
Okay, sagte er leise. Pause. Wie gehts dir?
Ich trinke Kaffee.
Mama
Ruf nächste Woche an, Anton, sagte ich. Ich nahm die Tasse wieder. Sie war wärmer als meine Hand.
Ich antworte dann.
Ich legte auf.
Trank den letzten Schluck. Der Kaffee war kalt geworden, aber gut.
Lebensweisheit, sagte meine Mutter immer, ist nicht mehr wissen als andere, sondern wissen, wann genug ist. Sie war nicht groß, redete wenig, aber alles, was sie sagte, wurde erst Jahre später wahr.
Ich spülte die Tasse. Stellte sie nicht mehr in den Glasschrank, sondern ins Regal zu den alltäglichen.
Zog die Jacke an. Nahm die Schlüssel. Meine Schlüssel.
Vor der Wohnungstür blieb ich kurz stehen.
Sah mich noch einmal um: Den Flur, wo nur meine Jacke hing. Die Küche mit der Porzellantasse auf dem Regal. Das Sonnenlicht auf dem Teppich.
Jetzt schauen wir mal, sagte ich.
Und ging raus.




