Überraschung vom Exfreund
Sebastian, warte! rief ich aus dem offenen Fenster.
Aber er hörte mich nicht.
Schon saß er in seinem Golf und startete den Motor. Ich griff nach meinem Handy und stürmte zur Tür hinaus.
Während ich die vier Stockwerke nach unten rannte, tippte ich verzweifelt seine Nummer. Doch Sebastian ging auch nicht ans Telefon.
Ich hatte nur einen Gedanken: Hoffentlich schaffe ich es rechtzeitig!
Der Himmel hatte wohl ein Einsehen. Als ich völlig außer Atem auf die Straße stürmte, saß Sebastian noch im Auto und ließ den Motor warmlaufen.
Er staunte, dass ich ohne Jacke auf der Straße stand, kurbelte das Fenster herunter und blickte besorgt: Was ist los, Jana? Du bist ja ganz blass!
Da bei dir unter dem Auto
Ich keuchte so sehr, dass ich kaum Worte herausbekam. Stattdessen sank ich auf die Knie und schaute unter das Auto.
Mir war völlig egal, dass meine Knie im schmutzigen Matsch landeten und meine Jeans ruiniert waren.
Kurz darauf kroch ich zurück und hielt einen dünnen, zotteligen Kater im Arm. Sebastian stand neben mir und sah mich verständnislos an.
Jana, was machst du da um Himmels willen? Willst du eine Show abziehen? Ich muss zur Arbeit, ich bin spät dran!
Unter deinem Auto saß eine Katze, ich hab sie aus dem Fenster gerade noch gesehen. Ich hatte Angst, dass du losfährst und
Eine Katze unterm Auto? Sebastian schnaubte. Deswegen der ganze Aufstand? Tsss
Meinst du, Katzen wollen nicht leben? fragte ich ihn verblüfft.
Also ehrlich Wär die Katze am Leben interessiert, würde sie sich doch nicht unters Auto setzen. Selbst wenn, sie wär sofort weg, sobald der Motor läuft. War schon übertrieben von dir
Nein, wäre sie nicht, Sebastian Schau ihn dir an, er hat doch kaum Kraft zum Miauen. Wie soll er da wegrennen?
Gut, Jana, du hast ihn gerettet, Glückwunsch. Nimm dir daheim aus der Schale ein Stück Schokolade und schreib einen Post auf Insta. Ich muss los. Bis heute Abend.
Ich stand stumm da, die Katze im Arm, und sah ihm nach, wie er wegfuhr.
Dabei verstand ich selbst nicht, wie Sebastian so gefühlskalt sein konnte. Früher war mir das nicht aufgefallen.
Ich blickte auf den Kater. Er war wirklich sehr schwach. Selbst das Gucken fiel ihm schwer. Aber in seinen Augen war da Dankbarkeit? Ja! Ganz klar. Dankbarkeit.
Mit der Katze auf dem Arm ging ich zurück in die Wohnung, zog mich an, griff meinen Geldbeutel und bestellte ein Taxi.
Wohin soll’s denn gehen? fragte der Taxifahrer freundlich, als ich einstieg.
Hatte ich doch am Telefon schon gesagt, in die Tierklinik. Je schneller, desto besser.
Ach so, stimmt! Sorry, ganz vergessen. Ist was mit dem Kätzchen? schaute er mich im Rückspiegel fragend an.
Ja, er braucht dringend Hilfe.
Alles klar, dann keine weiteren Fragen. Wegen der Klinik ich kenne da eine richtig gute. Oder ist das egal?
Am liebsten in die beste, die Sie kennen.
Dann fahren wir da hin, nickte der Fahrer. Die holen Tiere wirklich zurück ins Leben, Sie werden schon sehen.
Nach etwa einer Viertelstunde saß ich im Wartezimmer und wartete darauf, dass ich drankam. Viele Leute, viele Tiere. Alle mit ihren Sorgen
Was ist mit Ihrem Tierchen? fragte mich eine Oma mit einem Dackel im Arm.
Ich weiß noch nicht genau, erwiderte ich. Ich hab ihn eben erst unter einem Auto gefunden. Wahrscheinlich saß er die ganze Nacht draußen
Bei der Kälte?! rief die Oma entsetzt. Dann kommen Sie doch bitte vor uns dran. Mein Hasso braucht nur die jährliche Kontrolle, aber bei Ihnen zählt jede Minute.
Wirklich? Sie lassen mich vor?
Natürlich. Unter Tierfreunden hilft man sich doch.
Endlich war ich beim Tierarzt. Ich zappelte die ganze Zeit auf dem Stuhl herum, während der Arzt den Kater untersuchte, so aufgeregt war ich.
Nach der Untersuchung mussten wir noch auf die Laborwerte warten. Die Zeit zog sich endlos.
Sebastian rief mehrmals an, aber ich hatte keine Zeit und drückte ihn immer wieder weg.
Also, junge Frau, sagte der Tierarzt nachdenklich. Sie haben den Kater draußen gefunden?
Ja, unter einem Auto. Keine Ahnung, wie lange er da war vermutlich die ganze Nacht.
Es gibt Anzeichen für Erfrierungen. Aber noch wichtiger ist: Das Tier hat mehrere Krankheiten und braucht lange, intensive und kostspielige Behandlung. Ich muss Sie fragen, ob Sie bereit sind, diese Verantwortung zu übernehmen. Falls nicht, dann sollten wir ihm andere Besitzer suchen.
Ich hatte schon geahnt, dass die Behandlung aufwendig wird, aber so das war doch mehr, als ich erwartet hatte.
Ich sah der Katze in die Augen.
Er bettelte nicht. Er schaute mich nur an, voller Dankbarkeit, als wolle er sagen: Wenn du mich nicht willst, versteh ich das.
Ich bin bereit! sagte ich bestimmt. Ich kümmere mich um ihn, solange es nötig ist. Sein ganzes Leben.
In Ordnung, lächelte der Arzt. Dann bleibt er jetzt ein paar Wochen hier, bekommt seine Medikamente, und Sie holen ihn später wieder ab. Dann erkläre ich Ihnen alles weitere.
Danke Ihnen, mir kamen fast die Tränen.
Nein, ich danke Ihnen, meinte der Arzt ernst. Solche Menschen sind selten geworden.
Ich streichelte den Kater, versprach, ihn zu holen, und wusste: Er glaubte mir sogar. Unter größter Anstrengung miaute er mir zum Abschied.
Erst am frühen Abend kam ich nach Hause zurück. Ich war so müde, dass ich am liebsten gleich ins Bett gefallen wäre. Aber Sebastian wartete auf mich, und sein Blick ließ Böses ahnen.
Jana! Wo warst du? Ich habe zigmal angerufen! Was ist hier eigentlich los?
Es tut mir leid, ich hatte einen furchtbar anstrengenden Tag, murmelte ich, während ich meine Jacke und Sebastians Schuhe wegräumte, die, wie immer, mitten im Flur standen.
Ach, du hattest doch heute frei, spöttelte Sebastian. Was kann man schon gemacht haben, das so müde macht?
Ich war in der Tierklinik. Die ganze Zeit. Mit der Katze von heute Morgen.
Was für ne Katze bitte?
Der aus deinem Auto. Ich will jetzt einfach nur noch schlafen. Können wir morgen reden?
Stopp! Du hast den ganzen Tag für einen Straßenkater geopfert? Ernsthaft?
Ist doch egal, ob Straßenkater oder nicht, erwiderte ich gereizt. Er brauchte Hilfe. Sonst wäre er gestorben
Und was ist mit meinem Abendessen? Ich verhungere hier!
Sebastian, du bist doch kein Kind mehr, seufzte ich. Im Tiefkühlfach sind Maultaschen. Hättest du machen können
Maultaschen? Ich soll den Müll aus der Tiefkühltruhe essen? Ich hab heute gearbeitet, im Gegensatz zu dir! Warum muss ich da noch kochen?
Trotz meiner Müdigkeit ging ich in die Küche und kochte Sebastian sein Lieblingsessen, einfach um Streit zu vermeiden. Ein Danke bekam ich trotzdem nicht.
Zwei Wochen später holte ich Felix so nannte ich den Kater endlich aus der Tierklinik heim.
Ich hatte schon alles für ihn besorgt, aber Sebastian zeigte ich davon lieber nichts, um ihn nicht unnötig aufzuregen.
Ehrlich gesagt, wusste ich gar nicht, wie ich ihm erklären sollte, dass Felix jetzt zu uns gehört.
Aber eigentlich hatte ich gedacht, Sebastian würde es akzeptieren immerhin war die Wohnung meine. Und ein richtiger Mann war er ja auch nicht; einen Heiratsantrag zum Beispiel hatte es nie gegeben
Doch da hatte ich mich getäuscht. Als Sebastian Felix sah, rastete er komplett aus.
Du hast das Vieh etwa ins Haus geholt? Hast du sie noch alle?
Sebastian, beruhige dich. Ich habe ihn gerettet. Jetzt bin ich verantwortlich.
Wie viel hast du für die Behandlung ausgegeben? Und wie viel wirst du noch ausgeben?!
Das ist doch meine Sache. Mein Geld. Du rechnest dich ja auch nie ab. Und zum Einkaufen bist du auch nie zu gebrauchen
Ich habs dir erklärt: Das Geld brauche ich für mein Auto. Die Werkstatt Probleme im Job Warum redest du nicht über dich selbst, sondern immer nur über die blöde Katze?
Er heißt Felix.
Hast du dem schon einen Namen gegeben? Du bist echt reif für einen Psychiater! Bei dir stimmt was nicht!
An diesem Abend schlief ich im Gästezimmer. Gut, dass ich eine Zwei-Zimmer-Wohnung habe. Die ganze Nacht grübelte ich
über unsere Beziehung.
Wir wohnten seit nicht mal einem Jahr zusammen, aber irgendwie lief alles schief.
Sebastian wurde immer fordernder, immer beleidigender, wurde laut. Das waren toxische Vorzeichen. Noch wollte ich ihm eine letzte Chance geben.
Jeder verdient eine Chance. Doch ob er sie nutzt
Er nutzte sie nicht. Er machte weiter Stress wegen Felix, wetterte ständig, das Tier solle raus. Doch ich hörte ihm inzwischen nur noch zu, um meine Schlüsse zu ziehen. Schließlich sagte ich eines Abends:
Sebastian, wir lieben uns nicht mehr. Lass uns ehrlich sein und gehen wir getrennte Wege, ja?
Wovon redest du?!
Morgen packst du bitte deine Sachen und gehst aus meiner Wohnung. Ich habe genug von deinen Streitereien. Ich will meine Ruhe.
Du holst das Vieh ins Haus, ohne mich zu fragen, und ich bin die Böse? Also wirklich!
Wenn du nicht akzeptieren kannst, dass Felix hier bleibt, dann hat Zusammenleben keinen Sinn. Such dir jemanden ohne Katze. Oder noch besser: Hol dir eine eigene Wohnung, dann kannst du machen, was du willst.
Morgen hatte ich zum Glück frei der perfekte Tag für einen Neuanfang.
Sebastian versuchte noch, mich umzustimmen, aber es hielt nie lang.
Kaum erwähnte ich Felix, wurde er wütend. Ich hatte richtig entschieden mit ihm wurde ich nie glücklich.
Gegen Mittag begann Sebastian, seine Sachen zu packen. Ich drängelte zwar ein wenig, aber er trödelte, als hoffte er auf ein Wunder. Worauf eigentlich?
Während ich in der Küche Tee trank, rief meine Chefin an und bat mich dringend, zur Arbeit zu kommen.
Jana, Liebling, ich weiß, du wolltest heute frei, aber ohne dich geht es nicht!
Frau Schäfer, jetzt gerade ist echt schlecht, sagte ich und schaute auf Sebastian, der hastig seine Sachen in die Reisetasche warf.
Er musste auch seinen Computer und die Werkzeugkiste vom Balkon holen.
Nur eine Stunde, Jana, bitte! Du weißt, ich rufe nicht grundlos an.
Ich seufzte schwer, trank meinen Tee aus und zog mich um. Sebastian sagte ich, er solle den Wohnungsschlüssel in den Briefkasten werfen. Er nickte nur und warf mir einen solch bösen Blick zu, dass mir unwohl wurde.
Ich war wirklich nur kurz weg und rief mir auf dem Heimweg ein Taxi.
Wie geht es denn Ihrem Kater? fragte der Fahrer.
Ich schaute verblüfft und erkannte ihn der gleiche Fahrer wie damals zur Tierklinik.
Dankeschön, es geht ihm gut. Können Sie mich schnell heimfahren? Ich habe es eilig.
Natürlich, lachte er und fuhr los.
Zu Hause warf ich zuerst einen Blick in den Briefkasten. Kein Schlüssel. Und auch Sebastians Auto stand nirgendwo.
Dann ist er wohl noch da, hat aber sein Auto woanders geparkt, dachte ich.
Oben in der Wohnung dann der Schock: Die Tür war abgeschlossen, Felix’ Transportbox war weg. Vom Kater keine Spur.
Ich rief verzweifelt nach ihm, suchte überall, fand nichts. Schnell kam ich dahinter: Sebastian hatte Felix einfach mitgenommen. Aber warum?
Sebastian! Bist du verrückt?! Wo ist Felix?! brüllte ich ins Handy.
Überraschung! Das ist mein kleiner Abschiedsgruß, Jana! Wenn du ankommst und mich anflehst, dann überleg ich mir, ob du ihn zurückkriegst!
Du weißt doch, Felix braucht Spezialfutter und Pflege!
Ich schrie noch weiter, aber Sebastian legte einfach auf.
Wo soll ich jetzt suchen?, schluchzte ich, zusammengekauert an der Wand. Wohin hat er Felix gebracht?
Vor mir hatte Sebastian in einer anderen Stadt gewohnt, dann bei mir übernachtet, aber von seiner alten Heimat hatte er nie etwas erzählt. Er wollte mir sie immer mal zeigen, hatte es aber nie gemacht.
Die Nacht über schlief ich kaum. Morgens fuhr ich zu seiner Arbeit vergeblich. Der Chef meinte nur, Sebastian habe Urlaub genommen. Also erzählte ich grob, was passiert war, und er versprach, mit ihm zu reden.
Wieder draußen, rief ich Sebastian an, aber sein Handy war aus.
Möchten Sie mitfahren? fragte plötzlich jemand. Ich erschrak und drehte mich um: Es war der Taxifahrer von vorhin.
Hallo, ja können Sie mich bitte heimbringen?
Ich war völlig verzweifelt und wusste nicht mehr weiter.
Steigen Sie ein, sagte er.
Als wir fuhren, klingelte mein Handy. Unbekannte Nummer.
Ja? Wer ist da?
Sprechen Sie mit Jana? ertönte eine Frauenstimme.
Ja und Sie sind?
Also Ihr Freund Sebastian ist gestern bei uns untergekommen, mein Mann arbeitet mit ihm. Er kam mit dem Kater.
Der Kater! War er dabei?
Ja, deswegen rufe ich an. Sebastian hat gestern ganz schön getrunken und meinte, er müsste Sie mit der Katze irgendwie zurückgewinnen. Aber das Tier sieht elend aus, sitzt in der Box, miaut unentwegt. Es fehlt Ihnen, glaube ich.
Bitte füttern Sie ihn nicht! Er darf nur Spezialfutter kriegen.
Ich habs versucht, aber er wollte nichts. Aber wissen Sie was: Mein Mann ist weg, Sebastian auch. Kommen Sie und holen das Tier ab? Ich will mit so jemandem wie Sebastian nichts mehr zu tun haben und das Tier kann nichts dafür.
Natürlich! Bitte geben Sie mir die Adresse!
Ich erklärte dem Taxifahrer kurz alles, er nickte wortlos und gab Gas.
Keine fünf Minuten später raste ich die Treppen hoch, klopfte an die Tür, holte Felix ab, bedankte mich überschwänglich und lief wieder hinaus. Der Taxifahrer öffnete schon die Tür.
Als endlich das Haus, in dem Sebastian Felix eingesperrt hatte, im Rückspiegel verschwand, konnte ich endlich aufatmen.
Den ganzen Heimweg über weinte ich vor Dankbarkeit für die Oma in der Klinik, den Taxifahrer, die Frau, die angerufen hatte. Solange es solche Menschen gibt, ist Hoffnung.
Wollen Sie noch etwas Gesellschaft? fragte der Taxifahrer. Falls Ihr Ex noch auftaucht?
Sehr gerne, antwortete ich sofort.
Noch am selben Tag ließ ich die Schlösser austauschen. Viktor so hieß der Taxifahrer spielte inzwischen mit Felix, der schnurrte selig auf seinem Schoß.
Ich war Viktor unendlich dankbar. Für alles. Für seine Hilfe, seine Ruhe, seinen Trost. So fand diese Geschichte ihr Ende.
Und wie das Leben so spielt: Die Freundschaft zwischen Viktor und mir wurde allmählich zu Liebe.
Sebastian? Er wurde noch am selben Tag aus der Wohnung des Kollegen geworfen. Der Kumpel hatte von seinem echten Charakter genug und verpasste ihm sogar ein Veilchen.
Auf der Arbeit durfte Sebastian dann noch kündigen so richtig verstanden, warum, hat er es wohl nie.
Doch im Nachhinein muss ich sagen: Er hat es nicht anders verdient.
Denn so geht man weder mit Menschen noch mit Tieren um. Und Liebe und Respekt die sollte man allen Lebewesen entgegenbringen.




