Fernseher für Mutti

Fernseher für die Mutter

Hansi! Hansi, hör mal! Die Mutter ist ja völlig durch den Wind. Wir wären beinahe ohne Schinken losgefahren. Sie hat gesagt, Pack es in die schwarze Tasche, aber dann hat sie es mit den Zwiebeln in eine andere Tüte geworfen, in eine schwarze. Hansi! Ich schau so in die Tüte und frag mich: Was ist da drin? Unser Schinken! Wir wären fast ohne den Schinken nach Berlin losgefahren! Hansi!

Hans winkt nur ab, er hat zu viel zu tun. Die Sorgen stehen ihm bis zum Hals.

Macht das unter euch aus…

Im Hause der Familie Edelmann herrscht das reinste Chaos. Die ganze Familie packt und bereitet sich vor: Es geht nach Berlin! Und nicht einfach so die Landeslandwirtschaftsausstellung ruft. Ihr Betrieb, die Agrargenossenschaft Immanuel Kant, wurde auserwählt, auf dieser renommierten Ausstellung das Land zu vertreten.

Alle im Vorstand fahren, und sogar die Schweinepflegerinnen. Ein ganzer Stand wurde reserviert.

Hans hat seine Frau als Schweinepflegerin eingetragen. Zwar ist sie eigentlich Erzieherin im Kindergarten, aber… Es geht ja nach Berlin! Die Fahrt ist kostenlos, Unterkunft zahlt der Landkreis.

Die Genossenschaft, ein Zusammenschluss aus vier Dörfern, hat außergewöhnliche Eber und Sauen gezüchtet, sogar auf Landesebene gewonnen. Und jetzt…

Auch Oma Anna, Hans Mutter, ist ganz aufgeregt. Ihr Sohn ist ständig mit den Chefs aus der Stadt beschäftigt, die sind noch nervöser als er. Es ist schließlich eine große Sache, das Bundesland zu vertreten.

Die Mutter ist stolz wie Bolle.

Oma Anna ist klein, zierlich, hat ein faltiges, aber warmherziges Gesicht, lebt mal bei ihnen, mal für sich.

Im hinteren Teil des großen Hauses steht die alte Sommerküche, in die sie mit Opa umgezogen war und nach seinem Tod einfach geblieben ist. Dort schaut sie nach den Enkelkindern und führt ihr eigenes stilles Leben.

Sie lebt dort gern. Es macht ihr nichts aus, dass die Tapeten an den feuchten Wänden Blasen werfen und die Möbel von den Kindern ausrangiert wurden.

So ist es ihr recht sie hat ihre Ruhe, hilft wo sie kann, stört niemanden.

Dafür gibt sie auch keine klugen Ratschläge. Ihr Sohn ist klug, die Schwiegertochter eine tolle Hausfrau. Was will sie mehr? Im Haus haben sie sogar einen Steinsockel unter zwei Zimmern und der Veranda gebaut. Ein richtiges kleines Herrenhaus.

Sie haben alle technischen Geräte. Sogar ein Farbfernseher. Anna kommt manchmal rein, setzt sich dazu, staunt, würde am liebsten den ganzen Tag da sitzen. Aber sie will den Jungen nicht auf die Nerven gehen. Für sich bleibt sie immer zurückhaltend.

So war sie schon ihr Leben lang: leise, fleißig, bescheiden. Sie wollte nie an vorderster Front stehen, war immer einfache Melkerin in der Genossenschaft. Nichts Besonderes.

Wie aus ihr nur so ein Sohn werden konnte?

Ihr Enkel, der kleine Viktor, sieht die Oma eines Tages hinter dem Stall weinen und läuft gleich zu seinem Vater. Der springt sofort auf:

Mutter, was ist denn? Hat dich jemand geärgert?

Anna wischt hastig ihre Augen am Taschentuch.

Nee, Hansi… das sind Freudentränen. Ich hätte nie gedacht, dass du mal Vorsitzender der Genossenschaft wirst. Opa hat das nicht mehr erlebt…

Jetzt ist Anna richtig alt geworden. Ihr Hans, ein Spätkind, gebliebenes Einzelkind. Die Beine schwer wie Blei, das Herz schwach, und diesen Herbst ist sie so gekrümmt, dass sie ganz gebückt läuft.

Jetzt ist ihr Sohn Direktor des Betriebs. Und dann Berlin!

Diese Tage hält sie tapfer durch, hilft der Schwiegertochter, beim Packen, im Haushalt. Die erwachsenen Enkel bleiben bei ihr, wenn die Eltern weg sind. Lisa, die Enkelin, ein junges Mädchen, aber eben doch noch Kind.

Wieso dürfen wir nicht mit? schimpft Lisa empört, Ich will auch nach Berlin!

Ach Lisa, sei nicht traurig. Ich bringe euch alles Mögliche mit: Turnschuhe, Pullover, ein Wintermantel… Viktor braucht auch eine neue Jacke, Olga, die Mutter, zählt auf, damit sie nichts vergisst.

Und Strumpfhosen, Mama, die hast du mir auch versprochen! Diese mit Muster.

Strumpfhosen natürlich! Und für Tante Marie, Gisela und Tante Ruth habe ich auch was aufgeschrieben. Steht alles im Notizbuch ach Lisa! Olga stürzt zur Handtasche.

Was noch, Mama?

Habe ich das Notizbuch eingepackt? Uff, ja… Gut, dass wir das Moped verkauft haben, da reicht das Geld …

Alle fahren total aus dem Häuschen nach Berlin. Es ist ein Erlebnis! Die Daheimgebliebenen vergeben Aufträge: “Bring mir dies mit, kauf mir das!” In Berlin gibt es einen Tag im Programm: Stadtbummel!

Einkaufen ist heilig.

So! Alles klar, alle hier benehmen sich ordentlich! Ihr dürft Oma nicht ärgern!

Sie steigen in den Dienstwagen, einen neuen silbernen Audi, bekommen für besondere Verdienste vom Landkreis. Es geht zum Bahnhof.

Draußen steht die Nachbarschaft und winkt.

Oma steht etwas abseits. Klein, gebückt, fast unscheinbar.

Hans tritt zu ihr.

Na dann machs gut, Mutter! Wenn die Jungs Blödsinn machen, schimpf ruhig. Erlaube es dir ruhig mal…

Anna ist immer noch aufgelöst wegen des Schinkens. Die Schwiegertochter hat sie deswegen ausgeschimpft.

Ach Hansi, entschuldige, mit dem Schinken, beinahe hätten wir euch aufgehalten, dumm wie ich bin…

Ach Mama, vergiss es. Dort gibts genug, um eine Kompanie satt zu bekommen.

Oma Anna bekreuzigt den wegfahrenden Audi und geht ins Haus zurück. Aufräumen geht nicht gleich die Kinder sind unterwegs, erst morgen werden sie zurück sein.

Die Enkel haben gerade gegessen.

Anna legt sich auf die Couch und lauscht, wie Lisa mit ihrer Freundin Gisela davon träumt, was ihre Mutter alles mitbringt. Schöne Mädchenwünsche. Früher hatte Anna auch solche. Jetzt…

Möbel braucht sie keine neuen. Die Kinder haben ihr ihr altes Zeug dagelassen: Frisierkommode, Schrank, Geschirrschrank. Ihr altes Bett würde Anna gegen nichts tauschen, auch wenn die silbernen Knäufe schon abgestoßen sind und das Metallgitter durchhängt sie hat sich daran gewöhnt und liebt ihre Betten und die Kissen mit den Häkelüberzügen.

Auch ihre Schuhe trägt Anna weiter im Sommer Pantoffeln, im Herbst Gummistiefel oder Filzstiefel, im Winter Filzhausschuhe.

Kleider kommen von Olga, die immer der Mode nachläuft. Trägt kaum länger als zwei Jahre dasselbe, dann gibt sie es ab. Gute Sachen. Anna weiß kaum mehr, wann sie sich das letzte Mal etwas Neues selbst gekauft hat. Wozu auch?

So schläft sie über den Träumen der Mädchen ein.

Hans und Olga sind inzwischen voll eingespannt mit der Reise. Sie passen auf die Schweine auf wie auf kleine Kinder. Die Chefs aus dem Landwirtschaftsamt sind knallhart.

Als der Zeitpunkt des Einkaufens endlich kommt, ticken die Schweinepflegerinnen völlig aus. Die Führungen durch Berlin sind ihnen egal, sie wollen nur in den KaDeWe und zu Karstadt. Die Gruppenleiterin hat ein Einsehen und entlässt alle pünktlich zum Einkaufen.

Hans steht endlos in Schlangen, hilft Olga Würste, Kondensmilch, Buchweizen, Orangen einzukaufen. Als es an Kleidung und Schuhe geht, ist er schon völlig fertig. Sie kaufen für sich, die Kinder, Freunde und Bekannte.

Hansi, schau mal, wie gefällt dir dieser rote karierte Mantel? Oder doch der graue mit den Knöpfen für Lisa?

Es gibt keine Turnschuhe alle ausverkauft! Was jetzt? Nehmen wir Sportschuhe?

Wir müssen noch zur Müllerstraße, da solls die bunten Strumpfhosen geben.

Mit schweren Taschen hetzen sie durch Berlin, immer auf der Jagd nach begehrten Waren.

Hansi, vielleicht nehmen wir für Viktor noch eine Mütze mit! Schade, Kassettenrekorder gibt es keine.

Er kann schon nicht mehr klar denken, sie streiten sogar.

Dann muss Hans das Management zum anderen Bahnhof bringen. Er kommt erst kurz vor Abfahrt am Hauptbahnhof zu Olga.

Im Wartesaal brüsten sich die Landfrauen mit ihren Einkäufen.

Schau mal die Socken, die ich ergattert habe! zeigt Olgas Freundin stolz.

Wo denn?

Auf dem Markt bei der Bornholmer Straße.

Toll! Hättest du auch für uns mitnehmen können, weißt doch, wie Lisa ist!

Ach, ich kann mich nicht um alle kümmern, ich kaufe für vier Familien!

Olga ist enttäuscht.

Hansi, guck mal, Sonja hat schicke Socken, und Brigitte hat sogar einen Kassettenrekorder! Wie hat die das bloß geschafft! Sie sagt, ganz zufällig. Bestimmt weiß sie einen Trick. Wir hätten für Viktor auch einen gebraucht, aber nichts gefunden… Olga ist kurz sauer, beruhigt sich dann aber wieder, Egal! Wir haben tolle Stiefel für dich gefunden, für Lisa Markenjeans von Levis, Mantel und noch anderen Kleinkram. Und wie mir das grüne Sommerkleid gefallen hat! Und für mich: Stiefel aus Ungarn. Für Viktor einen Pulli… Für Marie eine Bluse… als Geschenk.

Olga zählt auf, was sie alles ergattert hat.

Und für die Mutter? unterbricht Hans.

Wie? Was meinst du?

Was hast du ihr gekauft?

Also… sie hat doch nichts gewollt.

Aber ein Geschenk? Sie passt auf die Kinder auf, melkt die Kuh, macht den ganzen Haushalt, und wir bringen ihr… nichts? sagt Hans mit rauer Stimme durch den Wartesaal.

Die Landleute gucken sich um.

Ach, Hansi. Was braucht sie denn schon. versucht Olga zu beschwichtigen. Ich gebe ihr halt das blaue Tuch, das ich mir zum Mantel gekauft habe. Und eine kleine Kuckucksuhr vom Souvenirstand…

Kuckucksuhr! sagt Hans wie ein Vorwurf.

Was willst du denn? Schimpfst mich aus, dabei warst du überall dabei. Hättest ja was sagen können. Ich habe es einfach vergessen…

Hans denkt an seine Mutter, wie sie sie verabschiedete: in der alten Weste von Opa, dem Kopftuch, den Gummistiefeln, ganz aufgelöst wegen dem Schinken. Sie beschenken Freunde, Bekannte, aber der eigenen Mutter… eine Kuckucksuhr?

Seine Frau hat recht, aber er ist selbst schuld. Es ist ja seine Mutter…

Gib mir das Geld!

Hansi, gleich fährt der Zug! Und es ist alles zu teuer hier in Bahnhofsnähe…

Gib das Geld her!

Olga erkennt die Ernsthaftigkeit der Situation und holt den Geldbeutel heraus. Doch Hans nimmt gleich alles.

Hansi, das ist zu viel alles…

Doch er eilt schon hinaus.

Hans weiß nicht wohin, er umrundet das Bahnhofsgebäude, sucht einen passenden Laden Schmuck, Perücken, Krimskrams… Er sucht nach Schuhen oder einer anständigen Jacke, findet aber nichts.

Im Bahnhof läuft die Durchsage: Ihr Zug kommt. Olga ist nervös und hält Ausschau nach Hans.

Sie wuchten die beladenen Taschen auf den Bahnsteig, die Bekannten helfen beim Einsteigen.

Alle machen sich Sorgen, auch um Olga und Hans.

Keine Panik, Olga! Noch eine Stunde. Er schafft das, dein Hans, beruhigen sie die anderen.

Hans entfernt sich weiter und weiter vom Bahnhof.

Da sieht er den Laden Radio-Elektro, in der Auslage stehen Fernseher.

Genau das, was er sucht!

Er erinnert sich, wie seine Mutter kürzlich bei ihnen auf dem Sofa fast den Mund offen ließ, als sie Wissen macht Ah! geguckt hat. Und er war erstaunt, dass seine Mutter sich so für sowas interessiert.

Monatelang war die Familie auf der Warteliste für einen Farbfernseher … Kaum wahrscheinlich, dass er einfach so einen bekommt.

So ist es auch: Die Verkäuferin schaut ihn nur gelangweilt an.

Fernseher gibts hier keine frei, nur gegen Warteliste.

Hans bewundert noch die Geräte, dann tritt er näher zur Verkäuferin.

Und wenn ich was drauflege?

Aber, mein Herr! Das ist hier nicht der Wochenmarkt. Wir verkaufen nach Listen, keine Hinterzimmerdeals!

Hans fragt nach Kassettenrekordern, nach Radios. Alles Mangelware. Was für ein Geschenk wäre so ein Fernseher für die Mutter!

Frustriert verlässt Hans das Geschäft, checkt die Uhr keine Zeit mehr. Er läuft zurück zum Bahnhof, denkt an seine Mutter.

Er hat sich immer um alle gekümmert, hat als Chef für seine Mitarbeiter so viel getan, Häuser gebaut, für Wertschätzung und soziale Arbeit gekämpft. Aber seiner Mutter gegenüber war er oft rau und barsch.

Seine Mutter lebt in einer alten Klitsche. Renoviert hat er nie.

Jetzt, nach all den Ehrungen und dem Lob, fühlt er nur noch Leere und Scham alles ist nichts gegen die Liebe und den Dank an die eigene Mutter.

Da ruft ihn jemand.

Halt, junger Mann!

Ein kleiner, untersetzter Kerl kommt hinterher. Hans meint, den Typ gerade im Laden gesehen zu haben.

Suchen Sie einen Fernseher?

Ja, dringend. Einen farbigen.

Da gibts hier eine Stornierung. Ein ganz neues, hochwertiges Modell aus Westdeutschland. Neuwertig, aber eben keine Garantie dabei. Aber ich verspreche, er ist top…

Ich nehme ihn! Was kostet er?

Der Verkäufer nennt einen hohen Preis, Hans greift ins Portemonnaie. Doch das Geld reicht. Das Moped ist verkauft, vieles war eh ausverkauft.

Der Fernseher ist wirklich neu. Der Verkäufer bietet noch an, ihn auspacken zu lassen, aber Hans hat keine Zeit mehr.

Und wehe, Sie betrügen mich! Der ist für meine Mutter!

Der Verkäufer gibt alle Unterlagen mit, bis auf den Kassenzettel. Hans weiß, dass er überteuert gekauft hat. Aber es ist ihm egal.

Der Verkäufer bietet an, ihn samt Fernseher zum Bahnhof zu fahren.

Olga ist mittlerweile verzweifelt. Hans fehlt. Der Zug fährt gleich, sein Platz bleibt leer.

Da ertönt der erste Pfiff. Der Zug setzt sich langsam in Bewegung.

Olga lehnt sich ans Fenster, kein Hans zu sehen.

Hats wohl nicht geschafft. Keine Sorge, Olga. Der kommt schon nach der ist doch kein Kind mehr, tröstet sie Marie.

Olga ist traurig und macht sich Gedanken. Sie hätte nie gedacht, dass Hans Liebe zur Mutter so tief gehen könnte.

Aber nach etwa fünfzehn Minuten erscheint Hans schweissgebadet, rot im Gesicht, aber zufrieden mit Hilfe zweier Soldaten und einer riesigen Kiste.

Die Kiste passt nirgendwohin, sie landet unter dem Tisch.

Ein Fernseher? Olga liest den Aufdruck.

Ja, Hans sinkt erschöpft aufs Polster.

Farbfernseher?

Hoffentlich…

Für deine Mutter? fragt Olga vorsichtig.

Der Fernseher ist größer als ihr eigener.

Natürlich.

Aber sie hat ja nicht einmal eine Antenne.

Dann kommt eben eine hin. Und außerdem, die Renovierung von Lisas Zimmer verschieben wir. Zuerst renovieren wir bei der Mutter. Es ist schlimm da.

Olga ist sprachlos. Ihre Tochter wartet seit Monaten auf das neue Zimmer.

Lisa wird sehr enttäuscht sein…

Sie hat noch Zeit. Meine Mutter nicht mehr so viel. Sie wird sich bestimmt für Oma freuen. Eine kleine Lektion in Nächstenliebe…

Mehr wird nicht gesprochen. Olga schaut missmutig auf den Fernseher am Boden und denkt, hätte sie doch was für die Mutter gekauft, vielleicht wäre noch Geld übrig und Lisa könnte sich auf den Umbau freuen. Lisa wird garantiert einen Wutanfall kriegen.

Oh je!

Die Stimmung bessert sich auf der Heimfahrt. Alle erzählen von der Ausstellung und ihren Berliner Abenteuern.

Als sie ankommen und den Fernseher ausladen, klatscht Lisa in die Hände.

Ein neuer Fernseher! Juhu, ein großer! Und der alte kommt in mein Zimmer nach der Renovierung, ja Papa?

Hans und Olga sagen nichts.

Anna wirbelt in der Küche herum. Die Suppe ist fast fertig, aber der Salat fehlt noch. Sie ist schwerfällig geworden, alles dauert länger. Sie schnippelt Gemüse und ist nervös, weil gleich alle kommen und sie denkt, kaum was fertig zu haben. Es muss schnell gehen.

Da legt ihr Hans von hinten die Hände auf die Schultern. Er hält sie auf sie wollte doch alles fertig bekommen.

Mama, hier das ist ein Geschenk aus Berlin.

Für mich? Ach, Danke… Aber was ist denn das? Sie schaut Hans und Olga an, aber in ihren Händen ist nichts.

Hier, der Fernseher, der ist für dich.

Anna blinzelt verwundert. Das kann doch nicht sein! Sie braucht das doch nicht, das ist doch viel zu teuer! Sie hat das doch gar nicht verdient…

Papa, wozu so ein großer Fernseher für Oma?

Ihre Augen sind nicht mehr so gut, deswegen braucht sie ihn. Und außerdem, Mama, wir renovieren jetzt bei dir, Stück für Stück. Das wird noch ein ordentliches Zuhause.

Anna schweigt, schaut auf die halbfertigen Gurken auf dem Brett, aber ihre Augen füllen sich mit Tränen. Den Salat zu Ende schneiden das sieht sie schon kaum mehr.

Und der Salat? Das Essen?

Sie wischt sich mit der Schürze das Gesicht ab.

Hans hält’s nicht mehr aus, er rennt gleich zu seinem Kumpel, dem Techniker, zum Fernseher anschließen. Auf der Veranda tröstet Olga ihre weinende Tochter.

Hans bleibt davon ungerührt die Tränen seiner Mutter haben ihn gerade viel mehr berührt.

Er erinnert sich an die Tränen hinter dem Stall, als er das erste Mal Vorsitzender wurde damals hat er erst verstanden, wie bedeutend das für ihn war. Wenn sogar die Mama vor Freude weint.

Der Fernseher funktioniert tadellos. Sogar Gerd, der Techniker, ist begeistert.

So ein Modell, Hans, hab ich noch nie gesehen. Bleibt der hier stehen?

Ja. Alles beginnt mit dem Fernseher. Ab jetzt renovieren wir alles nach und nach.

Beim Essen schluchzt Lisa noch, Olga lenkt mit Geschichten und neuen Sachen ab.

Anna bleibt noch in der Küche, hilft, schämt sich ein bisschen vor Enkelin und Schwiegertochter.

Als sie dann mit Viktor zusammen der Oma den Fernseher erklären, tut sich Anna schwer sie schlägt vor, das Gerät ins Haus der Kinder zu stellen.

Sie meint, sie brauche so was nicht, das sei laut, schlecht für die Augen, und sie sehe ohnehin schon schlecht.

Aber Hans bleibt hartnäckig, erklärt ihr alles noch mal und noch mal.

Abends geht er eine rauchen, blickt ins Fenster, der Fernseher leuchtet blau. Er schleicht hin, wirft einen Blick hinein.

Seine Mutter sitzt da, die Haare offen, im bläulichen Licht auf dem Bett, im Nachthemd, Kamm in der Hand, wie erstarrt, fast wie ein junges Mädchen.

So hat er sie lange nicht mehr gesehen sonst immer mit Dutt. Die Haare, so lang, liegen auf dem Bett. Mit großen Augen schaut sie auf den Bildschirm. Ihre Beine sind kurz, baumeln von der hohen Matratze wie bei einem Kind, das staunend in die Zukunft blickt.

Lisa kommt raus, nimmt die Wäsche von der Leine.

Komm mal, schau…

Lisa bleibt stehen, hält die Wäsche, schaut durchs Fenster zur Oma, dann dreht sie sich zum Vater um, drückt sich an ihn und sagt:

Verzeih, Papa. Ich war ein Dummchen…

Du bist noch jung, das darfst du. Ich aber bin ein alter Dummkopf. Hätte längst was tun sollen…

Lisa klopft, umarmt Anna, zeigt ihr, wie man umschaltet, es läuft gleich ein Märchen. Dann rennt sie selbst ins Haus, will den Film sehen.

Anna schaut Die rote Zora. So, auf dem Bett, die Beine baumeln.

Sie hat sowas noch nie gesehen. Sie weiß nicht, dass das nur ein Film ist sie ist wenig bewandert in Sachen Fernsehen.

Sie ist ganz in der Geschichte und meint, Zora ist ein echtes Kind, und das alles passiert wirklich, jetzt gerade irgendwo weit weg. Sie ist aufgeregt, fühlt mit.

Ach Mädelchen, du hoffst vergeblich, das klappt doch nie! murmelt sie.

Als am Schluss Zora auf dem roten Boot fährt, springt Anna auf, klatscht sich auf die Knie, kann es kaum fassen.

Dann schaltet sie vorsichtig aus, legt sich hin und muss weinen nicht weil sie für Zora glücklich ist, sondern weil sie für sich so glücklich ist.

Auch bei ihr ist am Ende alles gut geworden.

Sie denkt daran, wie ihr Michael damals von der Bundesmarine nach Hause kam, an die Mütze, die Haltung…

An das satte Grün am Wegrand, als sie damals spazieren gingen. Daran, wie er kam, als sie krank war, ihr Honig brachte, sie versorgte, gesund pflegte.

Er war ein guter Ehemann, ihr Sohn ist der Beste, die Enkel ebenso.

Sie hat ihre eigenen roten Segel.

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Homy
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