Nachbarsleut.
Frau Mittrich stellte den alten Zinkeimer auf den gepflasterten Hof, strich sich die schwieligen Hände an ihrem langen, geblümten Rock ab und presste die Lippen zusammen. Ihr Puls raste wieder die Nerven!
Und wo steckt diese Verdammte Gudrun schon wieder? Rücksichtslose, unordentliche und faule Nachbarin! Gestern habe ich’s ihr noch gesagt, das Unkraut wuchert bis zu mir rüber, und was ist? Nichts geschieht wächst und gedeiht munter.
Immerzu ging Frau Mittrich auf und ab, ihr prüfender Blick huschte über den niedrigen Gartenzaun, lauernd, ob sie die Nachbarin erspähen konnte. Bitterkeit kroch ihr hoch! Im Stall grunzte das Schwein, zu Hause häuft sich die Arbeit, im Kopf wirbeln ihr schon ganze Reden, alles nur wegen dieser Trantüte nebenan sie kommt und kommt nicht! Wieder wird sie wohl bis Mittags pennen.
Schließlich tauchte sie auf Gudrun! Dünn und lang wie eine Bohnenstange, dazu in ihrem ewig-verwaschenen Bademantel. Da hatte sich aller Ärger in Frau Mittrich schon gesammelt.
Die Rede saß bereit jetzt sollte sie es hören, und das ganze Dorf dazu:
Also wirklich, Gudrun, wenn du schon selber zu faul bist, dann engagier halt jemanden für die Beete! Habs dir doch gestern gesagt, das Unkraut wuchert rüber!
Gudrun winkte ab ohne Augenkontakt, mehr zu sich gerichtet, trotzdem laut genug fürs halbe Dorf.
Wenns dich stört, dann machs halt selber, oder bezahl wen. Gartentörchen steht offen, sie schob das Kinn vor und verschwand, während es klatschte, als sie Spülwasser auf den Gemüseacker schüttete.
Frau Mittrich blieb der Mund offen stehen eine solche Unverfrorenheit! Sie zitterte vor Empörung. Doch sie musste warten, bis die Schlange wieder auf den Hof kam. Sie späht durch den Lattenzaun hinterm Schuppen da horchte bestimmt schon Frau Katharina. Die rennt nachher durchs ganze Dorf und erzählt jedem:
Mensch, wie Gudrun der Frau Mittrich mal einen eingeschenkt hat!
Die Situation musste sie retten aber Gudrun ließ sich Zeit.
Im Dorf Tierbach verstand man sich aufs Streiten. Der Name war Programm. Natürlich gabs auch Ruhige, wie die Anna Döring sie hat nie mit jemandem einen Streit gehabt und über sie wurde auch nie geredet. Langweilig! Wer ist schon eine richtige Frau, wenn sie sich nicht behauptet?
Über Mittrich dagegen sagte man anerkennend: Das ist eine Feuerfrau! Gibt ihre Leute nicht her! Kein Tag ohne Gezanke, nie verlegen um einen Spruch.
Die Streitlust explodierte wie Pulver. Im Laden, auf der Straße, bei der Feldarbeit, im Gemeindesaal oder am Wagen des Bäckers. Nichts hielt sie davon ab. Stunde um Stunde wurde geschimpft und am Ende stand immer Frau Mittrich als Siegerin da.
In den Küchen wurde noch abends mit viel Lachen die Szene des Tages nacherzählt: Und dann hat sie gesagt… und die so…
Einmal wäre es auf dem Markt in Wallbach fast zur Prügelei mit einer Frau aus Nebendorf gekommen. Das ganze Dorf redete wochenlang davon. Die zwei standen im Zentrum und jeder hielt den Atem an. Beleidigungen, angedeutete Drohungen, Verweise auf Verwandte, Männer, Geliebte, alles wurde mit reingezogen. Nach und nach wurde daraus fast ein Theaterstück man musste es können, so zu streiten! Ein echtes Talent.
Und das Gewitter verrauschte, wie ein entferntes Donnern am Abend.
Du blöde Kuh, stirbst und keiner weint um dich!
Vorher spuck ich noch auf dein Grab, du vorbeikrabbelnde Giftschlange. Das schaff ich noch…, inzwischen beinahe gelassen, wie Alltägliches.
Auch mit Gudrun kämpfte Frau Mittrich seit Jahren. Sie erzählte allen im Dorf, wie unfähig Gudrun ist. Gudrun konterte:
Die spinnt doch, hört ihr der überhaupt noch zu!
Und dann, bei nächster Gelegenheit, kam Gudrun langsam hinterm Schuppen hervor, Mittrich schon in voller Haltung.
Wie kann man nur so faul sein, dass selbst Unkraut zupfen zu viel ist? Womit bist du beschäftigt, Nachbarin? Oder warst du im Hühnerstall kalken? Die Enkelkinder haben dich überrannt?
Ich hab meine Tochter gut erzogen die schiebt mir ihre Kinder nicht ab.
Das saß. Mittrichs Enkelkinder, die Tochter bringt sie oft natürlich zur Oma.
Klar, weil Svetlana weiß, dass sie bei dir halb verhungern und dreckig zurückkommen. Dir kann man ja nicht mal ‘nen Hund anvertrauen, geschweige denn Kinder.
Ich lege meine Enkel nicht in Samt, binde keine Schleifchen, laufe ihnen nicht mit gebücktem Rücken hinterher …
Stimmt, letztens wollte Frau Mittrich dem zehnjährigen Enkel die Schuhe binden.
Kann ich doch selbst, Oma…, stellte der Kleine den Fuß hin und biss ins Apfelstück.
Das hatte Gudrun nicht vergessen!
Bei mir ists wie im Paradies, da ist das Leben schön, deshalb kommen sie gern. Im Gegensatz zu manchen anderen.
Ja, weils sonst keinen Ort mehr gibt! Gudrun stellte den Eimer ab, schaute finally zu ihr, Achte lieber auf deine Hühner, statt andere anzumaulen. Die laufen wieder zu uns. Beim nächsten Mal gibts Hühnersuppe.
Koch du mal Suppe, dann kriegst du vielleicht mal was auf die Rippen. Dann isst wenigstens dein Mann normal, du ernährst ihn ja von nichts. Vielleicht nimmst du dann etwas zu!
Noch einmal, wenn deine Hühner im Beet sind Köpfen!
Was hast du denn, wenn meine mal Gras zupfen? Legen sie halt ein Ei mehr, und das kriegst du auch noch!
Damit ich an deinen Eiern noch ersticke? Na danke!
Nach und nach kamen die Männer, Olgas und Gudruns Peter und Michael wortlos zur Bank.
Siehst du, wie sie sich fetzen! Horror, diese Weiber! murrte Michael.
Gott hat drei Plagen gemacht: die Frau, den Teufel und die Ziege, rezitierte Peter und reichte ihm die Zigarette.
Schweigend hörten sie zu, redeten über den neuen Förster im Betrieb. Wieder lauschten sie den Tiraden.
Mit Frauenstreit kommt man nicht mal mit dem Traktor durch. Zu viele freie Tage da fangen sie an, Faxen zu machen.
Sollen wir sie holen? schlug Peter schlapp vor.
Wers wagt, der ist verrückt. Lieber beiße ich in unseren Hund, als dass ich die Weiber störe.
Sie qualmten. Sie wussten, wann sie eingreifen mussten nicht zu früh, nie zu spät. Mit dem Streit ist der Tag offiziell eröffnet. Danach packt jede die Arbeit doppelt an.
Drinnen redet Olga ohne Pause das ganze Haus hört von Gudrun. Aber sie arbeitet wie besessen, als wolle sie der Welt zeigen, sie ist eine bessere Haushälterin.
Gudrun dagegen schweigt, rötet sich, schnaubt zeigt ihrem Michael, die Olga kann ihr nichts.
Kümmere dich nicht drum, Gudi.
Im Leben, so was ignoriere ich komplett. Sollen andere vor der eigenen Tür kehren.
Doch Michael spürt den Ärger. Was ist es nur mit den Frauen!?
Gudrun war ja zugezogen, Michael holte sie einst aus einem Dorf bei Grünfeld. Die Leut schüttelten den Kopf: unfähig, zum Herd zu langsam, Holz nachgelegt, bis das Wasser auf dem Ofen verdampfte und das Essen verkochte.
Olga hatte mal einen Blick auf Michael geworfen damals war sie die Schönste. Doch Michael brachte Gudrun, diese dürre Bohnenranke, heim. Später heiratete Olga Peter. Anfänglich waren sie alle befreundet, die Kinder wuchsen gemeinsam auf. Gudrun hatte nur eine Tochter, weitere Kinder kamen tot zur Welt. Olga hatte zwei: Mädchen und Junge.
Olga war ständig im Einsatz: Nachtarbeit, Nähen, Waschen, Kochen. Gudrun war ruhiger, hielt die Tochter sauber, aber Luxus wie Schleifen oder neue Blusen gabs nicht. Teure Schuhe? Fehlanzeige. Sie las abends Bücher vor statt dauernd am Waschzuber zu stehen.
Dann hatte Olgas Kinder Probleme in der Schule, Tochter auf der Kippe, Sohn beinahe raus. Irgendwann war der Abschluss geschafft.
Seitdem gabs Streit. Die Kinder verstanden sich, die Männer auch, nur Olga und Gudrun wie Katze und Hund. Dabeihatten sie den gleichen Lebensstandard, gleicher Hof, gleiche Sorgen, gleiche Freuden.
Gudruns Tochter machte Abi, zog in die Stadt, kam selten. Olgas Kinder aber blieben nahe. Enkelkinder immer da. Der Sohn lebt unverheiratet im Nachbarort.
Und mit jeder freien Stunde wurden die Streitereien häufiger.
Kein Dorf wusste von schlimmeren Feindinnen als Olga Mittrich und Gudrun Bauer. Mal um die Grundstücksgrenze, dann um Bäume, jetzt um Hühner. Die gemeinsame Bank zwischen den Häusern hätten sie fast zerstört die Männer hielten sie davon ab.
Sogar der alte Hund Rex, ein Veteran beider Häuser als die Kinder klein waren, wanderte schließlich aus zum einsamen Herrn Hans am Ende der Straße.
***
Doch dann kam es bei Gudrun im Haus zum Unglück. Im Frühjahr kam sie nicht mehr raus. Keine Spur. Sogar Michael mistete schon den Hühnerstall. Olga tobte: Gudrun ist zu faul, alles bleibt am Mann hängen.
Es war Zeit für Feldarbeit, doch Gudrun tat nichts. Bald würde das Unkraut überschwappen!
Der Schock: Gudrun kam ins Krankenhaus. Die Tochter erschien, traurig, und wich allen Fragen aus.
In Tierbach muss man niemanden fragen die Nachrichten sprechen sich von selbst herum.
Hei, sagt man, Gudrun kommt zurück ganz schlecht dran. Operation gehabt. Svetlana sagt wenig, aber angeblich… nun ja, es ist Krebs…
Und bald war Gudrun zu Hause. Svetlana, die Tochter, blieb ein paar Tage, musste aber zu Familie und Beruf zurück. Sie bezahlte der armen, ruhigen, immerbedürftigen Frau Doris Mühlfeld, dass sie tagsüber nach ihrer Mutter sah.
Michael wurde schweigsam, ganz kleiner Mann jetzt. Früher schon war er nicht gesprächig, jetzt gar nicht mehr. Nur mit Peter, dem Nachbarn, saß er abends auf der Bank und rauchte.
Und? Wie gehts ihr? Peter klopfte ihm auf die Schulter.
Michael winkte ab, zog am Glimmstängel.
Kopf hoch. Sag Bescheid, wenn ich helfen kann.
Ach, was noch … Sag deiner Frau, die Erdbeeren im Beet nehmt sie halt. Gudrun kann sie nicht mehr.
Olga nimmt sie nicht. Du weißt doch, die zwei…
Dann halt Doris fragen. Sonst verkommen sie!
Am Abend erzählte Peter beim Abendbrot von den Erdbeeren. Olga rührte Marmelade, stand mit dem Rücken zu ihm. Er wusste: Gleich gibt es eine Predigt.
Doch sie schwieg nur, rührte im Topf. Thema beendet.
Zwei Tage später sollte er einen großen Korb zu den Nachbarn bringen.
Was ist drin?
Zwei große Einmachgläser Marmelade und ein kleines, in Zeitungspapier.
Hast du deren Erdbeeren gepflückt?
Habe ich. Und das Beet gejätet Unkraut! Zwei Tage war ich beschäftigt. Schau meine Hände! Sie zeigte blaue Striemen.
Peter wollte widersprechen, hievte dann doch den schweren Korb hinüber.
Michael war nicht zu Hause. Doris öffnete, redete auf ihn ein, schimpfte auf Ärzte und das Schicksal.
Peter lugte ins Zimmer, traf Gudruns Augen. Sie lag blass, Haare schwarz auf weißem Kissen, aber die Augen sagten: Tritt ein.
Hallo, Gudrun. Wie gehts? tastete nach Worten, Olga hat Marmelade geschickt. Und das Beet ist sauber.
Danke. Olga macht immer die Beste… Komm, setz dich.
Er rutschte auf einen Stuhl.
Braucht ihr was?
Michael bringt alles, was ich brauche. Wenn Olga die Erdbeeren gepflückt hat, dann bring hinterher das Blech weg dann können eure Hühner grasen. Das Beet verwildert sowieso.
Wird schon wieder, Gudrun. Bald stehst du wieder im Beet.
Gudrun drehte sich ab, seufzte schwer.
Nimms mir nicht krumm, Peter. Wirklich!
Aber Gudrun! Wir Männer haben uns nie gestritten… Das sind ihr Frauen.
Sie wusste es selbst.
Doris kam mit Bratkartoffeln ins Zimmer, redete und redete. Gudrun verdrehte die Augen, aß kaum.
Peter ging mit schwerem Herzen. Besser, wenn man selbst krank ist als die Ehefrau.
Abends erzählte er alles ausführlich. Olga fragte nach, runzelte die Stirn, schüttelte den Kopf, wieder unzufrieden mit allem, was im Nachbarhaus geschah.
Sie sagt, deine Marmelade ist die beste, warf Peter ihr hinterher.
Ihre Schultern zuckten für einen Moment, dann machte sie weiter.
Unbarmherzig dachte Peter.
Am nächsten Tag, als er außer Haus war, packte Olga eine kleine Kasserolle Borschtsch (bei ihnen: Linsensuppe), wickelte Kuchen und eine Flasche Saft ein, und setzte sich kurz still auf die Bank an ihrer Haustür.
Dann stand sie auf, nahm den Korb und ging in Gudruns Hof. Sie klopfte nicht ihre Türen waren stets offen.
Doris! Doris? rief sie, fand niemand.
Wer da? kam eine schwache Stimme.
Ich bins Olga. Wo steckt Doris? Hab Linsensuppe und Saft mitgebracht.
Gudrun saß auf dem Bett, dünn, bleich, die Beine schief aufgestellt, ein Hemd vom Arm gerutscht, blass wie Vergissmeinnicht. Olga war erschrocken, fühlte sich unwohl in der stickigen Luft.
Die ist bei Mironows Milch holen.
Na, dann lass ich alles hier. Iss doch.
Beim Hinausgehen sah sie die Marmeladengläser standen immer noch in der Ecke.
Gudrun, warum hast du die Gläser nicht ins Kellerloch gebracht? sie zuckte, wie konnte sie nur fragen, Gudrun konnte ja kaum aufstehen. Ich trag sie eben runter.
Olga öffnete die Speisekammer. Körniger Sand lag da, nichts geputzt. Doris tat nichts, außer zu kassieren.
Olga?
Ja, was ist?
Könnte ich einen Schluck Saft haben?
Natürlich!
Je länger Olga im Haushalt schnüffelte, desto klarer wurde: Doris schaffte nichts. Gudrun war ausgelaugt, brauchte Frischluft und Ordnung.
Zieh mal den Schal um ich lüfte hier. Sie half Gudrun, die Beine hochzulegen.
Hör zu ob du willst oder nicht: Ich bleib hier und übernehme. Sonst wird das nichts mehr!
Gudrun nickte, schwach, aber sie ließ Olga machen.
Noch ein paar Tage, dann musste Doris gehen, unter lautstarken Sprüchen von Olga.
Olga rief: Die Klagemamsell hat dich schon beerdigt! Aber nicht mit mir! Bald tanzt du wieder auf der Hochzeit deiner Enkel! Wenn ich daran denke, wie du tanzt…
Gudrun konnte kaum widersprechen aber Olga hörte nicht eher auf, bis alles sauber war, Gudrun gekleidet und gestärkt, die Fenster weit offen. Sie kochte für vier, Michael hatte wenigstens was Anständiges abends.
Im Dorfbericht stand sie: Wir haben heute Rinderbraten gegessen, Gudrun hat ordentlich zugehauen, dazu Brot. Ärztin sagt: Fleisch ist jetzt wieder erlaubt. Die kommt auf die Beine, passt auf!
Gudrun konnte kaum sprechen, nur nicken oder auf den Schoß weinen, wenn Olga zu streng wurde. Die aber schwenkte dann um, tröstete, hörte auf.
Michaels Haus atmete auf. Olga brachte Schwung, die Hoffnung kehrte zurück. Michael jäte den Garten wieder, riposte mit Peter.
Wie hältst du das mit ihr aus? klagte Michael.
Peter winkte ab: Wo der Teufel aufgibt, da schickt er meine Olga hin.
Gudrun kam langsam wieder zu Kräften, konnte wieder mitgehen. Die Ärzte bestätigten: Besserung!
Eines Abends erklärte Olga: Wir gehen spazieren! und schob Gudrun eine Strickjacke hin.
Ich bleib lieber, werde doch nur zum Gespött!, mauerte Gudrun.
Doch die Männer packten beide und führten sie zur Bank am Gartentor. Jetzt wollte Olga zeigen: Gudrun lebt, putzmunter, sieht wieder rosig aus. Der Klatsch über ihr Ende war verfrüht sie lebt!
Sie saßen nebeneinander, Gudrun auf ein Kissen gebettet und in eine Decke gehüllt.
Weißt du, Gudrun, ich habe nachgedacht in letzter Zeit. Wir leben so nah beieinander das ist Schicksal. Unsere Kinder sind groß, unsere Männer Freunde. Die Jungen ziehen fort wir bleiben. Wir werden gemeinsam alt, verbringen die Abende auf dieser Bank.
Die Bank hat immerhin mein Schwiegervater gezimmert direkt zwischen den Häusern!
Ach was, mein Vater hat sie gebaut!
Gudrun schnaufte: Michael sagt, die erste Bank war unsere, wir haben deinen Vater für das Bauen bezahlt!
Unsinn, Geld mein Vater hat nie so was genommen! Die Bank ist unser Punkt!
So flammte wieder Streit auf, denn gegen den Streit gibts im Dorf kein Mittel.
Hinter dem Schuppen saßen die Männer Peter und Michael, zündeten sich eine Zigarette an.
Peter lachte leise und rieb sich das Auge.
Tja, jetzt ist sie bald wieder gesund. Was meinst du?
Sie wird gesund, erklärte Michael, zog tief, Gott sei Dank, alles wird wie immer. Unsere Frauen eben.
Der Zank flammte auf und verrauchte.
Der alte Rex trottete vorbei, schaute die Männer an, legte sich vor die Bank.
Die Abendsonne brach durch die Wolken, der Wind wurde frisch, sie glitt sanft durch die Gärten, beleuchtete mit schrägen Strahlen die beiden Frauengestalten, Seite an Seite auf der Bank sitzend.
Eine Bank, die ihre Schicksale verband.
***Die Stimmen der Frauen erhoben sich, wurden lauter, fielen ab und klangen eines Moments später wie ein fröhlicher Disput kein Groll mehr zu spüren, sondern die Kraft, gemeinsam aufzuleben in der letzten Sonne des Tages. Ein Hauch von versöhnlicher Stille schwebte über den Gärten zwischen Unkraut und Erdbeeren, Hühnern und struppigem Hund.
Die Dämmerung kroch langsam hervor und tauchte alles in weiches Licht. Gudrun lachte plötzlich, ein helles, fast vergessenes Lachen, das aufbrach wie eine Frühlingsknospe nach langem Frost. Olga stutzte, das Lachen prickelte ihr auf der Haut, musste ansteckend lächeln, räusperte sich und tippte Gudrun freundschaftlich an.
Wir sollten ein Foto machen lassen, damit das Dorf uns endlich glaubt, dass wir uns nicht gegenseitig umgebracht haben.
Gudrun schmunzelte. Wozu? Ohne unseren Streit hätten sie doch gar nichts zu erzählen. Sie würden uns glatt vermissen.
Olga hob die Hände zum Himmel, der langsam violett wurde, und atmete tief durch.
Sie blieben so sitzen, Rücken an Rücken, verbunden durch eine Bank, gebaut von den Vätern, getragen durch das Auf und Ab eines Lebens, das nie ganz friedlich, aber immer lebendig war.
Von der Dorfstraße trug der Wind Gelächter herüber, die Hunde bellten, die Kinder tobten irgendwo, und als ein Fenster zuschlug, war es, als würde Tierbach selbst einen Altweibersommer seufzen dampfend voll Geschichten, Groll und Versöhnung.
Am Ende war es wie immer: Die Frauen saßen fest auf ihrer Bank. Das Dorf hatte seinen Frieden. Und morgen, das wusste jede im Licht der sinkenden Sonne, morgen würde weitergestritten werden lachend, schimpfend, ein bisschen weinend, aber immer Seite an Seite.
Der alte Hund reckte sich, schüttelte sich und ließ sich zwischen Olga und Gudrun plumpsen. Heimgekehrt, wie alles in Tierbach, das zusammengehört.
Und während die ersten Sterne aufgingen, saßen sie noch immer Nachbarinnen, Widersacherinnen, Gefährtinnen. Keine hätte wohl zugeben wollen, dass sie nie ohne die andere gewesen wäre. Doch die Bank und der Hund und das leise Lächeln im Zwielicht wussten längst Bescheid.





