SCHWIEGERTOCHTER
Ich, Annegret Müller, habe eben die knusprig gebratene Ente auf den liebevoll gedeckten Esstisch gestellt und einen tiefen Atemzug genommen. Jeden Moment würden die Söhne mit ihren Frauen kommen.
Vor kurzem hatte mein Jüngster, Lukas, geheiratet. Die Hochzeit war eher schlicht gewesen. Na ja, das ist wohl heute so bei den Jungen, dachte ich. Ich für meinen Teil hätte ein großes Fest gefeiertmein Mann und ich sind damals einfach kurz aufs Standesamt gegangen. Die Eheringe konnten wir uns sogar erst ein Jahr später leistenzwei schmale Goldreifen. Den Kindern hätte ich so gern einen richtigen Festtag bereitet. Aber sie haben es anders entschieden, das musste ich akzeptieren.
Eigentlich, so dachte ich oft, hat meine Schwiegertochter Emilia, wie sie heißt, nur einen kleinen Nachteil: Sie ist überaus gepflegt. Schon bald nach der Hochzeit hatte sie das Gespräch mit mir gesucht.
Emilia ist insgesamt ein nettes Mädchen, wirklich angenehm. Sie hat Lukas positiv beeinflusst, sogar geholfen, eine tolle Arbeitsstelle zu finden und motiviert ihn weiterhin, auf der Karriereleiter voranzukommen. Bis fast dreißig hat er zu Hause alles fertig vorgefunden und keine besonderen Ambitionen gehabt. Inzwischen geht es endlich bergauf, worüber ich sehr froh bin.
Aber dieser eine Punkt bleibt: Emilia legt viel Wert auf ihr Äußeres. Sie geht regelmäßig in den Salon, lässt sich die Haare schneiden und färben, gönnt sich Massagen und Maniküre das alles kostet ein Vermögen! Ich finde, eine verheiratete Frau, deren Familie an erster Stelle steht, sollte sich vielleicht etwas mehr zurückhalten.
Wenn später Kinder da sindgeht dann der Sohn in abgetretenen Schuhen, während sie sich die Nägel machen lässt? Ich selbst habe immer erst an mich gedacht, wenn es gar nicht mehr anders ging. Vor allem, als der Ehemann starb und die Söhne, obwohl längst erwachsen, weiterhin Unterstützung brauchten.
Meine Überlegungen wurden durch das Klingeln an der Tür unterbrochensie waren eingetroffen. Emilia schritt direkt ins Wohnzimmer, wie ein kleiner Star. Die Haare glänzten frisch gestylt, die Nägel waren gepflegt. Ihr Gesicht wirkte fast ungeschminkt, doch sicher war hier professionelle Hilfe im Spiel.
Emilia, wie hübsch du aussiehst!, rief ich ehrlich aus, doch ein leiser Vorwurf klang wohl mit. Und das Kostüm, ist das neu?
Ja, gestern erst gekauft, antwortete sie mit einem Lächeln. Ich habe eine tolle Prämie bei der Arbeit bekommen.
Das Geld sollte man lieber auf die hohe Kante legen, gab ich unumwunden meinen Rat. Alle Prämien, alles Zusatzeinkommen, das Weihnachtsgeldman weiß nie, wofür man es noch braucht!
Emilia schwieg. Ich mochte sie, diese unkomplizierte, ihrer Familie zugewandte Frau. Doch innerlich dachte sie wohl: Ein Notfall tritt ein, wenn man ihn herbeispart.
Es wurde ein angenehmer Abend. Trotzdem lenkte ich das Gespräch mehrmals behutsam auf unnötige Ausgaben. Emilia begriff sofort, dass meine leise Kritik in ihre Richtung zielte.
Wann waren Sie denn das letzte Mal zur Maniküre, Annegret? platzte es schließlich aus ihr heraus.
Ich?, stotterte ich. Noch nie. Ich schaue nur, dass die Hände sauber sind. Mehr brauchts doch nicht.
Der kurze Dialog blieb von den anderen unbemerkt, doch mich bewegte das. Wie traurig eigentlichzwei Söhne, jetzt wohnen beide gut, verdienen nicht schlecht, und für mich selbst gibts kaum mal eine Kleinigkeit!
Auf dem Heimweg fragte Emilia Lukas: Tut deine Mutter überhaupt mal was für sich selbst?
Hm, keine Ahnung… Sie kocht, hat heute ja wieder alles vorbereitet. Sie schaut Fernsehen, trifft sich mit den Nachbarinnen. Warum fragst du?
Weil sie nie wirklich etwas Schönes erlebt hat! Ihr könntet sie doch mal ins Kino einladen, ins Theater, oder einfach nett essen gehen!
Das braucht sie nicht, übertreib nicht so.
Emilia schwieg. Gedanklich verglich sie meine bescheidene Lebensart mit ihrer eigenen Mutter, die sich, egal wie knapp das Geld war, ab und an ein neues Kleid oder einen Friseurbesuch gönnte, und regelmäßig ein Theaterabo kaufte einfach zur Freude.
Emilia fasste einen Plan: Ich, ihre Schwiegermutter, sollte lernen, hin und wieder an mich selbst zu denken und mich nicht nur als Großmutter zu definieren, die auf die Enkel wartet und alles für andere gibt.
Nach ein paar Tagen rief Emilia mich an und schlug vor, gemeinsam einen kleinen Stadtbummel zu machen, irgendwo Kaffee zu trinken. Und dann vielleicht kurz beim Kosmetikstudio vorbeisie wollte eh zur Kosmetikerin, und ich konnte ruhig auch eine kleine Behandlung ausprobieren.
Ach was, das ist nichts für mich”, wehrte ich ab. Warte du da allein, ich warte solange draußen.
Warum warten? Eine halbe oder Stunde kann man doch auch genießen. Probieren Sie doch mal Maniküre und Handmassage aus!
Mit einigem Zögern ließ ich mich breitschlagen. Emilia telefonierte vorab mit dem Kosmetikstudio ihres Vertrauens: Bitte gebt euch richtig Mühe mit meiner Schwiegermutter, gönnt ihr etwas Schönes. Und falls sie nach Preisen fragt, sagt einfach, das sei bereits bezahlt. Vielleicht wird sie dann selbst Stammkundin!
Am Tag der Verabredung begleitete ich Emilia zum Studio, sie übergab mich an die Kosmetikerinnen.
Nur eine halbe Stunde, ja, Emilie? Und was kostet das?
Eine freundliche Mitarbeiterin kümmerte sich um mich, während Emilia sich im Foyer beschäftigteeigentlich hatte sie selbst an diesem Tag gar keine Termine dort.
Ich musste schmunzeln: Nach zwei Stunden kam ich wie verwandelt zurück, entspannt und voller Eindrücke. Die Kosmetikerinnen hatten sich wirklich ins Zeug gelegt.
Die waren so nett, haben mir Kaffee und Kräutertee gebracht! Aber das muss doch ein Vermögen kosten?
Heute gibt es eine tolle Aktion!, mischte sich die Rezeptionistin ein. Wer eine Freundin mitbringt, bekommt die Behandlung gratis. Also, heute kostet das für Sie gar nichts!
Wir gingen anschließend noch gemeinsam in das nahegelegene Café. Ich genoss meinen Cappuccino und lehnte mich entspannt zurück.
Wollen wir das nicht zur kleinen Tradition machen?, schlug Emilia vor. Hier gibts immer mal wieder gute Angebote für Stammkunden. Hat es Ihnen gefallen?
Sehr sogar, gab ich zu. Ich hätte nie gedacht, dass das so schön sein kann.
Man hätte viel früher damit anfangen sollen!
Früher… Da waren die beiden Jungs klein, und mein MannGott hab ihn selighat immer sehr aufs Geld geachtet. Und dann, als er weg war, erschien es mir nicht mehr nötig.
Aber jetzt gibts einen Grund! Gesellschaft für mich, alleine ist das doch langweilig.
Na gut, ab und zu gerne.
Tatsächlich wurde es zu unserem Ritualgemeinsame Pflegetermine, und dank Emilias Diplomatie landeten sogar ein paar schicke Sachen in meinem Kleiderschrank, wobei sie mir die Preise immer schön kleinrechnete.
Lukas lud mich mit sanftem Druck seiner Frau sogar zum Essen ein. Später waren wir im Kino und an Silvester schenkte Emilia mir ein Abo fürs Staatstheater.
Du bist richtig aufgeblüht!, sagten die Nachbarinnen zu mir.
Tja, die Jugend steckt an, antwortete ich schmunzelnd.
Ehrlich gesagt fühlt sich mein Leben erst jetzt, mit zwei erwachsenen Söhnen, wie ein neuer Anfang an. Vielleicht beginnt meine Jugend ja tatsächlich erst im Ruhestand.





