Nachdem unser Sohn geheiratet hatte, wollte er uns plötzlich kaum noch besuchen. Stattdessen verbrachte er fast jede freie Minute bei seiner Schwiegermutter. Sie hatte angeblich ständig ganz dringenden Bedarf an seiner Hilfe. Ich frage mich ehrlich, wie sie wohl ihr Leben gemeistert hat, bevor ihre Tochter unseren Sohn geheiratet hat.
Unser Sohn ist inzwischen seit über zwei Jahren verheiratet. Die beiden leben seitdem in einer eigenen Wohnung der, die wir für ihn gekauft haben, als er sein Studium in München begonnen hat. Schon als Kind haben wir unseren Sohn stets unterstützt und immer Verständnis gezeigt. Noch vor seiner Heirat ist er in die eigene Wohnung gezogen, weil sie so nah an seinem Arbeitsplatz lag.
Ich will nicht behaupten, dass ich meine Schwiegertochter nicht mochte, aber ich hatte damals das Gefühl, sie sei einfach noch zu unerfahren für das Eheleben. Auch wenn unser Sohn nur zwei Jahre älter ist, benahm sie sich oft wie ein kleines Mädchen sie war sogar manchmal richtig launisch. Unser Sohn war immer freundlich und höflich, deshalb machte ich mir Sorgen, wie diese beiden als Erwachsene durchs Leben gehen würden.
Nachdem ich sie und auch ihre Mutter kennenlernte, wurde mir einiges klar. Obwohl die Mutter meiner Schwiegertochter in meinem Alter ist, verhält sie sich wie ein Teenager. Vielleicht kennt ihr ja solche Menschen, die auch im Alter kindisch und absolut hilflos wirken? Damals, zur Hochzeit, war sie bereits zum sechsten Mal geschieden.
Mit dieser Frau konnte ich nie wirklich ein Gespräch führen. Sie lebte in ihrer eigenen Welt und drängte sich uns nicht auf, aber wir hatten einfach keine gemeinsame Basis. Unser Kontakt beschränkte sich auf Höflichkeitsfloskeln bei der Hochzeit der Kinder und das wars auch schon.
Die ersten Warnzeichen kamen bereits vor der Hochzeit: Meine Schwiegertochter schleppte unseren Sohn regelmäßig zu ihrer Mutter nach Hause hier ein tropfender Wasserhahn, da eine kaputte Steckdose, im nächsten Moment lag ein Regal in der Küche am Boden. Anfangs verschloss ich die Augen davor na gut, es gab eben keinen Mann im Haus, da kann etwas Hilfe ja nicht schaden.
Allerdings änderte sich daran auch nach der Hochzeit rein gar nichts. Die Häufigkeit der angeblichen Pannen bei der Schwiegermutter nahm sogar noch zu. Unser Sohn sagte oft Treffen mit uns ab, weil er mit seiner Frau zur Schwiegermutter müsse. Irgendeine neue Katastrophe. Auch alle Feiertage wurden fortan bei ihr gefeiert, nur mein Mann, meine Schwiegermutter und ich blieben allein zurück.
Es tat weh, als unser Sohn aufhörte, unsere Familienfeste zu besuchen, aber noch mehr gekränkt war ich, als er sogar auf klare Bitten um Hilfe gar nicht mehr reagierte.
Einmal kauften wir in Augsburg einen neuen Kühlschrank und baten unseren Sohn, uns beim Transport zu unterstützen. Zuerst sagte er zu, doch dann rief er an und meinte, er könne nicht kommen, weil bei seiner Schwiegermutter die Waschmaschine ausgelaufen sei und sie dringend Hilfe benötige.
Als mein Mann ihn anrief, konnte er im Hintergrund die Stimme meiner Schwiegertochter hören: Können deine Eltern denn wirklich keine Spedition beauftragen?
Unser Sohn kam dann zwar noch, war aber ziemlich verärgert.
Papa, hättest du nicht einfach jemanden bestellen können? Jetzt muss ich hier extra einspringen!
Mir wurde klar, dass auch seine Schwiegermutter einfach einen Handwerker hätte rufen können wie jeder andere auch. Lebt sie in einer anderen Welt, in der es keine Fachleute gibt? Aber unser Sohn erklärte uns, sie würde betrogen werden, überall würde man ihr das Geld aus der Tasche ziehen, ohne ehrlich zu arbeiten.
Mein Mann hatte danach ein Machtwort gesprochen: Vielleicht habe seine Schwiegermutter keine Ahnung von Technik, aber dafür sei sie ein Meister darin, andere Menschen für sich arbeiten zu lassen. Unser Sohn war sofort beleidigt und ging wortlos weg. Damals sagte ich nichts, denn mein Mann hatte in meinen Augen absolut recht. Die neue Verwandtschaft lebte zunehmend auf Kosten unseres Sohnes, für sie war er der perfekte Hausmeister, während er für die eigene Familie keine Zeit mehr hatte.
Nach diesem Streit hat unser Sohn über zwei Wochen lang nicht mehr mit seinem Vater gesprochen. Auch mein Mann weigerte sich, den ersten Schritt zu tun. Ich steckte mitten in diesem Zwiespalt einerseits wusste ich, dass mein Mann völlig richtig lag, aber ich hätte mir gewünscht, er hätte sich freundlicher ausgedrückt. Unser Sohn war jetzt verletzt und wollte ihn nicht mehr sehen, und ich wollte meinen Sohn für solchen Unsinn einfach nicht endgültig verlieren.
Mein Mann blieb stur, unser Sohn ebenso: Keiner wollte nachgeben, keiner wollte den ersten Schritt machen. Nur die Schwiegermutter kam mit der neuen Situation bestens zurecht.
So habe ich gelernt: Egal, wie sehr man auch im Recht ist im zwischenmenschlichen Miteinander zählt vor allem der Ton und das Bemühen um Verständnis. Am Ende sollte die Familie immer wichtiger sein als Stolz und Streit, denn im Leben braucht man einander mehr, als man oft denkt.




