Educational
08
Heirat mit einem Pechvogel – Wie ich mein Glück, meine Karriere und mich selbst in einer Ehe mit einem chronischen Misserfolg verlor
Mein Name ist Katrin. Ich bin fünfunddreißig und lebe in einem Albtraum, den ich mir selbst ausgesucht habe.
Homy
Er ging mit allem, doch meine Schwiegermutter wurde meine Rettung – Wie ich mit leerem Portemonnaie und Baby von meinem Mann verlassen wurde und ausgerechnet die Frau, mit der ich mich immer gezofft hatte, mein Leben rettete
Er hat alles mitgenommen, doch meine Schwiegermutter wurde zu meiner Rettung.Mein Mann ist gegangen.
Homy
Educational
017
Freundin quartiert sich für ein paar Tage zum Übernachten ein und bestimmt plötzlich den Ablauf – „Warum sind eure Handtücher so hart? Das ist ja wie Schmirgelpapier, kein Frottee! Gestern nach dem Duschen hab ich mir fast die Haut abgeschrubbt. Lena, du bist doch eine Frau, kann man da nicht mal einen guten Weichspüler kaufen? Oder spart ihr bewusst am Komfort?“ Olga steht mit der Kaffeetasse in der Hand und blickt auf ihre alte Freundin Larissa, die im Seidenmorgenmantel – dem, den Olga eigentlich für ganz besondere Anlässe reserviert hatte – am Küchentisch sitzt und sich dick Butter auf ihren Toast schmiert, während sie die Küche kritisch mustert, als sei sie eine Lebensmittelkontrolleurin. „Larissa, das sind neue Handtücher,“ erwidert Olga beherrscht, bemüht, ihren Unmut zu verbergen. „Sie sind aus Bambusfaser, da sind sie etwas fester. Und ich benutze hypoallergenen, geruchsneutralen Weichspüler.“ „Genau!“, verkündet Larissa, hebt den Finger, der mit einem klobigen Ring mit lila Stein glänzt. „Geruchsneutral heißt, ohne Seele. In einer Wohnung muss es nach Frische, Lavendel, vielleicht Alpenwiesen riechen! Aber bei euch riecht es… steril. Langweilig, Lena, ihr lebt langweilig. Dir fehlt die Fantasie.“ Olga wendet sich stumm dem Herd zu, auf dem Haferbrei für ihren Mann gart. Viktor schläft noch, muss aber bald zur Arbeit. Sein Geduldsfaden ist ohnehin angespannt, und Olga betet, dass der Morgen ohne Zwischenfall verläuft. Larissa erschien vor drei Tagen spät abends in ihrer Wohnung. Ihre Stimme war tränenreich und panisch: „Lenchen, hilf mir! Die Nachbarn haben mich geflutet, ein unfassbarer Wasserschaden, es ist feucht, Schimmel droht! Ich flehe dich an, lass mich für ein paar Tage bleiben, bis alles getrocknet ist!“ Olga, gutmütig wie sie ist, sagte zu. Einer Jugendfreundin hilft man doch, auch wenn man sich nur noch selten sieht. Aus „ein paar Tagen“ werden nun vier, von Abschied keine Spur. Dafür fängt Larissa immer mehr an, die Wohnung „umzuorganisieren“. „Übrigens wegen dem Haferbrei,“ Larissa verzieht das Gesicht, „du kochst wieder diesen Kleister? Viktor braucht Proteine! Männer brauchen Fleisch und Eier, nicht Pamps. Am Ende kriegt er davon Magengeschwüre, vielleicht sogar Impotenz.“ „Larissa, Viktor liebt Haferbrei, er hat Gastritis, der Arzt hat eine Diät empfohlen.“ Olga bemüht sich, ruhig das Essen zu servieren. „Ärzte haben keine Ahnung, die stecken doch mit den Pharmariesen unter einer Decke!“ Larissa beißt genüsslich in den knusprigen Toast. „Ich folge einem Ernährungsberater, der sagt: Alle Krankheiten kommen vom Zucker. Na gut, wenn du nicht hören willst. Aber wundere dich nicht, warum dein Mann so blass aussieht.“ Da betritt Viktor, der eher müde als blass wirkt, die Küche, murmelt ein „Guten Morgen“, setzt sich und greift nach seiner großen, dunkelblauen Tasse mit der Aufschrift „Bester Angler“. Doch die Tasse fehlt. „Wo ist meine Tasse?“ fragt er suchend. „Ach, Viti, guten Morgen!“, trillert Larissa. „Die habe ich weggeräumt. Die war so düster, die Atmosphäre wird davon negativ. Schau, ich habe dir eine neue genommen – mit Blumen, ganz fröhlich! Aus dem Porzellanset, das sonst langweilig in der Schrankwand steht. Die Dinge sollen genutzt werden!“ Vor Viktor steht stattdessen ein filigranes Tässchen mit rosa Pfingstrosen, kaum 150 Milliliter fassend. Sein Blick wechselt von der Kindertasse zu Olga und fragt stumm: „Warum?“ „Larissa“, sagt Viktor ruhig, „das ist ein Erbstück von meiner Urgroßmutter. Das benutzen wir nicht. Meine Tasse mag ich, weil sie einen halben Liter fasst. Gib sie bitte zurück.“ „Ihr seid aber auch spießig!“ ruft Larissa. „Langweilig, von gestern. Ich meine es doch nur gut, will mehr Stil. Deine Tasse war sowieso angeschlagen. Ich hab sie weggeschmissen.“ Peinliche Stille. Die Tasse war ein Geschenk seines inzwischen verstorbenen Vaters – winziger Sprung, aber Viktor hat sie gehütet. „Du… hast was gemacht?“ Sein Ton ist bedrohlich ruhig. „Weggeworfen,“ wiederholt Larissa. „In die Tonne. Aus kaputtem Geschirr trinkt man nicht, das bringt Unglück! Ihr solltet dankbar sein, dass ich mich um euer Karma kümmere.“ Viktor steht wortlos auf, fischt seine Tasse aus dem Mülleimer, spült sie ab, stellt sie vor sich und gießt sich unbeirrt Tee ein. „Wenn du noch einmal meine Sachen anrührst, ist deine Karma sofort ruiniert.“ „Unverschämt!“, stößt Larissa hervor, als Viktor mit dem Frühstück davonschlurft. „Lena, hast du das gesehen? Das ist pure psychische Gewalt, geradezu toxisch! Wie kannst du mit so einem Mann leben? Du brauchst dringend Therapie!“ Olga seufzt über ihrem kalten Kaffee. Sie braucht keinen Psychologen, sondern möchte Larissa mit samt ihres Schminkkoffers und den „richtigen“ Büchern hinauswerfen. Doch ihre deutsche Höflichkeit verbietet den Skandal. „Larissa, wann ist die Reparatur endlich fertig? Du meintest, zwei Tage. Heute ist Tag vier.“ „Ach, es ist komplizierter!“ winkt Larissa ab, heiter-jammernd. „Man muss die Zwischendecken öffnen. Es kann noch eine Woche dauern. Aber wir sind doch Freundinnen! Ich helfe euch ja, bringe Gemütlichkeit ein. Heute koche ich das Abendessen, ich halte es ja kaum aus, wie ihr euch mit Fertig-Pelmeni quält.“ Olga verlässt mit schwerem Herzen das Haus. Im Büro läuft alles schief – sie hat Larissas Eingriffe im Kopf und wird regelrecht krank davon. Am Abend, im Hausflur, begegnet sie Nachbarin Frau Meier. Die sonst freundliche ältere Dame schaut missbilligend. „Olga, ich habe Verständnis für Gäste. Aber muss man um zwei Uhr mittags volle Musik aufdrehen? Ich habe Kreislaufprobleme und wollte mich ausruhen – da wummert bei euch das Lied von Helene Fischer, dass die Kronleuchter wackeln.“ „Entschuldigung, Frau Meier.“ Olga errötet. „Das ist meine Freundin… Ich rede mit ihr. Es kommt nicht wieder vor.“ Mit einer strengen Ansage im Kopf geht Olga die Treppe hoch – sie will Larissa klar machen, dass ein Hotel vielleicht doch die bessere Erfindung ist und sie sogar bezahlen würde, wenn dafür Ruhe einkehrt. Doch als sie die Tür öffnet, kommt sie stumm ins Staunen. Kein vertrauter Teppich in der Diele. Stattdessen ein seltsames Strohrechteck. Die Schuhe von Viktor und Olga sind lieblos in die Ecke geworfen, das Regal ist voll mit Larissas Schuhen, nach Regenbogenfarben sortiert. „Larissa!“, ruft Olga. „Bin in der Küche! Komm sofort, wir probieren was Leckeres!“ Olga betritt die Küche – und ist sprachlos. Ihre geliebten Leinenvorhänge, zart und pastellfarben, sind verschwunden. Das Fenster nackt. Die Blumen, sonst am Fensterbrett, stehen im Pulk mittig auf dem Tisch – genau da, wo der Teller eigentlich stehen sollte. „Wo sind die Vorhänge?“ kann Olga nur noch fragen. „In der Wäsche!“ verkündet Larissa, während sie in einem großen Topf rührt. „Die waren so staubig! Ich hab sie bei neunzig Grad gewaschen, alle Milben müssen raus!“ Olga wird schwummrig. Leinen – bei neunzig Grad? „Larissa… Die laufen ein. Das ist Leinen! Die kann man nur bei dreißig…“ „Ach was!“ winkt Larissa ab. „Qualitätsware läuft nicht ein. Und falls doch – war’s eh Mist. Ich hab schon neue ausgesucht, bunt mit Geometriemuster, total im Trend! Setz dich, ich hab eine tibetische Suppe gekocht. Reinigt die Chakren und den Dünndarm.“ Olga blickt auf das grünlich-braune Gebräu: Es riecht nach Kohl und fremden scharfen Gewürzen. „Ich will keine Suppe,“ sagt sie fest. „Ich will wissen, warum du meine Sachen ohne zu fragen umstellst. Warum blumen auf dem Tisch? Sie brauchen Licht, am Fenster!“ „Am Licht kriegen sie genug, aber die Energie im Raum muss fließen. Die Pflanzen verstärken die Wohlstandszone“, dozierte Larissa. „Du wirst mir noch danken, wenn Viktor eine Gehaltserhöhung bekommt. Übrigens, ich bin in euer Schlafzimmer gegangen…“ „Du bist in unser Schlafzimmer?“ Olga spürt, wie ihr Zorn hochkocht. „Natürlich. Die Tür stand offen! Da war so schlechte Luft. Ich hab gelüftet und die Bettstelle verschoben. Man soll ja nicht mit den Füßen zur Tür schlafen – böse Omen, Bahrenstellung. Jetzt steht der Kopf zum Osten. Schweres Ding!“ Olga stellt sich vor, wie Larissa die Eichenbettstelle quer durchs Zimmer schiebt, den Parkett zerkratzt. Ihre Bettbezüge, ihre Kissen. Das ist kein Überschreiten von Grenzen mehr, sondern eine Invasion. „Larissa, setz dich,“ befiehlt Olga. „Was ist denn? Du bist ganz nervös. Vielleicht ein paar Baldriantropfen? Habe ich in deiner Hausapotheke gefunden. Hatte bald Ablauf, ich habe sie weggeschüttet: Risiko, Gift! Morgen besorgst du frische.“ Olga schließt die Augen und zählt bis fünf. „Ausgeleert. Weggeworfen. Umgestellt.“ „Hör zu, Larissa: Du gehst jetzt ins Bad und räumst deine Sachen. Alles, inkl. Tuben, Dosen und Unterwäsche vom Heizkörper. Danach packst du in deinem Zimmer den Koffer.“ Larissa starrt sie fassungslos an: „Du schmeißt mich raus? Um diese blöden Vorhänge und das Bett? Bist du irre? Ich tue doch alles für euch! Euer Zuhause ist ein Sumpf, ich wollte Leben reinbringen!“ „Du hast kein Leben reingebracht, du hast mir die Luft abgeschnürt“, kontert Olga. „Das ist mein Zuhause. Mein Sumpf. Und ich liebe es so. Ich hab dich gebeten, den Wasserschaden abzuwarten, nicht mein Leben umzukrempeln.“ „Da kann man doch gar nicht wohnen! Es ist feucht! Willst du, dass ich krank werde?“ „Ich will meine Ruhe“, antwortet Olga. „Es gibt Hotels, Hostels, andere Freundinnen. Aber hier bleibst du nicht mehr.“ Im gleichen Moment fällt die Haustür ins Schloss – Viktor kommt heim. Schaut auf die umgestellten Blumen, das leere Fenster, den merkwürdigen Suppenduft und die rot angelaufene Olga. „Was ist hier los? Warum riecht das so seltsam? Warum steht das Bett quer? Ich wollte mich umziehen und bin fast gestolpert.“ „Sag ihr was, Viktor!“ ruft Larissa, hilfesuchend. „Ich meine es doch nur gut, und sie wirft mich vor die Tür! So geht man mit Freunden nicht um! Wir kennen uns seit dem Kindergarten!“ Viktor schaut Larissa lange an, dann zu Olga, sieht ihre zitternden Hände. „Larissa,“ sagt er ruhig. „Du hast zwanzig Minuten. Wenn du dann noch da bist, packe ich deine Sachen selbst. Und ich werde sie nicht ordentlich falten, sondern aus dem Fenster werfen. Achtter Stock.“ „Ihr seid widerwärtig!“, schreit Larissa. „Spießbürger! Raffgierige! Hängt an eurem Plunder! Ich komme nie wieder her! Ich erzähle allen, wie ihr wirklich seid! Allen gemeinsamen Bekannten!“ „Zeit läuft“, sagt Viktor und schaut auf die Uhr. „Neunzehn Minuten.“ Larissa poltert schimpfend durch die Wohnung, wirft Kram in den Koffer, Türen schlagen. Olga sinkt kraftlos auf den Stuhl. „Tut mir leid, Viti“, flüstert sie. „Ich wollte das nicht.“ Viktor umarmt sie sanft und küsst sie auf den Kopf. „Nicht dein Fehler. Manche Leute sind wie Schimmel – räumst du sie nicht gleich weg, übernehmen sie alles. Um die Vorhänge tut es dir leid?“ „Sehr“, schluchzt Olga. „Ich habe sie monatelang gesucht. Und den Parkett hat sie sicher ruiniert.“ „Wir schleifen den Boden. Kaufen neue Vorhänge. Hauptsache, wir haben diesen ‚tibetischen‘ Suppenanschlag überlebt. Schau dir die Farbe an.“ Nach fünfzehn Minuten rollt Larissa in voller Montur ihre Koffer raus, die Lippen spitz wie ein Truthahnschnabel, das Kinn hoch. „Ich gehe“, verkündet sie dramatisch. „Ihr verliert den einzigen Menschen, der euch wirklich Gutes wollte. Lebt in eurem Mief und eurer Negativität. Lebt wohl.“ Mit lautem Rumms verlässt sie die Wohnung. Olga schließt hinter ihr ab. Im Treppenhaus dreht Larissa sich noch einmal um: „Und übrigens, Lena: Deine teure Gesichtscreme für 70 Euro taugt nichts. Hab sie drei Tage für die Füße benutzt – kein Effekt. Kauf lieber eine Babycreme, die ist natürlich.“ Tür zu. Doppelt abgeriegelt. Olga lehnt die Stirn gegen die kühle Tür und beginnt zu lachen. Es ist ein nervöses Lachen, das in Tränen umschlägt. Viktor taucht mit dem Müllsack auf. „Die Suppe ist im Klo gelandet. Das Klo war schockiert, aber hat’s geschafft. Wollen wir das Bett und die Blumen zurückstellen?“ „Gern“, sagt Olga und wischt sich die Tränen ab. „Und den Teppich holen wir auch wieder.“ Sie verbringen den ganzen Abend damit, die Wohnung rückzubauen. Das Bett hat Spuren im Parkett hinterlassen, aber an seinem Platz sieht man sie nicht mehr. Die Vorhänge – im Wäschetrockner zu Winzlingen eingelaufen, Larissa hatte wohl tatsächlich die Kochwäsche eingestellt. „Egal“, sagt Olga und wirft das ruinierte Leinen in den Müll – „jetzt ist es schön hell.“ Beim Abendbrot – einfache Nudeln mit Käse, ganz ohne „chakra-reinigende“ Zutaten – piept Olgas Handy. Eine Nachricht von Larissa: Foto aus einem Café, Tasse Cappuccino und Torte. „Genieße meine Freiheit von toxischen Menschen. Euch allen Liebe und Licht!“ Olga blockiert die Nummer wortlos. „Weißt du“, überlegt Viktor beim Nudelnessen, „in einem Punkt hatte sie recht.“ „Womit?“ fragt Olga misstrauisch. „Wir sollten wirklich die Schlösser wechseln. Wer weiß, ob sie einen Ersatzschlüssel hat, während sie angeblich unsere Energie harmonisiert hat.“ Am nächsten Tag lassen sie das Schloss austauschen. Erst dann atmet Olga wieder frei. Die Wohnung riecht wieder nach Zuhause, nicht nach fremden Parfüms und verrückten Ideen. Ein Monat vergeht. Von gemeinsamen Bekannten erfährt Olga, dass Larissa nun bei irgendeiner entfernten Tante in Bayern wohnt und dort bereits den Gemüsegarten umgegraben hat, alle „falschen“ Tomatensorten rausgeworfen, und die Tante nun überlegt, Larissa in ein Sanatorium abzuschieben – möglichst ans andere Ende der Republik. Olga hört die Geschichten mit einem Grinsen. Sie hat gelernt: Helfen ja, aber die eigene Festung nur Menschen öffnen, bei denen man sicher ist, dass sie nicht die Wände neu streichen. Und sie hat neue Vorhänge gekauft. Bunt, mit Muster. Larissa hatte in dem Punkt echt Geschmack – aber das würde Olga ihr nie verraten. Wie geht ihr mit Gästen um, die in eurem Zuhause plötzlich die Regeln bestimmen wollen? Erzählt uns eure Erfahrungen, kommentiert, liked und abonniert – hier wird das echte Leben ganz bestimmt diskutiert!
Tagebucheintrag, 17. Februar Gestern Abend klingelte es an meiner Tür es war meine alte Freundin Annemarie
Homy
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04
Meine Schwiegertochter behauptet, ich müsse an jedem Wochenende auf die Enkelkinder aufpassen – „Haben Sie mal darüber nachgedacht, dass ich auch eigene Pläne haben könnte?“ fragte Frau Galina, und bemühte sich, ihre Stimme ruhig zu halten, auch wenn ihre Hände vor Anspannung bereits das Telefon umklammerten. „Es ist Freitagabend. Ich wollte einfach mal entspannen.“ „Ach Mama, was für Entspannung denn?“ tönte die Stimme ihrer Schwiegertochter, Kristina, durch den Hörer fordernd und energisch – man spürte förmlich ihre Unnachgiebigkeit. „Sie sind doch in Rente! Die ganze Woche ist für Sie wie ein Wochenende. Wir rackern uns mit Vadim ab – müssen auch mal durchatmen, abschalten. Und überhaupt, wir sind gleich da. Die Kinder freuen sich schon, haben die ganze Fahrt gefragt: ‚Wo ist Oma?‘ Sie wollen denen doch wohl nicht die Tür vor der Nase zuschlagen?“ Diese Szene wiederholt sich mittlerweile zum vierten Monat jeden Freitag pünktlich um 19 Uhr: Die gemütliche Zweizimmerwohnung von Galina wird zur privaten Kindertagesstätte. Der fünfjährige Artem und die dreijährige Sonja sind zwar herzig und liebenswert, aber spätestens am Sonntagsabend ist Galina so erschöpft, dass sie kaum mehr weiß, wie sie heißt. In Deutschland würde so ein Dialog sicher viele Großeltern und Eltern ansprechen – und gerade hier, wo das Thema „Familienhilfe“ und „Generationenvertrag“ einen ganz eigenen Stellenwert hat. Doch wie viel Hilfe kann eine Großmutter tatsächlich schultern, ohne sich selbst zu verlieren? In Russland ein emotionaler Dauerbrenner – und doch wohl auch hier sehr diskutabel. Diese Geschichte erzählt, wie Galina mit ihrer Schwiegertochter und ihrem Sohn einen ehrlichen und befreienden Konflikt austrägt und nicht mehr jedem Anspruch und jeder Erwartung vorbehaltlos nachgibt. Sie entscheidet sich erstmals, ihre Wochenenden für sich zu beanspruchen – und zieht damit die so oft verschwommene Grenze zwischen Liebe und Ausnutzung. Der Generationenkonflikt: Muss Oma wirklich jedes Wochenende einspringen? Ein ehrlicher Erfahrungsbericht aus einer deutschen Familie über Erwartungen, eigene Bedürfnisse und den Mut zur Selbstfürsorge.
Tagebuch Freitagabend Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, dass ich eigene Pläne haben könnte?
Homy
Educational
08
Mein Mann behauptete, ich koche schlechter als seine Mutter – also schickte ich ihn kurzerhand zum Abendessen zu ihr – „Na toll, schon wieder trocken. Irina, ich habe doch gebeten, kannst du wirklich nicht ein bisschen Speck in das Hackfleisch geben? Oder mehr Brot, in Milch eingeweicht. Das ist eine Schuhsohle, keine Frikadelle, damit kann man Nägel einschlagen.“ Sergej schob demonstrativ den Teller weg, auf dem zwei goldbraune, im Ofen gebackene Hähnchenfrikadellen und eine Portion Gemüse-Ragout lagen. Irina, die gerade die Tasse am Spülbecken abspülte, erstarrte. Innerlich spannte sie sich wie eine Feder, die gleich zuschlagen könnte – das war nicht das erste Mal. Auch nicht das zehnte. Seit einem halben Jahr verwandelte sich jedes Abendessen in einen Gourmet-Kampf, den sie stets verlor. Das Maß aller Dinge war: Tamara – seine Mutter. Irina trocknete langsam die Hände am Handtuch, atmete tief durch und drehte sich zu ihrem Mann. Sergej saß da, als hätte er gerade eine Zitrone pur gegessen, stocherte mit der Gabel im Brokkoli und mimte das Leid eines Märtyrers. – „Sergej, das sind diätetische Frikadellen aus Hähnchenbrust“, sagte Irina ruhig, ohne die Stimme zu heben. „Du hast doch erhöhtes Cholesterin, der Arzt hat Fettiges und Gebratenes verboten. Ich sorge mich um deine Gesundheit.“ – „Ach, Gesundheit hin oder her!“, fuhr Sergej auf und warf die Gabel auf den Teller. Das Geklingel des Metalls auf Porzellan klang wie der Startschuss zum nächsten Streit. „Essen muss Spaß machen! Bei Mama… die Frikadellen sind ein Gedicht: saftig, fettig, knusprig. Danach singt die Seele. Und bei dir immer Dampfgarer, Ofen oder dieses gekochte Grünzeug. Ich bin ein Mann, Irina, ich brauche Energie und keinen Kaninchenfraß. Mama kann eben kochen, obwohl sie auch Blutdruck hat und älter ist. Sie steckt einfach Herz rein. Du zählst nur Kalorien.“ Da war es wieder – das ewige Vergleichen: „Mama kann“, „bei Mama schmeckt’s besser“, „Mama steckt Liebe in die Küche“. Irina erinnerte sich an die Küche ihrer Schwiegermutter: Alles schwimmt in Öl, Mayonnaise kommt überall rein (sogar in die Suppe), und das „Berühmte Fleisch nach französischer Art“ ist ein Berg aus Zwiebeln und Käse, unter dem eine förmlich knusprig gebratene Schweinekotelettenscheibe vergraben ist. Ja, Sergej ist damit aufgewachsen. Aber jetzt ist er vierzig, der Bauch wächst, Luft fehlt, und er verlangt immer noch, was er als Kind bekommen hat. – „Du meinst also, ich koche ohne Herz?“ Irina blickte ihm direkt in die Augen, ganz ruhig. – „Jetzt übertreibst du aber“, Sergej verzog das Gesicht, wusste, er war über die Stränge geschlagen, aber hielt trotzdem daran fest. „Ich will einfach mal nach einem langen Arbeitstag ein richtiges, klassisch deutscher Abendbrot genießen. Und nicht wieder ‚Bio‘ und Diät. Dafür gehe ich schließlich arbeiten, ich habe ein Recht auf ein ordentliches Essen! Mama hätte ihren Mann nie hungrig gelassen – wegen irgendwelcher Laborwerte.“ Irina schaute auf die abgekühlten Frikadellen. Sie waren perfekt – zart, mit Zucchini für die Saftigkeit und frischen Kräutern. Sie hatte nach ihrer Arbeit eine Stunde dafür gebraucht. Aber für ihren Mann waren sie „Müll“. In dem Moment hatte Irina einen neuen Plan. Einfach, logisch – und der einzig richtige: – „Gut, Sergej“, sagte sie verblüffend gelassen. „Du hast völlig recht.“ Sergej hob die Augenbrauen. Er hatte Streit oder Tränen erwartet – aber keine Zustimmung. – „Recht?“, fragte er misstrauisch. – „Natürlich. Du arbeitest viel, hast es verdient, so zu essen wie du es magst und kennst. Ich kann das offenbar nicht richtig, habe wohl keine ‚begabten‘ Hände und Herz fürs Frittieren in Öl. Also habe ich jetzt eine Entscheidung getroffen.“ Irina trat zum Tisch, nahm seinen Teller und schabte das Essen kompromisslos in den Bio-Mülleimer. – „Hey, was machst du da?“, empörte sich Sergej. „Ich hätte das vielleicht noch gegessen… mit ordentlich Mayonnaise.“ – „Nein, warum dich weiter quälen?“ Irina lächelte – aber nicht warm. „Ab morgen isst du bei deiner Mutter.“ – „Wie bitte – bei Mama?“, Sergej stockte. „Wir ziehen um?“ – „Nein, Quatsch. Wir wohnen hier. Aber zum Abendessen wirst du dann zu Tamara runterfahren. Nur vier Stationen mit der U-Bahn oder eine halbe Stunde im Berufsverkehr. Deine Mama kocht ja wunderbar, das hast du ja selbst gesagt. Genieße es. Ich will nicht mehr Ursache für dein kulinarisches Drama sein.“ – „Irina, hör auf mit dem Theater“, lachte Sergej nervös. „Was für ein Unsinn. Wie soll ich jeden Abend zu ihr fahren?“ – „Ganz einfach. Nach Feierabend ins Auto, ab zu Mama. Sie freut sich, beschwert sich nämlich dauernd, du könntest sie öfter besuchen. Da hast du es – jeden Abend ein glücklicher Sohn. Sie bekocht dich und packt was ein, falls du möchtest. Ich bin dann aus der Verantwortung raus, dir etwas zu kochen, das du nicht mal anschaust. Gute Lösung, oder nicht? Keine Hysterie, Sergej. Optimierung unseres Haushalts.“ Sergej betrachtete sie, völlig ruhig. Sie holte einen Joghurt aus dem Kühlschrank, setzte sich an den Tisch und scrollte im Handy. Nach einer Weile stand er auf und holte sich genervt ein dickes Wurstbrot. – „Na dann!“ brummte er, „Denkst du, du schockst mich? Im Gegenteil! Mama freut sich, dass mal wieder ein richtiger Mann im Haus isst. Und du bleibst bei deinem Grünzeug. Schauen wir mal, wie lange du durchhältst, wenn ich nicht mehr fürs Essen zahle.“ – „Kannst du das Geld direkt deiner Mutter geben“, erwiderte Irina ruhig, ohne den Blick vom Bildschirm zu heben. „Ich brauche eh nicht viel, mit meinem Gehalt komme ich schon klar.“ Am nächsten Tag kochte Irina gar nichts. Sie kam von der Arbeit, zog sich bequem um, machte sich einen Tomaten-Mozzarella-Salat und schenkte sich ein Glas Wein ein. Die Wohnung war ruhig – zufällig auch entspannter als sonst. Eigentlich würde sie jetzt in der Küche wirbeln, rechtzeitig mit dem Essen fertig werden, aber jetzt: nichts. Sergej meldet sich um sieben: – „Ich fahre zu Mama, sie hat schon Fleisch-Piroggen und echten Borschtsch gemacht! Schön deftig!“ – „Guten Appetit“, antwortete Irina höflich. „Und komm nicht zu spät nach Hause.“ – „Warte nicht auf mich – ich komme satt und glücklich!“ Er kam um halb zehn heim. Sergej roch nach gebratenen Zwiebeln und Knoblauch, wie ein zufriedener Kater. Er plumpste auf die Couch und öffnete den Hosenknopf. – „So sieht ein anständiges Abendessen aus“, rief er Irina zu, die gemütlich las. „Erst Suppe, dann Frikadellen, dann Kompott und Piroggen. Mama ist ein Schatz. Sie sagte schon, du lässt mich verhungern, ich bestehe nur noch aus Haut und Knochen. Hier, ein Schälchen Sülze hat sie mir mitgegeben.“ – „Stell es bitte selbst in den Kühlschrank“, nickte Irina und vertiefte sich ins Buch. Die ersten drei Tage waren ein Triumph für Sergej – er kam glänzend und stolz nach Hause, erzählte detailreich, was es umsonst zum Abendessen gab: handgemachte Pelmeni, Kohlrouladen in saurer Sahne, Bratkartoffeln mit Pilzen. Tamara war scheinbar auch bestens gelaunt; sie rief Irina am Tag an, wenn diese im Büro war, und dozierte milde: – „Irina, was machst du denn? Sergej sagt, du kochst gar nicht mehr. Aber keine Sorge, ich bin ja die Mutter, ich bringe ihn schon durch. So ein Mann braucht Kraft. Du solltest mal mitlernen, ich schicke dir Rezepte. Aber Talent gehört dazu, das haben nicht alle…“ Irina hörte zu, nickte höflich und legte dann auf. Sie wusste, was Sergej und Tamara ignorierten: Der Kochmarathon ist ein Dauerlauf, Tamara war schon 68 und hatte abends Rückenschmerzen. Sergej, der sich nach der Arbeit einfach auf die Couch fallen lassen wollte, war auch nicht gerade begeistert von den täglichen Tripps zu Mama. Am Donnerstag kam Sergej erst um elf, es regnete und war Stau: – „Warum so spät?“, fragte Irina. – „Stau total, habe zwei Stunden zu Mama gebraucht!“ knurrte er und stieg aus den nassen Schuhen. – „Aber du hast lecker gegessen. Was gab’s?“ – „Buletten… und Oliviérsalat…“ Er trank hastig ein Glas Wasser. Irina sah, dass er heimlich Magentabletten aus der Hausapotheke nahm. – „Möchtest du einen Kefir?“ – „Lass mich in Ruhe. Bin einfach nur müde. Morgen früh muss ich wieder früher weg, Parkplatzprobleme.“ Freitag, Tamara ruft am Abend, als Sergej wieder bei ihr war: – „Irina, bist du zuhause? Ich stehe hier wie eine Küchenhilfe. Sergej isst wie ein Löwe, will ständig Abwechslung – gestern Buletten, heute Plov… Mein Rücken tut weh, der Einkauf wird immer schwerer. Klar, Geld hat er mir gegeben, aber zum Laden muss ich selbst. Und den Abwasch auch. Ich schaffe das nicht mehr! Irina, du bist doch die Frau, eigentlich solltest du deinen Mann bekochen!“ – „Tamara, ich habe es versucht. Aber meine Frikadellen sind Schuhsohlen, meine Suppe Wassersuppe. Ich möchte deinen Sohn nicht quälen – er isst lieber bei dir, du hast schließlich das Talent.“ – „Na danke auch!“ Tamara legte genervt auf. Irina lächelte zufrieden und gönnte sich Tee und Serie. Ihr Plan wirkte schneller als erwartet. Am Wochenende schlief Sergej aus und aß, was Mama ihm eingepackt hatte. Aber am Montag waren die Vorräte aufgebraucht. In Woche zwei sah Sergej immer gestresster aus, die Fahrten zu Mama schlugen auf die Laune, heim kam er müde, ohne spirituellen Hochgenuss, die Farbtöne im Gesicht wurden immer blasser. Am Dienstag hielt er sich die Seite: – „Was ist los?“, fragte Irina. – „Die Leber. Mama hat Ente gemacht, super fett… war lecker, aber jetzt… Hast du irgendwas für den Magen da?“ – „In der Hausapotheke. Ich hab ja gewarnt wegen Fett und Cholesterin.“ – „Fang nicht an. Bin schon fix und fertig. Hör mal, kannst du morgen Suppe kochen? Ganz leicht, Hähnchen, keine Einbrenn…“ Irina staunte. – „Sergej, das ist doch ‚Wassersuppe‘, Klinikessen. Männer essen sowas doch nicht. Frag Mama, ob sie Soljanka macht.“ – „Ich will keine Soljanka mehr!“, rief Sergej. „Ich kann das Fett nicht mehr sehen! Ich habe Dauer-Sodbrennen, schlafe schlecht, Bauch wie Zement. Mama kippt offenbar noch extra Öl rein. Wenn ich sage, sie soll zurückhaltender sein, ist sie beleidigt: ‚Willst du die Mutter belehren?‘ Und dann ewig Gerede über die Nachbarn, Bluthochdruck, und wie ich mit fünf war. Ich will einfach nach Hause, essen und meine Ruhe!“ – „Aber du hast doch gesagt…“ – „Vergiss, was ich gesagt habe! Ich lag falsch. Deine Frikadellen… sind okay. Ehrlich. Sogar lecker. Ich sehne mich nach deinem Essen. Nach echtem, menschlichem Essen, von dem man nicht direkt stirbt.“ Irina schwieg. Sie hätte gerne sarkastisch kommentiert, aber Sergej wirkte wirklich angeschlagen. So einfach wollte sie ihn jedoch nicht davonkommen lassen: Der Lernprozess musste tief gehen. – „Sergej, ich bin froh, dass du umdenkst. Aber ein Problem haben wir: Tamara ist enttäuscht. Sie hat Vorräte gekauft, sich darauf eingestellt, dich weiterhin zu bekochen. Jetzt umschwenken – das wäre ja peinlich. Vielleicht musst du mit ihr sprechen.“ – „Mache ich. Sie hat mir gestern eh Hausverbot gegeben: ‚Jetzt iss und geh zu deiner Frau zurück, ich kann nicht mehr‘. Stell dir vor! Die eigene Mutter!“ Irina konnte sich das Lachen kaum verkneifen. Tamara hat eben Grenzen: Ihre Liebe endet, wenn das eigene Wohl und die Lieblings-TV-Sendungen leiden. – „In Ordnung“, sagte Irina, „aber unter einer Bedingung.“ – „Welche?“ – „Soll ich dir eine Pelzjacke kaufen?“ – „Nein, die kaufe ich mir selbst, wenn, dann. Bedingung: Erstens vergleichst du nie wieder meine Küche mit der von Mama. Wenn dir etwas nicht schmeckt, sagst du es höflich oder kochst selbst die Alternative. Zweitens: Einmal pro Woche – Samstag – kochst du. Was du willst. Von Pelmeni bis Rührei. Ich mache dann frei.“ – „Abgemacht“, sagte Sergej sofort. „Aber jetzt bitte was gegen meinen Bauch. Und morgen Suppe. Mit Fleischbällchen.“ Irina holte die Medizin. Sie fühlte sich als Gewinnerin – nicht hämisch, sondern zufrieden: Die Vernunft hatte gesiegt. Am nächsten Tag kochte Irina Suppe mit Hähnchen-Fleischbällchen, Möhrchen und Kräutern. Kein Fett, keine Einbrenn. Sergej aß, als gäbe es nichts Besseres auf der Welt, tunkte Schwarzbrot ein, schloss die Augen vor Genuss. – „Himmlisch“, sagte er, „Irina, ehrlich – besser als Buletten. So ein wohliges Gefühl.“ – „Freut mich“, lächelte Irina. Doch die Geschichte endete nicht hier. Nach wenigen Tagen rief Tamara an. – „Irina, wie geht’s Sergej? Geht’s seinem Bauch wieder gut?“ – „Doch, Tamara, die Suppenkur wirkt.“ – „Gott sei Dank! Und entschuldige, dass ich über dich gemeckert habe, ich wollte nur das Beste. Ich dachte, ich verwöhne ihn, aber… es ist doch anstrengend, jeden Tag in der Küche zu stehen und immer alles richtig zu machen. Ich bin ja nicht mehr die Jüngste, lebe alleine – ein Glas Kefir und Brötchen reicht mir. Aber er! So ein kräftiger Mann braucht halbe Töpfe!“ – „Ich verstehe das, Tamara. Alles gut.“ – „Irina, du bist echt tapfer. Ich hätte meinem Mann die Frikadelle an den Kopf geworfen, bei solchen Sprüchen. Du hast das schlau gelöst, hast uns beide erzogen. Ich hab mich auch nicht mit Ruhm bekleckert – immer genörgelt, aber jetzt… das ist ein Generationending. Koch weiter so! Ihr bleibt gesund. Drei Kilo hat er in der Woche zugenommen, und die Luft wurde knapp. Das geht nicht!“ – „Danke, Tamara. Kommen Sie doch am Wochenende vorbei, Sergej will Plov kochen – ganz allein.“ – „Sergej kocht? Wirklich? Ich bin gespannt! Natürlich komme ich.“ Am Samstag stand Sergej tatsächlich am Herd. Er schaute YouTube-Videos, schnitt Möhren, fluchte über den stumpfen Messer (und schärfte es prompt), verbrannte sich den Finger, aber der Plov war ziemlich gelungen. Etwas fettiger als nötig, doch Irina schwieg. Beim Mittagessen lobte Tamara ihren Sohn: – „Sergej, Spitze! Fast wie damals bei deinem Vater!“ Dann, leise zu Irina: – „Aber der Krautsalat von dir passt perfekt dazu – erfrischend. Sergej, du solltest deine Frau wirklich schätzen. Sie ist Gold wert, und kocht richtig gut. Wir Alten sind eben auf die Fettpfanne gepolt – aber das ist nicht mehr zeitgemäß.“ Sergej nickte respektvoll und schaute Irina an. Endlich hatte er verstanden: „Lecker“ ist nicht das, was er von klein auf kennt, sondern das, was er bekommt, wenn sich jemand wirklich kümmert und das Zuhause friedlich ist. Seitdem gab es keine Vergleiche mehr mit „Mamas Frikadellen“. Natürlich besuchen sie Tamara und Sergej isst dort ihre Spezialitäten, aber jetzt immer nur mit Verdauungstablette als Vorsichtsmaßnahme. Und nie, kein einziges Mal, hat er wieder gesagt, Irina könne schlechter kochen als seine Mutter. Im Gegenteil, wenn Tamara noch ein Stück Kuchen anbietet, lehnt er höflich ab: – „Danke, Mama, aber ich spare Platz fürs Abendessen. Irina macht Fisch mit Gemüse!“ Irina spürte jedes Mal eine kleine Welle der Dankbarkeit. Sie hatte nicht nur den Frikadellen-Krieg gewonnen, sondern das Recht, die Chefin in ihrem eigenen Haushalt und ihrer Familie zu sein. Übrigens kocht Tamara inzwischen auch weniger fettreich. Als sie gesehen hat, wie Sergej nach Irinas „Grünzeug“ abgenommen und frischer aussah, bat sie sogar Irina um Rezepte der „berühmten Hähnchenfrikadellen“. Und sie gab zu, dass sie im Ofen genauso gut gelingen – und das Putzen nach dem Braten entfällt. So führte ein drohender Küchen-Konflikt, der eine Ehe hätte zerstören können, am Ende dazu, dass alle etwas gesünder und glücklicher wurden. Was es dafür brauchte? Bloß einmal zuzustimmen und den Mann sein Wunsch-Menü ausleben lassen. Hat Ihnen die Geschichte gefallen? Dann abonnieren Sie den Kanal und geben Sie ein Like. Schreiben Sie in die Kommentare, wie Sie mit Kritik beim Essen umgehen.
Tagebuch, 17. März Typisch, wieder so trocken. Leonie, ich habs dir schon gesagt, warum ist es denn so
Homy
Educational
07
Komm zurück – und schick ihn nicht fort Ihre Eltern kannte Nastja nur verschwommen aus Kindheitserinnerungen. Sie starben kurz nacheinander, als sie noch klein war. Zuerst wurde der Vater krank: Sie erinnert sich, wie die Mutter am Bett saß, der Vater konnte nicht mehr aufstehen. Und dann war er fort. Wenig später starb die Mutter am Herzen. So gingen sie gemeinsam. Großgezogen wurde Nastja von den Nachbarn – Anna und Zacharias –, die immer freundschaftlich mit ihren Eltern verbunden waren und die Amtsvormundschaft übernahmen, denn Nastja hatte keine Verwandten. Die Nachbarn hatten einen Sohn, Egor, drei Jahre älter als Nastja. Als sie erwachsen wurde und zu einer hübschen jungen Frau heranwuchs, verliebte sich Egor und auch sie war nicht abgeneigt. Es lag so nahe: Die zukünftige Ehefrau für Egor war direkt im eigenen Haus aufgewachsen. Sie heirateten und zogen in das Haus von Nastjas Eltern, renovierten vieles. Bald schon erwarteten sie einen Sohn. „Ach Nastja, wie ich mich freue, endlich einen Sohn zu bekommen! Unser Familienname wird weiterleben, ich werde ihn lieben – und dich natürlich auch!“, jubelt Egor. Im Herbst brachte Nastja spät nachts ihren Sohn zur Welt. Die Geburt war schwierig, erschöpft wandte sie sich zur Wand, schloss die Augen und seufzte: „Jetzt ist alles geschafft, unser Sohn ist geboren, jetzt darf ich ausruhen.“ Am Morgen brachte man dem Zimmernachbarn das Baby zum Stillen, Nastja bekam keins und wurde unruhig. „Wo ist mein Sohn? Warum bringt ihr ihn nicht? Er braucht doch auch Milch!“ „Alles in Ordnung“, beruhigt die Schwester, „er schläft. Wenn er Hunger hat, meldet er sich.“ Auch am zweiten Morgen kein Baby: Nastja bricht in Tränen aus. „Wo ist mein Sohn? Was ist geschehen?“ Die herzliche Reinigungskraft, Oma Maria, sagt beim Wischen des Bodens: „Ach Mädel, das wird schwer für den Kleinen – er kann ja kaum weinen.“ „Wie meinen Sie das, Oma Maria?“ „So, wie ich sage. Ich arbeite schon lange hier, hab vieles gesehen.“ Da kam die Schwester herein und erklärte ruhig: „Das Baby ist sehr schwach geboren, bekommt jetzt Vitamine per Tropf. Es wird schon werden, machen Sie sich keine Sorgen.“ Schließlich bringt man Nastja ihren Sohn: Sie erschrickt fast ein wenig. Er ist winzig und leicht, der Kopf wirkt größer als der kleine Körper. Zuhause angekommen, nimmt Egor seinen Sohn in Augenschein – und ist entsetzt. Das Baby ist klein, der Kopf zu groß, die Augen rollen, es quäkt nur leise. „Wanja, mein Herzblatt“, spricht Nastja liebevoll, „ich werde dich gleich füttern. Keine Sorge, du wirst groß werden, alles wird gut.“ Egor ist erschüttert, so hat er sich seinen Sohn nicht vorgestellt. „Was hast du geboren? Was ist das!? Der Kopf riesig, der Körper winzig! Ist das wirklich unser Kind – wurde er ausgetauscht?“ „Egor, wie kannst du sowas sagen! Das ist unser Wanja. Er ist einfach so geboren, das wird schon, auch die Ärtzin hat es mir gesagt.“ Mit mütterlicher Wärme badet und versorgt Nastja den Sohn. Egor geht nicht ans Kind, verzieht sich ganz von ihm. Eine Woche später erklärt er: „Ich habe gekündigt und ziehe fort, in eine andere Gegend. Ich will so etwas nicht einmal ansehen. Ich brauche ein gesundes, normales Kind. Macht’s gut!“ Schnell spricht er, die Tür fällt zu, die Koffer hatte er lautlos gepackt. Nastja bleibt wie versteinert, sieht, wie er davonläuft, nicht einmal zu den Eltern geht, sondern direkt zur Bushaltestelle. Sie selbst informiert Annas und Zacharias. Mit Wanja auf dem Arm bricht sie in Tränen aus. „Egor hat uns verlassen, er will kein krankes Kind, hat gekündigt und ist fort.“ „Ach Gott, was ist nur passiert!?“ jammert Anna, während Zacharias nur düster sagt: „Kopf hoch, Kind, wir schaffen das.“ Nastja bleibt allein mit Sohn und Schwiegereltern in Nähe. Anna braut Kräuter, hilft beim Baden, Zacharias läuft mühsam mit Stock, bringt Holz und Wasser, so kommen sie zurecht und lachen sogar beim abendlichen Tee. Wanja wächst auf, er erholt sich, wird ein interessanter Junge und liebt Opa Zacharias innig, streckt ihm die Ärmchen entgegen. Der Opa vergöttert den Enkel, gibt ihn nie von den Armen, wenn Nastja zu Gast ist. Als Wanja seine ersten Schritte macht, fließen Nastja die Tränen: Wackelnd läuft er in ihre Arme, sie dreht sich mit ihm durch das Zimmer. „Mein lieber, goldener Wanja, ich wusste, es wird alles gut. Du bist mein Herz.“ Mit Wanja auf den Armen zeigt sie ihn den Großeltern, der Kleine läuft fröhlich. Oma Anna weint, Opa Zacharias lächelt: „Siehst du, nun läuft unser Enkel! Ach…“ Er will mehr sagen, schweigt aber – Nastja weiß, er ist enttäuscht über Egor, der sie verließ. Sie hat nicht mehr damit gerechnet, dass er je zurückkehrt. Fünf Jahre vergehen. Vieles verändert sich, seit Egor fortging. Anna und Zacharias halfen, doch leider nicht lange. Zwei Jahre zuvor stirbt Zacharias, ein Jahr später folgt Anna, beide ohne ihren Sohn je wiederzusehen. Sterbend bat die Schwiegermutter Nastja: „Vergib uns, Kind, vergib Egor – er ging und ließ euch im Stich. Ich bitte dich: Er kommt vielleicht zurück – schick ihn nicht fort. Versprich es mir…“ Nastja rechnet nicht mit Egors Rückkehr, aber verspricht der Schwiegermutter, nur für inneren Frieden. Sie begräbt Anna, lebt mit Sohn allein. Wanja ist klug und mutig: Trägt eigenhändig Holz zum Ofen, sie lobt ihn liebevoll: „Du bist mein kleiner Hausherr, mein Helfer!“, und er strahlt stolz zurück. Als Wanja sechs wird, öffnet sich eines Tages leise das Gartentor. Egor betritt den Hof. Der Junge fängt Schmetterlinge, sieht Egor und kommt neugierig näher. „Guten Tag“, sagt Wanja höflich, „Wer sind Sie? Ich kenne Sie gar nicht…“ „Ich…äh, ich bin Egor Zacharias… also Zacharias Sohn…“ „Ich bin Ivan, meine Mama nennt mich Wanja“, antwortet der Junge. Egor blickt überrascht und sinkt auf die Bank. „Was sagst du … Du bist Wanja?“ Ihm steigen die Tränen auf. Der hübsche Junge sagt: „Nicht weinen, Mama meint, Männer weinen nicht. Wer sind Sie? Vielleicht mein Papa?“ Egor bricht in Tränen aus, „Papa“ trifft ihn ins Herz. Da tritt Nastja aus dem Haus, setzt sich fassungslos zu ihm auf die Stufe. „Du… Egor?“ „Mama, ist das mein Papa? Ich wusste, dass du kommst!“ Nastja umarmt ihren Jungen: „Ja, Wanja, das ist dein Papa.“ „Verzeiht mir, Nastja, ich war feige, bin fortgelaufen, habe euch im Stich gelassen. Ich bereue, bitte um Vergebung…“ Egor kniet auf der Stufe, bettelt um Vergebung. Wanja tritt näher und umarmt Egor. Nastja bleibt stumm. Egor sieht an ihren Augen, dass sie ihm verzeihen wird, das Herz spürt es. „Wo sind meine Eltern? Ich bin gleich zu euch, habe sie nicht besucht.“ „Es geht ihnen jetzt gut, wir haben sie begraben, dort, schau…“, sie deutet zum Friedhof. Nach einiger Zeit stehen alle drei an den Gräbern von Anna und Zacharias. Egor bricht weinend zusammen auf das Grab der Mutter. „Verzeiht mir, Mama, Papa … bitte!“ Stumm gehen Nastja und Wanja zurück, Hand in Hand. Wanja schaut zu Egor hinauf: „Papa, du weinst nicht mehr?“ „Nein, mein Sohn, ich weine nicht mehr, verspreche es dir.“ „Ach Gott, Nastja, wie konntest du hier allein leben?“ „Ganz unterschiedlich“, sagt sie. „Deinen Eltern danke ich, sie haben uns nie vergessen, viel geholfen – und wir haben ihnen geholfen.“ „Ja, Papa“, sagt Wanja stolz, „Mama hat immer gesagt, danke Oma Anna und Opa Zacharias. Ich war ja schwach bei der Geburt, Opa hat immer gesagt: Das wird! Und schau, jetzt bin ich schon groß.“ Er stellt sich auf die Zehen, „bald geh ich zur Schule! – Mama, weißt du noch, als ich Opa aus dem Löffel gefüttert habe, als er krank war? Und auch Oma habe ich überredet, zu essen.“ Egor beißt sich auf die Lippen, denkt: „Ich, ein erwachsener Mann, bin vor den Schwierigkeiten geflohen, wollte die Last nicht tragen – und mein kleiner Sohn hat alles durchgestanden, ist stark und gesund. Nastja, sie hat alles allein geschafft. Als es einfacher wurde, bin ich zurückgekommen – und schau, was für einen Sohn hab ich und was für eine Frau!“ Egor ahnt nicht, was in Nastjas Herz geschieht. „Verzeihen oder nicht? Alles vergessen, neu beginnen? Was soll ich tun? – Schau, wie Wanja die Hand seines Vaters hält. Wir müssen als Familie zusammenhalten, und ich habe es der Schwiegermutter versprochen.“ Abends sitzen Nastja und Egor bei schlafendem Wanja am Tisch. Egor fragt sich: „Wird sie mich fortschicken?“ Leise sagt Nastja: „Bevor deine Mutter starb, hat sie mich gebeten: Egor kommt zurück – schick ihn nicht fort. Ich habe ihr das versprochen…“ Egor atmet auf. „Danke, Nastja, nie werde ich euch noch einmal verletzen. Ihr seid meine Liebsten.“ Wenig später fragt Egor Wanja: „Was hältst du davon, wenn du eine kleine Schwester bekommst?“ „Was soll ich sagen?” meint Wanja ernst, „Ich freue mich. Aber schafft ihr das? Ich hab doch bald keine Zeit mehr, wenn ich zur Schule gehe!“ „Wir schaffen das, Sohn, wir schaffen das.“ Danke für’s Lesen, eure Unterstützung und Abonnements. Alles Gute für euch!
Kommt er zurück jag ihn nicht fort An ihre Eltern konnte sich Friederike nur vage erinnern sie starben
Homy
Sie machte nie eine Szene, hat mir nie Vorwürfe gemacht; immer war sie freundlich und liebevoll. Doch das Problem blieb bestehen: Es gab keine Liebe. Jeden Morgen wachte ich mit dem Gedanken auf, gehen zu wollen. Ich träumte davon, eine Frau zu finden, die ich wirklich lieben könnte. Doch wie unerwartet sich das Schicksal wenden würde – das hätte ich nie gedacht. Mit Clara fühlte ich mich wohl. Sie führte den Haushalt perfekt und war zudem umwerfend schön. Meine Freunde beneideten mich und fragten sich, wie ich so ein Glück mit meiner Ehefrau haben konnte. Nicht einmal ich wusste, womit ich ihre Liebe verdient hatte. Ich bin ein ganz gewöhnlicher Mann, nichts Besonderes, nichts, das mich von anderen abhebt. Und doch liebte sie mich … Wie war das möglich? Ihre Liebe und Hingabe ließen mich nicht zur Ruhe kommen. Am meisten quälte mich die Vorstellung, dass – sollte ich gehen – ein anderer meinen Platz einnehmen würde. Jemand, der reicher, attraktiver, erfolgreicher war. Wenn ich sie mir mit einem anderen Mann vorstellte, spürte ich, wie ich den Verstand verlor. Sie gehörte mir, auch wenn ich sie niemals geliebt hatte. Dieses Gefühl von Besitz war stärker als jede Vernunft. Aber kann man ein Leben lang mit jemandem zusammen sein, den man nicht liebt? Ich dachte, ich könnte es – doch ich lag falsch. – Morgen werde ich ihr alles sagen – entschied ich, als ich ins Bett ging. Am nächsten Morgen, beim Frühstück, fasste ich Mut. – Clara, setz dich, ich muss mit dir reden. – Natürlich, ich höre dir zu, Liebling. – Stell dir vor, wir lassen uns scheiden. Ich gehe und wir leben getrennt … Clara lachte: – Was für komische Ideen! Ist das ein Scherz? – Hör bitte bis zum Ende zu. Es ist ernst. – In Ordnung, ich stelle es mir vor. Und dann? – Antworte ehrlich: Würdest du einen anderen finden, wenn ich gehe? – Alexander, was ist mit dir los? Warum denkst du daran, mich zu verlassen? – Weil ich dich nicht liebe und dich nie geliebt habe. – Was? Das ist doch ein Scherz, oder? Ich verstehe gar nichts. – Ich will gehen, aber ich kann nicht. Der Gedanke, dich mit einem anderen zu sehen, lässt mich nicht los. Clara überlegte einen Moment und antwortete dann ruhig: – Ich werde niemanden finden, der besser ist als du, also mach dir keine Sorgen. Geh, ich werde zu niemand anderem gehen. – Versprichst du das? – Natürlich – versicherte mir Clara. – Aber warte, wohin sollte ich eigentlich gehen? – Hast du keinen Ort, wohin du gehen könntest? – Nein, wir waren unser Leben lang zusammen. Wahrscheinlich muss ich in deiner Nähe bleiben – sagte ich wehmütig. – Keine Sorge – antwortete Clara. – Nach der Scheidung werden wir die Wohnung gegen zwei kleinere tauschen. – Wirklich? Ich hätte nicht erwartet, dass du mir hilfst. Warum tust du das? – Weil ich dich liebe. Wenn man liebt, kann man den anderen nicht gegen seinen Willen festhalten. Einige Monate vergingen und wir ließen uns scheiden. Kurz darauf erfuhr ich, dass Clara ihr Versprechen nicht gehalten hatte. Sie fand einen neuen Mann – und die Wohnungen, die sie von ihrer Großmutter geerbt hatte, wollte sie nie teilen. Ich blieb mit leeren Händen zurück. Wie soll ich Frauen jetzt noch vertrauen? Ich habe keine Ahnung. Was haltet ihr von Alexanders Verhalten?
Sie hatte nie Dramen gemacht, sie hat mir nie Vorwürfe gemacht; immer war sie freundlich und liebevoll.
Homy
Educational
06
Missverständnisse Lena drückte das Handy fest ans Ohr, damit niemand in ihrer Nähe mitbekam, was ihre ältere Schwester am Telefon sagte. Und Inna sprach laut, selbstbewusst, ohne den Hauch eines Zweifels. Jedes Wort grub sich Lena ins Gedächtnis und legte sich wie ein schwerer Stein aufs Herz. „Am Wochenende habe ich Gäste. Für dich gibt es Arbeit – eine gründliche Wohnungsreinigung steht an. Ich würde das ja selbst machen, aber ein bisschen Geld schadet dir doch sicher nicht, oder? Du träumst doch von deiner eigenen Wohnung? Fang endlich an zu sparen! Ich bezahle dich gut, keine Sorge. Bring nichts zu essen mit, du kannst bei uns mitessen.“ Lena schwieg, suchte im geschäftsmäßigen Tonfall der Schwester irgendeine Spur von Ironie, Unsicherheit oder Zweifel – vergeblich. Es war nur die gönnerhafte Selbstsicherheit einer Person, die scheinbar eine unschätzbare Chance bot. „Inna, was soll das?“ presste Lena endlich hervor, „Meinst du das ernst? Du willst, dass ich als deine Hausangestellte komme?“ „Lena, bitte. Das ist einfach nur ein Job – ehrliche Arbeit. Du hast doch selbst gesagt, mit deinem Gehalt kannst du eine eigene Wohnung vergessen. Ich biete dir eine Lösung. Gleich jetzt. Oder willst du lieber warten, bis mit den Eltern etwas passiert und du deren Quadratmeter bekommst?“ Der Schlag traf unter die Gürtellinie, direkt ins Solarplexus, raubte die Luft und jede Fähigkeit zu sprechen. Lena beendete das Gespräch, verabschiedete sich nicht einmal. Sie hielt bis zum Feierabend durch, rannte nach Hause und schloss sich in ihrem Zimmer ein. Sie weinte eine halbe Stunde, bis sie sich etwas beruhigte, dachte zurück an die Jugend mit Inna. *** Sie wohnten mit den Eltern in einer Einzimmerwohnung: zu zweit auf dem ausziehbaren Sofa, flüsterten nachts über Jungen und Mode, teilten das letzte Bonbon. Inna war mutiger, härter im Leben. Sie fand zuerst einen Job, brachte als erste ihren Mann mit nach Hause, zog als erste in ihr eigenes Leben. Anton, ihr Ehemann, war ein Glücksgriff: erfolgreich, ruhig, ermöglichte ihr das Leben, von dem die Schwestern nur träumen konnten. Anfangs half Inna viel. Als Lena an der Uni war, schickte sie regelmäßig Geld, schrieb: „Lern fleißig, Schwesterherz, mach dir keine Sorgen. Bau deine Zukunft auf!“ Lena tat es, absolvierte das Studium, wurde Buchhalterin. Sie lebte bescheiden, aber sie kam zurecht. Sie gab einen Teil ihres Gehalts an die Eltern für die Nebenkosten, kaufte Lebensmittel, hing nicht auf deren Tasche. Doch die Mutter, eine Frau der alten Schule, sah das nicht als wirklichen Beitrag: „Besorg bitte Brot und Milch, meine Kleine. Ach ja, Waschmittel auch. Das Geld vergisst man, alles bleibt ja in der Familie!“ Genau das lag im Kern: Lenas Gehalt, Zeit, Hilfe galten als selbstverständlich. Das Angebot von Inna lag da nah. Abends berichtete Lena der Mutter von Innas Vorschlag. Sie zuckte nur die Schultern beim Kartoffelschälen: „Na und? Die Leute rackern sich für Fremde ab, du machst es wenigstens für die eigene Schwester. Sie wird dich nicht herumkommandieren. Das Geld tut dir sicher auch gut. War’s dir peinlich, damals ihr das Geld anzunehmen, als du studiert hast? Jetzt ist es wenigstens ehrliche Arbeit.“ In diesem „ehrliche Arbeit“ hörte Lena einen Vorwurf. Als sei ihr jetziges Leben, der Job und das Bemühen um eine eigene Zukunft irgendwie unehrlich. Als wartete sie tatsächlich nur auf die elterliche Wohnung. Die Scham brannte ihr bis auf die Knochen, vor allem vor sich selbst, wegen der Träume vom kleinen eigenen Heim, in dem eine Tür ihr Ruhe verschafft. Die größte Enttäuschung: Die Familie, von der Verständnis und Unterstützung erwartet, sieht sie als Nutznießerin, die man auf den „rechten Weg“ bringen muss. „Ich gehe nicht zu ihr“, sagte Lena fest. „Dann mache ich was anderes. Bei eBay Kleinanzeigen habe ich gesehen, abends kann ich als Kurier arbeiten.“ Die Mutter schnaubte: „Ach was, hör auf! Geh doch zu deiner Schwester, frag sie! Vielleicht ist sie nicht sauer. Wär doch ideal, musst dich nur von dem dämlichen Stolz verabschieden.“ *** Die ganze Nacht konnte Lena nicht schlafen, dachte über Inna und die Reaktion der Mutter nach. Am Samstagmorgen fasste sie einen Entschluss. Sie fuhr zu Inna – nicht wegen der Putzarbeit! Sie wollte ihr in die Augen sehen und alles sagen, was sie wirklich denkt. Damit Inna endlich sieht: Sie steht ihrer kleinen Schwester gegenüber, nicht einer heimatlosen Tagediebin, die Almosen statt Liebe und Respekt braucht. Lena zog ihr schönstes Kleid an, machte sich zurecht. Unterwegs kaufte sie Tulpen – Innas Lieblingsblumen. Ein Abschiedsgeschenk, für eine Schwester, die sie verloren glaubte. *** Inna öffnete Lena die Tür zur großen Wohnung. Es roch nach frischem Kaffee und teurem Parfum. Alles blitzblank, keine einzige Staubwolke. Inna trat Lena in edlem Hausanzug, mit gepflegten Nägeln und perfekter Frisur entgegen, zwängte ein Lächeln hervor: „Oh, Lena, schön dass du kommst! Komm rein. Wir fangen in der Küche an, dann geht’s ins Schlafzimmer. Da ist die neue Einrichtung, Staubwischen ist ein Albtraum.“ Sie drehte sich um, gab Anweisungen, als wäre Lena wirklich nur ihr Dienstmädchen. Lena blieb wie festgewurzelt mit den Tulpen in der Hand im Flur stehen. Ihr Herz klopfte wild. „Inna…“, rief sie leise, „ich muss dir etwas sagen.“ Inna war leicht genervt von Lenas Zögern. In dem Moment erklang Antons Stimme von draußen, laut hörbar in der stillen Diele, er telefonierte: „Ja, Schatz, alles gut… Ich zieh mich um und komme zu dir. Nein, sie hält mich nicht auf. Hab dich lieb. Bis gleich…“ Die Tür öffnete sich. Anton stand im Flur. „Hallo, Mädels!“ grüßte er fröhlich, „Ich bin nur kurz da – umziehen, dann zurück ins Büro.“ „Aber Anton! Heute ist doch Samstag!“ rief Inna, als sei nichts gewesen. „Und? Ich habe ein wichtiges Meeting“, warf Anton hin und verschwand im Schlafzimmer. Kurz darauf küsste er Inna Abschieds, ging und zog die Tür hinter sich zu. Inna sah Lena an, Panik und Verwirrung im Blick. Von Selbstsicherheit, Arroganz und Überlegenheit war nichts geblieben. Ihr Gesicht erbleichte, sie erstarrte wie eine Statue, in den Augen blanke Angst. *** Lena stellte die Tulpen langsam in eine Vase auf dem Flurtisch. Verletztheit, Wut, Scham – alles verflog. Plötzlich begriff sie: Die perfekte Fassade der Schwester war nur eine Illusion. „Inna…“, fragte Lena leise, „weißt du, wer sie ist?“ Inna sank langsam auf einen Stuhl im Flur, die Hände zitterten. „Niemand“, flüsterte sie. „Nur… eine Kollegin.“ Lena setzte sich zu ihr. So saßen die beiden: Zwei Schwestern in einer riesigen, fremden Wohnung. Und zum ersten Mal sah Lena in Inna nicht die erfolgreiche, starke Frau, die ihr das Leben erklärt. Sondern ein kleines, verschüchtertes Mädchen, das in die Enge getrieben worden war. *** „Er liebt mich nicht“, sagte Inna plötzlich leise, wandte den Blick zur Wand. „Schon lange nicht mehr. Ich bin für ihn… nur Deko. Herrin des Hauses… Immer muss alles perfekt sein. Sauberkeit ist das Einzige, das ich kontrollieren kann.“ Sie drehte sich zu Lena, Tränen liefen über ihr Gesicht. „Als ich dir die Arbeit angeboten habe… Ich weiß nicht, was da in mich gefahren ist. Ich hatte Angst, allein zu sein. Ich wollte einfach, dass jemand von der Familie bei mir ist. Aber ich wusste nicht, wie ich darum bitten sollte. Das habe ich verlernt. Jetzt kann ich nur noch… bezahlen. Ich dachte, wenn ich dir Geld gebe, kommst du. Und es fühlt sich nicht mehr so leer und einsam an. Ich wollte dich nicht kränken, Lena. Wirklich nicht. Ehrlich…“ Lena nahm ihre Schwester in den Arm: „Du brauchst nichts zu sagen, Inna. Ich habe dich auch lieb. Ich bin für dich da.“ *** Sie räumten die Wohnung nicht auf. Sie saßen einfach da, tranken Tee und redeten. Redeten wie schon lange nicht mehr – über Träume, Ängste. Und plötzlich wirkten all die Probleme, mit denen jede von ihnen allein kämpfen wollte, so unbedeutend…
Missverständnisse Klara presste das Telefonat so fest ans Ohr, dass vermutlich schon Druckstellen entstanden wären.
Homy
Educational
012
Allergie gegen Oma – Wenn Familienerinnerungen und zerbrochene Versprechen eine Freundschaft in Berlin auf die Probe stellen
Heuschnupfen auf meine Oma Im Ernst? staunte Friederike, du verpasst meine Hochzeit nur, weil deine Oma
Homy
Educational
07
Blumen der Kindheit — Serafimas lang ersehnter Traum vom eigenen Haus, das Dorfleben mit Georg, die Liebe zu Dahlien und Erinnerungen an Oma Maria
Blumen aus der Kindheit Mein ganzes Leben lang habe ich, Gerlinde, von einem eigenen Zuhause geträumt.
Homy