Andreas erkannte seine Frau kaum wieder. Was war bloß mit ihr passiert? Er verstand es nicht. Sie waren siebzehn Jahre verheiratet, und in all den Jahren hatte er nichts Vergleichbares erlebt. Elisabeth war immer freundlich gewesen, verständnisvoll, immer hatte sie alles im Griff gehabt, nie gab es Streit. Genau deshalb hatte er sie damals gewählt.
Zum Frühstück bereitete sie früher immer Porridge oder Rührei zu, nach der Arbeit eilte sie nach Hause und stand gleich wieder am Herd, um das Abendessen zuzubereiten. Jeden Sonntag bügelte sie exakt fünfzehn Hemden für jeden Tag eines, für ihn und ihre beiden Söhne. Nun, die Söhne trugen die Hemden zwar meistens zwei oder drei Tage, es war ohnehin nicht leicht gewesen, ihnen Andreas’ Sauberkeitsdrang beizubringen.
Doch jetzt, seit inzwischen zwei Wochen, gab es morgens Cornflakes oder belegte Brötchen, und Elisabeth schlug sogar vor, dass sich jeder selbst bedienen sollte. Abends fanden Andreas und die Söhne meist die Reste vom Vortag oder, wenn es schlecht lief, nur einen Zettel: Bin nach neun zu Hause, kocht euch doch bitte Maultaschen.
Am Anfang schob Andreas alles auf den Kongress, den Elisabeths Institut veranstaltete. Doch der Kongress war vorbei, und das gewohnte Leben kehrte nicht zurück.
Andreas fragte vorsichtig nach dem Grund, worauf Elisabeth seufzte:
Habe ich etwa kein eigenes Leben? Habe ich nicht schon lange mehr als genug für euch alle getan? Darf ich nicht endlich einmal ein wenig ausruhen?
Natürlich, antwortete Andreas hastig. Selbstverständlich!
Eigentlich wollte er wissen, wie lange dieses ein wenig dauern würde, doch er traute sich nicht. Die Zeit verging, während Elisabeth weiter in Kinos, ins Theater oder in Ausstellungen verschwand. Andreas gefiel es überhaupt nicht, dass immer neue, auffällige Kleider in ihrem Schrank auftauchten, und dass sie morgens statt Frühstück Mascara auftrug oder Lippenstift auflegte. Ein unangenehmer Verdacht schlich sich in sein Herz hatte seine Frau womöglich einen anderen?
Er schämte sich für diesen Gedanken, doch die Unruhe ließ ihn nicht mehr los. Also beobachtete er Elisabeth heimlich, durchsuchte sogar ihre Tasche und kontrollierte ihre Ausgaben. Schließlich fand er in ihrer Handtasche einen zerfledderten, oft gelesenen Brief. Ganz klar, ein Liebesbrief und solche Worte konnte nur ein sehr nahestehender Mann schreiben: Elisabeth, wie sehr ich dich vermisse, keine Worte können beschreiben, wie schwer mir die Sehnsucht nach dir fällt. Überall höre ich deine Stimme, suche nach deinem Lachen
Es war niederschmetternd. Der Brief war abgegriffen, dieser Liebesroman lief also schon lange das machte alles nur schlimmer. Hatte all ihr Familienleben auf einer Lüge aufgebaut?
Drei Tage schwieg Andreas, gefangen in seinen düsteren Gedanken. Wie oft hatte er Versuchungen widerstanden, wie oft hätte er seiner Frau untreu sein können und dann das Am dritten Tag platzte es aus ihm heraus.
Ich weiß alles, sagte er dumpf.
Was bitte weißt du alles? entgegnete Elisabeth verwundert.
Sie sprach ruhig, nur ein wenig überrascht. Doch das konnte Andreas nicht täuschen er selbst hatte den Brief gelesen, da gab es keinen Zweifel.
Du hast einen anderen, stellte er fest, mehr Anklage als Frage.
Elisabeth lachte.
Andreas, was für ein Unsinn! Das ist doch nicht dein Ernst?
Hätte sie gestanden und angefangen zu weinen, wäre es vielleicht leichter geworden aber so
Ich habe seinen Brief gelesen! warf Andreas vor. Für wen hältst du mich, so schreibt man nicht einfach so: Ich kann den Tag kaum erwarten, an dem wir endlich wieder zusammen sind. Unsere Seelen sind füreinander bestimmt bis zum Ende aller Zeit Verflucht noch mal!
Da fing Elisabeth plötzlich an zu lachen, was Andreas nur noch mehr erzürnte.
Sag mal, meinst du das wirklich ernst? fragte sie kopfschüttelnd.
Und du?
Er starrte sie grimmig an, atmete schwer.
Du hast also in meiner Tasche herumgekramt?
Ja.
Und den Brief gelesen?
Ja.
Und du erinnerst dich nicht, dass du ihn selbst geschrieben hast?
Wie bitte? Was?
Langsam dämmerte es Andreas. Doch Elisabeth holte wortlos eine kleine Schachtel vom Schrank, zog einen Umschlag heraus und reichte sie ihm.
Schau, das hast du geschrieben, als du beruflich in Frankfurt warst und ich mit Klaus allein zu Hause war. Erinnerst du dich?
Andreas betrachtete den Umschlag mit seinem Namen und einer anderen Adresse. Tatsächlich er selbst, eine andere Stadt. Aber die Handschrift war ihm fremd. Hatte er das wirklich geschrieben? Dunkel erinnerte er sich daran, dass er sich damals an einer Baustelle verletzt hatte und ein paar Wochen mit der linken Hand schreiben musste.
Und wieso trägst du den Brief immer mit dir herum? fragte Andreas missmutig.
Das hat mir die Psychologin empfohlen, erwiderte Elisabeth sachlich.
Eine Psychologin?
Ja. Weißt du, Andreas, ich bin müde. Mein ganzes Leben kümmere ich mich um euch drei Männer. Seit Klaus auf der Welt ist, habe ich eigentlich kein eigenes Leben mehr. Nicht einmal ein Dankeschön höre ich oft von euch! Blumen kriege ich nur am achten März, und wann du mir das letzte Mal gesagt hast, dass du mich liebst, kann ich nicht mehr erinnern. Ich bin immer noch eine Frau nicht die Jüngste, aber trotzdem! Ehrlich, ich habe schon an Scheidung gedacht. Aber unsere Familie ist gut, das weiß ich zu schätzen. Deshalb bin ich zur Therapeutin gegangen. Sie gibt mir Tipps, und ich befolge sie.
Andreas war wie vor den Kopf gestoßen. Scheidung? Sie will wirklich gehen?
Helfen ihre Ratschläge denn? fragte er vorsichtig.
Manchmal schon, lächelte Elisabeth matt.
Und der Brief?
Damit ich nicht vergesse, wie es war, als wir verliebt waren.
Andreas nickte stumm. Er musste nachdenken. Er stand auf, trat hinaus auf den Balkon. Über diese Unterhaltung wurde später nicht mehr gesprochen.
***
Am nächsten Morgen herrschte eine ungewohnte Unruhe in der Wohnung, es roch nach Vanille. Elisabeth wusste nicht, was los war, bis sie die Küche betrat.
Ihr älterer Sohn stand am Herd und rührte Rührei. Der Jüngere legte Quarkkäulchen auf die Teller. In der Mitte des Tisches stand eine Vase mit ihren Lieblingsblumen.
Was ist hier los? fragte sie verwundert.
Guten Morgen, Mama, sagte der Jüngste. Was möchtest du? Tee oder Kaffee?
Elisabeth konnte ihren Augen und Ohren kaum trauen.
Kaffee, antwortete sie.
Und Rührei oder Quarkkäulchen?
Quarkkäulchen
Von Andreas war nichts zu sehen. Doch Elisabeth spürte, wer dahintersteckte. Kaum hatte sie den ersten Bissen genommen, trat er in die Küche und reichte ihr einen zusammengefalteten Zettel.
Guten Morgen, meine Liebste!
Was ist das? fragte sie.
Ein neuer Brief, lächelte Andreas. Vielleicht hilft ja der diesmal sofort.
Elisabeth lächelte zurück. Von diesem Tag an wurde vieles besser. Nein, es gab nicht mehr jeden Tag ein Festfrühstück, Wunder sind selten. Aber hin und wieder schon. Und ins Kino ging Elisabeth nun häufiger in Begleitung Andreas war gern dabei. Ihre Ehe wurde gerettet.





