Martina verschloss gerade ihr Letscho, als ich von der Arbeit nach Hause kam. Ich bin da!, rief ich, trat in die Küche und blieb verdutzt stehen. Was ist das denn hier?
Wie, was? Das ist Letscho, ich koche gerade. Du hattest doch darum gebeten, lächelte sie mich an.
Ich frage, was das hier soll! Ich machte eine ausholende Handbewegung durch die ganze Küche.
Was meinst du denn? Kannst du mir das bitte erklären?, fragte Martina verdutzt.
Tu doch nicht so. Du weißt ganz genau, was ich meine, fuhr ich bereits ungehalten fort. Und sie stand einfach da und zerlegte weiterhin Paprika, so als wäre alles in bester Ordnung.
Wir wohnten nun seit vier Monaten zusammen. Davor lebte ich jahrelang allein. Für sie gab ich meine Routine gern auf und wollte es noch einmal mit einer Partnerschaft versuchen. Damals hatte ich nicht über alle Konsequenzen nachgedacht.
Wir beide waren schon über vierzig, als wir uns kennenlernten. Martina hatte eine erwachsene Tochter aus erster Ehe, die längst ihr eigenes Leben führte. Ich sah meinen zehnjährigen Sohn aus erster Ehe kaum, meine Ex-Frau war nach Leipzig gezogen.
Anfangs schien alles perfekt. Was gab es Schöneres, als jemanden zu finden, bei dem man sich genauso geborgen fühlte wie in der eigenen Einsamkeit?
Zunächst fand Martina, dass ich genau der Mann bin, den sie gesucht hatte. Sie löste ihren Mietvertrag auf und zog zu mir, als ich sie bat.
Martina versuchte sich als gute Partnerin, hoffte auf ein gemeinsames Glück und auf das große Ziel gemeinsam alt werden, auch wenn das noch ein Stück entfernt schien.
Die ersten Monate war sie voller Energie: Sie überraschte mich immer wieder mit Leckereien und gab alles, um mich zu verwöhnen. Sie selbst wunderte sich manchmal, woher sie die Kraft dafür nahm.
Das, dachte ich, war wohl Liebe.
Doch dann änderte sich etwas. Ich kehrte abends spät heim, war oft gereizt und nörgelte. Mal stand eine Kaffeetasse zu lange herum, mal war der Boden nicht gewischt, mal war das Bett nicht ordentlich gemacht.
Wegen was eigentlich? Es war immer ordentlich, jeden Abend wartete ein frisches Abendessen auf mich und jemand, der sich auf mich freute.
Martina arbeitete auch. Sie kam meistens eine Stunde vor mir nach Hause und schaffte es nebenbei, den Haushalt zu machen und uns Essen vorzubereiten.
Sie ignorierte mein ständiges Gemaule anfangs und glaubte, es würde sich bald geben. Sie hoffte und wartete.
Was das Einmachen betraf, war sie ohnehin immer schnell und tüchtig, meist dann, wenn ich ohnehin bei meiner Schwester oder in der Garage beim Auto basteln war.
An diesem Tag kam ich überraschend nach Hause und sah das Chaos: Überall standen Schüsseln und Teller voller Gemüse, Gläser, eine riesige Let’scho-Kasserole spritzte Tomatensaft über den Herd, Knoblauch- und Paprikateller verteilten sich auf die Küchenzeile.
Für mich ein Ärgernis, für sie der normale Lauf der Dinge.
Martina, ich mach das ja gleich weg!
Aha, gleich! Das nehme ich dir nicht ab! Nachher bleibt wieder alles stehen!
Hast du das je erlebt? Warum bist du nur so negativ heute?
Weil es hier tropisch warm ist, und der Geruch hängt in der ganzen Wohnung!
Dann geh doch ins Wohnzimmer, schau fern!
Ich hab Hunger! Gibts was zu essen?
Ich mach dir was warm, aber reiß dich bitte zusammen, bat sie ruhig.
Wie, etwa wieder Nudeln mit Frikadellen? Die ess ich jetzt schon seit drei Tagen!
Ich kann halt nicht alles gleichzeitig. Das Let’scho kocht sich nicht von allein. Du wolltest es doch! Ich bin fix und fertig, war zwei Mal im Supermarkt und hab die schweren Taschen geschleppt. Mir ist auch heiß, und dann kommst noch du und meckerst!
Schrei mich nicht an!
Du bist es doch, der ständig nörgelt. Ich versuche nur, dich zu beruhigen!
Es reicht mir einfach!
Ich explodierte förmlich und sie auch.
Womit, Andreas? Dass du hier reinkommst und es immer ein warmes Essen gibt? Dass du in einem sauberen Bett schläfst? Dass ich dich freundlich empfange, auch wenn du schon mit dem falschen Fuß aufgestanden bist? Oder stör ich dich einfach an sich? Sag, was ist es denn?
Ja, du nervst! Ich brauch keine warmen Abendessen, keine frisch gewaschene Wäsche und auch kein Let’scho!
Weißt du was, Andreas? Du nervst auch! Immer bist du mies drauf! Du räumst deine Sachen nicht weg, aber verlangst Ordnung. Spülst dein Geschirr nicht ab, aber meckerst, wenn ich beim Kochen Unordnung mache. Ich hab dich gebeten, mich zum Gemüsemarkt zu fahren, aber SIE warst wichtiger! Es reicht!
Ich mag es nicht, kritisiert zu werden. Und vielleicht hat mich ihr Ton auch verletzt jedenfalls bin ich laut geworden, und danach…
Eigentlich wollte sie noch etwas erwidern, doch sie schluckte es herunter. Sie hatte genug.
Zwischen uns ist Schluss!, sagte sie entschlossen, verließ die Küche und begann, ihre Sachen zu packen.
Mit zitternden Händen stopfte sie, was sie tragen konnte, in zwei Koffer, zog schnell ihre Jeans an und war weg.
Ich sah zu, sagte kein Wort. Entschuldigte mich nicht. Hielt sie nicht auf.
Die Nacht verbrachte Martina bei einer Freundin. Am nächsten Tag mietete sie sich eine kleine Wohnung, richtete sich notdürftig ein Maklergebühr, Miete, einige fehlende Hausgeräte. Alles zusammen ging locker 1.000 Euro drauf.
Nie, nicht im Traum, hätte sie daran gedacht, zurückzukommen. Nicht in den ersten drei Tagen zumindest. Bald wurde sie jedoch traurig, dachte an den Streit, an all die bösen Worte. Wir waren beide nicht unschuldig.
Nein, sie wusste, das war nicht verzeihlich, aber leichter wurde es ihr ums Herz trotzdem nicht.
Ich meldete mich nicht. Nur einmal, am Tag, als sie ging, schrieb ich ihr: Und was soll ich jetzt mit dem Let’scho?
Mach damit, was du willst. Es ist mir egal!, schrieb sie ungehalten zurück.
Klar, sie hatte ihre Zeit, Geld und Mühe hineingesteckt. In einer halben Stunde wäre alles fertig gewesen. So ein blöder Streit.
Innerlich wollte sie vielleicht, dass ich mich melde, sie zurückhole, um Entschuldigung bitte. Aber ich habe nichts getan.
Nach einer Woche gewöhnte sie sich an das Alleinsein. Dann beschloss sie, ihre restlichen Sachen zu holen und mir den Schlüssel zurückzugeben.
Vorher schrieb sie mir eine Nachricht. Ich öffnete die Tür, sie sah mich an, und ich spürte: Sie ist endgültig fort. Nichts in meinem Gesicht konnte ihr mehr Hoffnung machen, obwohl ich alles aufzubieten versuchte.
Wäre ich wirklich der Richtige für sie, hätte ich mich vorher gemeldet, irgendetwas getan. Aber ich tat nichts.
Andreas, belüg dich doch nicht. Wenn du mich wirklich geliebt hättest, hättest du mehr getan, als nur zu schweigen.
Es tut mir leid! Keine Ahnung, was da in mich gefahren ist. Ich schäme mich, stammelte ich.
Dann leb mit deiner Scham. Ich hole nur noch meine Sachen.
Martina packte Duschgel und Shampoo, ihren Lieblingstee (den ich eh nicht trinke), eine rosa Tasse von ihrer Tochter, den Häkelplaid, den sie von ihrer Schwester zum Geburtstag bekam und trug alles hinaus in den Flur, bereit für die neue Wohnung.
Ich lief ihr hinterher, bat sie zu bleiben, aber es half nichts.
Eine Woche ohne ein Wort das genügte. Wenn Liebe wirklich da gewesen wäre, hätte ich nicht geschwiegen.
Als sie fertig war, rief sie ein Taxi. Ich versperrte ihr den Weg. Bitte, gehe nicht, ich komme ohne dich nicht klar!
Ich komme aber MIT dir nicht mehr klar, sagte sie mit fester Stimme, schob mich beiseite und ging.
Sie lief die Treppe hinunter. Ich stand in der Tür und konnte nichts tun.
Seitdem hab ich Martina nie wiedergesehen noch reden wir miteinander. Nur die Erinnerungen blieben und diese Leere.
Sie fuhr im Taxi, die Sonne schien, draußen war der Oktoberwind, und ich weiß noch: Sie seufzte, lächelte und sagte leise zu sich selbst: Alles wird gut. Es wird wirklich alles wieder gut.
An diesem Tag habe ich verstanden: Liebe ist nichts, was man für selbstverständlich halten darf. Ich habe gesehen, wie schnell man jemanden verlieren kann, wenn man immer nur fordert und nichts zurückgibt. Das wird mir sicher nie wieder passieren.





