Lieben, wie man kann
Egon blinzelte und zog seine zerdrückte, schmutzige Schirmmütze tiefer in die Stirn, während er auf die Frau starrte. Sie schien niemanden um sich herum wahrzunehmen, ging stolz und aufrecht, barfuß auf der staubigen, von Trockenheit rissigen Dorfstraße und trug in jeder Hand einen schweren, randvollen Wassereimer.
Soll ich helfen? Ach, an so eine kommt man doch gar nicht ran!, dachte Egon plötzlich ganz verlegen. Sonst hatte er immer einen Spruch auf Lager, war einer, der niemals Angst hatte ein alter Hase, nichts konnte ihn erschüttern, noch keine Dreißig und trotzdem schon viel herumgekommen.
Egon hatte eine auffällige Jugend gehabt voller Fahrten durch ganz Deutschland, zweifelhafter Bekannten und fremder Zimmer, mit Kneipenbesuchen und durchgemachten Nächten, wie so viele, bis man dann irgendwo sesshaft wurde, vielleicht eine Familie gründete.
Was blieb ihm auch anderes übrig schließlich verbrachte sein Vater die ganze Zeit in der Schreinerwerkstatt und die Mutter gab es nicht mehr. Die einäugige Tante Adela, die mit ihnen in dem alten, zugigen Holzhaus mit der hohen Veranda und dem kalten Keller wohnte, passte kaum auf. Hauptsache, Egon war satt und nicht tot mehr verlangte niemand.
Nach der Schule acht Jahre waren es verblasste Adelas Blick, wurde ganz erblindet und bemerkte nicht mehr, wann Egon kam und ging. Sie brummte ein paar Worte, lauschte und schlief dann ein im Traum sah sie wieder, war jung und glücklich, so ging sie durchs Leben…
Ganz verloren wäre Egon vielleicht doch, hätte er nicht auf seinem Weg Irmgard getroffen: strenge Irmgard mit dem leicht schrägen, dunklen Blick wie zwei tiefe Teiche, einem langen Zopf wie die Peitsche eines schwarzen Hengstes, mit dem bronzebraunen, weichen Pfirsich-Teint und der wilden, unbezähmbaren Art. Ihr erster Mann lag schon im Grab, fünf Jahre Ehe nur, ein Sohn, ein Leben, das abrupt zu Ende war.
Aber man kann als junge Witwe nicht stehenbleiben der Sohn brauchte einen Vater, und Irmgard, voller Kraft, brauchte jemanden an ihrer Seite.
Das Temperament quillt ja förmlich aus ihr heraus!, tuschelten die einen Nachbarinnen neidisch hinterher. Die brennt! Solche Frauen brauchen einen Mann ohne geht sie ein, auch wenn sie alles selbst macht, sogar ein ganzes Haus baut. Am Ende hilft nur ein starker Adam an ihrer Seite!
Aber ihr Charakter furchtbar! Die bringt jeden ins Grab!, meinten andere und schüttelten den Kopf. Manche Leute sind halt schwierig allein gehts nicht, mit anderen auch nicht. Die quälen sich durchs ganze Leben!
Irmgard aber lächelte nur über all das Gerede. Wenn sie jemanden fand und im Herzen spürte, der war für sie bestimmt, dann würde er es nicht bereuen! Irmgard konnte lieben…
Egon, als sich die Blicke kreuzten, war wie verzaubert, schluckte, seine Stimme versagte. Hexerei! Er wollte um Wasser bitten, aber brachte nur krächzende Laute hervor.
Na, was stehst du da? sagte sie, Hilfst du mir mit den Eimern, gibts was zu essen. Kommst du von der Straße, aus der Kolonne, die an der Bundesstraße arbeitet? Dazu ein Lächeln, und Egons Hände begannen zu zittern.
Die ist echt. So einen Menschen könnte man das ganze Leben lieben!, dachte Egon.
Irmgard fürchtete nicht, Egon ins Haus zu nehmen, sich umzudrehen zu ihm, so schmutzig, dunkel von Staub und Schweiß. Keine Angst im Gegenteil, es kribbelte, das Herz pochend im Hals, heiß bis in die Wangen, aber eben keine Furcht.
Das Taschenmesser, das immer am Gürtel steckte, ein Geschenk vom Vater, war nur ein dünner Trost. Der Vater hatte Irmgard damals vom Hof gejagt, Damit du endlich neu anfangen kannst, vernünftig!. Die Eltern, beide längst in Alkohol und Gram vergangen, Irmgard kam zurück nur zur Beerdigung…
Egon trank zwei dicke Becher kaltes, kühles Wasser aus dem Brunnen. Mit jedem Schluck wurde es ruhiger in der Brust. Dann deutete Egon auf den Jungen, der mit den Welpen spielte, wollte etwas sagen.
Mein Sohn. Der Vater ist tot, liegt auf dem Friedhof, sagte Irmgard und stellte wortlos Essen auf den Tisch Brot, Kartoffelsuppe, Malzbier.
Setz dich. Und wie heißt du? fragte sie streng.
Egon, sagte er und sprang gleich wieder auf, um sich die Hände zu waschen. Er, der nie Liebe kannte, mehr Ohrfeigen als Worte von Tante Adela, fühlte sich plötzlich heimisch fast unerhört schön. Diese Frauen, die ihn verstörten, impulsiv, stark, ließen ihn lodern innerlich, ein Feuer, das Herz sengend, fast bis zum Vergessen.
Die schwarzen Hände hätten nie sauber werden wollen, und Egon schämte sich.
Du bist unser Schornsteinfeger!, lachte Irmgard. Keine Sorge. Bei uns gibt es eine Sauna. Da wirst du sauber…
Egon aß schweigend, genauso gierig wie vorher das Wasser. Er wollte ein Lob sprechen brachte nur ein leises, verlegenes Schmeckt gut… heraus.
Heute Abend, wenn du fertig bist, kommst du rüber wir heizen die Sauna an!, Irmgard öffnete die Türe und bedeutete ihm, Platz zu machen.
Der Junge, Maxl, sah neugierig zu dem breitschultrigen Egon auf, dann zu seiner Mutter, als wolle er fragen: Was willst du mit dem?
Irmgard ließ sich nichts anmerken. Sie entscheidet selbst…
Egon kündigte seinen Job, kassierte den Lohn in Euro, blieb bei Irmgard. Sie lachte den Nachbarinnen offen ins Gesicht, als sie tuschelten, wie schnell sie einen neuen Kerl hätte.
Neidet nicht, Mädels! Ich habe eben die beste Sauna von euch!, rief Irmgard, schritt von Brunnen fort, während schon Egon entegegeneilte, die Schwere der Eimer übernahm. Und wie er sie ansah reines Feuer, eine Liebe, die brennt.
Irmgard wurde Hexe genannt, Dirne, Despotin im Rock, sie kommandiere Egon herum, keinen Schritt mache er ohne ihre Erlaubnis, wie einst bei Tante Adela. Gewohnheit.
Und wo willst du mit dem Stock hin, du Wilder?! Und was willst du mit der Axt? Warum in solchen Stiefeln? Der Schnee liegt meterhoch, und du liegst herum wie ein Bär feg endlich! rief Irmgard und ordnete ständig. Los, schneller Holz hacken, sonst schaffen wirs nie! Und was hast du wieder den Flur eingesaut räum das weg, Tollpatsch!
Jemand anderes wäre längst geflohen. Egon hielt aus oder bemerkte gar nichts muss eben gemacht werden, wenns sein muss, macht man’s halt noch mal.
Den Jungen, ihren Maxl, nahm Egon oft auf die Schultern. Irmgard schimpfte, er könne herunterfallen.
Nie im Leben, Mama! Egon ist stark, sieh her!, rief Maxl und balancierte, Arme gestreckt, auf den breiten Schultern. Ooooh!
Runter nun. Essen ist fertig. Egon, der Bürgermeister sucht dich, offenbar hast du Unsinn gemacht? Irmgard kniff die Lippen zusammen Eiskönigin lächelte sie erst, als Egon dumm aus der Wäsche schaute. Und doch war sie froh, dass der Sohn nun ein echtes Vorbild hatte.
Streit war für Irmgard so normal wie der Morgentau so war es bei ihr zu Hause immer gewesen. Wer das schaffte, war der glücklichste Mensch oder ging eben einfach.
Egon ging also zum Bürgermeister, trat nervös auf die Diele, zupfte an der Mütze, schielte in das verrauchte Büro und stammelte ein Tag, Chef…
Mensch, Egon, du machst einen großartigen Job. Pass auf, es gibt eine Prämie, dann fährst du mit dem Zug nach München, bringst Frau und Sohn Geschenke mit und meldest dich gleich für einen Fortbildungskurs an!, sagte der Bürgermeister, rund und rotbackig, er hieß Nikolaus Fischer, und drückte Egon die Hand.
Irmgard lässt mich aber nicht los, meinte Egon verlegen.
Ach, doch. Sie hat sogar darum gebeten. Irmgard ist eine richtige Wundertüte laute Worte, wie mein Hund Bruno bellt sie herum, aber hintenrum setzt sie sich für dich ein! Mit ihrer Genehmigung fährst du. Das Geld holst du bei Klara im Büro ab, Anfang September gehts los, eine Woche bist du weg. Ist erledigt, Egon, raus jetzt mit dir!
Nikolaus polterte hinterm Tisch, setzte sich wieder schnaufend hin, und Egon machte sich bedrückt auf den Heimweg.
Schickst du mich weg? Wofür? Reicht es dir nicht, mir auf dem Acker nachzulaufen, eifersüchtig auf alle weiblichen Blicke?, sagte Egon, ließ sich mit Zigarette aufs Sofa fallen und musterte Irmgard seitlich schön wie eh und je. War es besser, sie so oder von der anderen Seite zu betrachten? Oder gar nicht, sondern schon ihr schweres Atmen am Hals zu fühlen?
Du musst gehen, Egon. Sonst werde ich dich nicht mehr lieben. Ich will viel ich bin anspruchsvoll!, sagte sie fest und Egon begriff, dass sie die Herrin seines Lebens war. Was sie entschied, das galt…
Er machte die Fortbildung, kam heim, brachte Geschenke: Für Maxl Spielzeug, für Irmgard einen feinen Stoff.
Schön… aber reicht kaum, bald pass ich nicht mehr rein du solltest lieber einen Kinderwagen besorgen!
Stille. Egon sah sie ratlos an. Wofür denn einen Kinderwagen?
Überleg mal. Du wirst Vater…, Irmgard lächelte schief und verschwand im Haus.
Die Schwangerschaft war schwer. Alles nervte sie, jeder Streit war unvermeidlich. Egon hielt es tapfer aus, verließ sie nicht, selbst als sie ihn beschimpfte und weinte.
Im Krankenhaus fragte sie schroff, warum Egon Maxl zum Abholen mitbrachte. So ist es richtig. Die Familie hält zueinander, immer, sagte Egon und schaute ihr gerade in die Augen.
Erst jetzt, als sie seine Hände sah, fiel es Irmgard auf: Egon war ein echter Mann verlässlich, klug, stark. Und dass man sich anlehnen konnte…
Sie bauten ein neues Haus am Dorfrand, groß und fest, mit geschnitzten Fenstern und Wetterhahn auf dem Dach. Gutes Auskommen, im Dorf wurde Egon geschätzt, Irmgard geachtet sie wurde sanfter, freundlicher.
Die Söhne, Maxl und Juri, gingen ihre Wege. Briefe aus Kiel, lustige Geschichten von der Uni kamen ins Haus. Doch plötzlich schien alles leer, kahl zu Hause.
Tage ähnelten sich, Gespräche waren geführt, Streitthemen erschöpft, Briefe lagen gelesen in der Schublade, es schien, als reiche der Rest gar nicht mehr für ein gemeinsames Leben.
Egon und Irmgard begegneten sich ratlos, saßen abends schweigend an einem viel zu großen Tisch.
Ein paar Worte früh, ein paar abends, schlafen gehen, jeder auf seiner Seite, doch unter einem Dach.
Irmgard ist ausgebrannt läuft nicht mehr so herum, ganz grau geworden, meinte Nachbarin Barbara. Sie beißt ihren Egon nicht mehr, hat die Zügel losgelassen.
Sie altert schneller dunkelhäutige Frauen brennen schnell und verlöschen umso rascher! Egon ist gegen sie noch ein gestandener Mann!, lachte Ute.
Die Frauen kicherten am Gartenzaun und stellten sich vor, wie jemand der Irmgard am Ende doch Egon ausspannen würde, sie sitzen ließe endlich!
Irmgard hörte das, betrachtete sich still im Spiegel, zog Perlen auf, tupfte Rouge auf die Wangen, und wischte dann alles abrupt fort, verstaute Schmuck in der Dose.
Wozu das alles? Komm zur Vernunft! Die Zeiten sind vorbei leb, wie du bist…
Doch so leben, das war öde. Irmgard wurde wieder schroff, spitz wie ein Dornstrauch, teils herzlos. Nannte Egon, der sich den Rücken verrenkt hatte, ein Wrack, nannte seine Arbeit hässlich, lächerlich, schimpfte, es werde nichts schmecken, sollte er heute nicht besser arbeiten.
Sie konnte nicht aufhören, es lief und lief aus dem Ruder, sie haderte mit sich und mit der Welt.
Wenn Egon sie damals durchgebrochen hätte, zur Ordnung gerufen wenn er laut geworden wäre, sogar zugeschlagen, sie hätte sich untergeordnet, hätte wissen wollen, dass er noch der Alte war der Kerl, der sie damals erobert hatte.
Aber er tat es nicht. Er wütete draußen, knallte die Tür, schimpfte laut, aber wenigstens nicht direkt zu ihr.
Sie beruhigte sich, wartete, glaubte, Egon werde zurückkommen wie immer, nach ein paar Tritten gegen den Holzstapel…
Doch er kam nicht.
Die Gartentür schlug, Motorengeräusch. Egon fuhr mit Nachbar Michel irgendwohin.
Wenig später kam Michel allein zurück, schlich herum und kam verlegen herüber.
Frau Irmgard! Egon na ja ich habe ihn zur Bahn begleitet. Sie sollen seine Sachen packen, Adresse kommt per Post. Mehr weiß ich nicht.
Er verschwand, Irmgard stand noch immer, zerknautschte das Handtuch in den Fäusten.
Fort, weggegangen! Von ihr, von seiner Irmgard elender Verräter, Ochse und Gans!
Sie lief abends durchs Haus, glaubte jedes Geräusch sein, doch Egon kam nicht.
Nachbarin Ute schaute vorbei, brachte Fisch, ihr Mann habe welchen geschenkt, und blickte neugierig, wie Irmgard litt.
Du bist selbst schuld, Irmgard. Deiner war kein Prinz, aber er hat für dich alles ausgehalten. Deine Launen, dein Kreischen, all das und unter Männern sprach Egon immer gut von dir.
Red keinen Unsinn, Ute! Er ist weg, will Sachen zukommen lassen. Gibt wohl doch bessere?, schnaufte Irmgard, schenkte Tee ein.
Das ist Quatsch. Du hast ihn hinausgedrängt, wie einen Stachel. Die Wunde bleibt… Es war dein Mann, du hast ihn dir ausgesucht. Jetzt sitzt du allein. Danke für den bitteren Tee hast wohl viele Tränen reingemischt?
Ute ging, Irmgard stand noch lange am Fenster, bemerkte nicht, dass die Tür offen stand, die kalte Mainacht ihre Beine umschlich, und der Tee nur noch kalt war.
Ach, dieser Charakter! So einer wie Irmgard. Die Mutter hatte immer gesagt, sie tauge nichts, sei ein Klotz am Bein ein unerwünschtes Kind. Irmgard stritt, schrie, weinte, wollte beweisen, sie hätte auch eine Seele.
Sie schrie wie eine Möwe durchs Leben, wollte jedem zeigen, dass sie niemand zertreten darf, dass sie alles kann und sich nicht annäherbar gibt.
Nur nachts, wenn niemand sah außer Egon, faltete sie die Flügel, schlief leise an seiner Schulter, flüsterte Liebe ins Dunkel. Dafür liebte Egon sie wohl wirklich, damals…
Doch nun war er weg. Sie vertrocknete, wurde stumm. Abends saß sie lange am Fenster und wartete…
Ein Brief kam mit Egons neuer Adresse sie packte einen Koffer. Michel wollte fahren, aber Irmgard ging allein.
Er sah sie am Werkstatttor in grauem Mantel und schwarzem Tuch, wie ein hungriger, angefrorener Hund mit Koffer an den Füßen.
Irmgard fröstelte, wartete, obwohl es regnete. Sie konnte um Einlass bitten tat es nicht.
Irmgard? Was willst du hier? Ich bat Michel ist er krank?
Nein. Ich komme selbst. Scheinst dich ja gut eingerichtet zu haben, oder? Viele Trösterinnen gefunden?
Ich bin kein Junge. Alles läuft, das Geld sende ich dir, wenn du es brauchst.
Dein Geld brauch ich nicht. Und dich nicht mehr. Geh, und komm nicht zurück. Die Straße führt nur in eine Richtung. Das sage ich auch unseren Kindern!
Sag ihnen auch, dass du nie lieben konntest. Kommandieren, demütigen, ja aber lieben? Dafür braucht man eine Seele, und die hast du nicht. Entschuldige, Irmgard. Heute ist Waschtag, ich muss los. Leb wohl.
Egon nahm den Koffer, drehte sich nicht mehr um. Wollte wohl, doch irgendwas hielt ihn. Stolz? Trauer? Oder schlicht keine Kraft mehr denn hätte er sich umgedreht, wäre er geblieben…
Wie gealtert war er, dachte Irmgard, als sie heimfuhr. War er krank?
Zuhause schlüpfte sie unter Egons alten Lodenmantel, drückte das Gesicht in das Fell, rührte sich nicht mehr…
Leute kamen, redeten, brachten Tee, riefen Ärzte. Irmgard lehnte alles ab, brauchte nichts. Sie wusste sie hatte es allein verdorben.
Söhne kamen, baten sie, ins Krankenhaus zu fahren, zu essen sogar zu ihnen zu ziehen, redeten auf sie ein, sanft und vorwurfsvoll sie wischte sie beiseite.
Er kam, als sie schon nicht mehr wusste, ob Tag oder Nacht war, unter dem Mantel klumpte und döste.
Irmgard! Koch was, ich hab Hunger!, hörte sie durch den Traum, lächelte schwach, dachte, es sei ein schöner Traum… Irmgard!, rief er erneut. Ich hack Holz, hier ist es kalt im Haus!
Egon sprach leise mit jemandem, draußen klapperte Ute, die Türen schlugen, ein Beil hallte, das Feuer knisterte, Wärme, duftend nach Streichholz und Holz, kroch ins Haus.
Irmgard setzte sich mühsam auf, der Kopf schwankte, Beine kraftlos. Sie wollte wieder schimpfen, ihn fortschicken aber sie packte einfach seine Hand, schmiegte ihr Gesicht daran und weinte.
Egon hatte sie oft weinen sehen im Schlaf, war erschrocken, weckte sie, doch sie winkte immer ab: Nur ein Traum.
Jetzt war alles echt, Tränen, bebende Lippen, die Angst.
Ach, mein Schwan, warum bist du traurig? Ich geh nie wieder. Hab dich einmal gewählt, das reicht für ein Leben. Es war immer stachelig, unser Weg, aber ich brauche keinen anderen, streichelte Egon ihre Hand. Komm deck den Tisch, dann gehen wir in die Sauna. Ich hab sie extra geheizt. Nun los…
Irmgard nickte, blieb aber sitzen, klammerte Egons Hand, fürchtete, er könnte verschwinden.
Nein, Irmgard hat eine Seele wenn es so weh tut. Manchmal versteinert sie, wird kalt, weint dann doch und sehnt sich nach Zärtlichkeit…
Wieder lebten sie zusammen, Irmgard schimpfte, ordnete, aber jeden Abend bat sie um Verzeihung bei Gott und Egon. Sie hatte Angst, ihn noch einmal zu verlieren, das überstand sie nicht.
Egon verzieh. Auch nicht fehlerlos, warum auch hatte sie ausgewählt, sich den Menschen zum Leben versprochen. Und auch ohne das wusste er: Sollte Irmgard gehen, folgt er ihr nach. Ihre Liebe ist wild, dornig, aber heiß, dass das Herz darin brennt und erbebt.
Irmgard! ruft er nachts, findet sie nicht im Bett.
Bin da. Schlechten Traum gehabt, musste Wasser trinken. Schlaf weiter, Egon. Morgen kommen die Kinder, wir feiern. Irmgard legt ihm die Hand auf die raue Wange.
Würde das Leben von vorne beginnen, Irmgard hätte es vielleicht stiller angehen lassen, weniger Worte, mehr Schweigen. Aber es geht nicht. Sie lebt, wie sie kann, bittet Gott um Zeit mit Egon. Ihre Liebe, dornig, doch für Egon gibt es keine bessere ohne sie hat er es versucht, es ging nicht. Und das ist gut so…





