Vor etwa einem Jahr haben meine Frau und ich die Entscheidung getroffen, uns räumlich zu trennen und jeweils in unseren eigenen Zimmern zu wohnen, um uns nicht gegenseitig zu nerven oder zu langweilen. Schließlich hat jeder von uns seine eigenen Interessen und Verpflichtungen.
Nehmen wir zum Beispiel meine Frau Kirsten. Sie liebt es, laute Musik zu hören und weigert sich schlichtweg, Kopfhörer zu benutzen. Ich hingegen genieße es, in völliger Ruhe Bücher zu lesen oder mir eine Folge einer Telenovela anzuschauen. Manchmal muss ich auch Arbeit mit nach Hause bringen und mit Kunden telefonieren. Dabei störe ich sie oft. Deshalb haben wir gemeinsam beschlossen, getrennt zu wohnen, so weit es eben in einer typischen Hamburger Altbauwohnung mit zwei Zimmern geht: beide Räume sind möbliert und gemütlich. Nun möchte ich meine Erfahrungen mit dieser Lebensweise schildern.
Nicht einfach so ins Zimmer des anderen zu platzen, sondern vorher anzuklopfen, erweist sich als die perfekte Lösung. Es gibt nichts Besseres: Ich kann in meinem eigenen Reich tun und lassen, was ich will, niemand kommt ungefragt herein und verlangt irgendetwas von mir. Vielleicht denkt man: Warum muss man denn immer anklopfen? Wozu der Aufwand?
Das ist nichts Besonderes. In meiner Kindheit hatte ich auch ein eigenes Zimmer, aber die Tür stand fast immer offen. Meine Eltern schauten regelmäßig herein und fragten, was ich gerade mache. Ganz gleich, ob ich schlief, las, fernsah oder spielte ich musste immer spontan eine Ausrede parat haben. Sie meinten es nie böse, aber irgendwie fühlte ich mich dabei nie wirklich wohl.
Jetzt kann ich meiner Frau durch die geschlossene Tür mitteilen, dass ich beschäftigt bin. Und wenn ich keine Lust auf ein Gespräch habe, muss ich sie auch nicht hereinlassen. Umgekehrt stürme auch ich nicht ohne Einladung in ihr Zimmer. Sie respektiert meine Zeit, ich ihre. Das ist wunderbar!
Dieser persönliche Freiraum ist ein überwältigendes Gefühl von Luxus! Ich gehe in mein Zimmer, entspanne mich, tue einfach, was mir gefällt. Niemanden muss ich um Erlaubnis fragen, nichts abstimmen oder mich anpassen. Meine Sachen liegen, wo ich sie will, ich kann meine Ordnung machen oder das kreative Chaos genießen.
Dabei entsteht sogar eine gewisse Spannung… Es gibt klare Grenzen zwischen meinem Bereich und ihrem. Dieses Gefühl von Privatsphäre ist so wichtig! Ich warte förmlich darauf, von ihr in ihr Zimmer gebeten zu werden, anstatt einfach so hereinzuplatzen. Wenn sie dann tatsächlich sagt Komm rein, Ludwig!, fühlt es sich richtig besonders an. Es ist plötzlich nicht mehr selbstverständlich, sondern wieder aufregend wie das vorsichtige Annähern an eine Frau, bei der man nicht weiß, ob sie einen wirklich zu sich lässt.
Viele Männer merken irgendwann, wie ihre Gefühle abstumpfen, sobald sie mit ihrer Partnerin permanent auf engstem Raum zusammenleben. Die Aufregung schwindet, es ist alles einfach immer da. Doch dieser kleine Abstand, getrennte Zimmer zu haben, bewahrt ein wenig Spannung und macht das Zusammensein wieder besonders.
Was habe ich daraus gelernt?
Wenn wir von reichen Leuten reden, die ihr Landhaus am Starnberger See mit zehn Zimmern und mehreren Bädern bewohnen für sie ist das alles selbstverständlich. Aber für Durchschnittsfamilien wie uns, mit einer Wohnung in Hamburg oder München und nur zwei Zimmern, ist getrenntes Wohnen ein regelrechter Segen.
Ich weiß, viele Leute wohnen noch zu zweit oder sogar zu dritt in einem Raum, weil die anderen Zimmer von den Kindern besetzt sind. Und wenn eine dritte Kammer frei ist, wird sie als Wohnzimmer genutzt. Aber wozu eigentlich? Sowohl Ehemann als auch Ehefrau brauchen ihren persönlichen Raum. Selbst in einer klassischen deutschen Mietwohnung.
Diese Entscheidung, sich räumlich voneinander abzugrenzen, ist vielleicht das Beste, was uns passieren konnte. Es gibt jedem von uns ein Gefühl von Freiheit, Ruhe und am Ende wieder ein Kribbeln in der Beziehung.





