Danke für meinen Vater

Danke für meinen Vater

– Was hat die Polizei gesagt? flüsterte Franziska, als meine Mutter das Telefon auf den Tisch legte.

– Nichts Gutes, erwiderte Margarete, während sie ein Glas Wasser zur Hand nahm und einen Schluck trank. Sie meinten, es sei zu früh, Alarm zu schlagen. Erst nach 24 Stunden, sagten sie. Aber ich spüre es Ich spüre einfach, dass etwas passiert ist!

*****

– Mama, hallo! Ist Papa schon losgefahren? rief Franziska, als sie mit einer Schwarzwälder Kirschtorte in der Hand in die Wohnung kam.

– Hallo, mein Schatz. Ja, er ist weg. Ich hatte dir doch erzählt: Heute ist sein letzter Arbeitstag. Jubiläum und Abschied in den Ruhestand, das ganze Team feiert. Da konnte er wirklich nicht fehlen.

Schade dachte Franziska leicht enttäuscht.

– Aber bis zum Mittagessen will er da sein.

– Gut, das passt. Mein Daniel kommt auch gegen Mittag. Dann sind wir alle zusammen. Lass uns dann schon mal den Tisch decken, ja?

– Natürlich. Sei so lieb und hilf mir noch beim Kochen, allein bin ich ein bisschen überfordert. Aber zuerst trinken wir in Ruhe einen Tee. Der Wasserkocher pfeift grad, und ich habe deine Lieblingseclairs gekauft. Möchtest du eins?

– Sehr gern.

So saßen Mutter und Tochter gemeinsam am Esstisch, schlürften ihren Tee, aßen Eclairs und sprachen über das Wetter, die Blumen im Stadtpark – und natürlich über Papa, der heute seinen fünfzigsten Geburtstag feierte.

Eigentlich war alles gut, nur Margarete merkte, dass irgendwas Franziska beschäftigte. Sie schien etwas auf dem Herzen zu haben, doch wagte nicht, davon zu erzählen.

Unwillkürlich wurde mir unruhig ums Herz.

– Ist alles okay, mein Schatz?

– So sieht es mir wohl an? lächelte Franziska.

– Durchaus Möchtest du mir etwas sagen?

– Ja. Aber mach dir bitte keine Sorgen, es sind gute Neuigkeiten.

– Dann mal los.

– Daniel und ich haben uns entschieden, euch das Gartenstück, das wir letztes Jahr gekauft haben, einfach zu schenken.

– Was? Verschenken?

– Ja, von Herzen. Daniel hat das Wochenendhäuschen gerade renoviert. Jetzt kann man dort wunderbar wohnen über die Saison.

– Und ihr?

– Wir kommen euch besuchen und entspannen uns am Wochenende. Für uns passt das nicht, das Stück so zu nutzen wie ursprünglich gedacht Franziska verstummte und lächelte geheimnisvoll.

– Warum denn nicht?

– Weil ihr in acht Monaten Großeltern werdet.

– Im Ernst?

– Im Ernst!

– Mein Gott, bin ich froh, Franziska! Und wie glücklich Peter sein wird, wenn er es erfährt.

Margarete sprang auf, umarmte ihre Tochter fest und bedeckte sie lachend mit Küssen.

– Ich hätte es euch beiden zusammen sagen wollen, aber Papa ist ja so früh weg.

– Bis zum Mittag kommt er zurück. Dann erzählst du es ihm. Aber jetzt, mein Schatz Margarete schaute auf die Uhr lass uns mit dem Essen weitermachen.

– Auf geht’s!

Nun klapperte es in der Küche: Töpfe und Pfannen, Messer auf dem Brett, lebhaftes Treiben. Warum sagt man eigentlich, zwei Köchinnen passen nicht in dieselbe Küche? Wir halfen uns perfekt und kamen gut voran.

Das Essen war ein Fest: Brathähnchen, Fischfrikadellen, Kartoffelpüree, drei Sorten Salat alles stand bereit.

Margarete setzte sich, blickte auf die Uhr:

– Mensch, wir sind früher fertig geworden als gedacht.

– Klar, mit vereinten Kräften.

– Willst du Papa anrufen und fragen, wann er kommt?

– Gute Idee, ich ruf auch Daniel an und frage ihn.

Franziska verschwand im Flur, um ihr Handy zu holen. Margarete wählte Peters Nummer.

Lange Freizeichen, keiner nimmt ab. Sie versuchte es erneut vergeblich. Inzwischen wurde sie ganz unruhig: Warum meldet er sich nicht? Er wollte sich doch melden, wenn er angekommen ist Das hat er heute nicht getan. Das war sonst nie so.

– Daniel kommt in einer Stunde! rief Franziska, als sie zurückkam. Und, Papa?

– Er geht nicht ran

– Komisch.

– Ja, komisch… Hab schon mehrmals versucht, er hebt einfach nicht ab.

– Vielleicht ist er eben doch noch beim Feiern, Mama. Heute ist ja sein Tag.

– Nein, Franziska. Er wollte mittags zurück sein, das hatte er versprochen. Und Peter hielt immer sein Wort. Nicht mal gemeldet hat er sich Das ist gar nicht seine Art. Warum geht er nicht ans Handy?

– Ruf doch mal seinen Chef an. Vielleicht weiß er ja was.

– Ich probiere es mal

Eigentlich war Margarete keine, die gleich in Panik verfiel, aber jetzt spürte sie ein ungutes Gefühl. Peter hatte immer zurückgerufen, auch im größten Stress. Und sie wusste: Heute ganz besonders.

Andererseits, dachte Margarete. Sie verabschieden ihn in den Ruhestand, das macht man nur einmal. Peter hat sein halbes Leben in seinem Beruf verbracht, wahrscheinlich fällt ihm das schwer jetzt…

– Hallo? meldete sich eine Männerstimme.

– Guten Tag, Herr Dr. Neumann! Hier ist Margarete, Peters Frau. Ich wollte fragen, wann Sie meinen Mann nach Hause entlassen wir warten schon ungeduldig, Tochter und Schwiegersohn kommen auch gleich.

– Guten Tag, Margarete! Herr Neumann klang ratlos. Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, was ich sagen soll.

– Wie bitte?

– Wir warten nämlich auch auf ihn. Aber er ist gar nicht erschienen, und ans Handy geht er auch nicht.

– Das heißt, er war heute gar nicht in der Arbeit? Margarete war völlig perplex.

– Nein, er fehlt noch. Aber wir bleiben noch vor Ort. Bitte sagen Sie Peter, sobald er sich meldet, dass wir ihn erwarten. Es dauert nicht lange aber so ist die Tradition.

– In Ordnung, Herr Neumann, sagen Sie mir bitte Bescheid, falls er auftaucht.

Mit zitternden Händen legte Margarete das Handy zurück, schaute zu ihrer Tochter auf.

– Franziska, er war gar nicht bei der Arbeit und geht auch ans Handy nicht ran Seit Stunden. Wo kann er nur sein?

– Komm, Mama, wir versuchen beide weiter, ihn zu erreichen.

*****

Peter verließ das Haus, lächelte in die warme Morgensonne, grüßte die Nachbarinnen auf der Bank und schlenderte zur Straßenbahnhaltestelle.

Ein Vierteljahrhundert war er dieselben Wege gegangen; heute sollte er nur seine Papiere abholen und sich verabschieden, nicht mehr.

Er hatte selbst oft Kollegen in Rente verabschiedet heute war er dran.

Trotzdem war er angespannt. Die Nacht hatte er kaum geschlafen, war mehrmals aufgestanden, hatte Baldrian genommen; vergebens.

Seiner lieben Margarete sagte er kein Wort, als sie ihm früh gratulierte das Herzsausen kam ja nicht zum ersten Mal.

Er wollte einfach, dass sie sich nicht sorgte und ging extra früh, um sich nichts anmerken zu lassen.

Das geht gleich vorbei, redete er sich ein und tastete immer wieder an die Brust.

An der Haltestelle hielt er Ausschau nach der Straßenbahn und fühlte sich bei dem Anblick des vollen Wagens plötzlich unwohl. Er hatte Angst, dass es ihm bei der Hitze schlecht werden könnte.

Peter entschied, zu Fuß zu gehen das Wetter war schön, er hatte Zeit und die frische Luft tat gut.

Seiner Frau wollte er später vom Büro aus Bescheid geben wie immer.

Doch Peter erreichte die Arbeit nicht. Der Weg, auf dem er schon so viele Male gegangen war, führte durch einen Park dort wurde ihm plötzlich furchtbar schlecht. Er setzte sich auf eine Bank, öffnete den obersten Hemdknopf, lockerte die Krawatte und sog tief die kühle Herbstluft ein. Wie lange er so da saß, wusste er nicht.

Das Atmen fiel schwerer, er wollte eigentlich Margarete anrufen aber seine Hände zitterten so sehr, dass ihm das Handy zu Boden fiel und unter die Bank rutschte.

Er wollte aufstehen, um es zu holen, doch die Brust verkrampfte sich. So endet also der Tag mein Jubiläum, meine Rente, schoss es ihm durch den Kopf. Am meisten aber schmerzte ihn, dass er seine Lieben vielleicht nicht mehr sehen konnte.

*****

Margarete nahm ein paar Tropfen Baldrian, griff wieder zum Handy – vergeblich. Franziska wählte ebenfalls Nummer um Nummer keine Antwort.

Schließlich kam Daniel. Zu dritt saßen sie stumm am Esstisch und warteten.

– Was nützt das alles? Margarete kam plötzlich auf. Wir müssen die Polizei verständigen!

Franziska und Daniel stimmten sofort zu. Jeder wusste, Peter verschwand nicht einfach so.

Vor allem, weil Peter früher beim Technischen Hilfswerk tätig war, öfter in brenzligen Situationen wenn er jetzt nicht erreichbar war, musste etwas passiert sein.

– Was meinte die Polizei? fragte Franziska wieder, nachdem Margarete aufgelegt hatte.

– Nichts Gutes, erwiderte Margarete leise. Sie meinten, wir sollten mindestens 24 Stunden warten. Aber ich weiß, ich spüre es, irgendwas ist passiert!

– Dann suchen wir ihn eben selbst! beschloss Franziska entschlossen.

– Richtig, wir schauen zur Haltestelle, vielleicht weiß da jemand was. Und auch die Fahrer, vielleicht hat einer Papa heute Morgen gesehen.

– Daniel und ich gehen, du bleibst am besten zu Hause, Mama. Falls Papa kommt, und ruf bitte alle umliegenden Krankenhäuser an.

– Mach ich

Franziska und Daniel machten sich auf die Suche, Margarete begann zu telefonieren und betete leise, dass nichts Schlimmes passiert sei.

*****

Peter war noch bei Bewusstsein, aber er konnte kaum mehr sprechen oder sich bewegen.

– Hilfe… brachte er nur undeutlich hervor, als zwei Frauen an ihm vorbeigingen.

Doch sie würdigten ihn keines Blickes. Wieder so ein Betrunkener, murmelte eine abfällig. Um die Zeit schon besoffen, einfach ekelhaft!

Tränen stiegen Peter in die Augen. Im Leben hatte er andere gerettet jetzt konnte er sich selbst nicht helfen.

Und ausgerechnet heute?

Plötzlich hörte er lauten Hundebellen ganz in seiner Nähe. Ein Hund sprang an ihn heran, legte die Pfoten auf seinen Schoss und leckte ihm übers Kinn.

Ein älterer Hund und nun erkannte Peter ihn: Das war doch Bastian! Der Hund, den er letztes Jahr bei einem Wohnhausbrand gerettet hatte.

Das Bild dieses Tages flackerte vor seinem inneren Auge auf: Das brennende Haus, Menschen, die gerettet wurden und damals hatte man vergessen, den Hund zu holen. Peter rannte trotz aller Warnungen in das Haus und kam nach zehn Minuten hustend, mit Bastian auf dem Arm, wieder heraus.

Er übergab den Hund an den weinenden Besitzer und hatte nie vergessen, wie der Blick des Tiers ein stummes, großes DANKE gesagt hatte.

Jetzt war Bastian hier. Der Hund hatte seinen Retter erkannt und wollte nun helfen.

– Ruf jemand bitte hauchte Peter, bevor er das Bewusstsein verlor.

Doch Bastian verstand, was er machen musste. Er rannte zum Parkausgang, bellte Studenten an einem Imbissstand an, eine Mutter mit Kind am Zebrastreifen, einen Mann am Zeitungskiosk doch keiner verstand, was der Hund wollte.

*****

An der Haltestelle erfuhren Franziska und Daniel nichts kein Mensch wusste was, auch die Väter auf den Bänken nicht.

Sie liefen alle Geschäfte und Hinterhöfe ab aber vergeblich. Peter blieb verschwunden.

Als Franziska schließlich mit ihrem Mann am Park vorbeilief, hörte sie plötzlich lautes Bellen.

Sie drehte sich um und sah einen älteren Hund, der erregt Passanten ansprang und bellte fast, als wolle er etwas mitteilen.

– Was ist denn los, Franziska? fragte Daniel verwundert, als sie stehenblieb.

– Ich weiß nicht Der Hund verhält sich seltsam. Es ist, als wollte er etwas sagen Ich muss nachsehen.

Sie und der Hund schauten sich in die Augen und Franziska spürte plötzlich, dass hier etwas nicht stimmte.

Sie folgte Bastian, der in die Parkmitte lief, und Daniel schloss sich an.

Nach wenigen Minuten fanden sie Peter ohnmächtig, aber atmend.

– Papa! schrie Franziska auf. Daniel, ruf sofort den Notarzt!

*****

Der Notarzt kam schnell, brachte Peter sofort in die Kardiologie.

Franziska nahm Bastian an die Leine und rief gleich die Mutter an, schilderte kurz die Lage und versprach, wieder anzurufen.

– Ihr hattet großes Glück, erklärte die Ärztin später. Sie waren genau rechtzeitig da. Eine halbe Stunde später sie schüttelte den Kopf.

– Wird er wieder gesund? fragte Franziska.

– Ja, es sieht gut aus.

Vor Erleichterung liefen Franziska die Tränen übers Gesicht. Sie ging zu Daniel, umarmte Bastian und flüsterte leise:

– Danke. Danke, dass du Papa gerettet hast.

– Der Hund hat ein Halsband er hat bestimmt ein Zuhause.

– Ja, aber weißt du was Bis wir den Besitzer finden, bleibt er bei uns. Er hat Papas Leben gerettet, ich kann ihn nicht einfach auf die Straße setzen.

– Klar, Schatz!

*****

Margarete, Daniel und Bastian standen auf dem Krankenhausgelände und warteten am Haupteingang.

Nach einer Weile kam Franziska hinaus zusammen mit Peter. Bastian sprang vor Freude um sie herum, bellte, und seine Augen strahlten.

– Hier, Papa, das ist dein Retter. Das beste Geburtstagsgeschenk überhaupt er hat dir das Leben geschenkt!

– Danke, mein Freund, Peter kniete sich hin und streichelte den Hund. Sagt, habt ihr seine Familie gefunden?

– Wir haben gesucht, im Internet Anzeigen geschaltet aber in all der Zeit kam keine Rückmeldung.

Nun kam Margarete hinzu, die Tränen liefen ihr übers Gesicht, doch sie lächelte:

– Danke, Peter, dass du noch lebst.

– Entschuldige, Margarete Ich wollte dich nicht beunruhigen. Dachte, es geht vorbei aber es kam anders.

– Du bist verziehen. Komm, wir feiern deinen zweiten Geburtstag! sagte sie, wischte sich die Tränen ab.

– Lass uns heimfahren.

*****

Peter versuchte, Bastians Besitzer zu finden, fuhr sogar zu dem Haus, das damals abgebrannt war. Doch niemand wohnte dort mehr und die Nachbarn erzählten, die Familie sei weggezogen, den Hund hatte sie zurückgelassen.

So ist Bastian ganz selbstverständlich bei uns geblieben. Und wissen Sie was? Er hat sich sichtlich gefreut.

Gemeinsam fuhren wir in meinen letzten Arbeitstagen zum Büro, um mich zu verabschieden und meine Papiere abzuholen. Mit Bastian verbrachte ich die Zeit im Garten und mit Daniel holte ich und das ist das Schönste meine Tochter mit den Zwillingen aus dem Krankenhaus ab.

– Herzlichen Glückwunsch, Papa! lachte Franziska. Jetzt bist du Opa von zwei Enkeltöchtern!

– Ich bin ja so glücklich, mein Kind!

– Wau-wau! bellte Bastian dazu.

Das Leben hat sich für uns alle verändert und wurde viel heller, lebenswerter, liebevoller. Bastian hat mir mein Leben geschenkt, und ich bin dafür jeden Tag dankbar.

***

Ich habe daraus eines gelernt: Manchmal kommt Hilfe genau dann, wenn man sie am dringendsten braucht von der Stelle, von der man sie am wenigsten erwartet. Vertrauen in die Menschen und in das Gute ist das Wertvollste, das es gibt.

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Homy
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Danke für meinen Vater
Er ging ins neue Jahr – und kam nie wieder zurück…