Seine Wohnung gebe ich nicht her!

Nicht hergeben werde ich diese Wohnung.

Warum bist du hergekommen?

Brigitte stand in der Tür und wich nicht zurück. Die Hände auf dem Türrahmen, als würde sie nicht nur den Zugang zum Zimmer, sondern zu ihrem ganzen Leben versperren.

Guten Abend, Frau Brigitte Hoffmann.

Ich habe gefragt, warum.

Katharina antwortete nicht gleich. Ihr Blick fiel auf die Türschwelle, auf den kleinen Teppich, den sie selbst einmal im Kaufhaus gekauft hatte, damals, blau mit weißem Rand. Er lag immer noch da, abgenutzt, aber nicht weggeworfen.

Darf ich reinkommen?

Die Pause zog sich. Brigitte rührte sich nicht. Dann aber trat sie etwas beiseite, sagte nichts, ging in die Küche. Ein stummes, widerwilliges Zeichen.

Katharina trat ein und schloss die Tür hinter sich. Es roch vertraut im Flur und doch anders als früher. Früher war da immer dieser Geruch von Zigaretten, von Thomas Jacke, die hier links hing. Jetzt hing dort nur noch ein Frotteebademantel und eine alte, gestrickte Mütze.

In der Küche ließ Brigitte schon den Wasserkocher scheppern, offensichtlich um ihre Hände zu beschäftigen, nicht um zu bewirten.

Ich habe Licht gesehen, sagte Katharina leise. Ich war gerade in der Nähe.

Um zehn Uhr abends?

Der Bus hatte Verspätung. Ich habe an der Haltestelle gewartet.

Brigitte stellte den Teekessel ab, drehte sich zu ihr um. Ihr Blick war misstrauisch, voller Zweifel, aber auch nicht ganz abgeklärt.

Na, zieh doch die Jacke aus, murmelte sie. Wenn du schon mal da bist.

Katharina hängte den Mantel an die linke Garderobe, über die Mütze, zögerte dann und hängte ihn doch an die rechte.

Sie setzten sich an den Küchentisch, einander gegenüber. Brigitte schenkte Tee ein, ohne zu fragen, ob Katharina wollte. Zucker schob sie rüber, den Blick weiter gesenkt. All diese Handgriffe waren einstudiert, reine Automatismen, als könnte ihr Körper gar nicht anders, selbst wenn der Kopf sich noch wehrte.

Wie gehts dir? fragte Katharina.

Wie immer, raunte Brigitte und umklammerte die Tasse. Was soll schon sein.

Katharinas Blick fiel auf Brigittes Hände: alt, wie ihre eigenen, mit hervortretenden Adern, dunklen Flecken von der Zeit. Doch jetzt drückten sie die Tasse hart; zu hart für ein wie immer.

Ich wollte mit dir reden, begann Katharina vorsichtig.

Worüber denn?

Über Verschiedenes.

Über Unterlagen?

Katharina zögerte.

Nicht nur.

Leicht stieß Brigitte die Tasse auf den Tisch ein Geräusch, das alles oder nichts bedeuten konnte.

Über Unterlagen sprich mit dem Notar. Ich habe alles schon gesagt.

Ich weiß.

Also warum noch mal durchkauen.

Das war keine Frage. Katharina antwortete nicht. Sie nahm eine Schluck Tee, zu heiß, stellte sie zurück.

Draußen klatschte der feine Oktoberregen an das Fenster, setzte sich an die Scheibe wie schwerer Nebel. Die Straßenlaterne schwankte sanft und ihre Schatten huschten über die Fensterscheibe.

Katharina kannte diese Küche auswendig. Sie wusste, dass im linken Schubfach Paketbänder und alte Batterien lagen, die Thomas nie wegwarf, kann ja sein, dass noch Saft drin ist. Sie wusste, dass der Eimer unter der Spüle nur da stand, wenn in der Leitung ein Leck war was jeden Herbst passierte. Und sie erinnerte sich an die Münze, die einmal hinter den Kühlschrank rollte. Sie und Thomas und Martin, sie lagen lachend am Boden und versuchten mit einem Lineal das Fünf-Cent-Stück herauszufischen

Martin. Drei Monate ist es jetzt her.

Ich habe Marmelade mitgebracht, sagte Katharina. Hagebutte. Steht im Beutel bei der Tür, ich weiß nicht, ob dus gesehen hast

Brigitte sah Richtung Flur, wandte sich wieder zum Tisch.

Ich habs gesehen.

Das isst du doch gerne, Hagebutte.

Mochte ich. Zögerlich. Mag ich.

In dieser Versprecher lag eine seltsame Ehrlichkeit. Als wüsste Brigitte selbst nicht, in welcher Zeit sie jetzt lebt.

Katharina verstand das. Auch sie erwischte sich manchmal dabei, in der Gegenwart von Thomas zu sprechen mitten im Satz. Und dann stockte sie und machte eine Pause, so lang, dass alles erstickt wurde.

Ich habe gehört, du wolltest zu Sabine nach Lübeck fahren, zu deiner Cousine? fragte Katharina, um das Gespräch zu wenden.

Dachte ich. Habe es nicht geschafft.

Warum nicht?

Ach Brigitte zuckte die Schultern. So Sachen halt.

So Sachen sie beide wussten, was sie meinte: Die Wohnung, die sie nicht leer dastehen lassen wollte. Die Angst, wegzufahren und in die Leere zurückzukehren. Vielleicht auch die Sorge, dass Sabine sie bemitleiden würde, und sie kann mit Mitleid nicht umgehen.

Frau Hoffmann, sagte Katharina, ihre Stimme tiefer, ernster. Ich bin nicht wegen der Unterlagen gekommen. Wirklich.

Wirklich, wiederholte Brigitte, und man wusste nicht, ob sie glaubte oder nur das Wort nachsprach.

Ich weiß, du bist enttäuscht von mir.

Ich bin nicht böse.

Gut.

Ich verstehe es nur nicht, Brigittes Stimme brach plötzlich auf, unerwartet. Wie kann das einfach so weitergehen. Ein halbes Jahr. Für dich gehts schon irgendwie weiter. Und ich ich bleibe

Katharina schwieg. Sie wollte nicht sagen: Du verstehst das falsch, oder Das stimmt nicht. Sie ließ es stehen.

Ich habe dich gesehen, fuhr Brigitte fort. Lilo, die Nachbarin, hat es auch gesehen. Ihr wart im Café, im August, am Glockenplatz.

Das war ein Kollege von der Arbeit, wir schreiben gerade an einem Projekt.

Kollege. Es hallte kalt durch den Raum.

Ja.

Brigitte stand auf, trat ans Fenster. Sah dem Regen und der Laterne zu.

Thomas hat dich geliebt, sagte sie, ohne sich umzudrehen. Sehr. Vielleicht mehr, als du es je wusstest.

Ich wusste es.

Ich bin mir nicht sicher.

Katharina umklammerte ihre Tasse. Es schwankte in ihr, wie der Schatten draußen. Sie spürte, dass gleich ein Wort zu viel fallen könnte. Sie schwieg.

Ich sage nicht, du bist schlecht, Brigitte weiterhin zum Fenster. Find ich nicht. Du bist jung, zweiundvierzig, dein halbes Leben liegt noch vor dir. Ich bin achtundsechzig, hatte meinen Sohn. Einen Sohn.

Ich weiß.

Und jetzt ist er weg. Und du kommst mit Marmelade.

Es klang hart, aber war einfach wahr. Katharina fühlte eine seltsame Dankbarkeit für die Direktheit, auch wenn das schwer zu erklären war.

Ich weiß auch nicht, wie es anders gehen soll, sagte sie. Ich kann nicht ohne Worte. Irgendwie muss ich ja kommen, muss es zeigen. Marmelade ist weniger schlimm als leere Hände.

Brigitte drehte sich um. Schaute sie lange und prüfend an.

Hast geweint, bevor du reinkamst?

Ein bisschen.

Auf dem Treppenhaus?

Ja, genau.

Etwas in Brigittes Ausdruck veränderte sich, kaum sichtbar. Sie setzte sich wieder an den Tisch.

Wir sind schon zwei dumme Gänse, sagte sie da, ungewohnt weich.

Beide schwiegen. Der Regen trommelte und wurde stärker, deutlich hörbarer.

Sag mir doch ehrlich, forderte Katharina. Was genau an dem Testament hat dich gekränkt? Nicht durch den Anwalt erzähl dus.

Brigitte sah sie mit milder Überraschung an, als hätte sie nicht erwartet, dass jemand sie wirklich um eine eigene Antwort bittet.

Es geht um die Wohnung, begann sie. Seine. Die, die wir ihm gekauft haben. Karl und ich haben lange gespart, acht Jahre. Damit Martin was eigenes hat. Und er hat da gelebt, und du auch. Und ich will gar nicht sagen, das war falsch. Aber jetzt, nach den Papieren

Nach den Papieren gehört sie mir, sagte Katharina leise.

Ihr wart doch nicht verheiratet.

Nein. Aber sechs Jahre gemeinsam.

Ich weiß, Brigitte schlug die Hände auf den Tisch. Aber ich glaube er hätte gewollt, dass ich noch ein Wort mitzureden habe. Dass ich nicht ganz draußen bin.

Er hat das Testament selbst geschrieben, Frau Hoffmann.

Das weiß ich. Schweigen. Vielleicht hat ers richtig gemacht. Vielleicht nicht. Am Anfang war ich einfach nur wütend. Jetzt jetzt verstehe ich nicht.

Was verstehst du nicht?

Warum du sie behältst. Du hast erzählt, Lilos Tochter vielleicht ziehst du aus, ist zu groß für dich allein. Warum hältst du dann daran fest?

Katharina schaute Brigitte lange an.

Das habe ich gesagt, als es mir besonders schlecht ging. Im Juli. Ich weiß noch nicht, was ich machen werde.

Falls du sie verkaufst begann Brigitte.

Ich habe es nicht vor.

Falls doch, bestand Brigitte. Sagst du es zuerst mir? Nicht den anderen? Mir?

Katharina begriff, dass genau das der Punkt war. Nicht Quadratmeter, nicht Geld sondern das. Nicht zur Fremden werden. Das Recht haben, als Erste zu wissen. Noch ein Band zu Martin behalten, durch diese Frau, die einmal mit ihm gelebt hat, nicht als seine Mutter, sondern auf ihre Art. Und das ist unaufgebbar.

Ich sags zuerst dir, versprach sie.

Brigitte nickte, kurz und bestimmt. Goss sich Tee nach.

Hast du heute was gegessen? fragte sie.

Heute früh.

Nur Frühstück Sie stand auf und öffnete den Kühlschrank. Ich habe Nudelsuppe gekocht. Willst du?

Ja.

Während Brigitte Suppe aufwärmte, betrachtete Katharina ihre Gestalt. In einem anderen Leben, dachte sie, hätten sie zusammen in den Garten fahren, Feste feiern, einfach so telefonieren können. Oder vielleicht auch nicht. Vielleicht wären sie immer nur so gewesen: vorsichtig, distanziert; zu verschieden, um Freunde zu sein, zu nah, um einander egal zu werden.

Die Suppe war schlicht Nudeln, Möhren, Porree, etwas Petersilie. So, wie man sie nicht für Gäste kocht, sondern für sich selbst, weil Essen eben sein muss.

Schmeckt, sagte Katharina nach dem ersten Löffel.

Übertreibs nicht.

Doch, ehrlich.

Brigitte aß schweigend. Dann meinte sie, ohne aufzuschauen:

Er hat nach dir gesucht im Krankenhaus. Weißt du das?

Katharina erstarrte.

Wie bitte?

Du warst damals weg, zur Tagung, im April. Er lag zur Untersuchung, ich war da. Ständig fragte er, wann du zurückkommst. Sie wollte heute, dann morgen, dann übermorgen

Katharina legte die Löffel ab.

Ich kam sofort, als ich es erfahren habe.

Ich weiß. Brigitte sah sie an. Ist kein Vorwurf, ich erzähle nur.

Warum?

Keine Ahnung. Damit dus weißt. Damit noch wers weiß außer mir.

Das war ehrlich. Katharina spürte plötzlich einen trockenen Mund, obwohl sie gerade gegessen hatte. Trank Tee inzwischen längst kalt.

Er hat nie gesagt, dass er Angst hat, flüsterte sie. Ich dachte, es ist ihm lieber, wenn ich nicht immer um ihn herumschwirre.

Er mochte kein Mitleid.

Genau. Ich dachte immer, ich mache das richtig.

Vielleicht war es so. Vielleicht nicht. Wer weiß das jetzt.

Das Wer weiß das, blieb im Raum hängen und verlor sich nicht mehr.

Katharina half beim Abräumen, auch wenn Brigitte nicht bat. Sie standen zusammen am Spülbecken, Brigitte spülte, Katharina trocknete ab. Ein ganzes, banales Ritual, fast hätte man das gleiche gedacht: Es ist vertrauter, als es je war.

Zurück am Tisch holte Brigitte Gebäck aus dem Schrank. Nicht das feine, sondern jenes, das am Boden der Packung übrigbleibt: zerkrümelt, schlicht, vom Supermarkt an der Ecke.

Lilo meint, ich soll in einen Malkurs, im Kulturzentrum, sagte Brigitte. Die alten Damen malen da Aquarell, donnerstags.

Und? Hast du Lust?

Ach, klingt komisch

Warum?

In meinem Alter.

Genau dann, meinte Katharina. Im Ernst.

Brigitte warf ihr einen ironischen Blick zu.

Wie eine Sozialarbeiterin redest du.

Und du, als wärst du uralt.

Achtundsechzig.

Kein Alter.

Brigitte biss vom Keks ab, kaute langsam.

Ich hatte immer zu tun. Karl, dann Martin, die Arbeit dann sollten Enkel kommen, kam nicht so. Ich kann nicht einfach so. Malen ist einfach so.

Vielleicht tuts dir gut.

Leicht gesagt.

Schwer gesagt, entgegnete Katharina. Mir ist es auch nicht leicht.

Brigitte musterte sie.

Willst etwa du zum Kurs gehen?

Nein. Aber ich muss auch irgendwie Ich habe Arbeit, Freunde. Aber nach Hause komm ich und weiß nicht, wohin mit der Zeit. Dann denke ich, jetzt würde Martin reinkommen, irgendwas Dummes sagen, und alles wäre wieder normal.

Pause.

Ja, er konnte Dummheiten sagen, sagte Brigitte.

Und wie.

Kam rein, sagte: Mama, ich dachte früher, Meisen sind weibliche Maise. Wo nimmt der das her?

Er sagte mal zu mir: Ein Elefant heißt auf Mongolisch zaan, das klingt, als hätte er Allüren.

Brigitte lachte kurz und erstaunt, als hätte sie nicht erwartet, jetzt zu lachen.

Mein Gott. Was der immer wusste.

Hat viel gelesen.

Von klein auf, fünf Jahre alt, saß nur mit einem Buch da.

Er zeigte mir einmal ein Foto: Ihr drei am See, er acht, auf der Bank mit einem Buch alle anderen Kinder spielten

Das war unsere Schrebergartenanlage. Brigittes Blick ging weg, irgendwohin in die Erinnerung. Karl hatte seinen Gemüsegarten, von früh bis spät. Und Martin saß und las. Ich fragte mich, was mit dem los ist. Na ja, irgendwann nahm ich es so hin.

Was las er mit acht?

Irgendwas mit Schiffen. Kapitänen. Das Meer er hat es erst mit sechzehn gesehen. Er stand da, sah ewig hin. Karl fragte: Und, ist es, wie dus erwartet hast? Er sagte: Nee, kleiner als in meinen Büchern.

Katharina musste lächeln. Thomas Variante dieser Geschichte war anders, aber trotzdem dieselbe. Am Ende vielleicht ein Familienmythos, den jeder ein bisschen anders erzählt.

Er hat viel von Karl erzählt. Er hat ihn vermisst.

Karl, Karl Hoffmann, war schon sechs Jahre tot, bevor Martin Katharina kennenlernte.

Ja, Brigitte einfach. Und ich vermisse sie.

Jeden Tag?

Ja. Ist lange Alltag, aber ich vermisse. Das beißt sich nicht.

Nein, nickte Katharina. Stimmt.

Sie schwiegen.

Erzähl mir von ihm, als er klein war. Ich weiß fast nichts, er mochte nie über seine Kindheit sprechen.

Brigitte sah sie lange an.

Warum willst du das hören?

Weil ich es wissen will. Solange noch jemand da ist, der erzählen kann.

Das war schroff, aber ehrlich und Katharina nahm es nicht zurück.

Brigitte schwieg einen Moment, stand dann auf, verließ die Küche. In der Stube hörte Katharina das Aufschieben eines Schranks, dann stand Brigitte wieder da mit einem Karton von der obersten Ablage, aus dem Kindheit und Vergangenheit rochen.

Ist von ihm, sagte sie leise. Habs im September rausgesucht. Einiges weggegeben, was behalten.

Brigitte hob den Deckel ab. Hefte, kleine Autos, Zeichnungen. Katharina nahm ein Heft, las die krakeligen Namen: Martin Hoffmann, 2b.

Mein Gott, flüsterte sie.

Ja, sagte Brigitte. Genau so sage ich jedes Mal.

Sie blätterten gemeinsam. Brigitte erzählte, Katharina hörte: Wie Martin mit sechs lernen wollte, auf dem Kopf zu stehen, tagelang eine Beule trug; wie er einen Kater nach Hause schleppte, der erst nicht akzeptiert war und dann ging, als ob er beschlossen hätte, selbstständig zu werden; wie er mit vierzehn Programmierer werden wollte, weil die nicht raus müssen, sondern den ganzen Tag in Hausschuhen arbeiten können.

Hat er ja dann auch so gemacht, lachte Katharina.

Versprechen gehalten.

Es war schon fast Mitternacht, als Katharina aufsah und erschrocken auf die Uhr blickte.

Ich müsste los, letzter Bus

Bleib hier, sagte Brigitte, fast zu schnell und selbst erstaunt über ihre Einladung. Ich mach das Schlafsofa fertig.

Das ist nicht nötig.

Wem nicht?

Katharina sah sie an. Brigitte richtete den Blick auf die Tischkante, als hätte das Angebot ohne ihren Willen den Raum verlassen.

Danke, sagte Katharina schließlich. Ich bleibe.

Während Brigitte das Sofa machte, spülte Katharina die Tassen. Sie sah in das dunkle Fenster, in den Widerschein von Küche, Licht, ihrer eigenen Silhouette. Drei Monate schon, dachte sie, hätte sie sich diesen Abend nie vorstellen können: Suppe, Hefte, ein Bleib doch. Und dass Versöhnung etwas ist, das nicht aus Worten und Papieren entsteht; man muss nur kommen, mit oder ohne Marmelade, und warten, bis das Richtige wächst.

Ob es wohl gelingt? Heute fühlte es sich ein wenig anders an.

Das Zimmer, das sie kannte, das alte Schlafsofa, durchgesessen auf einer Seite, die karierte Decke, die Brigitte immer braun nannte, obwohl sie terrafarben war. Katharina legte sich hin, sah an die Decke. Auf der Regalreihe vor allem alte Bücher von Karl: Der Steppenwolf, Die Schatzinsel, Geschichtsbücher. Dazwischen aber ein dünnes, fremd wirkendes: Briefe von nirgendwo, Autor unbekannt. Sie zog es hervor, schlug es auf. Widmung mit blauer Kugelschreiber, Thomas Handschrift, die sie erkannt hätte: Für Mama zum Geburtstag. Langsam lesen. Lieb dich.

Katharina klappte das Buch zu und stellte es zurück.

Lange blickte sie im Halbdunkel darauf.

Aus dem Nebenzimmer hörte sie, wie Brigitte auf und ab ging, eine Diele knarzte, der Wasserhahn summte kurz. Leben, das einfach weiterging, egal was war.

Am Morgen kochte Brigitte Porridge aus Hafer. Katharina kam in die Küche, Brigitte sagte: Setz dich, stellte ihr einen Teller hin. Dazu ein Glas Orangensaft ganz unerwartet. Draußen war Novembergrau, der Asphalt nass, die Bäume fast kahl.

Wann musst du zur Arbeit? fragte Brigitte.

Um zehn. Schaffe ich locker.

Ist ja gleich um die Ecke. Sie rührte ihre Schale. Du fährst mit der U-Bahn?

Ja.

Dritte Station. Ich erinnere mich.

Erinnerst du dich? fragte Katharina überrascht.

Martin hat es erzählt. Kurz.

Katharina aß. Der Brei war salzig, nicht süß, mit Butter. So wie früher bei ihrer Mutter zuhause. Als Kind mochte sie das gar nicht, dann hatte sie sich ans Süße gewöhnt, und nun schmeckte es wie ein kleiner Fund aus der Vergangenheit.

Ich möchte dir noch etwas zeigen, meinte Brigitte und stand auf. Ein Briefumschlag, den sie reichte. Das ist noch von ihm, Armeezeit, obwohl er nur im Studium bei der Reserve war. Nur damit du siehst, wie gut er schreiben konnte.

Sie zog einen Brief heraus, drei Seiten, gedrängte Handschrift. Katharina las langsam, wie auf dem Buchdeckel empfohlen.

Martin schrieb, wie draußen vor dem Baracken am Morgen Nebel stand, und im Nebel die alte Pappel, er stand davor und dachte: Alles ändert sich, aber dieser Baum bleibt. Daheim fehlte ihm das Gebäck seiner Mutter, die Stille in seinem Zimmer.

Ein anderer Martin, jünger, weicher, als hätte er noch nicht all die Schichten.

Darf ich den abfotografieren, nur für mich?

Brigitte sah sie an.

Nimm ihn ruhig ganz. Mir hilft er nicht mehr.

Aber es ist doch deiner.

Seinen Sie nicht albern, Katharina. Zum ersten Mal sprach Brigitte sie mit dem Vornamen an. Behalt ihn.

Katharina legte den Brief in ihre Tasche. Sie hatte das Gefühl, etwas sagen zu müssen aber keine Worte gefunden, und ließ es.

Sie spülten zusammen Geschirr. Brigitte spülte, Katharina trocknete ab. Es war jetzt anders als gestern mehr Einverständnis als Pflicht.

Du solltest nach Lübeck fahren, sagte Katharina Die Wohnung läuft nicht weg. Sabine wartet doch bestimmt.

Sie hat neulich angerufen. Meint, ich ignore sie.

Dann fahr hin.

Mal sehen.

Frau Hoffmann.

Mal sehen.

Katharina hängte das Küchentuch auf.

Ich kann mal wiederkommen. Wenns dir recht ist. Nicht ständig. Manchmal.

Brigitte drehte den Hahn zu, blieb stehen, das Tuch in der Hand, schaute ins Spülbecken.

Komm ruhig, sagte sie dann. Ich koch Suppe.

Mit Nudeln?

Willst lieber Graupen?

Nee, Nudeln ist gut.

Fein.

Katharina zog sich an. Brigitte brachte sie zur Tür. Im Flur zog Katharina den Mantel an, nahm ihre Tasche, drehte sich noch einmal um.

Danke für die Nacht.

Schon gut, Brigitte sah an ihr vorbei. Geh, sonst kommst du zu spät.

Katharina griff nach der Klinke, hielt noch einmal inne.

Das Buch von Martin im Regal hast du das gelesen?

Habs angefangen. Schweigen. Lese langsam.

Er hat dir ja geschrieben: Langsam lesen.

Hab ich gesehen. Brigitte machte eine kleine Pause. Er kannte mich.

Katharina nickte. Öffnete die Tür.

Auf Wiedersehen.

Auf Wiedersehen.

Die Tür fiel zu. Katharina hörte den Schlüssel erst nach einer Weile. Als ob Brigitte stehen blieb, lauschte, ob sie wirklich ging.

Es roch nach Feuchtigkeit im Treppenhaus, nach frischer Farbe. Das Licht auf der zweiten Etage flackerte, ging nicht aus. Katharina ging langsam, Händ am Geländer.

Draußen: das gleiche graue Oktoberwetter, Leute auf dem Weg zur Arbeit, irgendwo hupte ein Wagen, Tauben stolzieren über das Pflaster. Alles normal, alles vertraut und so fern von dem, was letzte Nacht geschah, und doch hat es mit allem zu tun.

Katharina spazierte zur U-Bahn und dachte, dass Versöhnung kein Moment ist, sondern so etwas: Suppe, Kinderhefte, eine Nacht auf nicht ihrem Sofa, ein Spültuch in der Hand, ein Briefumschlag in der Tasche.

Sie wusste nicht, wie es weitergeht mit Brigitte, wusste nicht, was sie jetzt waren: Keine Schwiegermutter und Schwiegertochter mehr, keine Fremden, keine Freundinnen etwas, das sich an gemeinsamer Erinnerung hält, daran, dass beide einen Menschen geliebt haben, jede auf ihre Art. Das reicht nicht für Nähe, aber auch nicht für Fremdheit.

In der Tasche war der Brief. Sie würde ihn erst abends lesen, daheim, bei Licht.

Sie fuhr mit der U-Bahn. An ihrer Station schrieb sie Brigitte eine Nachricht: Bin gut angekommen. Danke für den Brei.

Die Antwort kam zwanzig Minuten später, da war Katharina schon auf Arbeit, zog ihren Mantel aus, dachte ans Meeting.

Bitte. Die Marmelade ist im Schrank.

Katharina lächelte, steckte das Handy ein.

Im Flur lachte jemand laut, ohne Grund. Am Bürofenster ein Streifen Himmel, fast weiß. Vielleicht reißt es heute auf, bis zum Abend. Vielleicht auch nicht. Im Oktober weiß man nie.

Sie ging zum Meeting.

Am Freitagabend, drei Tage später, rief Brigitte an. Katharina war gerade beim Abendessenkochen, nahm beim dritten Klingeln ab.

Ich fahre nach Lübeck, sagte Brigitte ohne Gruß. Samstag in aller Früh.

Schön, sagte Katharina.

Für zehn Tage.

Sehr gut.

Pause.

Stört es dich, dass ich anrufe?

Nein. Freut mich.

Na dann.

Grüß Sabine von mir.

Mach ich. Noch eine Pause. Katharina

Ja?

Das Buch auf dem Regal im Gästezimmer. Nimm es auch mit, wenn du mal wieder kommst. Es gehörte Martin, dann bleibt es bei ihm.

Katharina stand am Herd, rührte in der Suppe.

Gut, mache ich.

Also dann. Ich packe noch die Sachen.

Gute Reise.

Danke.

Schweigen, das nun nichts zu überdecken versuchte.

Auf Wiedersehen, sagte Brigitte.

Auf Wiedersehen.

Katharina drehte die Herdplatte runter, stellte den Löffel ab. Draußen war es schon dunkel, Straßenlaternen leuchteten.

Irgendwo in Lübeck bereitete Sabine den Tisch vor. Irgendwo wartete auf einem Regal das Buch mit Langsam lesen und Lieb dich. Irgendwo im Küchenschrank in einer fremden Wohnung stand ein Glas Marmelade.

Das alles ist, was bleibt. Nicht, was beim Notar steht. Nicht die Quadratmeter, nicht das Papier. Sondern das: ein Glas Marmelade im falschen Schrank, ein Briefumschlag, ein unpassender Spruch, genau zum richtigen Zeitpunkt.

Katharina nahm den Löffel und rührte in der Suppe.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Seine Wohnung gebe ich nicht her!
Sei glücklich, Mama