Sei glücklich, Mama
Leonie, hier ist der Notstand! Paulinas Stimme klang so schrill, dass Leonie das Handy weit vom Ohr weg hielt und schielte, ob das Trommelfell noch dran war. Hörst du mir überhaupt zu? Warum sagst du nichts?
Wenn du mich auch mal zu Wort kommen lässt könnte ich was sagen. Was ist denn passiert? Leonie blieb erstmal gelassen. Ihre Schwester war bekannt für ihre maßlose Panik und ihre Dramen drehten sich meistens um Banalitäten.
Mama will heiraten! Wie findest du das denn? Denk mal drüber nach! Das geht doch auf keine Kuhhaut!
Paulina redete weiter, aber Leonie hörte schon nicht mehr so genau hin. Ob das wirklich stimmt? Vielleicht ist das sowieso wieder nur ein Paulina-Drama. Lieber mal Mama anrufen und alles abklären.
Leonie! Hörst du mich!?
Ja, ja. Nur nicht so laut.
Ich hab sie auf frischer Tat ertappt, stell dir das vor! Gestern. Ich habe Mama gebeten, Theresa zum Ballett zu fahren, aber sie hat abgelehnt! Musste ich halt selbst fahren! Was ist das bitte für eine Oma, die keine Zeit für ihre Enkelin hat, aber im Café mit einem wildfremden Typen herumsitzt das geht ja, oder wie!?
Leonie sog die Luft durch die Nase. Also so einer…
Ich hab denen eine Szene gemacht, du hättest mich sehen sollen! Mama wusste gar nicht mehr, wohin mit sich.
Ja, das kannst du, stimmt schon.
Was kicherst du da so dämlich!? Das ist doch ernst, Leonie! Sie hört überhaupt nicht auf mich!
Paulina, jetzt mal Stopp, ja? Warum sollte Mama denn auf dich hören?
Ein überraschtes Schweigen im Hörer verschaffte ihr die Gelegenheit, den Herd auszuschalten und dem Sohnemann einen Kuss auf die Stirn zu drücken, der ihr stolz ein Lego-Flugzeug präsentierte.
Also wirklich, Leonie! Du bist mir ein Ding Ist dir das etwa egal, dass Mama so einen Fehler macht? Dass sie Papas Andenken betrügt? Wie kannst du nur!?
Und du? Paulina, Papa ist seit fast fünfzehn Jahren tot. Mama ist noch keine alte Frau. Sie hat den halben Lebensweg erst uns Kinder, dann unsere Kinder betreut reicht dir das noch nicht? Wieso bist du so grausam? Du bist selbst zum zweiten Mal verheiratet! Warum? Weil du ein bisschen Glück wolltest. Mama darf das nicht? Wenn du mir jetzt erklärst, warum Mama es nicht darf wie du, dann höre ich zu. Versprochen.
Also das hätte ich nie von dir erwartet! Wie abgebrüht muss man sein, um so zu denken!?
Vielleicht gehts dir ja gar nicht um Mama, sondern um die gratis Babysitterin, die jetzt plötzlich ihr eigenes Leben gefunden hat, hm?
Leonie! Paulina kreischte so, dass ihr wahrscheinlich sämtliche Argumente davonflogen. Die große Schwester hatte eben schon immer ein Talent, sie mit sarkastischem Charme zur Weißglut zu bringen. Oma sagte früher immer, Leonie könnte sogar beim Kaiser die Krone geraderücken.
Ja, was ist?
Du UNERTRÄGLICH!
Weiß ich! Und du, du bist mein kleiner Wildfang! Lass Mama doch, ja?
Garantiert nicht! Ich kümmer mich wenigstens um sie. Sie braucht keine Turbulenzen, sie soll endlich zur Ruhe kommen!
Das ist nicht deine Entscheidung, Paulina, Leonie seufzte und setzte sich auf die Bank neben dem Kühlschrank. Die große Tochter warf einen fragenden Blick in die Küche, aber Leonie schüttelte nur den Kopf alles in Butter. Lisa schloss leise die Tür. Ach, wenn die Kommunikation mit Mama immer so glatt gelaufen wäre, wie mit den Kindern.
Margarete, die Mutter von Leonie und Paulina, heiratete ganz jung. Sie war gerade volljährig, als sie sich für Rudi entschied, der nur ein Jahr älter war. Seit der ersten Klasse saßen sie nebeneinander zum Entzücken der Lehrerin, die so hoffte, beide würden das gegenseitig ausgleichen. Am ersten Schultag flüsterte der pausbäckige, abstehöhrige Rudi der blitzsauberen Margarete zu:
Du bist schön!
Margarete hob die Augenbraue aber nicht die Miene. Klar weiß sie das. Und erst die Zöpfe heute ihre Mutter hatte sich ins Zeug gelegt, Margarete hatte die schickste Frisur der Klasse.
Von Rudis mangelnder Begeisterung beleidigt, schlug er ihr in der nächsten Pause das Lesebuch auf den Kopf. Zöpfe hin, Zöpfe her das saß. Nach kurzem Heulen gab sie ihm ordentlich Kontra, Gleichstand also. Am Ende erwies Rudi sich überhaupt nicht als Rabauke, sondern als nützlich: Trotz seiner Größe war er ziemlich stark und noch viel wichtiger klug. Margarete hielt erst ein bisschen Abstand, gewöhnte sich aber daran. Sie wusste schon ab der ersten Klasse: Wenn Fragen in Mathe, dann war Rudi der richtige Ansprechpartner. Keiner war besser als sie zwei. Mit fünfzehn wuchs Rudi dann plötzlich über sich hinaus, ein Kopf größer als Margarete.
Jetzt bin ich der Leuchtturm!, knarrte Rudi mit neuer, tiefer Stimme, aber lachte noch immer wie ein Lausbub. Und du bist meine kleine Däumelinchen!
Von wegen klein!, konterte Margarete lachend. Sie war sowieso die Größte in der Klasse, groß gewachsen, wie Oma es nannte. Sportlich, kräftig gebaut, Brust raus, Haltung wie die Bismarck-Statue am Rathaus. Die Turnstunden bei Oma hatten sich immerhin in Sachen Rückgrat und Selbstbewusstsein gelohnt.
Auf der Hochzeit grinsten die Gäste über das ungewöhnliche Paar: Margarete, noch immer groß und kräftig, konnte nicht nur ihren Ehemann auf dem Fahrrad überholen, sondern im Zweifel auch vor Regen abschirmen.
Neun Monate nach der Hochzeit kam Leonie pünktlich wie die Bahn. Wirklich bereit waren die jungen Eltern nicht, aber Margarete steckte nicht gleich auf. Mit Hilfe von Mutter und Schwiegermutter schaffte sie sogar das Studium. Rudi übernahm Nachtschichten.
Ach, das geht alles schon bis wir durch sind, schaffen wir das auch noch. Er schaukelte sein Töchterchen auf dem Arm. Geb ich dir mein Wort!
Und er hielt es. Wohlhabend waren sie nicht, aber es reichte. Margarete machte schnell Karriere schon fünf Jahre später war sie Chefbuchhalterin. Rudi wurde Betriebsleiter in einer Maschinenbau-Firma.
Du bist nicht nur hübsch, sondern auch unsere klügste!, sagte er Margarete und zwinkerte, während sie über den Akten auf dem Küchentisch saß.
Die Familienplanung stoppte allerdings unerwartet. Margarete wollte eigentlich, dass ihre Kinder miteinander aufwuchsen. Freundinnen sollen sie werden! aber das Schicksal hatte andere Pläne.
Irgendwann, als Rudi inzwischen Rudolf Peter hieß und den Betrieb leitete, kam dann doch noch ein Überraschungs-Schrei-Paket Paulina. Margarete, die längst nicht mehr damit gerechnet hatte, war überglücklich. Leonie akzeptierte die kleine Schwester erst zögerlich, dann heftig protestierend: Ich will auch wieder die Kleine sein!
Zwei Jahre später war die große Leonie mit den Nerven am Ende, als Paulina, das blonde Engelchen mit den Sturmglocken, die Wohnung zum Theater machte.
Mama! Sie hat mich wieder geärgert! Paulinas Geschrei hallte durch die Bude und Margarete eilte, um zu schlichten.
Paulina jammerte, Margarete beschwichtigte, Leonie bekam jedes Mal einen Anschiss. So drehte sich das täglich. Paulina perfektionierte die Rolle des Opfers. Am Ende war immer Leonie schuld.
Du bist die Ältere, von dir verlangen wir mehr!
Rudolf, der das alles durchschaute, ergriff eines Tages die Initiative. Er hielt Leonie ab, als die auf dem Weg ins Kinderzimmer war:
Pass jetzt genau auf: Ich werde dich jetzt ziemlich schimpfen. Aber das ist ein Spiel. Mach mit, sonst tanzt Paulina uns weiter auf der Nase herum, kapiert?
Leonie verstand Bahnhof, nickte aber tapfer.
Wenig später begann die Inszenierung mit Paulinas tränensprühendem Auftritt:
Leonie! Warum nur tust du mir das schon wieder an! Ich muss ALLES neu machen! Warum!?
Margarete stürmte ins Zimmer. Paulina, das blonde Drama, weinte flach auf dem Teppich, mit fertigem Schuldvortrag (zerfetztes Heft, blauer Fleck you name it), Leonie stand ratlos daneben. Rudolf betrat die Bühne.
Wenn Leonie sich nicht benehmen kann, fahren wir sie ins Internat! Da bleibt sie, bis sie gelernt hat, wie man mit der Familie umgeht!
Was? Paulina starrte ihren Vater an.
Internat da wohnen die Kinder und kommen nur am Wochenende nach Hause. Basta!
Paulina war schlagartig still. Der Blick wandte sich zu Leonie jetzt kamen die Krokodilstränen. Rudolf wartete. Dann brach Paulina zusammen und beichtete. Ihre Rolle als Familienprinzessin war erstmal endgültig flöten für sie gings jetzt wieder mit normalem Maßstab weiter.
Danach gab es, zumindest ein paar Jahre lang, ein stabiles Gleichgewicht. Aber Paulina war hartnäckig im Charme und Durchsetzungsvermögen ganz die Mama. Margarete grämte sich: Ich hab das verpennt, alles Ich hab zu spät gemerkt, wie sehr Leonie mich gebraucht hätte.
Rudolf, pragmatisch wie immer: Vergiss den alten Kram. Bau einfach neue Beziehungen, jetzt sind die Mädels groß.
Leonie verstand ihre Mutter. Vor allem, als der Schicksalsschlag kam: Rudolf starb am zweiten Herzinfarkt. Margarete fiel in eine tiefe Lethargie Leonie, schwanger, überredete ihren Mann zum temporären Umzug nach Hause.
Du wirst gebraucht, Mama. Ich, Lisa, wir schaffen das nicht allein.
Es klappte. Erst Lisa, dann Max wurden zum neuen Lebensinhalt Margaretes. Nach einem Jahr kehrte Leonie in die eigene Wohnung zurück Margarete pendelte zwischen ihren beiden Töchtern, mittendrin Paulina, die ihr Leben wie gewohnt zur eigenen Prime-Time erklärte.
Die Bude frei! Paulinas legendärer Spruch, und alle Klassenkameradinnen waren bei ihr.
Es störte sie auch kaum, denn spätestens seit dem Studium und ihrer eigenen Familie war sie voll im Konkurrenzmodus: Ihre Kinder sollten natürlich besser geraten sein als die von Leonie. Margarete, die gute Oma, durfte sie ruhig betreuen, aber verwöhnen? Bloß nicht.
Heute musst du bei Kindern jede Minute nutzen, Mama, nur so bleiben sie später am Ball!
Leonie grinste, wenn Paulina über korrekte Kindererziehung dozierte.
Bei dir läufts eh immer auf links, Leonie! sagte Paulina verächtlich. Lisa macht Karate und Max malt Bilder! Da läuft doch was schief!
Uns gefällts, Paulina. Und was andere denken, ist mir ziemlich Banane.
Die pädagogischen Vorträge verschob Paulina auf später und stichelte lieber beiläufig weiter.
Und dann plötzlich: Mutter verliebt!? Das passte nun wirklich nicht in Paulinas Karriereplan. Liebe im reifen Alter, so ein Quatsch! Bei Papa und Mama wars echte Liebe, aber bei so einem seltsamen Oberst? Wo kommt der denn her?
Wenn Paulina gefragt hätte sie hätte gestaunt. Margarete hatte bestimmt keine Abenteuer gesucht. Heinz war ihr da regelrecht in die Arme gelaufen ein weiterer wartender Opa auf dem Flur der Ballettschule. Groß, würdevoll, mit Silber im Haar. Erst nach Tagen, in denen man sich bloß zunickte, entstand ein Gespräch, und dann einer dieser berühmten Herbstromane.
Heinz war Witwer, Pensionär und seine Enkelin, Pia, war in der gleichen Tanzgruppe wie Theresa. Er band ihr den Schal, als hinge ihr Leben daran. Margarete dachte: Mal endlich einer, der sich um MICH kümmert, und keine To-Do-Listen für mich schreibt.
Heinz war direkt. Margarete, lassen wirs doch bleiben wollen wir den Lebensabend gemeinsam verbringen? Ich biete dir Herz, Haus und einen Platz als Chefin!
Margarete dachte erst nach, bis der Eskalations-Paulina-Moment kam. Sie schämte sich für die Szene. Heinz blieb souverän.
Nicht schlimm, deine Tochter ist doch besorgt. Wie wäre es ihr kommt ALLE mal am Sonntag zu mir ins Haus. Schließlich wollen wir alles offiziell machen.
Sonntag, Heinz gepflegtes Häuschen vor den Toren Hildesheims. Leonie, Paulina und Heinz Schwiegertochter Irina wuseln umher, die Männer kümmern sich draußen um den Grill.
Paulina zupft Leonie am Ärmel: Wusstest du, dass Heinz sowas von begütert ist!?
Ernsthaft, Paulina. Und wenn er nichts hätte wäre er dann weniger wert?, Leonie vergaß nicht, mit den Augen auf die Tür zu deuten, wo Heinz Schwiegertochter hereintrat.
Irina lächelte. Mag eure Mama eigentlich Walderdbeeren?
Leonie und Paulina zuckten mit den Schultern. Sie liebt Erdbeeren.
Walderdbeeren findet sie sicher auch lecker. Da draußen haben wir eine ganze Wiese voll! Die Kinder dürfen gern pflücken.
Paulina beobachtete schweigend die Szenerie. Opa Heinz jagte lachend Theresa und Pia durchs Gras, nahm sie auf den Arm und rief: Ab in die Küche, helft Oma bei den Tellern!
Margarete lachte mit Leonie über einen Insiderwitz beim Kaffeekränzchen. Und als Heinz ihr verstohlen einen Arm um die Taille legte, glänzten Margaretes Augen wie vor zwanzig Jahren.
Plötzlich stand Paulina neben ihr: Mama
Was ist denn? Margarete drehte sich um und Paulina dachte, sie sieht ihre Mutter das erste Mal als junge Frau, wie damals. All die Sorgen wie weggeblasen.
Entschuldige bitte, Mama! Ich bin manchmal einfach naja schwer von Begriff. Aber ich will nur, dass du glücklich bist. Wenn Heinz dir das gibt ich bin wirklich, wirklich froh!
Hach, Paulina! Margarete schloss ihre Tochter in die Arme, wie früher.
Tja, halt verspäteter Durchbruch! Paulina wischte sich eine Träne ab und kicherte. Manchmal kapiere ich alles erst nach Ewigkeiten!
Hauptsache, du kommst an! Leonie umarmte die Mutter. Ich freu mich für dich, Mama. Sei glücklich. Mehr zählt nicht, oder Paulina?
Paulina nickte, hielt Margarete fest.
Margarete schloss inmitten ihrer Töchter die Augen. Das war es Glück. Ruhe im Herzen, keine kleine Stachel mehr, der piekst. Vielleicht bringt morgen wieder neue Sorgen, aber heute ist alles gut, alle sind zufrieden. So soll es sein! Und alles Weitere kommt schon.
Oma! Theresa stürmte herein und warf sich an Margaretes Beine. Max hat die Torte aus dem Kühlschrank geholt!
Sehr gut! Margarete strich ihr durchs Haar, das so hell war wie ihr eigenes. Sag Max, er soll zählen wie viele wir sind und die Torte gerecht aufteilen. Dann gibt’s Kaffee!
Darf ich zwei Stücke?
Na klar, mein Schatz oder drei, wenn Max sauber rechnet.
Ich mach das lieber selbst. Sicher ist sicher!




