Hotel schließt seine Türen

Das Hotel schließt

Die Tabletten bemerkte ich erst im Regionalzug. Ich kramte in meiner Tasche, tastete nach meiner Brille, dem Schlüssel fürs Wochenendhaus, einem Beutel mit Kirschen, die ich noch am Bahnhof gekauft hatte doch die kleine gelbe Schachtel war nicht da. Genau die, die ich seit drei Jahren immer an denselben Platz im Küchenschrank stelle. Seit Dr. Schumacher mir gesagt hat, ich solle den Blutdruck im Auge behalten sonst behält er mich im Auge.

Ich saß am Fenster, betrachtete die vorbeihuschenden Gartenzäune, hörte, wie sich hinter mir zwei Männer über irgendwelche Heizungsrohre unterhielten und überlegte: Zurückfahren? Oder einen der Nachbarn bitten? Frau Ilse Rösch aus Parzelle Sechs war selbst Bluthochdruckpatientin, sie hatte andere Tabletten, nicht meine. Beim letzten Mal, als ich übers Wochenende ohne meine Medikamente war, wäre ich beinahe im Garten ohnmächtig geworden.

Also blieb mir nichts anderes, als umzudrehen.

An der nächsten Station stieg ich aus, nahm den nächsten Zug zurück in die Stadt und fuhr heim. In meinen Gedanken war ich schon bei Anton und Lena. Die beiden hatten sich bestimmt schon eingerichtet. Anton wusste, dass ich bis Sonntag im Wochenendhaus sein würde, die Johannisbeeren gießen, im Garten arbeiten und abends auf der Veranda lesen wollte. Zwei Tage Ruhe für mich dieses kleine Geschenk gönnte ich mir einmal im Monat, nie öfter.

Die Wohnung, sie hatte erst Boris und mir gehört. Dann gehörte sie mir allein. Und als Anton mit seiner jungen Frau Lena vor zwei Jahren dringend eine Bleibe brauchte, war für mich klar: Mutter hilft. Mutter lässt ihr Kind nicht hängen.

Der Zug schaukelte und draußen regnete es feine Tropfen.

Ich bin achtundfünfzig. Halbtags arbeite ich noch als Buchhalterin eine ganze Stelle schaffe ich nicht mehr. Das Gartenstück halte ich weniger aus Liebe zur Erde, sondern weil eigene Kartoffeln und Gurken eine echte Ersparnis sind. Ich klage nicht, ich erzähle nur, wie es ist.

Boris ist vor sechs Jahren gestorben. Seither lebe ich allein, wenn Anton und Lena nicht gerade da sind. Die beiden kamen in mein Leben, als Anton mir Lena vorstellte und einfach sagte: Mama, wir haben geheiratet. Nicht: Wir wollen heiraten. Nicht: Das ist Lena, meine Freundin. Nein, sie waren Eheleute. Einfach so informierte er mich, wie immer seit seiner Kindheit. Ich nahm es hin, lächelte, gratulierte, deckte den Tisch.

So war und bin ich. War.

Vor unserem Haus am frühen Nachmittag der Regen hatte aufgehört, der Asphalt war noch nass und roch nach einer Mischung aus Staub, Wärme und ein bisschen Metall. Ich gab den Code am Haustelefon ein, stieg zu Fuß in den vierten Stock unser Aufzug funktioniert nur nach Laune und bemerkte an der Wohnungstür, dass ich versuchte, besonders leise zu treten. Warum eigentlich? Damit sie sich nicht erschraken? Weil ich keine Unannehmlichkeiten machen wollte?

Das ist meine Angewohnheit. Keine Unannehmlichkeiten bereiten.

Ganz vorsichtig schob ich den Schlüssel ins Schloss, öffnete langsam die Tür. In der Diele hing ein fremder, süßlicher Duft Lenas Parfum, denke ich, meines ist es nicht. Ihre Schuhe standen mitten im Flur, nicht ordentlich an der Wand, sondern quer und ich wäre fast darüber gestolpert. Antons Turnschuhe daneben, ebenso achtlos.

Auf dem Herd brutzelte etwas. In der Küche war verqualmt, obwohl ich deutlich gesagt hatte, dass in der Wohnung nicht geraucht werden soll. Mehrmals, freundlich, im Hinblick auf den Geruch und die Tapeten. Sie nickten und rauchten doch.

Die Tür zu meinem Schlafzimmer war nur angelehnt.

Im Flur blieb ich stehen. Ich hörte Lenas Stimme. Mit der Intonation, die ich in diesen zwei Jahren gelernt habe zu deuten: sachlich, leicht genervt, fast ein Befehl als hätte sie alles längst entschieden und präsentiert jetzt nur noch die Lösung.

Guck mal, das ist doch kein billiger Schmuck. Das ist echte Perle. Und der Stein ist auch echt.

Lass das bitte da liegen, sagte Anton. Ohne Nachdruck. Wie einer, der gar nicht ernsthaft dagegen wäre.

Ich schau doch nur. Du weißt doch, dass sie das nie trägt. Das liegt nur rum und staubt ein.

Ich wusste sofort, wovon sie sprachen. Die Perlenkette mit Saphir in der Mitte. Boris hatte sie mir zum zwanzigsten Hochzeitstag geschenkt. Wir hatten lange dafür gespart, er hatte ewig gesucht. Ich erinnere mich, wie er mir das kleine Kästchen gab und dabei rot wurde mit über vierzig wie ein Schuljunge. Ich habe die Kette nur ein einziges Mal getragen: zu seiner Beerdigung. Danach nie wieder. Sie lag immer in der Schatulle in meinem Schlafzimmer der Kommodenschublade, die immer zu war.

Immer zu.

Anton, ich meine das im Ernst. Wir müssen an die Zukunft denken. Wollen wir ewig so leben? In ihrer Wohnung, nach ihren Regeln?

Es ist nun mal ihre Wohnung.

Noch. Weißt du überhaupt, was das bedeutet? Stadtzentrum, vier Zimmer. Anton, das ist richtig viel Geld.

Und was schlägst du vor?

Keine eigentliche Frage, nur Worte. Ich stand hinter der Tür und merkte, wie es in meinen Ohren rauschte. Noch nicht aus Wut, sondern aus diesem Gefühl von seltsam kühler Ruhe, die einen befällt, wenn man etwas sehr Wichtiges erkennt, ohne es schon zu spüren.

Sie hat doch Probleme mit dem Blutdruck. Ihr Hausarzt sagt auch, sie braucht Betreuung, vielleicht hat sie sogar schon Aussetzer im Kopf, du weißt schon… Hast du nicht neulich erzählt, er meinte sowas?

Mit dem Kopf stimmt alles bei ihr.

Anton. Ihre Stimme war nun leiser, sicherer. Wir wohnen bei ihr sie kann uns jederzeit rausschmeißen. Und dann? Zu meiner Mutter? In die kleine Wohnung mit Schwester und Schwager? Hast du einmal darüber nachgedacht?

Ja. Aber was schlägst du konkret vor?

Wir könnten mit Dr. Vitali sprechen, du kennst ihn doch. Er kann ein Gutachten machen, leichte kognitive Einschränkungen, nicht schlimm, nur ein bisschen Papierkram. Antrag beim Gericht, dann gilt sie als eingeschränkt geschäftsfähig. Dauert, aber es geht. Die Wohnungsfrage wäre geregelt. Sie kann aufs Landhaus, in die frische Luft. Und wir haben die Wohnung unter Kontrolle.

Ich hörte Antons Schweigen. Ich habe schon als Kind gelernt, sein Schweigen zu lesen. Damals, als er mit acht eine Fensterscheibe einschlug und nicht gestand. Mit sechzehn nahm er Geld aus meiner Tasche und behauptete, es gefunden zu haben. Und als er mir Lena brachte nie eine Vorwarnung.

Sein Schweigen hieß immer nur eines: Er war bereits fast einverstanden.

Es ist nicht fair, sagte er schließlich.

Natürlich nicht. Aber hast du die letzten dreißig Jahre ehrlich gelebt?

Was meinst du damit?

Sie hält dich dein Leben lang an der kurzen Leine. Du rufst sie jeden Tag an. Kaufst ihr die Medikamente. Fährst jedes Wochenende aufs Land, weil sie allein ist. Du bist vierunddreißig, Anton, aber du lebst noch wie Mamas Junge.

Ich bin kein Muttersöhnchen.

Doch. Seit zwei Jahren wohnen wir hier. Sie erträgt uns, wir ertragen sie. Ich habe genug davon.

Gut. Er schwieg wieder. Aber bring alles wieder in Ordnung bis sie zurückkommt. Du hättest nicht an den Schmuck gehen sollen.

Das war alles. Bring es wieder an seinen Platz. Das war sein Widerstand. Das Maximum, das mein Sohn zu leisten bereit war.

Im Flur spürte ich, wie meine Hände taub wurden. Nicht vor Kälte es war warm in der Wohnung. Es ist ein Zustand, der auftritt, wenn in einem drin etwas kippt und plötzlich alles ganz ruhig ist. Nicht in den Ohren. Im Kopf.

Wie lange bemühe ich mich schon, keine Unannehmlichkeiten zu bereiten?

Ich dachte daran, wie Lena vor drei Monaten den Duft meiner Nachtcreme nicht mochte und ich ab dann nur noch in der verschlossenen Badezimmer-Tür cremte. Wie Anton mich bat, nach zehn Uhr abends keinen Fernseher mehr laufen zu lassen, und ich auf Kopfhörer umstieg. Wie Lena einmal sämtliche Teller ins unterste Schrankfach stellte und ich fortan wortlos bückte.

Der Umgang mit erwachsenen Kindern, sagte meine Freundin Ursula immer, ist eine eigene Wissenschaft. Man muss Grenzen setzen können. Man muss lernen, nein zu sagen. Ich lachte dann und winkte ab. Nein sagen das ist doch mein Sohn.

Ich stieß die Tür auf.

Lena stand vorm Spiegel. Das Collier um den Hals mein Collier. Boris hätte jetzt neben mir gestanden und nicht gewusst, was er sagen soll, ich spürte ihn ganz nah. Anton saß auf der Kante meines Bettes. Meines Bettes. Auf der Tagesdecke, die Boris und ich damals auf dem Viktualienmarkt in München gekauft hatten, bei unserem einzigen gemeinsamen Urlaub ohne Anton.

Sie sahen mich gleichzeitig. Lena erstarrte, Anton stand auf.

Mama. Seine Stimme klang, als hätte ich ihn bei einer Kleinigkeit erwischt. Nicht bei einem Plan, mich für verrückt erklären zu lassen oder aus der Wohnung zu drängen. Bei etwas Kleinem eben. Du bist doch am Landhaus.

Habe die Tabletten vergessen, sagte ich.

Dicke, wortlose Pause. Ich sah Lena an, das Collier sie hielt es immer noch fest, als wüsste sie nicht, ob sie es ablegen soll oder nicht.

Ich ging zu ihr. Sie war einen halben Kopf größer, jung, mit diesem scharfen Blick, den ich immer für Klugheit gehalten hatte und jetzt als Kälte sah. Ich streckte die Hand aus.

Zieh es bitte aus.

Frau Stein, ich wollte nur…

Nimm es ab.

Sie gehorchte. Legte es mir in die Hand. Das Collier war warm von ihrer Haut, mir unangenehm so fühlte sich fremde Wärme auf Boris Perlen an.

Ich ballte die Kette zur Faust und sah Anton an.

Er stand da, wie als Junge, wenn er wusste, dass er schuld war, es aber noch nicht zugab. Ein erwachsener Mann mit vierunddreißig, das Kindergesicht, meine Augen, Boris Starrsinn im Mund.

Ich hab alles gehört, sagte ich.

Mama…

Alles. Von Anfang an. Dr. Vitali, Gutachten, Antrag bei Gericht.

Anton wurde blass. Lena blieb es äußerlich. Sie blickte mich nur genauer an, als rechne sie gerade kalkuliert aus, wie sie sich daraus befreien könnte.

Frau Stein, das war doch nur ein Gedankenspiel, begann sie. Wir haben einfach nur laut nachgedacht, niemand hat wirklich…

Bitte schweigen jetzt, sagte ich.

Sie schwieg. Ich glaube, meine neue Stimme überraschte sie am meisten. Ruhig, sehr sachlich, kein Zittern, obwohl meine Hände zitterten und ich die rollenden Perlen in der Faust spürte.

Anton. Ich sah ihn an. Es tat mir leid um ihn das war alles, was von der alten Mutter übrig war. Herzensgüte, alte, blinde Mutterliebe für einen, der eben noch zustimmen wollte, mich als dement einzustufen. Verstehst du, was passiert ist?

Mama, wir haben wirklich nur geredet…

Ihr habt darüber nachgedacht, mich aus meiner Wohnung zu drängen. Aus der Wohnung, in der ich dreißig Jahre gelebt habe. In der dein Vater gestorben ist. In der du groß wurdest. All das, während Lena meine Kette trug, das Geschenk deines Vaters zum Hochzeitstag. Liege ich falsch?

Anton schwieg.

Stimmt das? leiser.

Mama, du verstehst das falsch…

Anton. Ich konnte seine Satzanfänge nicht mehr hören. Ich erwarte eine Antwort. Ja oder nein.

Es war wirklich nur ein Gespräch, sagte er endlich. Sein Ton wurde beleidigt, als wäre ich schuld. Du kennst den Zusammenhang nicht.

Ich habe genug verstanden.

Ich ging zur Kommode. Die Schmuckschatulle stand offen. Drin steckten noch die Ohrringe mit Bernstein von meiner Mutter aus Danzig , der Armreif, den ich zum fünfzigsten gekauft hatte, ein Granatring, den ich nie getragen, aber immer aufbewahrt habe. Alles durchwühlt. Anders als sonst.

Ich verschloss die Schatulle und steckte sie in meine Tasche.

So, folgendes. Ich stand in meinem Schlafzimmer, in meiner Wohnung, und sprach ruhig, wie man über Sachen spricht, die entschieden sind. Das Hotel Unbedingte Mutterliebe ist geschlossen. Für immer. Ihr habt bis morgen früh Zeit, eure Sachen zu packen und auszuziehen.

Lena rang um Worte.

Frau Stein, das können Sie nicht machen! Wo sollen wir hin?

Das ist nicht mein Problem.

Aber wir haben kein Geld für eine Wohnung…

Lena, sagte ich, und sie schwieg. Eben hast du hier besprochen, wie man mich für unzurechnungsfähig erklären könnte. In meinem Schlafzimmer, mit meinen Ketten um den Hals. Und jetzt soll ich eure Probleme lösen?

Mama. Anton kam einen Schritt näher. Mama, du kannst das nicht machen. Ich bin doch dein Sohn.

Ich sah ihn an. Sein Gesicht, meine Augen. Es tat so weh wie nur bei einem eigenen Kind. Bei denen, die man schon liebte, bevor sie zu jenen wurden, die sie heute sind.

Gerade weil du mein Sohn bist, sagte ich, sage ich es dir ins Gesicht. Nicht über Nachbarn, nicht vor Gericht, nicht über Dr. Vitali. Direkt. Bis morgen früh.

Ich verließ das Schlafzimmer. Die Tabletten standen tatsächlich noch an ihrem Platz. Ich zählte sie ab, packte sie ein, zog meine Jacke an, nahm die Schlüssel.

Frau Stein, sagte Lena im Flur, jetzt ganz sanft und bittend den Ton kannte ich, wenn sie etwas brauchte. Können wir das vernünftig besprechen? Sie haben uns falsch verstanden.

Ich habe euch genau richtig verstanden, sagte ich, öffnete die Tür.

Auf der Treppe roch es nach fremdem Essen aus der Nachbarwohnung. Ich ging hinaus, blieb vor dem Haus an der nassen Straße stehen.

Da zitterten mir wirklich die Knie. Ich lehnte mich an die Hauswand, spürte, dass Tränen kamen. Nicht aus Trauer oder doch, aber nicht wegen Boris, an den ich sechs Jahre lang täglich stille Trauer gewöhnte. Es war eine scharfe, kalte Trauer. Ganz neu.

Ich ging in den kleinen Park zwei Straßen weiter, mit Linden und Bänken. Manchmal saß ich dort mit einem Buch, wenn ich wenigstens einmal allein sein wollte, was in den letzten zwei Jahren selten möglich war.

Ich setzte mich auf eine nasse Bank, merkte es, stand auf, legte eine Tüte aus der Tasche darauf, setzte mich wieder.

Und weinte.

Nicht schön, nicht still so, wie Menschen weinen, wenn ganz sicher niemand zusieht. Rotz und Tränen und nicht schön dabei. Ich weinte um Boris, der nie erfahren würde, was aus seinem Sohn geworden war. Um mein Collier, jetzt in der Tasche, und darum, dass es an einen fremden Hals geraten war. Um all die Jahre, in denen ich schweigend Teller bückte und nie was sagte. Um meinen Sohn, den ich mein Leben lang zu haben glaubte und ihn gar nicht hatte.

Eine Frau mit Hund kam vorbei. Der Hund wollte zu mir, sie zog ihn weg. Ich nahm das kaum wahr.

Dann schluckte ich eine Tablette, trank aus meiner Wasserflasche. Saß noch eine Weile. Wischte mir mit einem Papiertaschentuch, das in meiner Jackentasche war, das Gesicht ab. Atmete tief.

Der Himmel war grau, dieses milde Grau nach Regen, vor Abend. Irgendwo in den Linden zwitscherte ein Vogel. Welcher, wusste ich nie das konnte Boris, nicht ich.

Ich saß da und dachte daran, wie es morgen weitergehen würde. Anton und Lena würden wohl zu Lenas Mutter ziehen eng, unbequem, vielleicht würde Anton mich anrufen, wütend oder bittend. Ich wusste nicht, was ich antworten würde, aber zum ersten Mal machte mir dieses Nichtwissen keine Angst.

Das war anders. Keine Wut, keine Freude nur: keine Angst mehr.

Der Familienkonflikt, den ich so lange harmonisch halten wollte, war tatsächlich einer. Und nichts brach zusammen. Der Himmel blieb. Ich saß auf einer Bank, mit leerer Wasserflasche und ich lebte.

Ich stand auf, richtete die Tasche und ging zum Bahnhof.

Im Regionalzug blickte ich aus dem Fenster, verfolgte, wie die Stadt immer lockerer wurde, mehr Himmel, mehr Bäume. Ich dachte an nichts. Oder an alles das war dasselbe.

Es dämmerte, als ich am Wochenendhaus ankam. Ich öffnete das Törchen, ging über den nassen Rasen zur Veranda. Die Johannisbeeren glänzten vom letzten Regen. Es war still, nur am Ende der Straße bellte ein Hund.

Drin machte ich Licht in der Küche und setzte Wasser für Tee auf.

Es roch nach Holz, etwas feucht, ein wenig nach Erde. Mein Geruch, seit zwanzig Jahren. Ich hängte die Jacke auf, stellte die Schmuckschatulle ins Regal zu den Büchern. Dachte: Die bekommt ein sichereres Versteck.

Gegessen habe ich nicht mehr an dem Abend. Legte mich einfach hin und schlief schnell ein. Kurz vorm Einschlafen dachte ich: Wie wird es jetzt weitergehen? Eine Vierzimmerwohnung allein. Ohne Anton. Ohne das Gefühl, täglich gebraucht zu werden.

Der Gedanke kam und wurde kein Angstgedanke. War einfach ein Gedanke.

Am Morgen wachte ich früh auf. Der Himmel war klar, die Wiese noch feucht, die Vögel lärmten, und ich konnte wieder nicht sagen, welcher gestern gesungen hatte.

Ich trank Tee, aß Brot mit selbst gekochter Johannisbeerkonfitüre und wusste, dass ich fahren musste. Noch einmal schauen. Oder nicht mal das. Die Wohnung einfach wieder zu meiner machen.

Um elf war ich in der Stadt. Die Treppe hinauf, der Aufzug war wieder außer Betrieb. Die Wohnungstür aufgeschlossen.

Keine Lenas Schuhe, keine Antons Turnschuhe. Ruhe. Nur noch der süßliche, fremde Parfümgeruch, aber der verzog sich schon.

Ich ging durch die Wohnung. In der Küche war das Geschirr gespült das überraschte mich. Auf dem Tisch lagen Schlüssel. Einfach da, ohne Zettel. Einer für die Tür, einer für den Briefkasten.

Ich nahm sie, legte sie in die Kommodenschublade im Flur.

Im Schlafzimmer war die Tagesdecke gerade gezogen, Kommode zu. Alles an seinem Platz und doch wusste ich, wie viel sich innen drin verschoben hatte.

Ich öffnete das Fenster. Es strömte frische April-Luft herein, nach Stadt und ein wenig nach Linden aus dem Park. Ich lehnte am Fenster, sah die Straße hinab.

Dann ging ich in die Küche.

Auf dem Regal standen meine Alltagsbecher. Daneben eine einzelne Porzellantasse, dünn, mit blauen Blumen am Rand Geschenk von meiner Freundin Ursula zum Geburtstag vor zehn Jahren. Die hatte ich für Gäste aufgehoben.

Gäste kamen selten. Die Tasse blieb im Schrank.

Ich nahm sie heraus, stellte sie auf den Tisch.

Füllte echten, frisch gemahlenen Kaffee in die Kanne, nicht den Instantkaffee vom Alltag. Sorgfältig gekocht, richtig. Schenkte in die Porzellantasse.

Setzte mich.

Trank langsam, sah durchs Fenster das Aprilblau. Dachte daran, dass ich den Schlosstausch beim Vermieter melden muss, das Zimmer lüften, vielleicht Ursula anrufen oder eben nicht, einfach nur ihre Stimme hören.

Dachte daran, dass ich in allen vier Zimmern nun nach zehn fernsehen kann, meinen Gesichtscreme nehmen, wo und wann ich mag, die Teller wieder nach oben stellen kann.

Der Kaffee war heiß und ein wenig bitter. Die Tasse dünn, fast schwerelos. Ich hielt sie mit beiden Händen.

Zwei Jahre lang habe ich nie daraus getrunken.

Na, hallo, sagte ich leise.

Nicht zu Boris. Nicht zu Anton. Nicht zur Vergangenheit.

Zu mir selbst.

Das Handy lag auf dem Tisch. Kein Signal, seit gestern Abend. Ob gut oder schlecht, wusste ich nicht und es war mir zum ersten Mal egal.

Mutter und Sohn. Schwiegertochter und Schwiegermutter. Wie hört man auf, immer bequem zu sein? Wie sagt man nein? Ich habe keine Ratgeberspalten zu diesen Themen gelesen. Ich habe einfach gelebt und gedacht, ich schaffe das schon. Dass Geduld eine Tugend ist und in Familienstreitigkeiten beide Seiten schuld sind.

Vielleicht habe ich auch Schuld. Vielleicht habe ich zu lang so getan, als sei alles gut. Zu lange gebückt, zu lange Kopfhörer getragen. Zu viele Jahre einfach nur Ja gesagt und mich selbst immer kleiner gemacht.

Das Leben nach fünfzig, heißt es, beginnt neu. Ich lächelte immer über solche Sprüche. Zu schön gesagt für zu komplizierte Dinge.

Aber: Kaffee aus Porzellan. Stille. Aprilhimmel.

Etwas Wahres ist doch daran.

Das Handy vibrierte. Anton. Ich nahm ab. Stell dich der Vergangenheit.

Ja?

Mama… Seine Stimme war leise. War das Scham oder nur Müdigkeit? Ich wusste es nicht. Wir sind weg. Die Schlüssel liegen auf dem Tisch.

Ich habs gesehen.

Mama, ich will, dass du weißt, ich hätte das nie… mit dem Arzt, und so. Das war nur Lenas Gerede, ich hätte es nie…

Ich hörte zu. Vielleicht meinte er es ehrlich. Vielleicht wirklich. Vielleicht ist die Distanz zwischen hätte ich nie und hätte nur aufgeräumt riesig und aus diesem Gespräch heraus merkt man es ohnehin nicht.

Anton, sagte ich ruhig. Ohne Wut die war in der gestrigen Zugnacht geblieben. Es blieb etwas anderes, wofür ich noch keinen Namen hatte. Wir müssen reden. Aber nicht heute. Heute brauche ich Zeit für mich.

Okay, sagte er. Kurze Pause. Gehts dir gut?

Ich trinke Kaffee.

Mama…

Anton. Ich griff wieder zur Tasse, sie war schon fast so warm wie meine Hand. Ruf mich in einer Woche an. Dann reden wir.

Ich legte auf.

Trank. Der Kaffee war kalt, aber immer noch gut.

Frauenweisheit, sagte meine Mutter, ist nicht, mehr zu wissen als andere. Es ist zu wissen, wann Schluss ist. Sie war klein, redete wenig aber alles, was sie sagte, war erst Jahre später wahr.

Ich spülte die Tasse. Aber diesmal nicht ins Glasregal sondern ganz vorn dazu. Zu den anderen.

Ich zog meine Jacke an, griff nach den Schlüsseln. Meinen Schlüsseln.

An der Tür blieb ich stehen.

Drehte mich um, betrachtete die Wohnung. Flur mit Garderobe, an der nur noch meine Jacke hing. Küche, da stand die Porzellantasse. Das gelbe Rechteck der Sonne auf dem Boden.

Jetzt wird aufgeräumt, sagte ich leise.

Und ging hinaus.

Leben heißt, zu lernen, sich selbst wieder eine gute Gastgeberin zu werden.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Hotel schließt seine Türen
Der Schwiegervater akzeptiert die Schwiegertochter nicht – Hast du sie aus dem Kindergarten mitgebracht? Reizen dich normale Frauen etwa nicht mehr? Was kann sie überhaupt? Was weiß sie? – Mit Verachtung sah Herr Vasilius auf seine Schwiegertochter. – Zu was ist sie überhaupt fähig? „Dabei wird gerade sie sich um ihn kümmern müssen“, dachte Andreas und sagte deshalb: – Papa, sie wird niemals Mama ersetzen können, aber sie ist meine Frau! Ich bitte dich daher um einen Funken Respekt! – Und, wie schmeckt der Eintopf? – fragte Veronika. – Galina kocht besser! – erwiderte Herr Vasilius. – Deftiger! Aber wir werden den hier auch essen, wegwerfen tun wir nichts! – Meinen Sie das ernst? – empörte sich Veronika. – Es fehlt einfach etwas, – verzog Andreas das Gesicht. – Nichts Weltbewegendes, aber irgendwas fehlt, und ohne das ist es nicht ganz das Gleiche! – Gerade von dir, mein lieber Ehemann, hätte ich das nicht erwartet! – Veronika riss sich das Kopftuch vom Haar. – Wenn euch Galinas Essen so gut schmeckt, dann lasst sie doch für euch kochen! Ich setze keinen Fuß mehr in diese Küche! – Und was soll man dann essen? – lachte der Schwiegervater. – Zum Essen, Herr Vasilius, gehen ich eben in die Kantine! Da deckt mir dann eure Galina auf! Wofür bezahle ich sie denn? – ärgerte sich Veronika. – So! – Herr Vasilius schlug mit der Faust auf den Tisch. – Junge Dame! Du bist hier genauso ein Fremdkörper wie sie! Und denke daran: Ich schmeiße nicht sie raus, sondern dich! – Papa! – rief Andreas entsetzt. – Geht es nicht etwas kultivierter? Das ist immerhin meine Frau! – Und warum benimmt sie sich dann wie …? – schnaubte Herr Vasilius. – Sie soll sich ihre Allüren dahin stecken, wo sie sie hergeholt hat! Sonst schicke ich sie ganz schnell zurück zu ihren Eltern in die Plattenbau-Zweizimmerwohnung mit Blick aufs Siemens-Werk! – Jetzt reden Sie aber ganz anders! – schüttelte Veronika den Kopf. – Als ich Ihnen hinterhergerannt bin wie einer kleinen Kindernanny, waren Sie freundlicher! – Damals hattest du auch keine Starallüren! – grinste Herr Vasilius. – Papa, so redet man nicht über Vika, – mischte sich Nikolaus, der jüngere Sohn, ein. – Sie gibt sich wirklich Mühe! Galina ist doch zehn Jahre älter! Sie hat mehr Erfahrung! Und schon drei Scheidungen hinter sich! Klar weiß Galina, wie man mit einer Suppe die Männerwelt betört! Aber Vika ist anders! – Erzähle mir keinen Unsinn! – wieder ein Faustschlag des Familienoberhaupts auf den Tisch. – In null Komma nichts fliegst du aus dem Haus! Die Einzimmerwohnung, die Mama dir am Stadtrand gelassen hat? Genau dorthin kannst du dann ziehen! Verstanden? – Andreas, warum sagst du nichts? – Nikolaus schob dem Bruder den Ellbogen in die Seite. – Was denn? – meinte Andreas schulterzuckend. – Galinas Suppe schmeckt wirklich besser! – Du denkst nur ans Essen! – wandte sich Nikolaus ab. – Und deine Frau? – Sie soll sich raushalten! – und Andreas griff wieder zur Löffel, um schneller mit der Suppe fertigzuwerden. Zum Hauptgang gab es Braten und den machte Galina. – Danke, Nikolaus! – sagte Veronika. – Wenigstens ein Mann im Haus! Immerhin! Nikolaus errötete bis zur Farbe der Suppe und schaufelte, dem Bruder folgend, los. – Ja, wir sollten aufessen, – nickte Herr Vasilius. – Kalt schmeckt das bestimmt wirklich grauenhaft! Veronika wollte schon sagen: „Ja, erstickt doch daran!“, unterdrückte es aber. Mit Würde stand sie auf und verließ das Esszimmer. – Sie wird immer frecher! – zeigte Herr Vasilius in Richtung Schwiegertochter. – War mal ein anständiges Mädchen! Was Geld nicht alles mit Menschen anstellt! Pass auf, Andreas, am Ende macht sie noch einen richtigen Mann aus dir – Portemonnaie mit zwei Ohren und du tanzt nach ihrer Pfeife! – So weit kommt’s nicht! – Andreas ballte die Faust. – Ich krieg sie schon gebändigt! – Mach dich nicht lächerlich, – winkte Herr Vasilius ab. – So behandelt man keine Frau, – brummelte Nikolaus. – Dich hat keiner gefragt! – warf Andreas seinem Bruder böse hin. – Sieh lieber zu, dass du was erreichst! Mit 25 hast du noch nichts auf die Beine gestellt! Guckst immer nur, wo’s Geld gibt, mal bei mir, mal beim Vater! – Ich hab ein Start-up, – murmelte Nikolaus mit gesenktem Blick. – Demnächst machen wir Gewinn! – In diesem Jahrtausend oder soll ich bis zum nächsten warten? – lachte Herr Vasilius. – Na, nimm’s nicht übel! Solche Gespräche zogen sich stundenlang hin. Seit drei Jahren, nach dem Tod der Hausherrin, hatte sich der Charakter des Familienchefs endgültig verdüstert. Seine größte Freude war es nun, anderen das Leben schwerzumachen. Doch da trat Galina ins Esszimmer, über die man an diesem Tag schon oft gesprochen hatte: – Herr Vasilius, es wird Zeit für die Behandlung! Sie wissen doch: Disziplin! – Ich weiß, Galinchen, – stand Herr Vasilius vom Tisch auf. – Bring mich, mein Schatz, zu einem gesunden und glücklichen Leben! Andreas wurde rot und steif. – Andreas Vasilius, – Galina wandte ihren Blick dem ältesten Sohn zu, – später komme ich zu Ihnen! Wir müssen wegen Ihres eingewachsenen Zehs schauen! Sonst müssen Sie ins Krankenhaus! Andreas’ Gesicht entspannte sich, ein glückseliges Lächeln schlich sich ein. – Natürlich, Galinchen! Nur Nikolaus betrachtete die Szene mit kaum verhohlener Verachtung. – Du bist zu hart zu ihr, – meinte Nikolaus, nachdem der Vater mit Galina gegangen war, – sie ist wirklich nett. Und der Vater erholt sich endlich etwas. – Pass du mal lieber auf dich auf, Moralapostel! – schnaufte Andreas. – Du hast nichts, aber willst anderen den Kopf waschen! Bring du erst mal was auf die Reihe, dann kannst du den Mund aufmachen! Mehr brauchte Nikolaus nicht, um mit einer Ausrede aus dem Esszimmer zu fliehen. Und zehn Minuten später, im hintersten Gästezimmer: – Vika, Liebling! Lass uns abhauen, weg von diesen Leuten! – Wohin sollten wir denn gehen? Wovon sollen wir leben? – Ich sorge schon für uns! – Bring erst mal Geld nach Hause… – Und du bist bereit, das alles zu ertragen? – Habe ich eine Wahl? *** Jede Familie hat eine Kraft, die sie zusammenhält. Wenn diese Kraft wegfällt, beginnt die Familie zu bröckeln. Sie zerfällt Schritt für Schritt, bis nichts mehr übrig ist. Bei uns war das lange Zeit Anna-Maria. Sie war eine tolle Ehefrau, liebevolle Mutter und fantastische Hausherrin. Aber mit 52 war sie völlig ausgelaugt. Wahrscheinlich, weil sie immer die Beste war und sich selbst aufbrauchte. Abends schlief sie ein und wachte morgens nicht mehr auf. Erst ihr Tod zeigte, wie viel von ihr abhing. Weder die Söhne, noch der Ehemann konnten wirklich etwas leisten. Gleich nach der Trauerfeier fielen alle in eine Schockstarre. Jeder hatte zwar seinen Alltag zu bewältigen und schaffte das irgendwie. Aber das beklemmende Gefühl von Leere nagte an ihnen. – Ich habe die Firma verkauft, das Geld ist auf dem Konto, mehr will ich nicht, – sagte Herr Vasilius. – Papa, warum? – fragte Andreas verblüfft. – Du hast doch alles in diese Firma gesteckt! – Ich habe keine Seele mehr! – antwortete der Vater. – Ich wollte sie euch Söhnen übergeben, aber du hast dein eigenes Geschäft aufgebaut, und dein Bruder… treibt auch sein eigenes Ding! Am Ende braucht keiner meine Firma! – Und was willst du jetzt machen? – hakte Andreas nach. – Nichts mehr! Ich lege mich hin und bleibe liegen! – sagte Herr Vasilius. – Das Geld reicht mir bis ans Lebensende. Was übrig bleibt, teilst du mit Nikolaus! Übrigens, wo steckt dein Bruder wieder? – Woher soll ich das wissen, – zuckte Andreas mit den Schultern. – Der hat doch dieses Start-up! – Ist mir inzwischen egal, – seufzte Herr Vasilius. – Mir ist echt alles egal… Andreas und Nikolaus beobachteten mit Bitterkeit, wie ihr Vater langsam verblasste. – Wir sollten ihm eine Pflegekraft holen, – schlug Nikolaus vor. – Nicht, dass er sich noch was antut! – Und wer bezahlt das? – grinste Andreas. – Er hat doch… – begann Nikolaus verlegen. – Versuch du erstmal, ihn zu überreden! – nickte Andreas. – Er schickt dich und die Pflegekraft zum Teufel! – Ich kann nicht bei ihm bleiben, ich habe mein Start-up! – meinte Nikolaus. – Vielleicht ziehst du zu uns? – Ich überleg’s schon, – antwortete Andreas. – Aber ich wollte heiraten, und dann starb Mama. Vielleicht war’s ein Zeichen, es nicht zu tun… – Was meinst du damit? – verstand Nikolaus nicht. – Naja, Veronika, die mit der ich zusammen bin, sie ist Krankenschwester und eine Haushaltstüchtige. Aber mit ihr ist’s langweilig. Na ja… – Du denkst, sie könnte werden wie Mama? – fragte Nikolaus. – Uns würde erstmal schon irgendjemand reichen, der nach außen ein bisschen Normalität schafft, – sagte Andreas. – Niemand wird Mama ersetzen! Das Gespräch führte zu nichts – aber danach geschah vieles. Andreas zog zurück ins Elternhaus zu Vater und Bruder und brachte seine junge Frau Veronika mit: – Jetzt ist das unser Zuhause, – sagte er zu Veronika. – Jetzt verstehst du vielleicht, warum ich mit dem Heiratsantrag gezögert habe und es keine richtige Hochzeit gab? – Ja, ich verstehe es, – antwortete Veronika leise. – Ich bitte dich, uns zu helfen; hier gab’s nie Personal, nur meine Mutter… – sagte Andreas, und am Ende versagte ihm die Stimme. – Es ist schon gut, – lächelte Veronika. – Ab jetzt muss ich nicht mehr zur Arbeit fahren… – Natürlich! – Andreas nickte heftig. – Du bekommst Zugang zum Konto! Für alles Notwendige! Ihr Einzug wurde unterschiedlich aufgenommen. Nikolaus reagierte freundlich und bot Hilfe an, sobald er zuhause sei. Aber der Schwiegervater: – Hast du sie aus dem Kindergarten geholt? Sind normale Frauen für dich nichts mehr? Was kann sie? Was weiß sie? – Mit Verachtung musterte Herr Vasilius die Schwiegertochter. – Zu was ist sie überhaupt im Stande? „Sie wird sich doch um ihn kümmern müssen,“ dachte Andreas, sagte aber: – Sie wird Mama nicht ersetzen, aber sie ist meine Frau. Also bitte um etwas Respekt! – Ich verspreche gar nichts, – brummelte Herr Vasilius. – Schauen wir mal, was sie taugt! Hätte Veronika geahnt, was sie in den kommenden zwei Jahren alles ertragen würde, hätte sie den Fuß nie über diese Türschwelle gesetzt. Mit Haushaltsdingen kam sie klar, denn das Haus war technisch modern ausgestattet. Man musste nur Knöpfe drücken. Die größten Schwierigkeiten kamen aber vom Schwiegervater. Absichtlich oder nicht – das war nicht immer klar – doch ständig gab es Beschwerden, sie müsse endlich mal etwas Richtiges lernen! Wie gesagt, sie hielt zwei Jahre durch. Dann konnten auch Andreas’ Bitten sie nicht mehr beruhigen. Sie versammelte die Männer des Hauses und sagte: – Es reicht! Ich hole mir jetzt eine Haushaltshilfe! Und ich habe schon eine gefunden! Sie ist stur und lässt sich von euch nichts sagen – sie ist für mich da! Was sie sagt, gilt dann für uns alle! – Wenn das so eine Niete ist wie du, können wir euch beide gleich rausschmeißen! – meinte Herr Vasilius unzufrieden. Doch Andreas und Nikolaus unterstützten Veronikas Vorhaben. Ihnen war klar, wie schwer Veronika es mit dem Vater hatte. Der Einzug von Galina war kein Feiertag. Mit kühlem Blick musterte sie Haus und Bewohner, murmelte etwas Unverständliches und machte sich an die Arbeit. Doch verborgen blieb den Männern eine zusätzliche Abmachung zwischen Veronika und Galina. Galina sollte mit ihrem Charme Herrn Vasilius bezirzen. Mit 57 war Herr Vasilius noch längst kein alter Greis. Galina war 37 – also wenn Prinzipien mal außen vor blieben, wäre das ein Erfolgsrezept. – Der alte Grantler muss weich werden! Sonst bekommt Galina ihr gutes Gehalt umsonst! Und der Plan ging auf – fast zu gut. Galina kümmerte sich nicht nur um Herrn Vasilius, sondern auch um Andreas, der ihr Altersgenosse war. Bemerkt Veronika das? Natürlich! Wehren konnte sie sich aber nicht. Andreas schränkte ihren Zugang zum Familienkonto ein. Und das Geld wanderte fast komplett in Galinas Tasche. Veronika suchte Trost bei Nikolaus, der schon immer heimlich in sie verliebt war. Sie wären längst gemeinsam abgehauen – nur wovon hätten sie leben sollen? Einfach ins Ungewisse flüchten, ohne Sicherheit, war zu riskant. So fanden sie wenigstens Trost beieinander – im abgelegenen Gästezimmer. *** – Wenn du wüsstest, wie ich sie alle hasse! – sagte Veronika, an Nikolaus’ Brust geklammert. – Es ist schrecklich, aber ich stimme dir vollkommen zu, – antwortete Nikolaus. – Furchtbare Menschen! Ich schäme mich, dass sie meine Familie sind! – Lass uns alles auf den Tisch bringen und gehen! Sollen sie sich doch gegenseitig zerfleischen! – schlug Veronika vor. – Ja, warum nicht! – stimmte Nikolaus zu. – Außerdem, ich hab heute einen großen Auftrag bekommen! Mein Start-up läuft! Wir werden nicht ohne Geld dastehen! Veronika und Nikolaus flohen heimlich wie auf der Flucht. Der eigentliche Sturm tobte im Haus. Als Herr Vasilius – das Herz in der Hand – alles begriff: – Der ältere Sohn schnappt mir die Frau, der jüngere nimmt die Frau vom älteren! Tolle Familie, die wir sind! Und Galina auch noch – wie sie an Nikolaus vorbeigegangen ist, versteh ich auch nicht! Es wurde laut gestritten, Geschirr flog, Möbel krachten, gegenseitige Schuldzuweisungen prasselten auf alle Seiten ein. Es gab keinen, der nicht getroffen wurde. Die Familie, die Anna-Maria einst mit so viel Liebe zusammengehalten hatte, war zerfallen. Denn sie war die Seele – und nur sie wusste, wie man die Männer bändigt. Ohne sie rutschten sie allesamt ans unterste Ende ihrer Bedürfnisse. Hauptsache einfach, Hauptsache bequem. Denken – Fehlanzeige.