Ludmilas Leben
Ich erinnere mich daran, wie Ludmila, die von uns allen immer nur Ludi genannt wurde, früher oft auf diesen Friedhof kam. Damals hatte sie immer eine große, abgewetzte Einkaufstasche bei sich, stieg an der Haltestelle Am Alten Park aus dem Bus 172, rückte die altmodische Filz-Baskenmütze zurecht und ging dann durch das schwere, schmiedeeiserne Tor. Sie schritt langsam, an den ordentlichen, mit Efeu überwachsenen Gräbern entlang, zählte die Wege, bog scharf rechts ab, schritt vorsichtig über die vergessenen, zugewachsenen Grabhügel, blieb manchmal stehen, stellte die Tasche ab, rückte liegengelassene Kerzen oder bunte Plastikröschen gerade, seufzte leise.
Ludmilas Gesicht war fein geschnitten, zart und fast edel aber sie selbst bemerkte ihre Schönheit kaum. Irgendwie wollte sie es auch nicht merken; sie lief leicht gebeugt und machte sich unsichtbar, fast so, als habe sie nie gelernt, Platz in der Welt einzunehmen.
Sie kleidete sich unauffällig, schlicht, ihre Röcke stammten vom Wochenmarkt, die Blusen aus dem Schlussverkauf und für alles andere reichte das Geld, die paar Euro vom Bäckereigehalt, ohnehin selten aus. So lebte sie alleinstehend.
Wer soll so eine denn nehmen? hörte man manchmal flüstern, wenn Ludi unter der kargen, warmen Dusche im Gemeinschaftsbad stand. Manche Kollegin sah mitleidig zu ihr herüber, manche gleichgültig, und eine oder zwei, kaum zu glauben, sogar ein wenig neidisch. Aber worauf denn? Auf ihr Leben? Nein, darauf sicherlich nicht, vielleicht auf ihre Jugend oder die Hoffnung, dass alles Mögliche noch vor einem liegen könnte, irgendwann.
Nach der Frühschicht kamen die Frauen, verschwitzt von der Hitze der alten Öfen, mit dem Duft von Hefe und frischem Brot in den Haaren, nach Hause. Sie schrubbten die geschwollenen Beine und Arme mit rauen Lappen ab, wurstelten sich in Handtücher, hübschten sich vor winzigen Puderdöschen-Spiegeln auf, flochten sich ihre Zöpfe und eilten hinaus, in die kleinen Läden, auf ein Bierchen im Zur alten Linde oder zu heimlichen Rendezvous in den Schrebergärten. Nur Ludi ging nach Hause.
Sie hatte Glück: eine Wohnung, noch aus Altbeständen zugeteilt eine Einzimmerwohnung in einer Ecke von Bielefeld, mit rissigem Tapetenmuster und Blick auf die blanke Ziegelwand der gegenüberliegenden Arbeitsagentur. Aber das war ihr egal Hauptsache, es war ihr eigenes, warmes, stilles Nest.
Jeden Morgen machte Ludmila im engen Wohnzimmer ihre Gymnastik, kreiste die Arme, wippte auf und ab, verbeugte sich tief, bis die Wirbel unter der dünnen Haut wie gewachste Perlen hervortraten, von einem Gummiband ihres alten Unterhemds eingekerbt. Danach Frühstück, dann eilte sie schon zum Bus, ab ins Werk.
Die Arbeit wieder Glück, zumindest ein bisschen. Schon direkt nach dem Abschluss an der Berufsschule bekam sie eine Festanstellung in einer großen Bäckerei.
Na, was bist du still!, riefen die Frauen. Halt dich an uns, wir sind doch alle eine Familie!
Aber Ludmila hielt lieber Abstand nicht böse, nie schroff, nur ruhig und für sich.
Ludi, komms mit, heut auf einen Kaffee im Eiscafé? Die Irmgard hat Geburtstag, ein bisschen tanzen vielleicht?, flüsterte ihre Kollegin Roswitha, schaute auf die Uhr. Gleich war Schichtende.
Nein, danke, ich muss noch einkaufen Ludmila schüttelte ihren dunklen Schopf.
Nie hat sie Zeit! Hat wohl wen daheim zu pflegen? Oder Kind? Komm, sei doch mal dabei sonst wird das Leben nie bunt! Roswitha blieb hartnäckig.
Nein, ich danke euch. Und alles Gute zum Geburtstag, Irmgard. Mit gesenktem Blick wandte sich Ludi ab.
Na gut Aber sag mal, hast du eigentlich einen Freund?, stichelte Roswitha und zwinkerte den anderen Frauen zu, die leise kicherten.
Nein.
Und gehabt?
Warum muss man euch das erzählen? Ludi senkte den Kopf noch mehr.
Sie hatte wirklich niemanden.
Ach, nur so, wir sind doch alle unter uns. Aber Ludmila sagte leise: Eben nicht. Unter sich bleibt die Familie. Lasst mich einfach.
Niemand wagte, Roswitha zu widersprechen. Nicht aus Respekt aus Angst. Roswitha war witzig, lautstark und unerschrocken, doch, oh, sie hatte Traurigkeit in den Augen
Eines Tages, als Ludmila sich durch den Regen nach Hause schleppte, taute sie sich unter der Dusche auf und versank dann sofort im altmodischen Federbett. Am nächsten Tag fuhr sie, wie immer an ihrem freien Tag, hinaus zum Johannisfriedhof zu ihnen.
Im lehmigen Boden stand sie, stellte die Tasche beiseite, zog ein Baumwolltaschentuch aus dem Mantel und wischte die gesprenkelten Fotografien auf dem Grab: ein Mann, stolz, in Uniform, das Haar schon vollständig grau, und eine Frau mit markanten Zügen, mit so einem Blick, dass man meinen könnte, sie lächle gleich.
Ludi wünschte immer, nur dieses eine Mal, dass sie lächeln möge. Aber auf dem Foto tat sie es nie.
Heinrich Weber, Charlotte Weber war ordentlich darunter gesetzt.
Mit angezogenen Fellhandschuhen rupfte Ludi das welke Laub zusammen. Dann holte sie Sand wegen des vielen Wassers, der Boden lag tiefer, und bei Regen war alles ein Sumpf.
Den Sand gab es in großen Holzkisten beim Tor neben der alten Friedhofskapelle. In einem rostigen Metalleimer schleppte Ludmila, stöhnend und tropfend, das nasse Gewicht zurück zu dem Grab. Die Jackentaschen waren vom Regen durchweicht, die Wolle der Baskenmütze klebte auf der Stirn schlecht zu ertragen, aber sie biss die Zähne zusammen.
Einmal stieß sie sich derb die Wade an der scharfkantigen Eimerhalterung, und ein dünner Blutstrich zog sich über das Bein.
Desinfizieren muss ich später, murmelte sie.
Der Sand verteilte sich über den abgesteckten Grünschimmer. Er deckte die schwarzen Erdklumpen ab, zwischen denen einmal Tagetes und Primeln geblüht hatten.
Gut so. Ihr mögt das doch, oder?, flüsterte Ludi. Sieht etwas unordentlich aus diesmal bitte nicht böse sein.
Lange saß sie dann auf dem Eisengitter, plauderte leise vor sich hin: Über den Job, über Roswithas Fragen, über die eigene, so sauber gehaltene Wohnung. Sie bemühte sich um Ordnung, immer. Das hatte man ihr beigebracht. Vielleicht streng? Mag sein. Aber wenigstens musste sie sich nicht schämen, wenn jemand zu Besuch kam.
Ich hab ein Kochbuch gekauft, Mama. Wills endlich auch mal lernen, schnaufte sie. Für wen ich kochen will? Irgendwann kommt doch bestimmt wer zu Besuch Nein, wir werden sicher nicht Schnaps trinken. Ich pass auf!
Und kurz schnieft Ludmila, ob nun aus Sehnsucht oder Müdigkeit selbst wusste sies nicht.
Da klopfte plötzlich jemand fest auf ihre Schulter. Sie zuckte zusammen, rutschte beinahe auf einem Lehmbatzen aus, doch fest griff eine Hand nach ihrem Ärmel.
Roswitha?, hauchte Ludmila erstaunt.
Du hier? kam es zurück. Wir haben ja in der Personalabteilung nachgefragt Dir wurde die Wohnung wohl nur gegeben, weil du aus dem Kinderheim bist! Ich und die anderen warten da jetzt schon fünf Jahre Und du? Du hast ja gar keine Familie! Warum hast du ein eigenes Heim?
Erst klang Roswitha zornig, dann milderte sie ihre Stimme.
Vielleicht ists besser so. Du musst erst alleine klarkommen. Wir hätten bloß Blödsinn veranstaltet dort drin Aber warum bist du hier?
Und Sie?, fragte Ludmila leise zurück.
Zu meiner Tante gehe ich. Da, das Grab unter der Birke, zeigte Roswitha. War eine alte, strenge Frau, hat ausgeteilt, ohne lange nachzudenken. Aber sie hat mich aufgezogen, immerhin. Meine Mutter starb bei meiner Geburt, und der Vater naja, der ist nach Hamburg abgehauen. Der hat meiner Tante dafür immer Geld geschickt, aber schlussendlich hat sie ihm trotzdem die Wohnung vererbt. Jetzt wohnt er mit seiner neuen Frau drin. Ich bleibe im Wohnheim. Aber zu ihr komm ich trotzdem, Familienpflicht eben.
Sie versetzte dem Lehmklumpen einen Tritt, der am Grab der Webers landete. Tut mir leid, ich räums weg! Doch Ludmila hatte es ohnehin längst erledigt.
Du mochtest sie doch gar nicht, deine Tante. Warum kommst du dann hierher?
Weil es sich so gehört. Und du? Sie sind gar nicht deine Familie. Roswitha wies auf das Weber-Foto. Du bist ja nicht mal aus Bielefeld, nicht mal aus NRW. Im Heimakten steht: Vollwaise. Und doch bringst du Blumen, wischst Fotos. Warum?
Ludmila strich sich übers Gesicht, wie immer, wenn Unruhe in sie kroch.
Ich kannte diese Menschen nicht wirklich nicht. Sie wohnten gegenüber. Ich habe sie nur gesehen: Die Frau ging immer mit einer Dackelhündin spazieren, braun und schon alt. Sie selbst ging zügig vorneweg und wartete seufzend auf das Tier. Ich hab sie beobachtet und mir manchmal vorgestellt: vielleicht wäre sie meine Mutter gewesen Vielleicht albern. Aber ich wollte jemanden, zu dem ich gehören konnte.
Roswitha schwieg, kramte dann genervt nach Zigaretten. Als sie keine Feuer hatte, reichte sie Ludmila wortlos ihren nassen Stoffbeutel.
Ich weiß nicht, warum ich immer alleine bin, sagte Ludi. Im Heim hatte ich Julia, meine Freundin, doch sie ist irgendwohin gezogen, kennt meine Adresse nicht Und jetzt fühle ich mich verlassen. Diese Leute einmal haben sie mich sogar angelächelt. Vielleicht hab ichs mir eingebildet.
Sie schwiegen lange nebeneinander, während ein feiner Nieselregen das Laub einnässte.
Beim Weg zur Bushaltestelle bemerkte Roswitha mit rauer Stimme: Ich bin furchtbar ruppig. Halt dich nicht an mich. Dafür mochte mich meine Tante nie.
Aber du bist wundervoll, kam es von Ludmila, ganz ehrlich. Und zum ersten Mal lächelte Roswitha ehrlich.
***
Damals, lange vor unserer Zeit, wurde in Düsseldorf, in einem alten Krankenhaus nahe des Rheins, ein Mädchen geboren.
Ein Mädchen, sagte die Hebamme Frau Schmidt kühl, als sie das blutverschmierte Bündel auf Charlottes Brust legte.
Charlotte war schön, immer gestylt, stolz, der Ehemann Offizier. Aber er blieb nicht lange. Anton Weber kehrte ihr den Rücken, kaum war sein Kind geboren ihm hatte ein wohlmeinender Freund gesteckt, es sei nicht seins. Wochenlang gequält, um die Karriere nicht zu riskieren, verließ Anton Charlotte und sagte, sie solle das Kind abgeben.
Charlotte hatte ohnehin kein Glück. Die Schwester, Mathilde, lebte nach der Geburt des ersten Kindes mit im gemeinsamen Heim. Mathilde und ihr Mann zogen irgendwann weg. Charlotte wurde alleinerziehend.
Das Mädchen blieb Ludmila wurde sie später genannt. Zu Pflegeeltern kam sie, Valentin und Irmgard Nowak aus Paderborn. Bei ihnen lernte sie Ordnung, Disziplin und das große Schweigen.
Doch es sollte nie für ewig sein: Irmgard wurde krank, Valentin gab Ludi ins Kinderheim. Sie starb, ohne sich zu verabschieden. Valentin schrieb später nur einen kurzen Brief und schickte ein bisschen Geld, Markscheine, so viel, wie er eben hatte.
So wuchsen Ludi und unzählige andere Kinder heran wie wilde Blumen auf unbeachtetem Boden. Manche waren sanft, viele ruppig, einige versponnen und verrückt. Aber Ludi wusste sich durchzusetzen und suchte später immer wieder Anschluss, Familie, Nähe.
Viele Jahre später, nachdem Irmgard und Valentin gegangen waren, kehrte Anton Weber zurück nach Düsseldorf, heiratete erneut und schickte den Sohn, auf den er so stolz war, auf die Offiziersschule. Charlotte besuchte einmal das Grab, weinte heimlich und schwieg, sprach nie von Ludmila, nie von ihren Ängsten.
***
Es wusste nie jemand, dass Ludmila und Roswitha, zwei Einsame, Jahre nach all dem nebeneinander im Bus saßen, im Herbstregen nach Hause fuhren und sich gegenseitig ansahen.
Seltsam dass Ludmila sich ihre Eltern einfach ausgesucht hatte. Seltsam, dass diese beiden Erwachsenen Heinrich und Charlotte einmal alles verwehrt, und ihr doch alles gegeben hatten.
Seltsam, dass ausgerechnet Ludmila jetzt Roswithas Nichte kannte, und dass alles miteinander verwoben war.
Und doch, und doch: Zwei junge Frauen, Roswitha und Ludmila, gingen an diesem Tag hinauf zu Ludmilas Wohnung im vierten Stock in Bielefeld.
Komm, ich kauf uns noch Kartoffeln, polterte Roswitha, verunsichert von sich selbst.
Nein, du zitterst ja! Ich hab alles, los, komm rein. Erst ab in die Badewanne! Ich koch solange was. Ich hab jetzt ein Kochbuch! lachte Ludmila.
Komm, mach keinen Zirkus. Bin doch kein Besuch! Rührei und Speck reicht. Hast du überhaupt Speck? Und Frühlingszwiebeln? Roswitha niesste. Beide lachten endlich.
Sollten sie traurig sein? Vor ihnen lag das ganze Leben. Ihr eigenes, und niemand nahm es ihnen. Da war eine Freundschaft, die gerade erst begann und die doch das Beste war, was ihnen passieren konnte.
Die Vergangenheit war vergangen, in Erinnerungen und in fernen Kindertagen zerronnen. Dafür war jetzt Platz für alles andere.
Und Jahre später würde Roswitha eines Tages leise sagen: Ludi, weißt du was ich heirate.
Und Ludmila, weit die Arme ausbreitend, tanzte lachend durchs kleine Wohnzimmer. Roswitha! Wie du strahlst! Ist das herrlich!
Zu den Gräbern der Webers ging sie später nicht mehr. Der Sohn hat es ihr verboten und am Ende saß er selbst in der Kälte, allein auf dem verwitterten Zaun, verloren und ohne jemanden.





