Wie Birgit dank ihrer guten Seele zur Mama wurde…
Birgit betrat das Treppenhaus und staunte nicht schlecht, als sie vor ihrer Wohnungstür einen Karton entdeckte. Mit hochgezogenen Augenbrauen betrachtete sie das Paket. Innen, eingerollt wie zwei Kissen, lagen ein Hund und eine Katze. Die beiden beäugten Birgit verschreckt und zitterten wie Espenlaub.
Was seid ihr denn für Gestalten? Und wie kommt ihr hierher?, fragte Birgit, in der Hoffnung, dass die Findelkinder ihr darauf antworten würden.
Da öffnete sich die Tür gegenüber und Frau Richter, die Nachbarin, steckte neugierig den Kopf raus.
Ah, Birgit, guten Abend. Ja, stell dir vor! Die Else von oben ist letzte Woche verstorben, und ihre Nichte konnte mit den Tieren nichts anfangen.
Hat sie überall gefragt niemand wollte sie nehmen. Ich hab meinen eigenen Kater, der duldet keine Konkurrenz, und andere haben Allergien Würdest du nicht vielleicht mit Holger zusammen die beiden nehmen? Kinder habt ihr keine, seid noch jung und finanziell siehts doch gut aus.
Birgit schüttelte leicht den Kopf. Wir haben nie geplant, Tiere aufzunehmen, und dann gleich zwei auf einmal das kommt überraschend.
Die kannst du nicht trennen, die gehören zusammen! Die haben im alten Zuhause immer zusammen geschlafen. Else ist mit dem Hund spazieren gegangen, und der Kater ist eh selbstständig, also große Arbeit machen die nicht!
Komm, Birgit, sei ein Schatz, bettelte Frau Richter mit der typischen Nachbarschaftsdramatik.
Und wenn wir sie nicht nehmen? fragte Birgit skeptisch, was wird dann aus ihnen?
Man sagt, dass sie sie einschläfern lassen, wenn sich niemand findet. Siehst ja, der Karton ist schon vorbereitet. Die Wohnung ist praktisch schon verkauft, die neuen Eigentümer wollen keine Haustiere, raunte Frau Richter verschwörerisch.
Gerade da kam Herr Schröder aus dem Erdgeschoss die Treppe hoch und spähte ebenfalls zum Karton. Möchten Sie nicht die beiden nehmen? Die machen keinen Lärm, essen kaum was, sind schon älter werden nicht mehr ewig da sein Keiner will sie, und schade wärs drum. Die Else war richtig vernarrt in die Tiere.
Birgit seufzte tief und gab schließlich nach. Na gut, bringen Sie sie rein. Ich ertrag den Gedanken nicht, dass sie eingeschläfert werden. Wie heißen die beiden überhaupt? Wir wohnen doch erst seit zwei Jahren hier, mit Else selber hatten wir kaum Kontakt
Herr Schröder strahlte, schnappte sich den Karton und trug ihn in Birgits Flur.
Der Hund heißt Maxl, und der Kater hört auf den Namen Emil. Vielen, vielen Dank! Er legte einen Zwanzig-Euro-Schein und eine Leine auf die Kommode, für den Anfang wenigstens. Nochmals tausend Dank!
Birgit schloss die Tür, zog sich die Schuhe aus und beugte sich zu ihren unerwarteten Gästen.
Na, Jungs? Holger wird Augen machen. Hoffentlich wirft er uns nicht direkt samt Karton raus Doch, er hat ein gutes Herz, vielleicht stimmt er zu, sagte sie zuversichtlich.
Keine Angst, Schätze, euch bringt hier keiner fort. Einschläfern, das ist doch verrückt!, schüttelte Birgit den Kopf.
Emil, der Kater, schien verstanden zu haben. Vorsichtig tappte er aus dem Karton und begann, die Wohnung zu erkunden. Maxl traute dem Ganzen noch nicht, blieb erst sitzen und observierte seine neue Umgebung und Birgit.
Birgit ging in die Küche und inspizierte kritisch den Kühlschrank. Tierfutter war natürlich Fehlanzeige. Also kochte sie Haferbrei, schnitt kleine Fleischstücke hinein und beschloss, dass das fürs Erste taugen musste.
Zu ihrer Freude kam Emil nach kurzem Rundgang neugierig in die Küche und zeigte sofort reges Interesse am Inhalt der großen Schüssel. Birgit winkte dem Hund.
Maxl ließ sich Zeit. Aber als er sah, wie Emil mit Begeisterung das Fleisch herauspickte, trabte er heran und schaute Birgit mit so traurigen Augen an, als sollte gleich ein Mozart-Requiem einsetzen.
Kurz darauf kam Holger von der Arbeit nach Hause. Er staunte nicht schlecht, als er auf Hund und Katze in der Diele stieß. Birgit und Holger beschlossen spontan, zunächst einen guten Platz für die Tiere zu suchen am besten zu jemandem mit Haus und großem Garten.
Birgit und Holger waren seit vier Jahren verheiratet. Ihre Wohnung hatten sie erst vor zwei Jahren gekauft. Sie liebten einander und stritten selten. Nur die fehlenden Kinder warfen manchmal einen kleinen Schatten auf ihr Familienglück.
Du bist doch sonst so ordentlich, und wolltest nie Haustiere, wunderte sich Holger.
Birgit zuckte mit den Schultern. Ich dachte immer, irgendwann kommt ein Kind. Da stehen jetzt halt die zwei hier. Einschläfern, darauf kann ich nicht, verzeih mir, Tränen stiegen ihr in die Augen.
Ach komm, Tiere sind toll. Wir kümmern uns erst mal. Morgen frag ich die Kollegen auf Arbeit, vielleicht kann jemand die beiden nehmen, umarmte Holger sie tröstend.
Von da an änderte sich der Alltag in der kleinen Familie. Maxl und Emil fühlten sich rasch zuhause. Ihr vorheriges Revier lag sogar direkt über Birgits und Holgers Wohnung gleiche Bauweise, gleicher Hinterhof.
Ihr Lieben, als wärt ihr schon immer bei uns!, lachte Birgit, wenn sie die beiden ansah.
Dreimal täglich ging sie mit Maxl raus, und Emil benutzte das Küchenfenster als Ausgang zur Freiheit und kam auch brav wieder.
Frau Richter freute sich über Birgits gute Tat und brachte regelmäßig Suppenknochen für Maxl oder Reste vom Grießbrei für Emil.
Abends lachten Holger und Birgit oft herzlich, wenn der Kater neue Kunststücke ausprobierte oder Maxl friedlich auf seinem neuen Kissen schnarchte. Die beiden schliefen natürlich immer eng beieinander; ein Dream-Team auf vier Pfoten.
Bald wollten Birgit und Holger gar nicht mehr nach neuen Besitzern suchen. Sie hatten die beiden so lieb gewonnen, dass sie sich ein Leben ohne sie gar nicht mehr vorstellen konnten.
Am Wochenende kam oft Birgits Mutter zu Besuch. Sie wohnte nur ein paar Straßen weiter und mochte die tierischen Mitbewohner schnell sehr. Anfangs war sie allerdings noch skeptisch angesichts dieses Erwerbs ihrer Tochter.
Ich hätte den Kater genommen, aber ich wohne ja im dritten Stock, und der ist ans Freigängersein gewöhnt, sagte sie.
Birgit winkte ab: Ach, du kommst einfach vorbei, wenn wir mal Urlaub machen wollen. Dann kannst du gleich die Blumen gießen und auf die zwei aufpassen.
Der Sommer kam, und Birgit und Holger fuhren an die Ostsee. Fast täglich rief Birgit ihre Mama an, besorgt um ihre felligen Freunde.
Alles bestens, Maxl schleckt wie immer den Napf leer, und Emil schläft wie ein König. Genießt euren Urlaub!, berichtete die Mutter.
Als Birgit zurückkam, wurde sie stürmisch von Maxl begrüßt, der vor Freude hüpfte und kläffte.
Und Emil, normalerweise ein stoischer Bursche, schmiegte sich nach der Hunde-Show schnurrend an Holgers Beine.
Du meine Güte, Liebling, die beiden mögen uns offenbar!, lachte Holger. Birgit kraulte Maxl und füllte gleich die Fressnäpfe.
Jetzt stand Birgit morgens früher auf, damit Maxl seine Runde drehen und die beiden nachher gut versorgt in den Tag starten konnten.
Und ein paar Monate später erzählte Birgit nun leicht aufgeregt Holger die große Neuigkeit: Sie war endlich schwanger! Endlich, nach so viel Warten, Vorfreude und Katzenhaaren im Bett!
Birgits Mutter war überzeugt: Siehst du, Birgit, das war eine Prüfung vom lieben Gott, ob du Herz zeigst. Und schwupps! bist du nun selbst am Wickel.
Mhm, vielleicht hast du Recht. Ich glaube zwar nicht an Zeichen und Wunder, aber vorbereitet aufs Mamasein bin ich jetzt sicher unsere Vierbeiner haben mir genug Übung gegeben!
Mit Füttern, Putzen, Kuscheln die sind ja wie Kinder.
Soll ich Maxl und Emil vielleicht nehmen, wenn das Baby da ist, damit dus leichter hast?, bot die Mutter an.
Um Himmels willen, nein! Wir schaffen das schon. Du kannst lieber mit dem Kinderwagen eine Runde drehen oder auf das Baby aufpassen, wenn wir mal raus müssen.
Sie umarmten sich.
Die Schwangerschaft verlief ohne Komplikationen, rechtzeitig brachte Birgit ihren Sohn Leon zur Welt. Holger war ganz aus dem Häuschen, Birgit sowieso, und auch die/der Rest der Familie.
Maxl, der Senior unter den Hunden und von Gemüt her besonders sanft, bellte nie. Emil mischte sich ein wie zuvor, durchstreifte den Hinterhof oder lag auf seinem Lieblingsplatz unter der alten Linde.
So lebte die Familie glücklich, und jetzt war der Haushalt komplett.
Und die alten Nachbarinnen, allen voran Frau Richter, erzählten nun in bester Münchner Gschichten-Manier durch das ganze Viertel: Wie Birgit dank ihrer guten Seele Mama wurde.
Frau Richter ließ es klingen wie eine waschechte Heldensage ein echter Sendungsbeweis des Weltalls auf menschliche Herzenswärme.
Und ihr? Glaubt ihr, Frau Richter hat recht? Schreibts in die Kommentare und lasst ein Like da!





