Hannelore lag schon seit Tagen in ihrem Bett und fand keine Kraft aufzustehen. Es tat ihr nichts weh, sie fühlte sich einfach nur erschöpft, schwindelig und aufstehen wollte sie überhaupt nicht.
Warum eigentlich? dachte Hannelore. Ich habe meine Aufgaben im Leben erfüllt: Die Kinder sind erwachsen, meine Eltern habe ich in ihrer letzten Stunde begleitet. Und nun wie ausrangiert. Die Jahre sind wie im Flug vergangen, fast unbemerkt.
Nichts bereitete ihr Freude. Ihr Blick schweifte durch das Zimmer, sah die Spinnweben, die schon von der Decke hingen. Sie sah zum Fenster hinaus, in den Garten, der inzwischen von Unkraut überwuchert war. Der Tag brach langsam an. Hannelore schloss die Augen und schlief ein.
Im Traum erschien ihr ihre Mutter. Hannelore war völlig überrascht. Die Mutter war ihr zuletzt vor drei Jahren, gleich nach deren Beerdigung, erschienen. Mit liebevollem Blick schaute die Mutter auf sie, streckte die Arme aus, als wollte sie ihre Tochter umarmen und wie zu Lebzeiten sanft über das Haar streichen, doch eine unsichtbare Wand ließ keine Berührung zu.
Mein liebes Kind, sagte die Mutter sanft, morgen ist dein letzter Tag
Es war, als wurde Hannelore aus dem Traum herausgeschleudert. Sie fuhr erschrocken hoch, zitternd am ganzen Leib.
Der allerletzte? Schon? Das kann doch nicht sein! Warum so früh? rief sie in die Leere des Raums.
Hannelore stellte sich vor, wie sie regungslos in ihrem Bett lag, ihre Kinder, Verwandten, Bekannten versammelt Das Haus ein Chaos, im Garten alles verwildert, nichts zu essen im Haus. Hannelore sprang hastig auf, wusste gar nicht, wo sie zuerst anfangen sollte.
In der Küche machte sie flugs einen Hefeteig an: Bis zum Abend geht der schon auf, dann back ich ein paar Kuchen. Falls ich noch so lange lebe. Sie füllte einen Eimer mit Wasser, griff sich einen Lappen und wischte allen Staub. Alles, was herumlag, wurde aufgehoben. Danach wischte sie den Boden.
So, das Haus ist sauber!, seufzte Hannelore.
Jetzt der Garten. Wie besessen jätete sie Unkraut, hörte weder Hunger noch Müdigkeit. Nur ein Satz dröhnte im Kopf: LETZTER TAG!
Erst als das letzte Beet sauber war, spürte Hannelore, dass ihre Beine schmerzten.
Eine Pause wäre nicht schlecht … Ach was, nachher.
Da fiel ihr der Hefeteig ein. Sie sprintete ins Haus.
Bald standen die duftenden Kuchen auf dem Tisch.
Wenn morgen die Kinder kommen, können sie wenigstens Kuchen essen und an mich denken, murmelte Hannelore, die Stimme brüchig, mal probieren O je, die sind fluffig wie Wolken!
Hannelore saß am Fenster und dachte bei sich: Ach, das Leben ist doch schön trotz allem.
Jetzt blieb nichts, als sich bereit zu machen für den letzten Weg.
Sie begann, ihre Sachen durchzusehen, was sie anziehen wollte. Am Ende entschied sie sich für das neue Kleid, das seit letztem Weihnachten ungetragen war.
Sie richtete ihre Frisur am Spiegel, legte etwas Make-up auf, zog das Kleid an. Einen Moment war sie ganz mit sich zufrieden:
Hübsch! Fast, als ob ich zu einer Hochzeit ginge, nicht zur Beerdigung …
Doch das Schicksal fragt nicht. Sie legte sich aufs Bett, um zu sterben doch soweit kam es nicht. Vor dem Haus hielt ein Auto, Motorenlärm riss sie aus ihren Gedanken. Ein Hupen.
Bestimmt zu Nachbarn, dachte sie. Da kamen oft Besucher.
Doch gleich darauf klopfte es, immer drängender.
Sind das etwa die Kinder? Sie sah zum Fenster nein, ein fremdes Auto.
Was für eine Karre!, schimpfte Hannelore unwillkürlich. Sie ging zur Tür, warf den Riegel zurück. Auf der Schwelle stand ein gepflegter, gut aussehender Mann. Sie musterte ihn.
Fein rausgeputzt, als käme er von einer Gala, schoss es ihr durch den Kopf.
Sie sind Hannelore? fragte er.
Ja …
Ich bin seinetwegen hier. Verzeihen Sie bitte die späte Stunde …
Was möchten Sie von mir? Hannelore verstand gar nichts.
Der Mann wurde verlegen: Also, ich … Das ist jetzt etwas seltsam.
Sie haben sich sicher geirrt, unterbrach sie.
Nein, nein, ich wollte zu Ihnen. Verzeihen Sie die Überraschung.
Etwas spät, finden Sie nicht? Aber gut ich höre.
Es tut mir leid, ich hab mich verschätzt, komme von weit her und habe mich verfahren.
Da sie Hannelores zweifelnden Blick bemerkte, redete er weiter:
Mein Name ist Benedikt. Ich wollte Sie einfach kennenlernen.
Eigentlich hatte ich heute ganz andere Pläne, dachte Hannelore.
Woher kennen Sie mich? fragte sie.
Ich hatte Ihnen eine Kontaktanfrage per Skype geschickt, aber Sie waren kaum online, und irgendwie hab ich Sie dann gefunden fragen Sie lieber nicht wie. Und jetzt bin ich eben hergefahren.
Was soll ich nur machen mit Ihnen? dachte Hannelore verwundert.
Benedikt, wissen Sie, ich lerne schon lange niemanden mehr kennen. Ich möchte nichts mehr ändern, Sie sollten besser heimfahren.
Wahrscheinlich haben Sie recht, ich hätte zuerst anrufen müssen. Auf Wiedersehen, Hannelore.
Er ging rasch zurück zum Auto, drehte sich einmal um und reichte ihr eine teure Schachtel Pralinen.
Verzeihen Sie.
Er eilte zum Wagen.
Hannelore war es unangenehm. Irgendwie tat ihr dieser Fremde leid. Der war den ganzen Tag unterwegs, sicherlich auch hungrig.
Warten Sie, Benedikt. Kommen Sie, ich lade Sie wenigsten zum Tee ein.
Der Mann strahlte und kam die Treppe herauf.
Sehr gerne, Hannelore.
Sie gingen herein.
Hände waschen, das Handtuch liegt dort.
Hannelore goss Tee ein, stellte frischgebackene Kuchen auf den Tisch.
Vielleicht haben Sie Hunger? fragte sie.
Wenn es erlaubt ist ja, das wäre nett.
Natürlich, greifen Sie zu.
Hannelore merkte, wie hungrig sie selbst war. Sie deckte rasch auf, zum Glück hatte sie genug gekocht.
Guten Appetit, sagten beide im Chor und lachten.
Zum ersten Mal seit Langem schmeckte ihr das Essen wieder. Es war so unerwartet friedlich mit diesem fremden Mann. Benedikt entpuppte sich als kluger Gesprächspartner. Nach einer Stunde fühlte es sich an, als würde sie ihn seit Jahren kennen.
Hannelore, wenn Sie etwas brauchen, sagen Sie einfach Bescheid. Ich helfe gern.
Sie musterte erst sein Outfit, dann lächelte sie.
Helfen? Na, da gibt’s genug: Die Scheune ist schief, der Zaun bricht auseinander …
Benedikt schien zu überlegen: Ich mache das schon, Hannelore.
Er machte sich zum Gehen bereit.
Danke Ihnen … dir. Es war sehr lecker. Übernachtung verlange ich nicht, das verstehe ich. Auf Wiedersehen, Hannelore.
Machs gut, Benedikt. Gute Fahrt!
Hannelore räumte auf, setzte sich noch, dann ging sie ins Bett eher, um zu sterben als zu schlafen.
Der Schlaf übermannte sie rasch, sicher auch wegen der Aufregung.
Kind, warum bist du gestern weggelaufen und hast nicht zu Ende gehört? Die Mutter wartete schon, Heute war nur der letzte Tag deines einsamen Lebens. Wir wissen, wie schwer dir das Alleinsein fällt. Deshalb haben wir dir einen Engel geschickt. Vertreib ihn nicht. Er wird dich beschützen. Aber du pass gut auf ihn auf, ja?
Wen soll ich beschützen, Mama? Euer Engel ist schon weg, zu viel Arbeit hier!
Die Mutter bekreuzigte sie und verschwand im Licht.
Am nächsten Morgen, kaum dämmerte es, holte sie Motorenlärm aus dem Bett. Draußen parkte ein LKW, hochbeladen mit Baumaterial. Noch ein Wagen kam. Männer luden Balken ab.
Was ist das jetzt? Ich hab nichts bestellt!
Hannelore wollte rausgehen, alles zurückschicken, sah dann Benedikt, der den Arbeitern zeigte, wo was hin sollte.
Nachdem alles ausgeladen war und die Arbeiter weggefahren waren, trat sie nach draußen.
Nicht schlecht, damit könnte man ein ganzes Haus bauen!
Kurz vorm Mittag kam noch ein Wagen mit Zäunen, wie bei ihrer Nachbarin, deren neuen Zaun Hannelore immer bewundert hatte.
Die Männer legten los. Benedikt war mittendrin, arbeitete fleißig mit.
Hannelore rief: Benedikt, warum machen Sie das alles?
Hannelore, machen Sie sich keine Sorgen. Gehen Sie rein, es ist heute kalt.
Die viel durchgemachte Frau war völlig überfordert. Sie hatte nie gelernt, Männern zu trauen. Zwei hatte sie gehabt, doch mit keinem war es gut gegangen. Deshalb hatte sie immer alles alleine gemacht. Jetzt wusste sie nicht, wie sie das alles deuten sollte.
Die Arbeiten gingen schnell voran. Nach ein paar Tagen stand ein neuer Zaun, die Scheune war aufgerichtet, der Boden repariert, der Ofen wieder funktionstüchtig. Doch Hannelore blieb skeptisch, fragte sich, was Benedikt wohl im Schilde führte.
Was will er eigentlich? Vielleicht sollte ich ihm für die Arbeit etwas zahlen
Doch so viel Geld hatte sie gar nicht. Einige wenige Euro legte sie zurecht.
Als der erschöpfte, aber zufriedene Benedikt am Abend ins Haus kam, sagte Hannelore:
Ich danke dir von Herzen, Benedikt. Aber ich verstehe wirklich nicht, warum du das alles tust…
Ach was, Hannelore, bitte das ist doch nichts.
Sie reichte ihm das Geld.
Hier, bitte. Es ist nicht viel, aber ich werde den Rest nachreichen.
Komm schon, Hannelore, das musst du nicht…
Doch, nimm’s, Arbeit muss bezahlt werden!
Benedikt verließ das Haus. Kurze Zeit später hörte sie, wie sein Auto wegfuhr.
Hannelore rannte raus zu spät. Er kam weder am nächsten, noch nach dem dritten Tag zurück. Auch nach einer Woche blieb er fort.
Hannelore wusste nicht weiter. Der Schmerz saß tief in ihrer Brust. Sie konnte an nichts anderes mehr denken, als hätte sie sich wie ein junges Mädchen verliebt.
Warum hab ich Benedikt so verletzt? Und wie soll ich jetzt ohne ihn leben? Ihr war, als kenne sie ihn seit Jahrzehnten.
Sie schlenderte den Dorfweg entlang ziellos bis die stets informierte Nachbarin sie aufhielt.
Hannelore, du bist aber auch stur. Sieh doch, was der Mann alles für dich gemacht hat! Vernünftiger Kerl!
Er ist längst weg, antwortete Hannelore düster.
Wen willst du denn täuschen? Sein Wagen steht doch seit Tagen am Ortseingang!
Wo genau? Hannelore wurde plötzlich hellhörig.
Na, bei der alten Birke vorm Ort.
Schon rannte Hannelore in diese Richtung doch kein Auto, kein Benedikt weit und breit.
Sie hat mich wohl nur getröstet, dachte sie, enttäuscht und kehrte heim.
In dieser Nacht konnte Hannelore nicht schlafen. Sie stand auf, legte sich eine Decke um die Schultern und setzte sich auf die Veranda. Der Abend war kühl, Hannelore kuschelte sich tief ein.
Warum bin ich nur so allein und so blöd, schluchzte sie laut.
Da packte sie plötzlich jemand, hob sie vom Stuhl, küsste ihre Tränen fort.
Nicht weinen, Hannelore! flehte Benedikt.
Wo warst du so lange? Warum bist du fortgefahren?
Ich bin gar nicht weggefahren. Konnte einfach nicht, weil ich dich liebe.
Und ich liebe dich mehr als alles, flüsterte Hannelore und hielt ihren Engel fest, den das Schicksal ihr gesandt hatte.
Danke, Mama!, flüsterte Hannelore in den Sternenhimmel und weinte diesmal vor Glück.




