Das Gartenglück ohne Heldentaten

Als die SBahn an dem kleinen Bahnsteig hielt, war ich der Letzte, der aus dem Wagen stieg, und drehte unwillkürlich den Blick zurück auf die Stadt, die hinter mir lag. Aus dieser Richtung war die Stadt nicht zu sehen, nur ein Streifen Wald und ein rostiger Zaun entlang der Gleise. Trotzdem fühlte ich sie irgendwo hinter den Bäumen den Verkehr, die endlosen Sitzungen und die immer knapper werdende Luft.

Ich richtete den Rucksack, griff nach dem zusammenklappbaren Klappstuhl in seiner Schutzhülle und ging den schmalen Pfad hinunter, auf dem bereits eine Kette von Kleingärtnern unterwegs war. Einige schoben Wagen, andere trugen Säcke, wieder andere balancierten Pflanzen in Plastikboxen. Vor mir kam eine Frau mit zwei Eimern, aus denen grüne Tomatenstängel hervorlugten.

Vorsicht, da ist eine Wurzel, warnte sie, während sie sich umdrehte.

Danke, nickte ich und sprang über die aus der Erde ragende Birkenwurzel.

Ich war noch nicht an diese Straße gewöhnt. Einen Monat zuvor hatte ich im Kleingartenverein Birkenhain ein Parzelle gekauft, doch nur am Wochenende schaffte ich es wirklich hinzukommen. Bisher hatte ich mich mit Akten, Elektrikern, dem Austausch des alten Zählers und dem Entrümpeln des kleinen Häuschens beschäftigt.

Die Parzelle war mir von einer einsamen Rentnerin überlassen worden, die zu ihrem Sohn gezogen war. Ein verwittertes Häuschen, eine schiefe Scheune, ein paar Apfelbäume und unordentliche Beete, die von Löwenzahn überwuchert waren. Doch das Beste war die Ruhe und die Tatsache, dass das Gebiet tief im Verein lag, fernab von jeder Autobahn.

An der kleinen Veranda sah ich einen Mann in Tarnkappe, der auf einer Bank eine Zeitung las, nickte ihm zu und bog in die dritte Einfahrt ein. Der Weg war staubig, voller Löcher, die am Rand von trüben Wassergräben gesäumt waren. Auf beiden Seiten ragten Zäune aus Maschendraht, Schiefer und Wellblech. Dahinter standen Häuschen, Gewächshäuser unter Folie und gleichmäßig angelegte Beete.

An meinem Tor grub bereits ein Mann mit kurzem, stämmigem Bauch in einem alten Baseballcap. Er schraubte etwas an einem Pfahl fest.

Guten Tag, sagte ich langsamer. Das ist mein Stück Land.

Er richtete sich auf, wischte sich den Schweiß von der Stirn und lächelte.

Ach, Sie sind’s, der Neue. Ich heiße Peter, wohne gleich nebenan, sagte er und deutete auf die Parzelle rechts, wo ein frisches Gewächshaus und ein hübsches Häuschen mit grünem Dach standen. Ich hänge noch ein Schild an, sonst fragen alle, wer hier jetzt wohnt.

An dem Pfahl hing ein Stück Kunststoff mit schwarzer Markerschrift: Parzelle 38 Andreas Müller.

Danke, erwiderte ich verlegen. Ich habe noch gar nichts

Macht nichts, sagte Peter und trat zurück zu seinem Zaun. Wie sehen Ihre Pläne aus? Wo wollen Sie Ihren Garten anlegen?

Ich öffnete das rostige Vorhängeschloss, schob das quietschende Tor auf und trat ein. Das Gras stand knietief, am Rand wucherte Unkraut, das Häuschen war abgeblättert, aber fest. Ich sah bereits ein Brettdiel rund um das Häuschen, ein paar bequeme Stühle, einen Grill und vielleicht eine Hängematte zwischen den Apfelbäumen.

Ich will ehrlich gesagt keinen Garten anlegen, sagte ich und stellte den Rucksack auf die Veranda. Ich möchte hier eher nun ja, eine Ruhezone schaffen, einen Tisch, etwas Schatten.

Ein kurzer Moment der Stille folgte, Peter runzelte die Stirn.

Ohne Beete, also?, fragte er. Gar nichts?

Vielleicht ein paar schwarze Johannisbeeren, versuchte ich zu scherzen. Und etwas Salat in den Kästen.

Peter zuckte die Schultern.

Na gut, meine Datsche, sagte er ohne Groll, aber mit deutlicher Verwunderung. Bei uns hat fast jeder einen Garten. Leere Erde ist doch ein Jammer. Man könnte Kartoffeln, Zwiebeln pflanzen aus eigenem Land, nicht aus dem Supermarkt.

Ich zuckte mit den Schultern.

Ich kaufe das im Supermarkt, erwiderte ich. Mir fehlt vor allem die Ruhe.

Peter schüttelte den Kopf.

Die Jugend von heute , murmelte er, obwohl ich ja erst siebenundvierzig war. Nur nicht später jammern, dass nichts zu tun ist.

Ich blieb allein zurück, nahm die Hülle vom Klappstuhl, breitete ihn vor dem Häuschen auf und setzte mich. Die Sonne stand hoch, das Gras war von den Schatten der Apfelbäume durchzogen. In der Ferne hörte man jemandes Hammer, roch nach feuchter Erde und nach dem Rauch eines alten Fasses, in dem das Vorjahresgras verbrannt worden war.

Ich holte aus dem Rucksack Thermoskanne und Tasse, füllte mir Kaffee ein und spürte plötzlich eine seltsame Gelassenheit. Keine Autos, keine lauten Nachbarn, kein Fernseher, der aus der Wand nebenan dröhnte. Nur vereinzelte Stimmen, das Bellen eines Hundes und das Rascheln der Blätter.

Genau dafür bin ich hierhergekommen, dachte ich.

Am selben Tag lernte ich noch eine weitere Nachbarin kennen. Links von meiner Parzelle, hinter dem Maschendraht, stand eine schmächtige Frau in einem breiten Strohhut, die in ihren Beeten wühlte.

Guten Tag, rief ich. Ich bin Andreas, der neue Nachbar.

Sie richtete sich auf, wischte sich die Hände am Kittel ab und trat zum Zaun.

Ich bin Liselotte, sagte sie. Habe gesehen, wie Sie das Häuschen angeschaut haben. Haben Sie es genommen?

Ja, lächelte ich. Ich will hier vor allem entspannen.

Entspannen, wiederholte Liselotte, als ob sie das Wort probieren würde. Aber wer arbeitet dann? Der Boden liebt es, wenn man ihn bearbeitet.

Ich bin Büroangestellter, erklärte ich. Den größten Teil des Jahres sitze ich am Rechner. Ich wollte einen Ort, an dem ich einfach im Gras sitzen kann.

Liselotte sah meinen Stuhl, den Rucksack, das Häuschen an.

Nun, passen Sie gut auf, sagte sie, fast mitleidig. Nur nicht alles liegen lassen. Wir hatten mal jemanden, der nur entspannte, dann wuchs das Gras bis zur Hüfte, die Mücken kamen in Scharen, und er verkaufte das Stück Land.

Ich versprach mir, nicht so zu enden. Ich wollte Ordnung, aber nicht in geraden Kartoffelreihen, sondern in einer gepflegten Wiese, einer Holzplattform und bequemen Sitzplätzen.

Am Abend, zurück im Häuschen, nahm ich ein Blatt Papier, skizzierte einen Plan: Häuschen, Scheune, Apfelbäume. Hier eine Holzplattform, damit kein Matsch entsteht. Dort ein Grill, ein mobiler Tisch, ein paar Blumenbeete mit pflegeleichten Pflanzen, vielleicht ein kleiner Teich, wenn die Kraft reicht.

Ich musste lächeln es fühlte sich an wie ein Kinderspiel, nur ernst gemeint.

Am nächsten Wochenende brachte ich einen Werkzeugkoffer und ein Maßband mit. Im Zug saßen zwei Frauen mit Sämlingen in Kisten und diskutierten, wann die Tomaten am besten gepflanzt werden sollten. Ich fühlte mich ein wenig fehl am Platz. Statt Sämlingen hatte ich ein Stück Geotextil und einen Katalog für Gartenmöbel im Rucksack.

Auf meinem Fleck zog ich zuerst die alten Bretter aus, die hinter der Scheune lagen, und begann, die zukünftige Plattform zu markieren. Die Sonne wärmte, Vögel zwitscherten, neben mir bearbeitete Peter mit seinem Motorsense die Erde, Liselotte deckte die Beete mit Folie ab und goss mit einer Gießkanne, während ihre Gummistiefel im nassen Erdreich platschten.

Pflanzt ihr denn nichts?, rief Peter über den Zaun.

Ich richtete mich auf, wischte mir den Schweiß von der Stirn.

Noch nicht, antwortete ich. Erst die Plattform, damit wir bequem sitzen können.

Dann sitzt ihr ja nur im Winter, wenn die Kartoffeln teuer werden, schmunzelte Peter.

Ach, lass das, misste Liselotte ein. Vielleicht hat er ja Geld.

Welches Geld?, wischte ich ab. Ich bin einfach nur müde.

Peter zuckte die Schultern, schwieg aber. Ich blickte wieder auf die Bretter. Vielleicht tat ich alles falsch? Alle um mich herum schufteten, ich baute nur eine Plattform, wie aus einem Werbeprospekt. Dann erinnerte ich mich an den Montagabend, als ich nach der Arbeit in der UBahn kaum noch Luft bekam und dachte: Ich brauche einen Ort, wo ich nichts beweisen muss.

Ich hob das erste Brett, stellte mir vor, wie es vor dem Häuschen liegen würde, und spürte, wie mein Entschluss fester wurde.

Zur Mittagszeit war die Plattform nur lose ausgelegt ein paar Bretter auf Ziegelsteinen. Schon konnte man darauf sitzen, die Beine ausstrecken, ohne dass die Schuhe im weichen Boden versanken. Ich holte aus dem Rucksack ein Brötchen, goss mir Tee aus dem Thermosbehälter und ließ mich auf den neuen Brettern nieder.

Ihr baut also schon eine Terrasse, rief Liselotte.

Terrasse, ja, korrigierte ich mich. Einfach nur, damit wir nicht im Dreck sitzen.

Der Komfort ist ebenfalls wichtig, sagte sie überraschend sanft. Bei mir gibt es nur Beete. Setzt man sich, stolpert man sofort über einen Eimer.

Ein Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus. Es wurde ein wenig wärmer im Inneren.

Am Abend war ich erschöpft, aber nicht weniger müde als nach einem Tag im Beet. Mein Rücken schmerzte, die Hände zitterten. Doch als ich das Grundstück verließ, sah ich nicht mehr ein verwildertes Stück Erde, sondern den Anfang von etwas Eigenem: das Häuschen, davor eine ebene Holzfläche, daneben ordentlich gestapelte alte Bretter, bereit für den nächsten Schritt.

So verging der Mai. Jeden Wochenende kam ich, baute, streichte, räumte auf. Ich stellte einen einfachen Holztisch auf, kaufte günstige Klappstühle im Baumarkt, hängte an der Hauswand eine Solarleuchte. Eines Tages brachte ich aus der Stadt einen etwas gebrauchten, aber noch soliden Grill mit, der bei einem Nachbarn auf dem Balkon stand.

Die Nachbarn sahen mich weiterhin mit leichtem Erstaunen an.

Haben Sie denn die Kartoffeln noch nicht gepflanzt?, fragte Peter, vorbeigehend mit einer Sense auf der Schulter.

Nein, antwortete ich. Ich habe Rasen gesät.

Rasen, ja, wiederholte Peter, als würde er das Wort kosten. Hier ist ja nicht England.

Liselotte kam gelegentlich vorbei, brachte Gurken oder Kräuter mit.

Alles ist schön bei Ihnen, meinte sie, während sie sich umsah. Aber ein wenig leer. Bei mir wächst alles, bei Ihnen nur Tisch und Stühle.

Ich widersprach nicht. Manchmal, wenn ich abends auf der Plattform saß und die benachbarten Beete beobachtete, schlich ein wenig Zweifel ein. Vielleicht wäre es besser, etwas zu säen? Vielleicht ist ein Ferienhaus ohne Garten einfach nur leer?

Eines Tages, als ich alte Kisten im Schuppen sortierte, kam Peter zu mir.

Hey Andreas, fährst du hier allein hin?, fragte er.

Bis jetzt ja, sagte ich. Meine Kinder sind beschäftigt, meine Ex hat ihr Leben. Freunde sagen nur, dass ich irgendwann kommen soll.

Und warum so viele Stühle?, fragte Peter und deutete auf die Plattform. Wie ein Café.

Ich wollte einen Platz, an dem man Leute hinsetzen kann, wenn sie besuchen, sagte ich und merkte, wie naiv das klang.

Peter zuckte die Schultern.

Na ja, ein Ferienhaus ist doch Arbeit. Entspannen kann man zu Hause, auf dem Sofa.

Nach seinem Weggang saß ich lange auf der Plattform, sah auf meine Stühle und hörte das leise Rauschen der Blätter. Ich dachte an meinen Vater, der mich früher zu seinem Ferienhaus bei der Weser fuhr. Dort stand man früh auf, grub Kartoffeln, jätete Karotten. Am Abend saß er auf einem Hocker, seufzte und sagte, ohne Arbeit geht nichts. Ich hatte damals nur geträumt, einfach im Gras zu liegen und die Wolken zu beobachten.

Jetzt hatte ich die Chance, es auf meine Weise zu tun. Doch die Erwartungen der anderen drückten nach wie vor.

Der Wendepunkt kam Mitte Juni. Die Stadt wurde heiß, die Arbeit stapelte sich, und ich merkte, dass ich ein paar Tage raus muss, sonst breche ich im Büro zusammen. Ich rief meinen Sohn an.

Sascha, sagte ich, komm am Wochenende zum Ferienhaus. Ich besorge Fleisch, wir nehmen Brettspiele mit. Du kannst jemanden mitbringen.

Sascha, zwanzig, wohnte im Studentenwohnheim und kam selten zu Besuch.

Zum Ferienhaus?, fragte er. Was soll ich dort machen?

Da gibt es einen Tisch, Stühle, Grill. Einfach nur sitzen, sagte ich, und in meiner Stimme lag die Bitte.

Er überlegte kurz.

Okay, ich überlege, wen ich einladen könnte.

Ich rief noch zwei Freunde Igor und Lena an. Sie wollten sich schon lange treffen, fanden aber nie die Zeit.

Zum Ferienhaus?, fragte Igor. Wirst du jetzt Gärtner?

Nein, lachte ich. Ich habe ein Ferienhaus ohne Garten. Kommt vorbei, dann seht ihr selbst.

Am Samstag kam ich zuerst. Im Rucksack: Fleisch, Gemüse, Brot, ein paar Flaschen Limonade. In einer separaten Tasche: Brettspiele, die zu Hause Staub gesammelt hatten. Ich hängte eine Lichterkette auf, wischte den Tisch ab, stellte die Stühle hin, zündete den Grill an. Der Duft von Kohle und Kiefern lag in der Luft.

Die Nachbarn waren bereits an ihren Parzellen. Peter schraubte mit dem Motorsense, Liselotte ließ Tomaten an der Folie trocknen.

Erwartet ihr Gäste?, rief sie über den Zaun.

Ja, antwortete ich. Sascha kommt, Freunde auch.

Wird lustig, grinste sie. Bei uns geht man früh ins Bett, also keine laute Musik bis spät.

Keine Sorge, sagte ich. Wir halten es leise.

Zur Mittagszeit kamen Sascha mit zwei Kommilitonen einem schmächtigen Typen mit Brille und einem Mädchen mit kurzen Haaren. Kurz darauf folgten Igor und Lena, die Salate und einen Kuchen brachten.

Als alle sich auf der Plattform niederließen, sah ich mein Ferienhaus mit fremden Augen: ein kleines Häuschen, davor eine Holzfläche mit Tisch und bunten Klappstühlen, ein Grill in der Ecke, umgeben von Apfelbäumen und den Parzellen der Nachbarn, die emsig arbeiteten.

Macht echt was her, sagte Igor und sah sich um. Wie aus einem Film, nur ohne Schwimmbad.

Schwimmbad kommt noch, witzelte ich. Aufblasbar.

Sascha grinste, aber in seinen Augen sah ich Zustimmung.

Ich dachte, hier gibt es Beete, sagte er. Aber hier kann man einfach nur sitzen.

Genau das ist die Idee, erwiderte ich. Hier muss nichts umgegraben werden.

Wir brieten das Fleisch, lachten, erzählten Geschichten, spielten ein Brettspiel, bei dem man Städte aus Karten bauen musste. Sascha stritt mit Igor über die Regeln, das Mädchen mit den kurzen Haaren erzählte von einem Ausflug nach Kärnten. Lena fotografierte die Lichterkette, die im Abendlicht zu flackern begann.

Die Nachbarn schauten immer wieder neugierig hin. Liselotte blieb ein paar Mal am Zaun stehen, als wäre es Zufall. Peter, mit einem Eimer voll Erde, blieb kurz stehen.

Kommt doch rein, rief ich, als ich ihn sah. Wir grillen.

Peter zögerte.

Ich habe noch Arbeit, murmelte er. Muss noch die Kartoffeln jäten.

Fünf Minuten, sagte ich. Nur ein kurzer Ausklang.

Peter kam doch, setzte sich an den Rand der Plattform, hielt unbeholfen das Tablett.

Bei euch ist das ja wie im Café, sagte er, blickte sich um. Nur ohne Kellner.

Als die Sonne hinter den Apfelbäumen unterging, spürte ich, dass dieses einfache Zusammensein die wahre Ernte meines Lebens war.

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Homy
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