Und du hast mir nicht geglaubt
Zwei Tage später rief Verena an. Diesmal hörte sich ihre Stimme besorgt an.
Ich habe es dir doch gesagt, meine Freundin, dein Thomas ist ein sehr verdächtiger Typ! Aber du wolltest mir nicht glauben Jetzt habe ich allerdings Beweise!
Was für Beweise denn? staunte Ute und spürte einen unangenehmen Schauer den Rücken hinunterlaufen.
Was sie wohl über meinen Lieblingsmann herausgefunden hat?
*****
Nicht umsonst sagt man in Deutschland: Eile mit Weile.
Mit ihren 26 Jahren hatte Ute dieses Sprichwort schon oft gehört und sich immer vorgenommen, es zu beherzigen.
Sicherheitshalber, versteht sich.
Doch an jenem unglückseligen Abend blieb ihr keine andere Wahl: sie kam mit zwei prall gefüllten Einkaufstaschen aus dem Rewe, sah die Straßenbahn, die schon mit offenen Türen an der Haltestelle stand, und…
…lief los.
Warten Sie bitte! rief Ute dem Straßenbahnfahrer zu, der gerade telefoniere und sie natürlich nicht hören konnte.
Dann passierte das, womit Ute nie gerechnet hätte. Sie stürzte
Genauer gesagt: erst brach ihr Absatz ab, dann knickte sie um und fiel schließlich der Länge nach hin, wobei sie ihre neuen Strumpfhosen am Knie zerriss.
Ein Teil der Lebensmittel, die Ute gerade im Supermarkt gekauft hatte, verteilte sich auf den Gehweg.
Hilflos blickte Ute zur Straßenbahn, die scheinbar unbeeindruckt und absichtlich langsam von der Haltestelle losrollte, und ihre Augen wurden plötzlich feucht.
Nicht zu fassen
Da fiel ihr das Sprichwort ein und ein kaum sichtbares Lächeln huschte über ihr Gesicht. Man soll eben nicht hetzen
Genug Abenteuer für heute. Ich nehme ein Taxi und fahre entspannt nach Hause! dachte sich Ute und verzog vor Schmerz das Gesicht. Ich muss ja erst mal hochkommen.
Plötzlich tauchte neben ihr eine männliche Silhouette auf. Ute konnte das Gesicht nicht genau erkennen, hörte aber den angenehmen, Gänsehaut verursachenden Klang seiner Stimme.
Warum so eine Eile, junge Dame? Haben Sie sich doll wehgetan? Ich helfe Ihnen gerne.
Ich wollte die Bahn erwischen, die nächste kommt erst in einer halben Stunde, seufzte Ute und streckte eine Hand aus.
Der Mann half ihr auf die Beine. Anschließend sammelte er die verstreuten Lebensmittel wieder ein.
Vielen, vielen Dank, sagte Ute und sah, dass der Mann sehr freundliche Augen hatte. Sie wollte schon die Tüten entgegennehmen, da lächelte er geheimnisvoll und rückte sie nicht heraus.
Wissen Sie was, ich fahre Sie nach Hause.
Nach Hause? Mich? Ute war sichtlich überrascht. Schon gut, ich rufe ein Taxi und fahre gemütlich, machen Sie sich keine Sorgen.
Ein Taxi brauchen Sie nicht zu rufen, lachte der Mann. Ich bin selbst Taxifahrer. Lassen Sie mich Ihnen bis zum Auto helfen.
In einer anderen Situation hätte Ute bestimmt lange überlegt, ob sie zustimmen sollte. Jetzt aber
Jetzt wollte sie einfach nur nach Hause. Außerdem machte der Mann einen sympathischen Eindruck auf sie. Im Gegenteil, seine Freundlichkeit zog sie förmlich an.
Der Fahrer stellte sich als Thomas vor und versuchte, Ute mit lustigen Taxigeschichten aufzumuntern.
Einmal hat sich eine Dame über mich beschwert, weil sie viel zu schnell am Ziel war, grinste Thomas.
Wie das? Ute musste lachen.
Also, sie hatte um acht ein Taxi bestellt, um um neun in den Friseursalon zu gehen. Normalerweise hat es wegen des Feierabendverkehrs immer Verspätung. Ich bin aber eine Abkürzung gefahren und war in einer halben Stunde da. Da ruft sie beim Callcenter an: Was soll ich denn jetzt noch eine halbe Stunde draußen stehen?
Ja, das hätte mir auch passieren können
So, wir sind da, Ute. Das ist doch Ihr Haus, richtig?
Ja, das ist richtig
In welchem Stock wohnen Sie?
Entschuldigung, aber warum wollen Sie das wissen?
Ich möchte nur helfen, die Taschen hochzutragen. Mit verstauchtem Fuß schaffen Sie das nicht allein!
Ute war unschlüssig. Einerseits war sie wirklich auf Hilfe angewiesen, andererseits wollte sie niemand Fremden wissen lassen, in welcher Wohnung sie wohnte.
Keine Sorge, Ute. Ich meine es ehrlich gut. Ich nehme von Ihnen auch kein Geld.
Das geht aber nicht, protestierte Ute. Sie sind im Dienst, also zahle ich für die Fahrt.
Nicht bei Ihnen. Versuchen Sie es gar nicht erst.
Ute zuckte mit den Schultern, holte einen zerknitterten Zehn-Euro-Schein aus der Tasche und ließ ihn auf dem Vordersitz liegen.
Ganz unauffällig legte Thomas den Schein in eine Einkaufstasche, öffnete den Kofferraum und half Ute aus dem Auto bis vor ihre Wohnungstür.
Vielen Dank noch einmal, Thomas.
Schon gut, lächelte er. Und wenn Sie wollen, fahre ich Sie morgen zur Arbeit. Wäre kein Problem.
Was, wollen Sie jetzt mein persönlicher Fahrer werden? scherzte Ute.
Warum nicht?
So lernten sie sich kennen. Jeden Morgen brachte Thomas Ute zur Arbeit, abends holte er sie ab.
Das Kuriose: Er wollte nie Geld.
Thomas, nehmen Sie eigentlich mit allen Kunden kein Geld? Oder habe ich einfach nur Glück? hakte Ute nach.
Ute, wir waren doch beim Du. Thomas zwinkerte.
Oh, stimmt. Entschuldige, ich muss mich erst daran gewöhnen, immerhin kennen wir uns noch keine Woche. Aber, wie ist das jetzt mit dem Geld?
Du hast einfach Glück, schmunzelte Thomas.
Aus der Zufallsbegegnung wurde ein erstes Date, abendliche Café-Besuche und Spaziergänge an der Isar in München. Ute mochte diesen Mann.
Sie hätte nie gedacht, dass jemand so zuvorkommend als Taxifahrer arbeiten könnte.
Nach einem Monat stellte Ute Thomas ihrer besten Freundin vor. Sie wollte Verenas Meinung hören.
Irgendetwas passt mir nicht bei ihm, meinte Verena, als sie mit Ute allein war.
Was denn? Er ist doch in Ordnung! Sympathisch, gut aussehend, Nichtraucher
Genau das ist komisch, Ute. Ich bin früher oft Taxi gefahren, aber so einen wie Thomas habe ich nie erlebt. Er wirkt zu nett, als würde er nicht dazu gehören.
Worauf willst du hinaus?
Dass Thomas nicht der ist, für den er sich ausgibt. Vielleicht ist er sogar ein Betrüger.
Aber Betrüger sind doch meistens aufs Geld aus, und Thomas wollte nie etwas.
Gerade das ist komisch. Welcher deutsche Taxifahrer fährt dich kostenlos quer durch München? Sie verdienen ohnehin nicht viel, und auf einmal so viel Großzügigkeit Meistens machen das nur Leute, die das Vertrauen gewinnen wollen. Du wolltest meine Meinung, Ute ich finde, dieser Thomas ist dubios.
Verenas Worte brachten Ute ins Grübeln. Einerseits wollte sie ihr nicht ganz zustimmen, aber etwas Wahres war vielleicht dran.
Thomas war ihr wirklich wie vom Himmel gefallen und so perfekt wie ein Märchenprinz.
Was, wenn er wirklich ein Prinz war?
Ute entschied, sich weiterhin mit Thomas zu treffen, die Dinge aber entspannt anzugehen zumindest, bis sie ihn besser kannte. Und dann würde sie weitersehen.
*****
Was ist los? Etwas auf der Arbeit? fragte Thomas, als Ute ins Auto stieg.
Nein, alles gut. Es ist nur so
Was denn?
Weiß nicht, ob du das verstehst Verena, meine Freundin, die du kennengelernt hast, arbeitet ehrenamtlich im Tierheim. Sie sagt, seit Wochen kommt kaum einer vorbei, manchmal tagelang niemand Das ist so traurig, denn die Tiere haben keine Chance auf ein gutes Zuhause. Sie platzen aus allen Nähten, und das Personal ist fix und fertig. Ich würde selbst gerne ein, zwei Katzen adoptieren, aber meine Vermieterin erlaubt keine Tiere.
Ute erzählte Thomas von einem grauen Kätzchen, das sie kürzlich am Bahnhof in einem Karton gefunden hatten mager, voller Angst und Hunger. Und auch von einem getigerten Kater mit verletztem Bein, der vorm Standesamt ausgesetzt wurde, und von noch vielen weiteren Schicksalen.
Jede Woche werden neue Tiere gefunden und abgegeben. Viele Geschichten bringen einen zum Weinen. Bald wissen sie wirklich nicht mehr, wohin mit all den armen Seelen
Das tut mir leid. Und wo ist dieses Tierheim?
Direkt am Stadtrand, antwortete Ute. Das ist ein Grund, warum kaum jemand vorbeischaut.
Am nächsten Tag rief Verena schon früh an. Ute hörte sofort, dass etwas passiert war.
Hallo Ute. Stell dir vor rate, wer heute bei uns im Tierheim war?
War es etwa der Oberbürgermeister persönlich?
Dein Thomas. Und weißt du, was er getan hat?
Nein
Er hat ein Kätzchen mitgenommen! Er sagte, er wollte helfen, weil wir so eine schwierige Zeit haben. Hast du ihm von uns erzählt?
Ja, das habe ich und anscheinend war das auch gut so. Welches Kätzchen hat er denn mitgenommen? Das graue, das schwarze oder den getigerten?
Das Graue. Aber ehrlich, mir ist nicht nach Feiern zumute. Mir ist Thomas nicht geheuer.
Mensch, Verena, sei doch nicht so kindisch. Du musst ihn ja nicht mögen, aber leugnen kannst du nicht, dass das eine gute Tat war!
Ob es wirklich eine gute Tat war, das wissen wir noch nicht
Was hast du bloß, Freundin? Der Mann nimmt einem Katerchen das Leid. Für dich sollte das Grund zur Freude sein.
Bevor Verena etwas erwidern konnte, wurde sie abgerufen und musste auflegen.
Noch am selben Abend spazierte Ute mit Thomas im Englischen Garten und wartete darauf, dass er endlich zugab, ein Katzenkind aus dem Tierheim geholt zu haben. Er schwieg aber eisern.
Thomas
Ja?
Warum sagst du nichts darüber, dass du im Tierheim warst und eine Katze abgeholt hast?
Hat dir Verena das gesteckt?
Genau! Dachtest du, das bleibe ein Geheimnis? Ich wollte mich einfach bedanken. Das macht nicht jeder Mann.
Eben, deshalb habe ich auch nichts gesagt. Ich wollte nicht, dass du mich dafür großartig lobst. Ich habe das gemacht, weil ich helfen wollte, und nicht, um gelobt zu werden.
Ich weiß
Allmählich begriff Ute, dass Thomas wirklich ein herzensguter Mensch war die Zweifel, die Verena in ihr gesät hatte, kamen ihr unfair vor. Vielleicht ist sie einfach eifersüchtig? schoss ihr durch den Kopf, aber sie verwarf den Gedanken sofort. Verena war zwar eigenwillig, würde aber nie auf ihre beste Freundin neidisch sein.
So war sie einfach nicht
*****
Zwei Tage später klingelte wieder das Handy. Verenas Stimme bebte, Ute hörte sogar ein Schluchzen.
Ich habs dir ja gesagt, Thomas ist seltsam! Aber du hast mir nicht geglaubt Nur, jetzt habe ich endlich Beweise!
Was denn für Beweise? Ute bekam eine Gänsehaut
Was kann sie nur über meinen Liebsten herausgefunden haben?
Er war schon wieder im Tierheim. Gestern und vorgestern!
Wollte er die Katze zurückgeben?
Nein, Ute. Er hat noch zwei weitere mitgenommen
Und was ist schon dabei?! Viele leben mit mehreren Katzen zusammen, das ist nicht ungewöhnlich.
Ach, und das findest du gar nicht merkwürdig? Drei Katzen für einen ledigen Taxifahrer? Weißt du, wie die Leute in dem Job arbeiten? Wer hat da noch Zeit für Tiere? Und Thomas ist ja nunmal Single.
Vielleicht wollte er einfach helfen, Verena.
Warum hat er dann nicht direkt alle drei auf einmal genommen? Das findest du nicht seltsam?
Vielleicht hatte er noch nie Katzen, hat erst mal eine geholt und dann gemerkt, dass es klappt.
Und warum waren das immer verschiedene Tage und verschiedene Helferinnen? Warum?!
Ute wusste darauf keine Antwort ihr fehlten selbst die Erklärungen.
Ich frage ihn einfach sagte sie und legte auf. Hoffentlich kann Thomas das erklären
*****
Sag mal, Thomas, willst du mich nicht mal zu dir nach Hause einladen? Du warst ja schon bei mir, ich aber noch nie bei dir sagte Ute, als sie zusammen aus dem Café kamen.
Klar, aber heute leider nicht. Ich habe es da nicht aufgeräumt
Aha Und wie gehts deiner Katze? Hast du schon einen Namen für sie gefunden?
Die Katze ist wohlauf, danke. Und einen Namen dafür ist immer noch Zeit, Thomas lächelte.
Nach dem Gespräch wurde auch Ute misstrauisch. Thomas hatte sie nie belogen, aber diesmal hatte sie das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Kein Name, kein Wort zu den anderen Katzen
War Verena am Ende doch im Recht? Wer war Thomas eigentlich und warum sammelte er Stubentiger?
Am nächsten Tag traf sich Ute mit Verena und berichtete von ihren Sorgen.
Siehst du? Irgendwas ist komisch! Hätte er in meiner Schicht eine Katze abgeholt, hätte ich gleich gefragt: Wozu so viele Katzen? Aber er kam immer zu unterschiedlichen Freiwilligen, und alle sind froh, dass die Kitten wegkommen. Wahrscheinlich wusste er auch genau, wie überfordert wir sind. Das hast du ihm ja selbst erzählt, Ute!
Aber ich verstehe trotzdem nicht, wofür er die Katzen braucht. Er ist doch ein guter Mensch
Das kannst du gar nicht wissen! Er hat dich nie zu sich mitgenommen! Warum wohl?!
Na warum?
Weil er gar keine Katzen zu Hause hat! Und er weiß, dass du das bemerkst!
Oh Gott, das darf nicht wahr sein
Andere Erklärung habe ich nicht, seufzte Verena schwer. Wir haben die Katzen einem Tierquäler überlassen!
Verena! Warum sollte ein Tierquäler im Tierheim Katzen holen? Wären Straßenkatzen nicht viel einfacher zu kriegen?
Ich weiß es nicht, Freundin. Ich glaube aber, wir müssen dringend die Polizei einschalten.
Oder vielleicht kriegen wir es selbst raus!
Und wie? Hast du einen Plan?
Ja!
*****
In den nächsten Tagen verbrachten Ute und Verena viel Zeit im Tierheim, um Thomas zu erwischen. Wenn ihre Vermutung stimmte, musste er wiederkommen.
Ute erzählte Thomas, dass sie auf Geschäftsreise sei.
Das war zum einen Teil des Plans, zum anderen brachte sie der Mann, von dem sie so vieles nicht wusste, sowieso aus dem Gleichgewicht…
Ute, er ist da Sucht schon die nächste Katze aus. Und grinst dabei.
Dann stimmt es also Wie konnte ich mich nur so täuschen? Hat er dich gesehen?
Nein, ich beobachte alles aus dem Fenster.
Dann machen wir es, wie abgemacht. Zeit, der Geschichte ein Ende zu setzen.
*****
Sobald Thomas das Tierheim verließ, setzten sich die beiden Frauen, aufgeregt und voller Herzklopfen, in Verenas Kleinwagen und folgten Thomas quer durch die Stadt.
Es fiel ihnen auf, dass er das Katzenkind die ganze Zeit dabeihatte.
Wer weiß, was solche Menschen im Kopf haben
Schließlich hielt Thomas vor einem Mehrfamilienhaus in Münchens Schwabing.
Er bringt einen Kunden heim, meinte Ute leise.
Sieht so aus
Aus dem Auto stieg eine ältere Frau, etwa sechzig Jahre alt, die Thomas kurz davor am Supermarkt abgeholt hatte. Er sprach ein paar Worte mit ihr und übergab ihr das Kätzchen.
Ich halt das nicht mehr aus, ich muss wissen, was los ist! sagte Ute.
Sie sprang aus dem Auto und rannte zu Thomas. Der schaute sichtlich überrascht auf.
Ute? Was machst du denn hier? Du wolltest doch auf Geschäftsreise sein!
Ich bin wieder da, antwortete Ute scharf. Hast du mir was zu beichten?
Wie bitte?
Tu nicht so. Was machst du mit diesen armen Tierheimkatzen? Sag nicht, sie leben bei dir ich weiß, dass du keine hast! Ich hätte nie gedacht, dass du einer dieser Tierquäler bist!
Ute, spinnst du?
Die ältere Frau schaute entsetzt von Thomas zu Ute und verschwand dann schnell im Haus.
Na bravo, Ute was hast du da jetzt wieder veranstaltet? seufzte Thomas und drückte das Kätzchen an sich.
Erklär mir, was los ist! Warum holst du Katzen aus dem Tierheim? Was machst du mit ihnen?
Gar nichts. Ich vermittle sie weiter an Menschen, die sich wirklich auskennen und Verantwortung übernehmen wollen. Du selbst hast doch gesagt, dass im Tierheim kaum einer vorbeikommt. Also habe ich beschlossen zu helfen.
Du gibst Tierheim-Kätzchen an irgendwelche Leute ab?
Nicht an irgendwen. Ich kenne mich mit Menschen inzwischen gut aus, glaub mir
Da kam Verena dazu, der das Warten im Auto zu bunt wurde.
Quatsch bloß nicht, Ute, der redet dich wieder um den Finger!
Warte, Verena
Wisst ihr was? Lass uns ins Café nebenan gehen, ich erzähle euch alles. Ab jetzt mit offenen Karten.
Ute und Verena schauten sich überrascht an, folgten Thomas dann aber doch.
Im Café erzählte Thomas:
Mein Bruder arbeitet auch als Taxifahrer, ist aber vor kurzem gestürzt und hat sich das Bein gebrochen. Weil sein Lohn vom Ranking abhängt und er den nicht verlieren sollte, helfe ich ihm für ein paar Wochen aus.
Und was ist mit deiner Arbeit? Hast du keine? fragte Ute.
Doch, klar ich leite einen Zoofachladen. Ich habe einfach ein Herz für Tiere und bin so zum Tierheim gefahren, um zu helfen. Ich biete jedem meiner Fahrgäste, der Interesse zeigt, ein Tier zum Vermitteln an. Ich erzähle alles, was ich weiß und wem ich vertraue, der bekommt eins. Außerdem gebe ich Rabatt im Fressnapf dazu.
Sag mal, bist du etwa der Besitzer eines Zoofachgeschäfts? Ute staunte.
So siehts aus.
Ein paar Minuten lang herrschte am Tisch Stille. Die beiden Frauen mussten die neue Wahrheit erst verdauen.
Da, schau an unser Thomas ist also doch unschuldig, lachte Ute und blickte zu ihrer Freundin. Du hast mir nicht geglaubt, dass er ein guter Typ ist. Dabei haben wir ihm zu Unrecht misstraut.
Woher hätte ich es denn wissen sollen, Verena zuckte mit den Schultern. Aber immerhin, mit dem Taxifahrer hatte ich recht: er ist gar keiner! Und dass er ein ordentlicher Mensch ist, freut mich natürlich.
Übrigens biete ich euch an, euer Tierheim weiterhin zu unterstützen, auch mit Futter, falls nötig.
Das ist gut. Sachspenden sind immer willkommen!
Und was passiert jetzt mit dem Kätzchen, dem du noch kein Zuhause finden konntest? fragte Ute.
Das nehme ich natürlich selbst. Es soll ja nicht zurück ins Tierheim.
Kann ich dich jetzt endlich mal besuchen, oder sieht es wieder aus wie Hulle?
Diesmal ist alles sauber. Also: herzlich willkommen!
An diesem Abend kam Ute zum ersten Mal zu Thomas nach Hause. Ihre letzten Zweifel schwanden, als sie seine beiden Katzen friedlich auf dem Sofa liegen sah.
Wer Tiere liebt, wird ihnen niemals etwas antun. Und jetzt gabs sogar ein drittes Kätzchen. Anfangs war der Kleine noch etwas schüchtern, aber Thomas versprach, dass seine Katzen ganz lieb sind und Ute glaubte ihm.
*****
Einige Zeit später zog Ute zu Thomas, und sie wurden eine große, glückliche Familie.
Mausi (so nannten sie das rot-weiße Kätzchen) hatte sich inzwischen wunderbar eingefunden. Sie war nicht mehr schüchtern die älteren Katzen mussten sich manchmal vor ihr verstecken, weil sie so spielwütig war.
Thomas’ Bruder Matthias war von seinem Beinbruch genesen und wieder im Dienst. Wenn er mal frei hatte, borgten sich Thomas und Ute sein Taxi, holten auf Verenas Empfehlung ein Kätzchen aus dem Tierheim, und fanden fast immer noch am selben Tag eine neue Familie dafür.
Denn Katzen brauchen Menschen, und viele Menschen wissen manchmal gar nicht, wie sehr sie eine Katze brauchen.
Manchmal steckt das große Glück eben in kleinen Taten und im offenen Herzen.
Das Leben lehrt: Misstrauen ist manchmal berechtigt, aber echte Freundlichkeit erkennt man daran, wozu ein Mensch bereit ist, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Offenheit führt oft zum (Katzen-)Glück auf beiden Seiten.



