Ich sitze zuhause, als plötzlich die Klingel geht. Ich öffne vor mir steht eine Frau. Ganz gewöhnlich, weder hübscher noch jünger als ich, etwa mein Alter. Sie sagt:
Guten Tag, hätten Sie kurz Zeit, mit mir über Volker zu sprechen? Ich bin nämlich die Geliebte Ihres Mannes.
Na, das fängt ja herrlich an, der Abend. Aber wissen Sie, solange jemand höflich mit mir spricht, bleibe ich ebenfalls höflich bis zum letzten Schuss, solange uns nicht der Schlag trifft.
Na dann, kommen Sie rein, sage ich. Reden wir über unseren Volker.
Ich finde es schön, dass Sie mich nicht gleich mit dem Kochlöffel verjagen, sagt sie. Ich bin da empfindlich, und mir hat man schon gesagt, Sie seien eine gebildete und umgängliche Frau!
Das habe ich auch über Sie gehört, antworte ich. Warten Sie, lassen Sie mich überlegen Sie sind siebenunddreißig, alleinerziehende Mutter, mit mittlerer Reife
Nein, jetzt habe ich schon mein Hochschulzeugnis! sagt sie bescheiden. Fernstudium abgeschlossen.
Wenn ich nicht irre Sie sind Annemarie Viktoria? frage ich, während ich den Wasserkocher anstelle.
Genau, sagt die Geliebte. Und Sie sind Annemarie Johanna? Wir heißen sogar gleich!
Das frage ich mich auch, sage ich. Wieso braucht Volker eine Ehefrau und eine Geliebte mit demselben Namen? Mangel an Fantasie oder pflegt er alte Traditionen?
Ich glaube, das ist ganz pragmatisch, sagt Annemarie Nummer Zwei. Er muss keine Angst haben, beim Namen etwas durcheinanderzubringen. Volker ist ja ein schlauer Kerl.
Unendlich schlau! erwidere ich. Und seine Fantasie beneidenswert, wenn man bedenkt, dass unsere Tochter auch Annemarie heißt.
Mein Sohn heißt übrigens auch Alex, sagt sie. Auch von Volker.
Ich weiß Bescheid, sage ich. Solche Dinge machen schnell die Runde. Unser Volker nimmts mit Namen nicht so genau. Setzen Sie sich, trinken wir einen Tee. Sie haben ja sogar Kuchen mitgebracht!
Ja, sagt Annemarie-2. Keine Angst, der ist nicht vergiftet. Wir sind ja keine Rivalinnen, sondern Schwestern im Unglück. Ich bin zivilisiert, warum sollte ich Sie umbringen?
Haben Sie den Kuchen aus dem Rewe? frage ich.
Ja, den von der Ecke.
Rewe-Kuchen da braucht man keine Angst vor Gift zu haben, die sind eh schon… Wie viel Zucker möchten Sie?
Wir sitzen also, trinken Tee mit Volkers Geliebter. Ich frage:
Na, erzählen Sie, liebe Namensvetterin, was führt Sie zu mir?
Ich bin praktisch, aber kein Unmensch, sagt Annemarie-2. Mit Volker müssen wir eine Lösung finden. Was haben Sie ihm denn gestern angetan?
Wir haben gestern Möbel im Kinderzimmer gerückt, sage ich. Warum auch nicht?
Sie schonen den Mann wirklich nicht! tadelt Annemarie-2. Nach Feierabend wollte er bei mir noch den Küchenschrank montieren. Und? Kam an, fiel aufs Sofa und war zu nichts mehr zu gebrauchen wie eine ausgepresste Zitrone. Ich habe ihm die Lenden mit Tigerbalsam eingerieben, aber als Arbeiter taugt er dann nichts weder für Paraguay noch für die Bundeswehr.
Tut mir leid, sage ich. Was hat denn Ihr Küchenensemble gekostet?
Achtzehnhundert Euro, sagt Annemarie-2. Aber die Farbe passt perfekt zu den Fliesen. Also, wie machen wir weiter mit Volker?
Lassen Sie ihn ruhig heut Nacht bei Ihnen, schlage ich vor. Was soll ich mit einem Mann ohne Rücken?
Darum geht’s mir gar nicht, sagt Annemarie. Es geht ums Prinzip. Mein Kind sieht seinen Vater kaum. Bald ist Gartenzeit, ich will die Küche renovieren
Fassen Sie sich ein Herz, dränge ich sie. Was schwebt Ihnen vor?
Ich hätte ein geschäftliches Angebot, sagt Annemarie-2. Lassen Sie uns Volker einfach fair aufteilen.
Wie? sage ich. Quasi als Aktiengesellschaft? AG Ehemann Volker?
Genau so! sagt Annemarie-2. Es ist einfach ungerecht, dass er fünfeinhalb Tage bei Ihnen ist und nur eineinhalb bei mir! Könnten Sie nicht noch zwei Tage abgeben? Ich habe dreihundert Quadratmeter Beete, soll ich wieder den Sommer allein umgraben? Kaum kommt Volker, fragt er erst mal nach Salat!
Machen Sie ihm den mit Meerrettich? Oder den Käse-Knoblauch-Salat?
Das kann ich leider nicht, sagt Annemarie-2. Volker meinte schon, Ihre Salate wären kreativer. Verraten Sie mir Ihr Rezept?
Dafür verwöhnen Sie ihn mit gefülltem Hähnchen, sage ich. Hat er im Hof schon mit geprahlt. Tauschgeschäft?
Wir tauschen Salat- gegen Hähnchenrezepte, schenken die zweite Tasse Tee ein.
Einen ganzen Volker brauch ich auch nicht, sagt Annemarie-2. Aber ein bisschen schon. Es ist schön, wenn mal so ein Rüpel Socken auf dem Kopfkissen hinterlässt und auf dem Balkon raucht dann hat man wenigstens einen Grund, zu schimpfen. Teilen wir Volker also?
Wie die Marktaufseher auf dem Wochenmarkt? Immer zwei Tage Dienst, zwei frei?
Von mir aus! sagt die Geliebte. Mittwochs und samstags brauche ich ihn nicht, aber donnerstags und freitags nehme ich ihn gern. Klassentreffen steht an wenn ich alleine erscheine, gelte ich sonst wieder als alte Jungfer…
Einverstanden, sage ich. Bis Samstag überlasse ich ihn Ihnen. Aber geben Sie ihm beim Treffen nicht zu viel Fettiges, und achten Sie auf gutes Essen dazu. Und wie machen wir das mit Volkers Gehalt?
Sein Geld will ich nicht, ich verdiene selbst für mich und meinen Sohn! sagt Annemarie-2. Wenn er Alex mal was kauft oder mit ihm ins Schwimmbad geht, gerne. Ihr Kind ist ja quasi auch meins.
Wir erstellen also einen Übergabeplan für Volkers Dienste in beiden Familien. Vereinbaren: Bei Übergabe des Ehemannes stets rasiert, satt, ordentlich gebügelt, gepflegt, keine sichtbaren Mängel, Socken unversehrt.
Nicht zu vergessen die AG Ehemann Volker muss besänftigt und bereit für diese Dreiecksbeziehung sein. Satte und zufriedene Stimmung, nach Möglichkeit auch körperlich entspannt.
Was, wenn bei mir na, sagen wir, Damenprobleme auftreten? Oder bei Ihnen? fragt Annemarie-2 etwas verlegen.
Kein ärztliches Attest nötig, ich glaube Ihnen aufs Wort, sage ich. Geben Sie mir einfach rechtzeitig Bescheid, dann übernehme ich. Allerdings weiß ich aus Erfahrung ist Volker satt und liegt mit der Fernbedienung auf dem Sofa, ist er für Frauen ungefährlich.
Stimmt leider, sagt Annemarie-2 ziemlich betrübt. Im ersten Jahr hat sich die AG Fremder Mann Volker noch übertroffen, im zweiten war schon Sand im Getriebe, und jetzt Fertig bringt er nur noch 30-40% zu spät, zu wenig. Es ist Mai, und für April hat er mir noch nicht mal einen vollständigen Rechnungsausgleich in Sachen Zweisamkeit geliefert! Aber Beete umgraben oder mich zum Klassentreffen begleiten dafür reicht es immerhin.
Wir essen den letzten Bissen von Rewe-Kuchen, unterschreiben den Vertrag. Jede behält eine Kopie, wir schütteln Hände.
Danke! sagt meine Ex-Mitstreiterin sichtlich erleichtert. Danke, dass Sie nicht gleich losgepoltert und mit der Bratpfanne auf mich los sind. Sie sind wirklich eine kluge und kultivierte Frau, Annemarie Johanna! Ich geh jetzt, Volker die frohe Botschaft zu bringen. Er ist das ewige Lügen satt.
Als sie gegangen ist, hefte ich den Vertrag in meinen Ordner ab. Dort liegt noch ein geplanter Vertrag. Mein alter Schulfreund, Boris Siegfried, seit Jahren heimlich in mich verliebt, hat sich angemeldet, hin und wieder in Volkers Abwesenheit dessen Pflichten zu übernehmen.
Diesen Vertrag habe ich aber bislang noch nicht unterschrieben. Ich lasse mir Zeit zum ÜberlegenIch betrachte die beiden Verträge nebeneinander. Einer frisch, sauber, geplant aus Gleichmut und Gelassenheit geboren der andere ein vorsichtig gefalteter Entwurf, lang in der Schublade versenkt, voller unausgesprochener Sehnsucht.
Draußen wird es langsam dunkel, ich höre im Flur Volkers Schritte und das übliche Klackern seines Schlüssels. Noch ahnt er von all dem nichts, ahnt nicht, dass zwei Annemaries heute dafür gesorgt haben, dass aus Chaos neue Regeln des Alltags werden.
Doch während ich den letzten Krümel Kuchen zerdrücke, spüre ich, wie leicht mein Herz geworden ist. Vielleicht ist das alles das Geheimnis: den Anteil nehmen, der einem wirklich zusteht und den Rest mit einem Lächeln loslassen.
Ich schließe die Ordner, drehe mich um zu meinem Spiegelbild im Küchenfenster. Draußen leuchtet eine Straßenlaterne, drinnen zieht der Duft von Tee durch den Raum. Meine Tochter ruft nach mir, irgendwo im Haus klingt leises Lachen.
Der Vertrag mit Boris bleibt noch ununterschrieben. Nicht aus Treue, sondern weil ich heute spüre, dass mein eigenes Leben vielleicht mehr ist als nur Abteilungen einer AG, mehr als Listen mit Pflichten und Quartalszahlen der Zweisamkeit. Vielleicht wird es Zeit, einen dritten Vertrag aufzusetzen: mit mir selbst, nur zu meinen Bedingungen.
Ich nehme mir noch eine Tasse Tee und denke: Morgen ist auch noch ein Tag. Und er gehört ganz allein mir.



