Das aufgetaute Herz

Das aufgetaute Herz

Es war ein Frühling, wie ihn Deutschland lange nicht gesehen hatte mild und freundlich, so dass das Herz von selbst einen Takt aussetzte und ein Lächeln auf den Lippen stand. Schon in der Mitte des März war der meiste Schnee dahingeschmolzen, hinterließ nur einige traurige, graue Inseln im Schatten der Stadthäuser. An den Bäumen schwollen dicke Knospen, bereit, jeden Moment zu platzen und zarte, grüne Blätter hervorzuschicken. In der Luft lag ein Hauch von ersten Blumen fein, beinahe wie ein Wispern der erwachenden Natur nach dem langen Winterschlaf.

Die Sonnenstrahlen, hell und warm, fielen durch die leichten Gardinen in Julias Zimmer, malten tanzende Flecken auf das Parkett. Es schien, als würden sie spielen und Julia nach draußen, ins Licht und in den Frühling locken. Sie saß auf dem breiten Fensterbrett, die Knie umschlungen, und blickte nachdenklich in den Innenhof. Sie war erst vierzehn, hatte aber bereits begriffen, dass das Leben selten fair ist und das Glück manchmal so schnell vergeht wie der Tau am Morgen.

Alles begann vor zwei Jahren, ebenfalls im Frühling die Erinnerung daran war Julia schmerzhaft nah. Die Sonne schien, der Himmel war klar, und der Wind zerzauste das Haar derjenigen, die es wagten, ohne Mütze durch München zu gehen. Julia kam aus der Schule voller Stolz und Aufregung: Heute hatte sie erfahren, dass sie den ersten Platz bei der Stadtolympiade gewonnen hatte.

Papa, ich habe so eine tolle Neuigkeit!

Aber niemand kam ihr entgegen. Es war still, unheimlich still. Julia spürte, wie Kälte ihr Herz erfasste, ein leiser Alarm, als zöge ein eisiger Schatten ein. Im Wohnzimmer blieb sie stehen wie angewurzelt.

Ihre Mutter stand am Fenster, den Koffer in der Hand glänzend, mit bunten Aufklebern, als stamme er aus einer glücklicheren Welt. Neben ihr stand Julias Vater und sah aus, als hätte man ihm das Herz zusammengedrückt.

Julia, mein Schatz, wandte sich die Mutter ihr zu, die Stimme zitternd, ich reise ab. Ich habe jemanden kennengelernt und wir werden zusammen wohnen.

Julia konnte es nicht fassen. Gerade eben hatte sie sich noch auf das Erzählen ihres Sieges gefreut, und nun war auf einen Schlag alles anders in ein Davor und Danach gespalten.

Aber wie soll das gehen? Du bist meine Mama! Ihr Stimme schlug um, wie eine zu stark gespannte Saite.

Ich werde immer deine Mutter bleiben, kniete ihre Mutter sich nieder und nahm ihre Hände. Die Finger waren warm, dennoch spürte Julia sie kaum. Aber ich will glücklich sein, Liebling.

Und was ist mit uns? Ihr Kloß im Hals wurde größer und drängte Tränen in die Augen.

Natürlich seid ihr mir wichtig! Die Mutter umarmte sie fest, fast schmerzhaft fest, doch Julia hielt sich an ihr. Ich werde euch oft besuchen, anrufen, versprochen

Julia löste sich, blickte ihr in die Augen darin glänzten Tränen, ihre Lippen lächelten warm und vertraut, und doch schien alles fremd, als würde ihre Mutter eine Maske tragen.

Am nächsten Morgen war die Mutter fort. Einen Monat später kam eine Postkarte aus Spanien oder Italien: Darauf die Mutter, ein fremder Mann mit breitem Lächeln und das Meer im Hintergrund, türkis und endlos. Julia riss die Karte in kleine Stücke, aber das Bild blieb für immer: die lachende Mutter, glücklich ohne sie.

Fortan konnte Julia den Gedanken nicht ertragen, dass an Vaters Seite eine andere Frau sein könnte. Sie sind alle gleich, sagte sie sich, während draußen an den Bäumen neue Blüten erschienen. Erst nett und freundlich, dann lassen sie einen im Stich. Sie zog sich zurück, wurde abweisend und stachelig wie ein Igel, der sich vor der Welt schützt.

Ihr Vater aber wollte sein Leben nicht alleine verbringen. Schon ein halbes Jahr später erschien erstmals eine Besucherin. Sie hieß Frauke. Sie trat auf, als sei es ihr Haus, musterte Julia und verkündete mit lauter Stimme:

Also, lernen wir uns wohl kennen. Ich werde darauf achten, dass du brav bist.

Julia ballte die Fäuste, dass die Nägel Halbmonde in die Haut drückten. Zorn brodelte in ihr. Schon wieder jemand, der bestimmen wollte!

Ich komm auch ohne Sie klar, knurrte sie, so fest sie konnte, doch ihre Stimme zitterte.

Kein freches Mundwerk, Frauke zog die Brauen hoch und wurde kalt. Hier gibts Ordnung.

Schon nach wenigen Tagen zeigte Frauke, wie ihr Haus zu laufen hatte. Eines Morgens kam sie in Julias Zimmer, sah die auf den Tischen und Sofa verteilten Schulbücher und stöhnte ostentativ.

Was soll die Unordnung? demonstrativ sammelte sie alles ein und schichtete es akkurat. In meinem Haus wird aufgeräumt!

Julia, gerade erst wach, fühlte sich wie heißes Wasser übergossen. Das ist nicht Ihr Haus. Um meine Sachen kümmere ich mich schon selbst.

Du bist zu jung, das selbst zu entscheiden. Ich bring dir Ordnung bei.

Nachmittags wollte Julia eine Freundin einladen, um gemeinsam am Geschichtsprojekt zu arbeiten. Doch Frauke stellte sich vor das Telefon:

Keine Gäste. Lärm brauche ich nicht.

Wir arbeiten nur zusammen an unserem Projekt Julias Stimme bebte vor Frust, doch Frauke ließ sie nicht zu Ende sprechen. Keine Diskussion.

Abends beklagte sich Frauke beim Vater am Tisch:

Deine Tochter hat keinerlei Respekt und Benehmen.

Der Vater, Thomas, sah Julia fragend an.

Sie fragte mich, warum ich nicht abgewaschen habe. Da war ich noch mit den Hausaufgaben beschäftigt. Außerdem bin ich nicht ihre Putzfrau!

Siehst du?, rief Frauke aufgeregt. Frech und ungehorsam!

Julia hielt es nicht aus: Sie sind nicht meine Mutter! Sie sind hier gar nichts!

Fraukes Gesicht wurde rot: Deine Tochter ist nicht zu ertragen, Thomas!

Der Vater seufzte schwer, rieb sich die Stirn das Zeichen, dass ihm alles über den Kopf wuchs.

Entschuldige dich, Julia.

Nein. Sie darf mir nichts sagen! Das ist auch mein Zuhause!

Zwei Tage später war Frauke verschwunden. Julia fühlte ein leeres Triumphgefühl ein blasser Sieg, der nach nichts schmeckte. Sie sah aus dem Fenster, wie Frauke mit ihrem Koffer davonging: ‘Geschieht ihr recht.’

Ein Jahr später folgte die nächste Frau. Dieses Mal hieß sie Ingrid freundlich, gepflegt, immer ein Lächeln und ein Parfum, das einen süßen Schleier in der Luft hinterließ. Doch die Freundlichkeit war wie Tüll, durchscheinend.

Thomas, Schatz, säuselte sie beim Abendessen und fuhr mit der sorgfältig manikürten Hand über Vaters Arm, du könntest mir einen neuen Mantel kaufen? Winter wird kalt

Du hast doch einen, entgegnete er.

Aber ein Mantel ist ein Zeichen, schmollte sie, klimperte mit den Wimpern.

Julia beobachtete diese Szene, bis ihr die Kiefer schmerzten. Bald bat Ingrid immer häufiger um Geld für Geschirr, Möbel, ‘Kleinigkeiten’. Doch im Haus änderte sich nichts. Julia wurde misstrauisch.

Papa, begann Julia abends, als er hinter der Süddeutschen Zeitung saß, weißt du eigentlich, wofür sie dein Geld ausgibt?

Er blickte über den Rand der Zeitung, misstrauisch.

Sie verlangt schon wieder Geld, aber du siehst nie etwas davon, oder? Ich habe jedenfalls nichts bemerkt.

Der Vater schwieg eine Zeit, fuhr sich über die müden Augen.

Du meinst, sie

Ich weiß es. Sie ist nicht wegen dir hier, sondern wegen deines Bankkontos.

Am nächsten Tag gab es Streit. Ingrid schimpfte, fuchtelte mit der Handtasche und marschierte aus dem Haus.

Der Vater sagte lange nichts, dann am Abend leise:

Warum bist du zu allen so? Warum kannst du sie nicht akzeptieren?

Weil sie dich nicht lieben. Sie sehen nur das Geld.

Danach versuchte er niemanden mehr. Eine Weile lebten sie zu zweit. Julia fing an, die kleinen Freuden zu bemerken: Wie er morgens beim Frühstück summte, am Wochenende Pfannkuchen buk und über ihre Witze lachte. Sie fragte sich, ob es nicht doch genug war, einfach zu zweit zu sein.

Aber dann, eines Tages Anfang April, als draußen schon das frische Mai-Grün aus den Knospen spross und im Hof Krokusse stehen, kam Thomas mit einer neuen Frau nach Hause.

Julia, das ist Annemarie, stellte er sie vor, mit nervösem Lächeln.

Annemarie war anders. Sie wollte Julia nicht gleich umarmen, nannte sie nicht Töchterchen, machte keine Vorschriften. Als Julia sich demonstrativ wegdrehte, sagte sie nur freundlich: Hallo Julia, ich freue mich, dich kennenzulernen.

Ihr Ton war leise, freundlich und echt, ohne Übertreibung. Julia war verwundert war das nur ein Trick?

Doch Annemarie blieb wie sie war. Eines Abends bereitete sie Salat und fragte Julia ganz selbstverständlich: Meinst du, der schmeckt mit Öl oder besser mit Joghurt-Dressing?

Julia schaute auf. Annemarie lächelte, wartete auf eine Antwort.

Joghurt, glaube ich Schmeckt besser.

Vielen Dank! Weißt du, ich hoffe wirklich, dass wir gut miteinander auskommen.

Julia nickte. Das Misstrauen blieb, doch sie hörte jetzt öfter hin.

Einmal ließ Julia absichtlich ihr Geschirr stehen. Annemarie zuckte nicht mit der Wimper, spülte es einfach mit weg. Julia, die hinter der Tür spähte, spürte, wie ein kleiner Eisklumpen in ihr schmolz.

Als Annemarie sie eines Abends besuchte, werkelte Julia an einer Zeichnung: Bäume am Flussufer im fahlen Licht der Dämmerung.

Du hast wirklich Talent, Julia! Die Farben Ihre Worte waren ehrlich, nicht oberflächlich.

Danke Ich zeichne wirklich gern.

Darf ich mehr sehen? Annemarie setzte sich behutsam und betrachtete mit Interesse die Bilder.

Eines Abends hörte Julia, wie Annemarie zu ihrem Vater sagte: Ich will Julia nichts wegnehmen. Sie muss mich nicht sofort mögen. Ich will nur für euch da sein.

Zum ersten Mal spürte Julia, dass eine neue Frau ihren Platz nicht beanspruchte, sondern ihr das Gefühl gab, verstanden zu werden.

Später in der Küche traute sich Julia zum ersten Mal zu fragen: Kann ich dir beim Kochen helfen? Ich würde gerne Apfelkuchen probieren, wie damals bei Mama.

Annemaries Augen leuchteten auf: Was für eine schöne Idee. Machen wir zusammen!

Beim Kochen wich Annemaries Aufmerksamkeit nicht von Julia. Du schneidest die Äpfel perfekt!

Während im Ofen der Kuchen vor sich hin buk und das Haus nach Äpfeln duftete, merkte Julia, wie die Kälte in ihr schwand. Endlich wurde aus eisiger Abwehr Zuversicht. Dieses Gefühl von Zuhause, das sie so lange vermisst hatte.

Am Abend saßen sie zu dritt. Der Vater schnitt ein Stück Kuchen ab und grinste: Jetzt weiß ich, wie viel Glück ich eigentlich habe!

Julia lachte, ehrlich und warm. Annemarie erwiderte ihren Blick in ihren Augen standen Annahme und das stille Versprechen: Ich bin da. Ich laufe nicht weg.

Nach dem Essen, als sie zusammen abräumten, sagte Annemarie leise: Ich danke dir für dein Vertrauen, Julia. Das bedeutet mir sehr viel.

Mir auch Früher hatte ich immer Angst, alles wieder zu verlieren.

Ich versteh dich. Wir gehen Schritt für Schritt. Sie legte Julia kurz die Hand auf die Schulter.

In jener Nacht lag Julia lange wach und sah durch das Fenster auf die ersten Sterne. Zum ersten Mal fühlte sie etwas Neues: Es gab Menschen, die blieben und einen so annehmen, wie man war. Vielleicht war der Frühling mit all seinem Glück nicht gegen sie, sondern brachte die Hoffnung auf einen neuen Anfang.

Mit einem tiefen Atemzug ließ sie los die Last, die Zweifel und schlief ein, geborgen und mit einem sanften Lächeln.

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Homy
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