Er schwankte durch die nächtlichen Straßen Berlins, schwer gezeichnet von einer ordentlichen Portion Schnaps. Wohin es ihn trieb? Das war ihm egal. Die Stadt war seine Heimat – seine Füße würden ihn schon nach Hause führen. Er hatte Wichtigeres zu tun: Er philosophierte, laut vor sich hin.

Er wankte durch die nächtlichen Straßen von München, schwer angeschlagen vom Alkohol. Wohin ihn die Beine trugen, war ihm einerlei diese Stadt war sein Zuhause, sie würde ihn schon heimbringen. Tief in seinen Gedanken versunken, führte er einen lautstarken Monolog:

Warum… warum nur ist mein Leben so? Siebenundzwanzig bin ich… bei meinen Freunden gehen die Kinder schon zur Grundschule, und meine Beziehungen halten höchstens einen Monat wenn überhaupt. Bin ich wirklich so grob? Na ja, schon ein bisschen… Aber so muss ein echter Mann sein. Ein müdes, zynisches Lächeln huschte über sein Gesicht. Das Einzige, was bei mir geklappt hat, ist das Geschäft. Zum Millionär fehlt noch einiges, aber für ein angenehmes Leben in München reichts.

Plötzlich hielt er inne, rieb sich den Kopf, und Tränen stiegen ihm in die Augen. So viel Geld hab ich diesem Arzt gegeben und am Ende: Da kann ich Ihnen leider auch nicht helfen, hier ist die Adresse eines renommierten Spezialisten in Berlin. Aber ich glaube, auch der wird nichts für Sie tun können. Ach, was, ich fahr morgen nach Berlin. Mir doch egal!

Er stand auf der Brücke über die dunkle, träge Isar und blickte hinab ins eiskalte Wasser. Soll ich springen? Tief genug wäre es… Ein Schritt, und alles ist vorbei… Doch er schüttelte sich. Nein, das ist zu kalt. Und außerdem Sokrates hat noch nichts zu fressen bekommen. Ich geh nach Hause.

Gerade als er die Brücke überquerte, bemerkte er auf halber Strecke eine Frau, kaum älter als zwanzig, mit einem Baby im Tragerucksack auf der Brust. Sie stand am Geländer, blickte ins Wasser, schwang plötzlich ein Bein über das Geländer und wollte sich hinüberziehen. Felix reagierte instinktiv: Er hastete vor und zog sie im letzten Moment zurück. Beide stürzten auf den harten Asphalt, das Kind begann zu schreien.

Bist du denn verrückt?! schrie Felix, mit einem Mal wieder ganz nüchtern.

Was willst du?! Misch dich nicht ein! rief sie laut und brach in Tränen aus.

Weil ich der Meinung bin, dass es für dich noch zu früh ist, zum Beispiel zu springen, deutete er auf das schreiende Kind. Und für ihn erst recht. Jetzt komm steh auf und geh nach Hause. Zu deinem Mann oder deiner Mutter! Irgendwer wird dich erwarten.

Sie schüttelte den Kopf, den Blick leer: Ich habe niemanden mehr. Kein Zuhause, keinen Mann, keine Mutter. Ich hab niemanden.

Ach, du bist mir vielleicht eine! Felix richtete sie mitsamt Baby auf. Mitkommen. Auf gehts.

Ich geh nirgendwo mit dir hin. Was, wenn du ein Verrückter bist?

Na, so oder so… Springen kann man immer noch. Aber vor mir Angst? Los jetzt!

***

Unter dem Weinen des Babys gingen sie durch die stillen Straßen, Felix ließ nicht locker.

Warum schreit er eigentlich die ganze Zeit?

Die Frau drückte das Kind fester an sich: Er hat Hunger.

Dann gib ihm Milch.

Ich habe weder Milch noch Geld.

Und anscheinend auch keinen Plan… Guck, da vorne ist ein Rewe. Kommt, wir holen Milch.

***

Die Kassiererin und der Security-Mann beäugten die beiden misstrauisch, aber Felix griff entschlossen nach einem Einkaufskorb.

Na los, befahl er. Wo ist hier die Milch?

Die Kassiererin wies nach hinten, sie liefen zum Kühlregal.

Nimm, was du brauchst, forderte er sie auf.

Die da. Sie zog einen Beutel heraus.

Nimm mehr. So viel, wie du brauchst! Und was noch?

Windeln.

Windeln? Wo sind denn die?

Sie zeigte auf ein Regal, ein Hauch von Lächeln im Gesicht.

Nimm sie.

Und Feuchttücher?

Klar.

An der Kasse zog Felix die Geldbörse. Wir akzeptieren nur Barzahlung, erklärte die Kassiererin.

Felix zückte einen zerknitterten 100-Euro-Schein. Die Kassiererin sah ihn an. Wir haben kein Wechselgeld.

Dann gib mir Schokolade als Wechselgeld, fauchte er.

***

Die Wohnung war spartanisch und doch sauber. Die Frau blickte sich um, sichtlich erstaunt. Felix warf seine Schuhe in die Ecke, holte aus dem Kühlschrank einen Fisch und warf ihn dem Kater zu, dann trank er einen halben Liter Saft in einem Zug. Zum Gast gewandt:

Du schläfst heute in dem Zimmer dort. Küche, Bad da drüben. Ich hau mich in mein Zimmer. Schon unterwegs zur Tür drehte er sich noch einmal um.

Wie heißt du überhaupt?

Greta.

Ich bin Felix.

***

Na, wenigstens kein Psychopath, dachte Greta erleichtert, während sie Wasser aufsetzte. Oh Gott, was hab ich heute fast getan Ohne diesen Verrückten Und was wäre mit Johann geworden? Im Freien erfrieren? Irgendwann schmeißt er uns bestimmt raus. Aber wenigstens heute Nacht sind wir warm und sicher.

Der Wasserkocher piepste sie rannte ins Zimmer, legte Johann ins Bett, holte ein Fläschchen aus dem Rucksack, spülte es aus, und bereitete ihm die Milch vor. Das Kind trank gierig, schlief rasch ein, Greta wickelte es noch in eine frische Windel, streichelte sein Gesicht und kehrte zurück in die Küche.

Sie spürte, wie der Hunger sie überkam. Sie öffnete schweigend den Kühlschrank, schnappte sich ein Stück geräucherte Wurst, kaute herzhaft, schnitt sich Brot, Käse, Wurst ab. Nachdem der erste Hunger gestillt war, schämte sie sich ein wenig für ihren Überfall aufs Essen dann zuckte sie mit den Schultern, legte sich neben ihren Sohn und fiel in einen tiefen Schlaf.

***

Morgengrauen. Zweimal musste sie nachts raus, um Johann zu füttern acht Monate alt, immer hungrig. Sie hörte, wie Felix ebenfalls aufstand. Jetzt war es soweit, dachte sie, jetzt kommt der Rausschmiss.

Er stand in der Küche und hantierte mit Pfanne und Eiern. Schnell wusch sie sich, betrat die Küche.

Setz dich, sagte er knapp. Ich mache Rührei.

Lass mich mal, drängte sie ihn lächelnd zur Seite.

Sie holte frischen Schnittlauch aus dem Kühlschrank, schnitt ihn fein, streute ihn über die Eier, wusch die Gläser, kochte Kaffee.

Währenddessen telefonierte Felix, gab Anweisungen, geriet mit irgendjemandem in Streit, schien Greta nicht zu bemerken. Dann aß er, trank den Kaffee, stand auf.

Greta war angespannt, wagte kaum zu atmen.

So, Greta, hör zu: Ich fahre jetzt für eine Woche weg. Ganz wichtig du fütterst Sokrates, den Kater. Und fass ihn nicht mit Whiskas an, der frisst nur frischen Fisch oder Fleisch, verstanden? Mein Büro ist tabu. Sonst kannst du machen, was du willst.

Babygemurmel tönte aus dem Schlafzimmer. Greta sprang auf.

Felix winkte ab: Geh ruhig.

Wenig später kam sie mit Johann auf dem Arm zurück. Auf dem Tisch lagen vier 100-Euro-Scheine.

Felix nickte: Davon müsst ihr auskommen.

Er stand schon an der Tür, als Johann die Ärmchen ausstreckte und ein undeutliches Papa brabbelte. Felix blieb wie vom Blitz getroffen stehen. Er zwang sich zu einem Lächeln.

Greta, darf ich ihn mal halten?

Natürlich, sie reichte ihm das Baby, ein warmes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Noch nie vorher ein Kind auf dem Arm gehabt?

Nein.

So geht das!

Johann lachte vergnügt los und fuchtelte mit den Armen. Felix schaute begeistert und traurig zugleich.

Ich werde nie einen eigenen Sohn haben, ging es ihm durch den Kopf, während sein Blick düster wurde. Er gab Johann an Greta zurück und verließ schweigend die Wohnung.

***

Er kehrte heim, den Kopf voller schwerer Gedanken. Der Spezialist in Berlin hatte dasselbe gesagt: Es wird nie ein Kind geben. Er dachte verbittert: Wozu das alles? Das große Geld, die Vier-Zimmer-Wohnung in Schwabing, der schwarze BMW X5 wofür schuftet ein Mann, wenn er keine Familie hat? Die Wohnung war immer chaotisch, das dicke Auto zu groß, dauernd leer.

Mit finsterer Miene trat er ein die Wohnung war nun blitzblank. Greta blickte unsicher und ein wenig schuldig auf. Und da: Papa!, die kleinen Hände streckten sich ihm entgegen.

Seine Tasche fiel auf den Boden, und Felix Arme griffen nach dem kleinen Kind.

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Homy
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Er schwankte durch die nächtlichen Straßen Berlins, schwer gezeichnet von einer ordentlichen Portion Schnaps. Wohin es ihn trieb? Das war ihm egal. Die Stadt war seine Heimat – seine Füße würden ihn schon nach Hause führen. Er hatte Wichtigeres zu tun: Er philosophierte, laut vor sich hin.
Zwei Monate lang habe ich eine 56-jährige Frau in deutsche Restaurants ausgeführt – doch kaum lud ich sie zu mir nach Hause ein, zeigte sie plötzlich ihr wahres Gesicht