Der besagte Donnerstag
Brigitte Albers hat gegessen Buchweizengrütze mit Frikadelle und Kompott aus getrockneten Früchten, wie ihre Mutter es ihr als junges Mädchen beibrachte , das Geschirr gespült, den Tisch abgewischt, kurz überprüft, ob der Wasserhahn zu ist, und sich dann auf ihr Sofa gelegt, um zu dösen. Ihr Mann, Hans Albers, ist seit dem frühen Morgen bei seinem Freund auf dem Schrebergarten-Grundstück, um beim Zaunbau zu helfen. Erst morgen Abend wird Hans zurück erwartet; am Montag muss er wieder arbeiten. Brigitte hingegen ist seit einem Jahr in Rente. Sie ist fünfundfünfzig, er achtundfünfzig. Die Tochter, Juliane, ist längst erwachsen, verheiratet, wohnt in einer Nachbarstadt und erwartet ihr erstes Kind. Eigentlich ist alles in Ordnung. Eigentlich.
Brigitte schließt die Augen, bettet die Wange auf die weiche Couchdecke, und schon driftet sie in diesen angenehmen, gedankenleeren Halbschlaf, aus dem sie plötzlich ein schriller Telefonklingelton aufschreckt. Das Handy lärmt fordernd, wie die Feuerwehr im Morgengrauen auf dem Nachttisch. Erst nach einer Sekunde begreift Brigitte, dass es das Telefon ist. Seit sie in Rente ist, verläuft ein Tag wie der andere: ruhig, regelmäßig, ohne große Überraschungen.
Ja meldet sie sich mit verschlafener Stimme, ohne auf das Display zu schauen. Wer ruft sie schon an? Die Tochter vielleicht die meldet sich jeden Abend, fragt nach dem Rechten. Ihr Mann der ruft nicht gerne an, findet, wenn alles normal ist, muss man sich nicht melden. Also die Tochter? Aber da ertönt eine ganz andere Stimme.
Brigitte? Am Schlafen gewesen? meldet sich eine Frau tief, rauh, mit einer seltsam gedämpften Note.
Wer ist da? fragt Brigitte misstrauisch. Sie grübelt, aber der Stimme kann sie kein Gesicht zuordnen, dabei kommt sie ihr schmerzlich vertraut vor, wie eine Melodie von einer alten Platte.
Am anderen Ende ein demonstrativer Seufzer dieser, der zu sagen scheint: Du hast mich nicht erkannt, aber ich hab’ dich sofort erkannt.
Erkennst du mich nicht? Wie lange ist es her?
Gundula?… sagt Brigitte vorsichtig, und ihr Herz macht einen Satz. Woher hast du meine Nummer?
Ist das wichtig? Gundulas Stimme klingt müde, fast leblos, und trotzdem schimmert der alte spöttische Ton durch. Hab vor ein paar Jahren deine Mutter getroffen sie hat sie mir gegeben. Bist du noch in der Stadt?
Brigitte erinnert sich: Ja, ihre Mutter erzählte mal, sie traf Gundula im Supermarkt. Die bat um Brigittes Nummer. Komisch ist die geworden, ganz dünn, blass, läuft nur noch in Schwarz rum, hatte die Mutter gesagt. Brigitte winkte ab im Dorf redet man schnell.
Es hieß, du seist nach Amerika ausgewandert sagt Brigitte vorsichtig.
Gundula lacht, ein kurzes, abgebrochenes Lachen, das nahtlos in Husten übergeht und dann in einen tiefen, schmerzhaften Laut.
Was ist los mit dir? Wo bist du? Brigitte ist auf einmal wach, setzt sich auf dem Sofa auf, presst das Handy ans Ohr.
Ich bin im Krankenhaus. Darum rufe ich dich an. Kannst du mich besuchen? Ich will dir was sagen. Gundula pausiert, Brigitte hört das schwere, unregelmäßige Atmen. Bring nichts mit, ja? Echt nicht.
Im Krankenhaus? Bist du krank? Brigitte ist jetzt hellwach, spürt, wie ihr ein Schauer über den Rücken läuft.
Reden fällt mir schwer. Schick dir die Adresse per SMS.
Aber in beginnt Brigitte doch da sind nur noch Freizeichen. Gundula hat schon aufgelegt.
Kurz danach kommt die SMS. Brigitte liest sie, liest nochmal. Onkologisches Zentrum. Mein Gott, Gundula hat Krebs, denkt sie, und ein Kloß schnürt ihr die Kehle zu.
Sie schaut auf die Uhr halb sechs Uhr. Bis sie im Krankenhaus ist, ist Besuchszeit vorbei. Sie geht in die Küche, öffnet das Gefrierfach, holt ein Suppenhuhn heraus. Gundula sagte, sie brauche nichts aber wie kommt man mit leeren Händen in ein Krankenhaus? Hausgemachte Brühe ist kein Essen, sondern Medizin. Das predigte schon ihre Oma, so machte sie es für ihre Mutter, als die im Krankenhaus lag. Brigitte legt das Huhn in die Spüle, setzt sich, stützt den Kopf in die Hand.
Ihre Tochter ist achtundzwanzig, also hat sie Gundula ebenso lange nicht gesehen. Fast dreißig Jahre. Ein ganzes Leben. Brigitte spürt plötzlich schmerzlich die Vergänglichkeit. Was alles passiert ist und wie viel vergessen wurde. Oder nicht vergessen, nur tief im Gedächtnis vergraben.
Mit dem Alter begrüßt Brigitte selbst gute Nachrichten mit Vorsicht. Das Leben lehrte sie: Auf Freude folgt Trauer, auf Hoffnung Enttäuschung. Seit dem Anruf wird sie die Unruhe nicht los. Sie wächst, dehnt sich aus, erfüllt die Brust wie das Wasser den Rumpf eines sinkenden Schiffs. Und Hans ist nicht da. Vielleicht ist das besser so. Morgen früh kocht sie Brühe, besucht Gundula und erfährt alles. Nur beruhigen kann sie sich nicht.
Sie schließt die Augen und die Erinnerung trägt sie zurück, in die Zeit, als sie und Gundula Mädchen waren, nebeneinander in der Schulbank, zusammen Pausenbrote klauten und Hausaufgaben abschrieben.
Seit Gundula zehn war, lebte sie bei der Großmutter väterlicherseits. Den Vater kann sie kaum erinnern, die Mutter ebenso wenig. Sie kannte wenig Zärtlichkeit, blieb oft abends bei Brigitte, sie lernten zusammen und aßen Mamas Streuselkuchen, hörten Platten. Gundulas Oma brannte selbst Schnaps und verkaufte an die Dorftrinker. Gundulas Eltern tranken selbstverständlich auch. Die Trinkerfrauen drohten der Oma, die Schwarzbrennerei anzuzünden. Vielleicht hat wirklich jemand das Haus angezündet, vielleicht hat, wie die Polizei meinte, der Vater mit einer Kippe eingeschlafen, aber Gundulas Eltern kamen im brennenden Haus um. Die Oma war weg, Gundula wie immer bei Brigitte. Sie überlebten.
Nach dem Brand kamen Oma und Enkelin in ein Wohnheim. Da war Schnapsbrennen strikt verboten. Oma wurde still, zählte jeden Cent, meckerte über jeden Happen. Du frisst, als gäb’s kein Morgen, und ich kann mir kein Brot leisten, stöhnte sie, wenn Gundula aß. Gundula wurde bei Brigitte satt. Brigittes Mutter, eine stille, freundliche Frau, stellte ihr schweigend den Teller hin, schenkte Tee ein, legte einen Kuchen drauf. Gundula aß hastig, hungrig als würde jemand es wegnehmen. Sie dankte nie. Aber Brigitte wusste, dass sie es einfach nie gelernt hatte.
Die Großmutter nannte ihre Schwiegertochter Hexe. Angeblich hätte sie den Sohn verzaubert und damit ins Unglück gestürzt. Dass der Schnaps im Haus floss, verschwieg sie. Gundulas Mutter war schön groß, schlank, mit dunkelblondem Haar bis zur Hüfte und grünen Augen. Kein Mann, egal welchen Alters, lief an ihr vorbei, ohne sich umzudrehen. Der Vater war furchtbar eifersüchtig, handgreiflich. Einmal zertrümmerte er eine Flasche und brüllte: Hexe! Verfluchte! Gundula war damals sieben, versteckte sich unters Bett und blieb bis morgens dort. Niemand suchte nach ihr.
Gundula wurde ihrer Mutter hübsch: groß, schlank, wilde rote Locken, schwarze Augen wie reife Kirschen und volle Lippen. Die Sommersprossen vergoldeten sie nur noch mehr und machten sie wie einen Geist aus dem Märchen. Die Jungen seufzten ihretwegen, die Mädchen beneideten sie. Gundula bemerkte weder das eine noch das andere. Sie lebte in ihrer eigenen Welt, wo Geld und Männer zählten, nicht Noten noch Freundschaft.
Kaum war die Schule zu Ende, brannte Gundula mit einem Zugereisten durch. Ganz wie die Mutter, taugt zu nichts, seufzte die Großmutter. Brigittes Mutter atmete auf sie fürchtete immer, Gundula könne ihre Tochter auf falsche Bahnen bringen. Was sie verband, wusste Brigitte nicht. Mit Gundula war es lustig, kurzweilig, ehrlich. Und es gab da noch dieses fast mütterliche Mitleid mit diesem schönen, verlorenen, lebenshungrigen Mädchen.
Brigitte machte ihren Abschluss an der Fachschule, wurde Buchhalterin im Landratsamt, lernte Hans kennen ruhig, zuverlässig, ohne Macken. Sie heiratete ihn; ein Jahr später kam Juliane zur Welt. Von Gundula erfuhr Brigitte nur aus dem Dorftratsch: Mal soll sie mit einem eleganten Mann in der Stadt gesehen worden sein, mal fuhr sie im schwarzen BMW im Dorf vor, mal wurde sie aus der Wohnung geworfen wegen Mietschulden. Brigitte glaubte dem Reden nicht. Sie kannte Gundula zu gut.
Brigittes Mutter arbeitete viel, half selten mit dem Kleinkind. Ihr Mann kam abends heim und Brigitte war kaputt bis zur Erschöpfung. Ihr einziger Wunsch war Schlaf. Kaum schlief Juliane beim Stillen ein, fiel auch Brigitte in einen traumlosen Schlaf, aus dem nur Babyschreie sie weckten. Sie hatte Angst, das Baby sitzen gelassen zu haben oder es erdrückt zu haben. Aber Juliane schlief gesättigt in ihren Armen weiter. Brigitte legte sie ins Bettchen, ging Milch abpumpen oder kochte, wusch Wäsche und zwang sich, nicht einzuschlafen.
In dieser anstrengenden Zeit tauchte Gundula wieder auf. Noch ähnlicher ihrer Mutter als früher, noch schöner. Sie kam herein, schaute sich um und verzog das Gesicht.
Nicht gerade eine Schönheit, meine Liebe, bemerkte sie übellaunig, ohne Grüßung. Ich wusste immer, dass Ehe und Mutterschaft Frauen entstellen. Ich werde nie Kinder haben.
Sag das nicht, das Leben kommt immer anders, lächelte Brigitte und wiegte Juliane.
Doch, ich kann nicht. Ich hatte viele Abtreibungen. Die Ärzte sagen, Kinder wird’s nicht geben.
Brigitte wollte fragen: Warum bloß? Sie wusste ja die Antwort. Gundula suchte Liebe, fand Leidenschaft, dann Angst, dann Einsamkeit. Jedes Mal, wenn ein neues Leben in ihr wuchs, vernichtete sie es aus der Angst, wie die Mutter zu enden, ein Kind zu kriegen, das sie nicht lieben konnte.
Aber Muttergefühle sind in einer Frau einprogrammiert. Sie können jahrelang ruhen und aufwachen. Gundula half gerne, mit Juliane spazieren zu gehen, solange Brigitte kochte oder einen Moment Schlaf fand. Gundula weckte sie nicht, fütterte die Kleine, wechselte Windeln, las leise Märchen. Und in diesen Momenten war sie, ohne es zu merken, glücklich.
Bald ließ sie den Mann, mit dem sie abgehauen war, sitzen. Ihr nächster war viel älter, grauhaarig, vornehm im teuren Anzug. Er mietete ihr eine Wohnung im Zentrum von München, kam mittwochs und samstags vorbei.
Fast ein Leben wie im Schlaraffenland, sagte Gundula. Sie kam einmal im Monat zu Brigitte, saß in der Küche, aß Kuchen, erzählte.
Fast?, fragte Brigitte, auch wenn sie Männergeschichten langweilig fand. Aber sie hörte zu.
Ein alter, widerlicher Bock. Aber geizig war er nicht Geld, Gold, Pelze. Er hat mich gut versorgt.
Und die Ehefrau? Kinder?
Ach, was geht die mich an? Ich schlafe mit ihm, nicht mit ihnen.
Doch irgendwann fand der alte Sponsor heraus, dass Gundula auch mit anderen Männern schlief. Er warf sie raus ohne Geld, ohne Sachen, ohne Versprechen. Dann folgten andere: Ingenieur, Unternehmer, ein Norweger. Daher die Gerüchte über Amerika. Gundula dementierte nie. Sie gefiel sich im geheimnisvollen, unerreichbaren Image.
Ich erzähle nur von mir! Wie bist du bloß in all das geraten? Du bist eine Kuh geworden. Nennst du das Glück?
Brigitte hatte keine Antwort. Sie wusste nicht zu argumentieren, dass Glück nicht in Pelzen, Gold oder Abenteuern, sondern im stillen Abend mit dem Mann, im Lächeln der Tochter, im Duft vom Kuchen liegt.
Hans war Gundula gegenüber skeptisch.
Dass du so eine Freundin hast, wunderte er sich beim ersten Besuch; Gundula rauchte am Fenster, fummelte im Haar, war ein offenes Feuer schön, gefährlich, verlockend.
Nicht so laut, sie hört dich. Sie bleibt ein paar Tage hier. Sie hat niemanden, die Oma ist tot. Sie hilft mir sehr mit Juliane.
Hans wollte widersprechen, schwieg aber. Er war keiner für Wortgefechte. Dann geschah etwas, das Brigitte nie vergaß.
Juliane bekam Fieber hoch, fast vierzig Grad, nichts schlug an. Brigitte gab Fiebersaft, wusch sie, probierte alles durch. An Tag drei rief sie den Notarzt. Die Ärzte kamen sofort, spritzten was, schauten das Kind an: Ab ins Krankenhaus, Verdacht auf Meningitis.
Brigitte rannte den Ärzten hinterher im Hausanzug, barfuß in Pantoffeln. Sie nahm keine Papiere, kein Geld, kein Handy. Hans war in der Arbeit. Gundula blieb allein.
Als Hans heimkam, erwischte er Gundula in der Küche beim Spülen. Juliane lag im Krankenhaus, Brigitte war bei ihr, wich nicht von der Seite.
Wo ist Brigitte?
Im Krankenhaus, mit der Kleinen, Verdacht auf Meningitis. Habe Sachen zusammengepackt, bringe sie morgen hin. Du solltest sie auch besuchen.
Hans starrte sie lange an. Gundula hielt den Blick. Sie stand vor ihm, elegant und fremd und er wusste nicht, was tun. Fürchtete sich vor der Versuchung, vor der Einsamkeit.
Eine Woche später kam Juliane nach Hause. Brigitte, abgemagert, müde, aber glücklich, schaute in die blitzblanke Wohnung, fand Suppe im Kühlschrank, Frikadellen, aufgeschnittenes Brot.
Hast du das alles gemacht? wunderte sie sich.
Gundula, sagte Hans, und blickte zur Seite.
Du meintest doch, sie hat keinen Anstand, neckte Brigitte. Wo ist sie jetzt?
Weg, hat gesagt, es sei Zeit zu gehen.
Nachts schmiegte sich Brigitte an Hans, so vermisst hatte sie ihn. Hans murmelte Unverständliches, drehte sich an die Wand. Und das wiederholte sich mehrere Nächte. Brigitte hielt durch, sprach irgendwann an:
Liebst du mich nicht mehr? Ich war todmüde, hab dich trotzdem nie abgewiesen. Und jetzt drehst du dich weg?
Hans schwieg. Später sagte er, die Arbeit sei stressig, Kopfschmerzen. Brigitte glaubte nicht recht, stritt aber nicht. Nach einer Weile wurde alles besser. Sie nahm ab, das Stillen lief leichter, die Nähe kehrte zurück. Sie verdrängte diese seltsame Woche fast.
Die Jahre vergingen. Juliane wuchs heran, heiratete, zog weg. Brigitte und Hans blieben allein, lebten jetzt harmonisch, wie nie zuvor. Es gibt wenig Streit, höchstens mal Kleinigkeiten. Am Wochenende fahren sie in den Schrebergarten, im Winter langlaufen, im Sommer pflanzen sie Blumen. Alles ist ruhig, alles ist gut.
Und dann dieser Anruf.
Brigitte kann sich Gundula nicht todkrank vorstellen. Ein Irrtum. Das kann nicht sein. Die ganze Nacht schläft sie nicht, wälzt sich von einer Seite zur anderen, trinkt Wasser, blickt aus dem Fenster auf die leere Straße. Schließlich, vier Uhr morgens, steht sie auf und beginnt Brühe zu kochen. Das Huhn ist aufgetaut, das Fleisch duftet frisch. Zwiebel, Möhre, Petersilienwurzel wie ihre Mutter es zeigte. Lange und sachte kocht sie, schöpft Schaum ab. Läutert alles, füllt in eine Thermoskanne.
Um zehn Uhr ist sie am Krankenhaus, vor der offiziellen Besuchszeit. Der junge Pförtner zögert erst, aber Brigitte schiebt ihm zum Dank einen Zehn-Euro-Schein zu, er tut, als hätte er nichts gemerkt.
Im schmalen Zimmer stehen zwei Betten. Auf einem liegt eine sehr dünne Frau im Tuch. Kurze Zeit glaubt Brigitte, sich geirrt zu haben, da öffnet die Frau die Augen. Brigitte erkennt Gundula.
Sie glaubt es kaum. Aus der temperamentvollen, prächtigen Gundula ist ein Schatten geworden. Das Gesicht winzig, blass, eingefallen, die früheren Sommersprossen wie ausgelöscht, nur ein erdiger Schimmer. Die Hände auf der Decke: dünn, wie Zweige mit blauen Adern. Der einst stolze Gang, das selbstsichere Lächeln sind verschwunden. Die schwarzen Augen, einst lebendig und warm, sind leer wie ausgebrannte Fenster.
Brigittes Erschrecken muss sich auf ihrem Gesicht spiegeln, denn Gundula lächelt jenes alte, spöttische Lächeln, das nun traurig und schief wirkt.
Erkannt? fragt Gundula, leise Stimme, wie das Rascheln trockener Blätter.
Brigitte rafft sich zusammen, lächelt, tritt ans Bett.
Was ist passiert? fragt sie und fürchtet die Antwort.
Was ich verdient habe. Gundula deutet auf den Stuhl.
Brigitte setzt sich, holt die Thermosflasche hervor.
Lass mal, ich möchte nichts, sagt Gundula mit fiebrigen Augen. Bitte, nicht zwingen.
Ich stelle es hierher. Frisch gemacht. Vielleicht später.
Gundula schweigt, starrt zur Decke, der Blick irgendwo an Rissen und einer Fliege entlang. Brigitte weiß nicht, was reden. Wetter? Politik? Vergangenheit? Darüber spricht sie nicht.
Wie geht es dir? fragt sie, um nicht zu verletzen, um das Gespräch am Laufen zu halten.
Für das Endstadium? Geht schon, sagt Gundula.
Gabs eine OP?
Zu spät, Metastasen. Pause. Dann dreht sie sich zu Brigitte. Lass uns nicht Zeit vergeuden. Die Kraft reicht nicht mehr lang. Ich wollte dir sagen
Ja? Brigittes Herz setzt einen Schlag aus. Sie spürt: Jetzt kommt etwas, das alles verändern wird.
Unterbrich mich bitte nicht. Gundula hustet, abgehackt, mit dem ganzen Körper. Sie presst ein Taschentuch an den Mund, Brigitte sieht Blut darauf. Ich habe dir immer beneidet. Immer. Deine Wohnung, ein guter Mann, eine Tochter. Eltern am Leben. Selbst als du so müde warst, hab ich dich beneidet. Weil du einen Grund für all das hattest. Ich nicht.
Brigitte schweigt. Was soll sie sagen? Danke? Du musst nicht neidisch sein, bei mir war nicht alles einfach? Selbst schuld? Antwort erwartet Gundula eh nicht. Sie redet, ringt um Worte.
So viele Männer, Geld, und nie war ich wirklich glücklich. Doch, einmal war ichs. Weißt du noch, als du mit Juliane im Krankenhaus warst?
Natürlich, nickt Brigitte. Du hast mir Sachen gebracht.
Gundula zögert.
Ich dachte, ich nehm das Geheimnis mit ins Grab. Jetzt hab ich Angst. Du lagst im Krankenhaus, und ich war mit Hans allein.
Stille im Zimmer, nur das rhythmische Tropfen der Infusion zählt den Rest einer Zeit. Brigitte sieht zum Fenster. Draußen ist Frühling, Knospen, blauer Himmel, Sonnenflecken auf der Hauswand.
Ich wusste es schon damals, sagt Brigitte leise. Als ihr beide allein wart. Und als er sich abwandte. Ich habe es gewusst, aber nicht wahrhaben wollen.
Warum hast du nichts gesagt? haucht Gundula.
Wem hätte das genützt? Brigitte wendet sich zu ihr. Du hättest Schuldgefühle. Er wäre gegangen. Juliane ohne Vater. Ich wäre allein. Danke, dass du gegangen bist. Danke für dein Schweigen.
Ich hab nicht geschwiegen. Gundula schließt die Augen. Ich spreche jetzt, weil ich sterbe. Weil ich will, dass du es weißt. Dass du verzeihen kannst.
Brigitte steht auf, geht zum Fenster. Hinter ihr hört sie das schwere Atmen, ein leises Schluchzen, das Rascheln der Bettdecke.
Ich weiß nicht, ob ich verzeihen kann, sagt sie, ohne sich umzudrehen. Aber ich bin nicht nachtragend. Du bist schon genug gestraft. Früher zu sterben ist hart.
Sehr hart, wiederholt Gundula.
Brigitte bleibt kurz, holt dann den Thermosbehälter, schiebt ihn näher an das Kissen.
Die Brühe bleibt hier. Trink, wenn du kannst. Ich komme morgen wieder.
Wirklich? Die Stimme ist voller kindlicher Hoffnung.
Ja, ich komme.
Brigitte verlässt das Zimmer. Im Flur sinkt sie kurz an die Wand. Ihr Herz hämmert wie wild, als wollte es aus der Brust. Sie entdeckt das Schild Kapelle und geht dorthin. Zündet eine Kerze an, legt einen Zettel für die kranke Gundula nieder. Die Frau am Schalter klein, rund, mit Brille lächelt ihr zu.
Am achten April ist Tag der heiligen Märtyrerin Adelheid von Gent, meint sie. Sie ist verwandt mit Ihnen? Ein Seelengedächtnis wäre sinnvoll. Gott ist barmherzig, er vergibt uns alles
Brigitte bestellt das Gebet nicht, weil sie gläubig ist, sondern weil sie irgendetwas tun will. Wenigstens das.
Nach Hause läuft sie langsam, der innere Sturm hat sich gelegt. Die frische Frühlingsluft im April riecht nach feuchtem Gras und Tau. Sie denkt daran, dass Gundula bald sterben wird. Und dass sie, Brigitte, an ihrem Grab stehen wird, weil es sonst niemanden gibt. Gundula hat keinen Mann, keine Kinder, keine Angehörigen nur Brigitte. Und ein Geheimnis, das sie dreißig Jahre trug und erst jetzt preisgab.
Als Hans zurückkommt, isst er zu Abend, Brigitte sitzt dazu.
Ich war bei Gundula im Krankenhaus, sagt sie.
Welche Gundula? fragt Hans, rührt im Kartoffelbrei.
Die bei uns war, als ich mit Juliane im Krankenhaus lag. Sie stirbt. Krebs. Sie hat sich gemeldet, wollte mich sehen. Ich hab ihr Brühe gebracht.
Hans scheint in sich zusammenzuzucken wirklich, oder nur eingebildet? Er schaut sie erwartungsvoll an, mit der Angst vor Fragen. Aber Brigitte fragt nicht. Sie weiß schon alles und hat entschieden, nicht weiterzubohren. Wozu? All die Jahre sind vergangen. Sie sind zusammen, sie leben, ihr Glück ist da. Wer hat keine Fehler gemacht?
Und? Zaun fertig? fragt sie, räumt das Geschirr weg.
Hans atmet hörbar aus, erleichtert, und berichtet von Brettern und Werkzeugen. Brigitte hört zu, nickt, lächelt. Alles ist wie immer und doch anders. Etwas ist leichter geworden. Ein Stein ist von ihrem Herzen gefallen.
Nachts, im Bett, überrascht Hans sie mit:
Sag mal, sollen wir uns wirklich ein kleines Häuschen im Grünen suchen? Vor die Fenster Blumen pflanzen, Erdbeeren ziehen, im Sommer die Enkel nehmen, einen Hund anschaffen? Pilze sammeln, angeln
Brigitte lächelt im Dunkeln.
Warum nicht? Klingt wunderbar.
Sie fühlt sich leicht, ruhig. Warum Vergangenem nachhängen?, denkt sie. Wir gehören zusammen. Wer hat nicht Fehler gemacht? Er ist geblieben, hat mich nicht alleine gelassen. Das zählt.
Zwei Tage später ruft das Krankenhaus an. Gundula ist gestorben. Allein, in einer fremden Stadt, im Krankenhausbett. Niemand war bei ihr. Auch Brigitte nicht sie war gerade im Supermarkt.
Sind Sie Angehörige? fragt eine Stimme. Wer kümmert sich um die Beerdigung?
Sie will rausschreien: Nein! Wir sind keine Verwandten. Sie war mein Nichts! Sie hat mit meinem Mann geschlafen Aber sie schweigt, fährt ins Krankenhaus, erledigt die Formalitäten, wählt einen einfachen Holzsarg, weiße Chrysanthemen. Am Grab steht sie allein. Der Schnee ist weg, die Erde feucht, riecht nach Frühling und frischer Umgrabung.
Sie sieht auf das Grab, das Holzkreuz und das Bild, das sie in der Pathologie bekommen hat: jung, schön, mit Sommersprossen und schwarzen Augen. Gundula lacht auf dem Foto, den Kopf in den Nacken, wie damals, als sie bei Tee und Kuchen zusammen saßen.
Gott will, dass wir vergeben, erinnert sie sich an die Worte der Frau in der Kapelle. Vergibst du nicht, schädigst du dich nur selbst. Brigitte denkt daran, dass Gundula sie vielleicht nicht allein beneidete. Zum Schluss blieb ihr nur eins: ein einsamer Tod in der Onkologie. Niemand da. Keiner hat sie bedauert.
Vielleicht wäre ich hundert Mal schlimmer geworden, ohne Eltern, bei einer schnapsbrennenden Oma, ohne Liebe, ohne Fürsorge, denkt Brigitte. Sie erinnert sich an die Mutter, die Gundula immer einen Teller hinstellte, Tee einschenkte, Kuchen nachschob. Erinnerte sich, wie Gundula aß hastig, mit gesenktem Kopf, nie ein Dank. Weil sie es nicht gelernt hatte. Keiner hatte es ihr gezeigt.
Groll verbrennt auch die Seele, sagt Brigitte leise. Er zieht Kummer und Krankheit an. Jetzt reicht’s. Ich will leben.
Sie wirft ein wenig Erde ins Grab.
Das wars, sagt sie. Ich habe vergeben. Klär das mit Gott allein.
Sie geht. An den Bäumen treiben Knospen, junges Gras sprengt den Weg auf. Überall singen Vögel, laut und froh, als sei nichts geschehen. Als gäbe es weder Grab noch Schmerz noch Altlasten.
Schon auf dem Weg denkt sie: Hans kommt bald heim, sie muss noch das Abendessen vorbereiten. Danach werden sie fernsehen und schlafen gehen. Morgen kauft sie Blumensaat, zieht Setzlinge. In einem Monat schauen sie sich kleine Häuschen am Stadtrand an gemütlich, mit Platz für Erdbeeren, zum Singen der Nachtigallen.
Das Leben geht weiter. Und das ist das Wichtigste.
***
Gundula lebte intensiv, aber leer. Schönheit, Männer, Geld, Abenteuer alles hatte sie. Nur eines nicht: Liebe. Sie konnte nicht lieben nie gelernt. Sie konnte nicht um Verzeihung bitten niemand hat es je bei ihr getan. Und erst im Angesicht des Todes, als die Zeit verrann wie Wasser durch die Finger, sprach sie. Nicht für sich, sondern um vor dem wichtigsten Menschen reinen Tisch zu machen.
Brigitte hätte nicht vergeben müssen. Sie hätte es sagen können: Du warst mit meinem Mann, hast mich betrogen, wolltest meine Familie zerstören. Stirb damit. Aber sie tat es nicht. Sie vergab. Nicht, weil sie vergessen hatte. Nicht, weil der Schmerz verschwunden war. Sondern weil sie verstanden hatte: Vergebung ist kein Geschenk an den anderen, sondern an einen selbst. Befreiung vom Ballast, den man jahrelang trägt. Eine Chance, ein neues Kapitel zu beginnen.
Hans war schwach. Er erlag der Versuchung, wie viele. Aber er blieb. Er wählte Brigitte, seine Familie, die Tochter. Vielleicht aus Liebe, vielleicht aus Angst vor Einsamkeit. Vielleicht, weil er erkannt hatte, dass ein loderndes Feuer verbrennt, ein heimisches wärmt. Er fürchtete Fragen, Streit, Zerwürfnis. Doch Brigitte schwieg. Und dieses Schweigen war stärker als jedes Wort.
In dieser Geschichte gibt es keine Schuldigen und keine Unschuldigen. Es gibt Menschen, die Fehler machen, leiden, lieben, hassen, vergeben. Es gibt ein Leben, kompliziert, chaotisch, voller Freude und Schmerz, Abstürzen und Sternstunden. Und es gibt den Tod, der alles sortiert. Vor ihm fällt die Maske, das Wesentliche bleibt. Und das ist Vergebung. Nicht für den anderen für sich selbst. Zum Weiterleben. Ohne Stein auf dem Herzen. Ohne Last in der Brust.
Brigitte hat vergeben. Und spürte, wie ihr das Herz leichter wurde. Sie bohrte nicht nach, machte keinen Skandal, verlangte keine Erklärungen. Sie ließ los. Und ließ den Frühling herein neu, frisch, voller Verheißung. Mit Blumen, Schrebergarten, Enkelkindern, Nachtigallen. Mit Leben, das weitergeht. Trotz allem. Wegen allem.




