Der Riss im Vertrauen

Riss im Vertrauen

Frau Anna Schneider? Sind Sie zu Hause? Hier ist Hannelore vom dritten Stock! Ich habe noch ein paar frische Frikadellen übrig, ganz warm sind sie, und eine Kleinigkeit zu besprechen Dürfte ich kurz rein?

Ich stand am Fenster. In meiner Hand wurde der Tee schon kalt, draußen auf dem Innenhof der Plattenbauten wirbelte der Novemberwind braune Blätter umher, eine Frau mit Hund zog den Schal enger, zwei Teenager verschwanden in ihre Kapuzen. Die Stille war mir längst vertraut. Das gleichmäßige Ticken der Wanduhr, das Brummen des Kühlschranks, das leise Knarzen des alten Parketts. Und dass an dieser Tür selten jemand klingelt.

Anna? Ich seh doch, dass bei Ihnen Licht brennt! Verstecken Sie sich nicht, ich will nur Ihr Wohl!

Die Stimme auf dem Flur war laut und hartnäckig, fröhlich mit einem Unterton, dem man schwer widersprechen konnte. Seufzend stellte ich die Tasse ab, ging durch den Flur bis vor die Tür, und lugte durch den Spion. Hannelore stand mit Tüte und breitem Grinsen, das kupferrote Haar zu einem wilden Dutt, knallroter Lippenstift, Daunenjacke in grünmetallic.

Nun machen Sie doch mal auf, ich erfrier hier noch! rief sie weiter.

Ich löste die Kette und öffnete. Hannelore huschte ins Treppenhaus wie ein Frühlingswind, brachte ihren Parfümduft, die kühle Luft und Brathähnchengeruch mit.

Hab heute früh gekocht, und dachte, ich bring der Nachbarin ein Teilchen vorbei! Sie drückte mir die Tüte in die Hand. Mit Kohl und Fleisch, noch warm! Sie sitzen doch eh immer allein hier und essen sicher nichts Richtiges! Wie dünn Sie geworden sind…

Danke, Hannelore, das wäre doch nicht nötig gewesen…

Ach, Quatsch! Ich teile gern, wissen Sie. Und Sie sehen so blass aus, kochen Sie mal richtigen Tee für sich und probieren Sie!

Ohne auf meine Antwort zu warten, ging sie gezielt in die Küche, stellte den Wasserkocher an, holte zwei Tassen aus dem Schrank. Ich stand unschlüssig an der Türschwelle, mit ihrer Tüte in der Hand. Nach Monaten der Einsamkeit kam mir ein anderer Mensch im Haus wie ein kleiner Angriff auf meine Welt vor.

Setzen Sie sich mal, kommandierte sie. Wir trinken ein Teechen und erzählen uns was. Ich weiß, wie das ist Als mein Onkel Hans gestorben ist, wäre meine Tante fast verrückt geworden vor Einsamkeit.

Ich setzte mich an den Tisch. Die Frikadellen rochen tatsächlich herrlich. Gekocht hatte ich selbst ewig nicht mehr, für mich allein machte das keinen Sinn. Ich lebte von Fertiggerichten, wenig Appetit.

Nicht denken, dass ich mich aufdränge, Hannelore goß Tee ein, schaufelte Zucker in ihre Tasse. Ich bin halt so, merke sofort, wenn es jemandem schlecht geht. Mein Mann sagt immer: Hannelore, du hilfst jedem und vergisst dich selbst. Aber so bin ich.

Sie redete schnell und gestenreich, lachte viel. Ich hörte zu und spürte, wie etwas in mir langsam taute. Wann hatte ich zuletzt einfach so geplaudert? Mein Sohn Thomas rief einmal die Woche an: Wie geht es dir, Mama? Schon, danke. Brauchst du Geld? Nein, nein. Dann bis bald. Dann wieder Stille.

Wissen Sie was, Anna? Ich wollte Sie eh mal fragen… Wir (die Mädels) treffen uns ab und zu in der Brotbox ums Eck, ein kleines Café. Machen Sie doch mal mit! Wird Ihnen guttun.

Ach, ich weiß nicht… Ich bin da nicht so…

Sie gehen! Ich hole Sie ab, entschlossen, man muss raus kommen! Von Vereinsamung wird man nur krank, glauben Sie mir.

Ich nickte nur, nicht wissend, wie ich höflich ablehnen sollte. Hannelore trank aus, blickte sich um.

Oh, bei Ihnen ists aber nett! Und was für ein Kaffeeservice! Sie bewunderte das Geschirr im Schrank: weißes Porzellan mit goldener Borte. Das ist doch antik?

Hat mein Mann zum dreißigsten Hochzeitstag geschenkt… antwortete ich leise.

Wunderschön. Bewahren Sie das gut. Nun, ich muss weiter, viel zu tun. Denken Sie an morgen, um drei! Nicht kneifen.

Und weg war sie so plötzlich wie gekommen. Ich blieb in der Stille sitzen, den Blick auf die Frikadellen, mit der Spur Lippenstift am Tassenrand aber die Wohnung schien… weniger leer.

***

So begann es. Hannelore kam fast täglich mal morgens, mal spät, immer mit einem Grund. Ob sie Salz brauchte, Rat wollte oder einfach nur zum Reden. Sie zog mich mit in Gespräche, mit zum Einkaufen, zu Kaffeestunden in der Brotbox mit drei anderen Frauen lauter, herber, als ich es kannte. Sie kicherten über Dinge, die ich nie lustig fand, sprachen frei heraus.

Ich fühlte mich anfangs fremd daneben. Hannelore nahm mich unter den Arm, stellte mich stolz vor: Das ist meine liebe Nachbarin Anna, Lehrerin im Ruhestand. So langsam gewöhnte ich mich an sie, warf mich sogar schön heraus für die Treffen. Es war nicht die Gesellschaft aus der Zeit mit meinem Mann Ernst: Theaterabende, Freunde, Musik. Diese Zeiten sind vergangen, mit ihm. Freunde weggezogen, verstorben geblieben sind diese einfachen Nachmittage im Café am Plastikbecher. Aber immerhin besser als Schweigen.

Anna, noch mal wegen der Brosche, die Sie letztes Mal getragen haben? Die aus Bernstein, oder? fragte Hannelore eines Abends bei Tee und Butterkeks.

Ja, die ist noch von meiner Mutter.

Dürfte ich mal… anschauen? Ich liebe solche Dinge!

Ich tauchte in die Schatulle, händigte ihr das Erbstück aus. Hannelore bewunderte, wog die Brosche, Augen leuchteten.

Oh, darf ich Sie meiner Tochter zeigen? Ute hat bald Uniabschluss und sucht etwas Vintage. Ich bring sie zurück, ich schwöre!

Es fiel mir schwer. Aber Hannelores erwartungsvoller Blick… Ich konnte nicht nein sagen.

Na gut, aber bitte pass gut darauf auf.

Natürlich! Sie sind ein Engel.

Eine Woche verging, keine Brosche. Ich fragte leise nach Ute schaut sie sich noch an, sagte Hannelore. Später dann, sie sei wohl verlegt worden, ich soll mir keine Sorgen machen.

Ich lag nachts wach, schalt mich naiv. Bei erneutem Nachhaken reagierte Hannelore gekränkt.

Glauben Sie etwa, ich lüge? Ich, die Ihnen Gesellschaft leistet? Wenn Sie mir nicht vertrauen, können wir es auch lassen!

Nein, es tut mir Leid

Es taucht bestimmt auf. Die Ute sucht schon.

Also versuchte ich, mir keine Sorgen zu machen. Bald kam sie wieder, brachte Frikadellen, bat um kleine Gefälligkeiten.

Anna, könnten Sie mir 100 Euro bis zur Rente leihen? Mein Sohn ist krank, das Rezept ist teuer.

Ich gab. Weil Hannelore wie eine Freundin war fast Familie, die einzige, die Anteil nahm. 200 Euro, dann 300. Wenn ich vorsichtig erinnerte, kam sofort der beleidigte Vorwurf:

Wahre Freunde rechnen nicht auf!

***

Mein Sohn Thomas rief an, eines Abends. Ich saß schon im Bademantel vorm Fernseher, eine Sendung über Schrebergärten lief.

Hallo, Mama. Wie gehts?

Ach, so.

Ich wollte fragen: Willst du nicht am Wochenende zu uns kommen? Steffi kocht Suppe, und die Kinder vermissen dich.

Weiß nicht, Thomas. Ich habe zu tun.

Was denn für zu tun?

Ich bin nicht so allein, wie ihr denkt.

Aha Wer denn?

Hannelore, die Nachbarin. Sehr hilfsbereit.

Seine Stimme wurde besorgt:

Mama, hast du ihr alles von euch erzählt? Nichts ausleihen, ja?

So ein Unsinn! Hannelore ist wie eine Schwester.

Pass auf dich auf, ja? Und auf deine Sachen.

Ich fühlte die bekannte Bitterkeit. Mein Sohn weiß es natürlich mal wieder besser. Sie gönnen mir wohl nicht, dass ich Kontakte pflege. Will mich lieber als bemitleidenswerte Oma, um ein gutes Gewissen zu haben.

Am nächsten Tag kam Hannelore ganz aufgeregt.

Anna, ich habe mit Sabine telefoniert du weißt schon, die im Reisebüro in Bad Kissingen! Sie kann uns für April eine vergünstigte Reha buchen. Zwei Wochen Anwendungen, beste Luft! Kommen Sie mit?

Das ist doch teuer…

Ach, nur 800 Euro pro Person! Ich habe schon 400 gesammelt, legen Sie auch was zurück, zusammen macht das Spaß!

Ich schwankte. Noch lagen über 5.000 Euro auf meinem Sparkonto eigentlich der Notgroschen, den Ernst hinterlassen hatte. Aber gemeinsam wegfahren? Für die Gesundheit…

Gut, ich spare an.

Super! Kommen Sie morgen mit zur Bank? Da fühle ich mich auch sicherer mit Automaten.

Wir gingen zusammen zur Bank um die Ecke. Ich hob 800 Euro ab und gab sie ihr, Hannelore wollte gleich die Anzahlung machen.

Doch der Beleg blieb aus. Mal war Sabine im Urlaub, mal irgendwas anderes. Hannelore blieb weiterhin herzlich aber jetzt wollte sie auch das Kaffeeservice für die Hochzeit der Tochter.

Ich zögerte.

Hannelore, das ist ein besonderes Andenken…

Also ehrlich, nach allem, was ich für Sie tu, ist es zu viel verlangt, mal Porzellan auszuleihen? Sie sind aber auch knauserig!

Mir wurde schwach. Nicht schon wieder Einsamkeit Also sagte ich ja.

Hannelore versprach wie immer die baldige Rückgabe.

***

Wenige Zeit später meldete sich Steffi, die Schwiegertochter.

Anna, stimmt das, dass Sie 800 Euro abgehoben haben? Thomas ist Ihr Bevollmächtigter beim Konto

Ja, und? Ist mein Geld.

Wofür?

Das geht euch nichts an.

Anna, wir machen uns Sorgen. Es gibt Leute, die ältere Menschen betrügen. Bitte fall nicht drauf rein…

Ihr habt leicht reden! Ihr lebt euer Leben, und seid vielleicht sogar froh, dass ich hier sitze! Wenigstens interessiert sich Hannelore für mich!

Das ist unfair, die Enttäuschung in Stefanies Stimme schmerzte. Wir arbeiten beide, haben zwei schulpflichtige Kinder

Dann lasst mich eben in Ruhe!

Danach wollte ich niemanden hören. Hannelore war schließlich die Einzige, die sich um mich kümmerte, nicht wahr?

Anna, Sie haben doch noch Vorräte, oder? Da ist so ein schönes Keramik-Geschirr in der Brotbox im Angebot für meine Tochter. Teilen wir den Preis, und dann zahlen Sie Ihre Hälfte in Raten ab?

Hannelore, ich habe kein Geld mehr.

Ach was, jeder lebt heute auf Pump! Ich helfe mit dem Antrag.

Ich versuchte, Nein zu sagen. Aber Hannelore trieb mich am nächsten Tag doch noch zum Kaufhaus, half mir beim Ausfüllen des Kreditvertrags. Im Trubel unterschrieb ich. Ein komisches Gefühl blieb zurück.

Als wir rauskamen, stand plötzlich Steffi vor uns.

Anna, was machst du hier?

Wir… haben für Hannelores Tochter etwas gekauft.

Steffi bat mich energisch zu einem Gespräch unter vier Augen.

Anna, Thomas hat über deine Nachbarin recherchiert. Sie ist bekannt dafür, ältere Frauen auszunehmen Trinkgeld, Erbstücke, Geld, Porzellan und wenn alles weg ist, ist sie auch weg. Bitte, sie nutzt dich aus!

Hör auf damit! Sie ist meine Freundin!

Du spürst doch selbst, dass das nicht so ist

Die Worte trafen. Denn im Inneren wusste ich es schon längst.

Weg mit dir. Ich will das nicht hören.

Ich kehrte wortlos zu Hannelore zurück, die mich abschätzend ansah. Wir fuhren nach Hause mir war, als gäbe es kein Zurück. Sie redete von Freundschaft, ich wollte glauben. Trotzdem fühlte ich mich furchtbar.

***

Zwei Wochen lang nahm ich keine Anrufe von Thomas oder Steffi an. Ich fühlte mich wie ein sturer Teenager, der sich verrannt hat. Hannelore kam nur noch selten, und wenn, dann mit neuer Ausrede.

Das Druckgefühl wurde irgendwann zu viel. Ich aß nur schlecht, lag oft wach, merkte irgendwann, dass ich mich verrannt hatte. Aber den Fehler zugegeben das hätte bedeutet, alles zu verlieren.

Am Samstag standen Thomas und Steffi dann unangemeldet vor der Tür, mit einer Wocheneinkauf-Tüte.

Mama, bitte, lass uns helfen, sagte Steffi.

Ich ließ sie herein, assistierte beim Kochen, Thomas deckte den Tisch. Sie sprachen sachte, fragten nach der Brosche, dem Porzellan, den Krediten aber nichts von alledem hatte ich zurückbekommen.

Steffi, leise: Anna, bitte du bist doch keine naive Frau. Sie verkauft dir was vor!

Sie ist mein einziger Kontakt!

Wir arbeiten, um diese Familie zu ernähren

Geht jetzt.

Mama, bitte…

Geht!

Sie gingen. Ich knallte die Tür.

Wieder allein, rutschte ich am Türrahmen zu Boden. Ich hatte alles durch Naivität verloren und die letzten Monate, gefüllt mit Illusion.

***

Den nächsten Tag tauchte Hannelore auf mit der Porzellan-Kiste.

Da ist Ihr Service, und ließ sie auf den Boden fallen. Und erwarten Sie nichts mehr! Ich will mit so jemandem nichts zu tun haben.

Ich trug die Kiste in die Küche. Fast alles zerbrochen. Abgeplatzte Tassen, gesprungene Teller Der Geruch von Spülwasser und Fremde. Ich setzte mich und weinte wie lange nicht mehr.

***

Einige Zeit später rief ich Thomas an.

Könnt ihr kommen… bitte?

Sie kamen sofort. Als Steffi mich diesmal fest umarmte, brach alles aus mir heraus. Verzeiht mir…

Hauptsache, es geht dir gut, sagte Thomas. Wir melden es der Polizei. Vielleicht wird was erstattet.

Ich will keinen Ärger machen Ich will nur, dass das vorbei ist.

Steffi hob die Tassenhälften auf.

Die könnten wir doch kleben nicht schön, aber nutzbar.

Mag sein, stimmte ich zu. In dieser Nacht saßen wir gemeinsam in der Küche Reden, Tee, Alltägliches. Und mir wurde bewusst, wie sehr ich die letzten Monate auf einen Irrweg geraten war. So verrückt und einsam, dass ich eine Betrügerin für Freundschaft hielt.

Mama, überlegs dir. Komm uns öfters besuchen, vielleicht sogar auf Dauer? Die Kinder freuen sich so.

Ich blieb eine Weile stumm. Ich denke nach.

Sie blieben bis es dämmerte. Nach deren Abfahrt holte ich Sekundenkleber und setzte mich an die Reparatur der Tasse. Sie blieb schief, rissig, doch hielt irgendwie. Genauso würde ich es mit meinem Leben versuchen.

Der Abend war ruhig. Der Anruf von Thomas kam.

Wie geht es dir, Mama?

Ich drehte die Tasse in Händen, spürte die Narbe entlang dem goldenen Rand.

Ich versuche es, erwiderte ich leise. Und dieses Mal meinte ich es wirklich.

Ganz zum Schluss habe ich begriffen: Einsamkeit macht blind und Vertrauen ist ein Porzellan, das einmal gebrochen bleibt, wie gut man es auch klebt. Doch Familie bleibt, auch dann, wenn man selbst sich nicht mehr traut, zu hoffen.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: