Nur einen Schritt vor dem Unglück

Fast am Abgrund

Sie haben aber ein tolles Mädchen, wirklich! sagte die ältere Nachbarin mit ehrlicher Bewunderung, während sie zu dem Mädchen sah, das gerade Blumen im Garten pflanzte. Schlau, hübsch und immer hilfsbereit!

Annette, die Mutter von Lotte, konnte ein stolzes Lächeln nicht unterdrücken, als sie diese Worte hörte. Ihre Augen strahlten, als sie ihre Tochter ansah.

Ja, unsere Lotte ist wirklich ein Goldstück, bestätigte sie mit einem Anflug von Stolz in der Stimme. Doch dann veränderte sich ihr Gesichtsausdruck: Ihr Lächeln verschwand und zwischen den Brauen legte sich eine kleine Falte. Aber jetzt beginnt bei ihr langsam die Pubertät. Und als sie erfahren hat, dass sie bald ein Brüderchen bekommt

Die Nachbarin, Frau Hilde, nickte verständnisvoll und wusste sofort, worauf Annette hinauswollte.

Hat sie sich nicht gefreut, oder? fragte sie sanft und beugte sich ein wenig vor.

Annette seufzte und zögerte einen Moment, als würde sie nach den richtigen Worten suchen. Sie blickte ihrer Tochter nach, die nach dem Einpflanzen der Blumen nun das Gartengerät ordentlich zusammenräumte.

Es ist nicht so, dass sie dagegen ist, sagte Annette schließlich vorsichtig. Aber der Altersunterschied ist einfach groß Lotte ist schon vierzehn, der Kleine wird noch ein Baby sein. Ich glaube, sie kann sich noch nicht so richtig vorstellen, wie das wird große Schwester sein.

Wahrscheinlich macht sie sich Sorgen, dass Sie sie ständig babysitten lassen, vermutete Frau Hilde und ließ ihren Blick nicht von Lotte, in ihrer Stimme lag warme Fürsorglichkeit.

Annette schüttelte überrascht den Kopf:

Um Gottes Willen, sowas würde ich nie machen! Ein Kind ist doch kein Ersatz für eine Tagesmutter! Außerdem bin ich ja noch jung und finanziell stehen wir gut da, ich muss nicht gleich wieder arbeiten gehen. Lotte soll ihre Jugend genießen, ihre Freundinnen treffen, Spaß haben. Sie soll ein normales Teenagerleben haben und keine Aufgaben, die eine Erwachsene haben müsste.

Frau Hilde nickte, schien aber trotzdem etwas besorgt. Sie legte vorsichtig eine Hand auf Annettes Schulter als wollte sie ihr noch etwas mit auf den Weg geben.

Du hast natürlich recht, sagte sie leise, aber bestimmt. Aber behalte sie gut im Auge. Und lerne alle ihre Freundinnen und Freunde kennen. Damit kannst du verhindern, dass sie an die falschen Leute gerät. In dem Alter kann manchmal ein blöder Fehler alles ändern nur ein Schritt, und

Annette musste lachen und in dem Lachen lag ehrliches Unverständnis:

Ach, Hilde, wovon redest du denn? Lotte ist so vernünftig! Sie macht ihre Hausaufgaben, hilft immer im Haushalt, kümmert sich um die Kleinen in der Nachbarschaft. Schlechte Gesellschaft? Sie nimmt ihr Handy kaum in die Hand sie findet echte Gespräche viel spannender als dauernd aufs Display zu schauen.

Sie blickte wieder auf Lotte, die gerade einem kleineren Jungen ganz stolz eine besonders schöne Sandform schenkte. Annette lächelte gerührt und sagte leise:

Nein, meine Lotte ist wirklich nicht der Typ, der mit komischen Leuten rumhängt.

Lotte war tatsächlich ein kluges Mädchen das bestätigten nicht nur die Lehrer, sondern auch die Nachbarschaft und sogar Menschen, die sie kaum kannten. Sie kam gut klar in der Schule, konnte sich über alles mögliche unterhalten und fand immer einen Weg in schwierigen Situationen. Trotzdem spürte sie ganz deutlich, wie wichtig ihr die Meinung ihrer Klassenkameraden war. Sie wollte dazugehören, nicht auffallen, bloß nicht diese Außenseiterin sein, die alle ignorieren oder über die alle tuscheln.

An Lottes Schule herrschte eine angespannte Stimmung. Auf den ersten Blick sah alles normal aus: Unterricht, Pausen, Schulfeste. Die Lehrer achteten auf die Regeln, der Schulleiter wiederholte regelmäßig, wie wichtig Disziplin ist. Doch hinter dieser Fassade spielte sich einiges ab davon redeten die Erwachsenen am liebsten gar nicht.

Die coolen aus ihrer Klasse, zu denen Lotte unbedingt gehören wollte, kannten immer genau ihre Grenzen. Sie schlugen sich nicht, machten nichts wirklich Verbotenes, es blieb immer alles im sogenannten Rahmen. Höchstens mal ein Gespräch mit der stellvertretenden Schulleiterin, die mit strengen Worten über ihre Brille schaute und klar machte, wie man sich zu benehmen habe. Mehr passierte selten. Die Eltern bekamen von alledem meist nichts mit als würde die Schule lieber keine Unruhe stiften.

Sind halt Teenies, die wollen sich halt austoben, sagten die Lehrer, wenn sich die Jüngeren mal beschwerten. Das gibt sich von selbst.

Nur blieben diese Austobereien nicht immer harmlos. Die Clique hatte sich eine Art Spiel ausgedacht: Sie suchten sich ein Opfer aus, meistens ein Kind aus sozial schwierigen Familien, von denen erwartungsgemäß niemand aus der Familie für sie eintrat, und begannen sie zu mobben. Zuerst waren es spöttische Blicke, bissige Kommentare in der Pause, dann Zettel mit gemeinen Sprüchen auf dem Tisch, Müll in der Schultasche oder Wasser, das irgendwer heimlich ausschüttete.

Mit der Zeit wurde das Mobbing übler. Es kursierten Gerüchte: angeblich stehlt jemand, redet schlecht über Lehrerinnen und Lehrer. Die Beleidigungen wurden lauter, in den Pausen, vor allen. Viele fühlten sich völlig alleine: Wohin sollte man schon gehen, wenn die Erwachsenen sowieso alles runterspielen?

Bei manchen Kindern war das Maß irgendwann voll: Ein Junge aus der sechsten Klasse tauchte nicht mehr in der Schule auf seine Eltern unterrichteten ihn zuhause. Ein Mädchen aus der Parallelklasse spielte krank, nur, um nicht zur Schule zu müssen. Aber selbst das brachte die Schulleitung nicht zum Handeln.

Der Direktor und die Stellvertreterin taten weiter so, als wäre alles bestens. Bei Elternabenden redeten sie von guter Stimmung und solidarischer Klasse. Versuchten Eltern, das Thema anzusprechen, bekamen sie ausweichende Antworten:

Wir beobachten das, Die Kinder regeln das, Das sind nur normale Reibereien.

Auch die Lehrer mischten sich selten ein. Manche glaubten tatsächlich, es wäre alles nicht so schlimm, andere wollten nicht auffallen oder hatten einfach keine Ahnung, wie man reagieren sollte. Am Ende drehte sich alles im Kreis: Die Kinder mobbten weiter, die Erwachsenen schauten weg und alle nannten die Schule weiter ruhig und angenehm.

Lotte geriet immer tiefer rein in die Clique, zu der sie so unbedingt gehören wollte. Anfangs glaubte sie, jetzt hätte sie endlich gefunden, was sie so lange gesucht hatte: Lautes Lachen in den Pausen, gemeinsam unterwegs nach der Schule, das Gefühl, endlich irgendwo dazuzugehören. Die anderen akzeptierten sie scheinbar, sie durfte bei allem dabei sein, war ein vollwertiges Mitglied. Lotte fühlte sich angekommen.

Zuhause prägte sich ein anderer Alltag ein. Annettes Energie drehte sich fast nur noch um das neue Baby: Sie suchte stundenlang Tapeten fürs Kinderzimmer aus, verglich Preise für Wickeltische, bastelte mit Farben an der richtigen Farbpalette Lotte, die immer Einzelkind war, fühlte sich abgeschoben als sei ihr Platz jetzt an den Rand gerückt.

Ab und zu, mitten im ganzen Trubel, versuchte Annette dann ein ehrliches Gespräch mit ihrer Tochter. Sie legte den Stoffkatalog weg, setzte sich ernst Lotte gegenüber und begann:

Lotte, du bist wirklich ein tolles Mädchen, weißt du das? sagte sie oft mit warmem Ton. Ich bin so froh, dass du selbstständig bist und mir keine Sorgen machst. Aber versprich mir, lass dich nicht auf irgendwelche Dummheiten ein, ja?

Lotte nickte dann nur und hörte eigentlich gar nicht wirklich zu. Was die Mutter sagte, klang irgendwie weit weg die Wirklichkeit in der Schule war ganz anders: Da schätzten sie, weil sie locker drauf war, jede absurde Idee mitmachte und sich traute, Regeln zu brechen.

Klar, Mama, alles gut, murmelte sie und starrte aufs Handy.

Annette atmete dann auf, überzeugt davon, dass bei ihrer Tochter alles klappt. Was sollte auch schiefgehen? Lotte lernte ordentlich, schwänzte nie, kam immer pünktlich nach Hause.

Na prima, sagte Annette dann und widmete sich wieder Babybetten und Kuscheltieren.

Lotte checkte inzwischen Nachrichten ihrer Freunde in WhatsApp und Insta ging es längst nicht mehr darum, wie das Babyzimmer aussehen würde oder ob Mama wieder einen der klugen Ratschläge parat hatte. Es ging um Pläne fürs Wochenende, darüber, wer mal wieder einen Witz auf Kosten der Streber machen könnte oder wo sie die neuesten Trends herbekamen. Je mehr Zeit Lotte mit den anderen verbrachte, desto weniger interessierten sie Gespräche über Kinderzimmer oder Mamas Bitten, vorsichtig zu sein.

Tief im Innern wusste sie: Mama gab sich Mühe, aber irgendwie checkte sie nicht, was wirklich in Lottes Leben los war. Annette war davon überzeugt, dass alles stimmt, solange Lotte nicht negativ auffiel. Und kleine Dummheiten das sind halt Teenager, oder?

So hatte Lotte am Ende zwei Welten: Daheim eine fürsorgliche, aber doch abgelenkte Mutter, überzeugt davon, dass alles in Ordnung ist. In der Schule eine Clique, die sie nur akzeptierte, wenn sie sich an ihre Regeln hielt. Und sie, Lotte, hatte Angst davor, wieder zur Außenseiterin zu werden und versuchte, sich immer mehr anzupassen

**************

Der Samstag war sonnig und angenehm warm. Von morgens an flog Lotte wie ein Wirbelwind durch die Wohnung: Frühstück reinschlingen, Lieblingsjeans und einen knalligen Pulli an, Handy, Umhängetasche und fertig.

Mama, ich gehe zu den Mädels! rief sie in den Flur. Bin zum Abendessen zurück, versprochen!

Annette lugte aus der Küche, ein Handtuch in der Hand.

Schon wieder den ganzen Tag unterwegs? Bleib doch mal ein paar Stunden daheim. Wir wollten mit Papa doch noch in den Park gehen.

Nächste Woche, Mama! Ehrlich! Lotte schloss schon die Tür, Ich muss los, die Mädels warten. Zum Abendessen bin ich auf jeden Fall daheim!

Und ehe Annette reagieren konnte, war ihre Tochter schon weg es blieb nur ein Hauch Parfüm und das Geklimper ihrer Schlüssel.

Annette schüttelte lächelnd den Kopf. Am Ende, solange Lotte glücklich ist, ist doch alles gut. Sie widmete sich wieder dem Kochtopf, schaute immer mal auf die Uhr.

18 Uhr. Noch keine Lotte in Sicht.

19 Uhr. Das Handy bleibt stumm es klingelt zwar, aber niemand geht ran.

20 Uhr. Annette tigert nervös durch die Wohnung. Sie ruft wieder und wieder an nichts. In ihrem Kopf wirbeln Sorgen:

Vielleicht ist der Akku leer? Kein Empfang? Oder sie hat einfach die Zeit vergessen?

Lottes Vater versucht, sie zu beruhigen:

Jetzt mal langsam, Schatz. Sie ist Teenie. Da kommt bestimmt gleich ein Anruf, sie hat ja selbst gesagt, dass sie zurückkommt.

Doch auch ihm wird langsam mulmig. Er schaut immer öfter auf die Uhr und lauscht auf jedes Geräusch an der Tür.

Um 21 Uhr springt Annette bei jedem Klingeln fast von der Couch. Endlich ein Anruf. Sie geht sofort ran.

Lotte? Bist du das? Wo bleibst du, warum meldest du dich nicht?

Doch am anderen Ende spricht eine Fremde mit ernstem Ton:

Guten Abend. Sind Sie die Mutter von Lotte Krämer?

Ja Ist etwas passiert? Wo ist Lotte? Annette spürt ein beklemmendes Gefühl im Magen.

Ihre Tochter ist im Krankenhaus. Ihr Zustand ist sehr ernst. Wir mussten sie nach einem Vorfall einliefern

Alles weitere rauscht an Annette vorbei. Ihr wird schwindlig, in den Ohren klingelt es. Sie will etwas erwidern, aber die Stimme versagt. Die Hand mit dem Handy sinkt schlaff herunter, Annette bricht auf den Boden zusammen.

Annette! schreit ihr Mann und rennt zu ihr. Was ist los? Schatz, wach auf!

Er schüttelt sie, ruft sie beim Namen, tätschelt ihre Wangen. Schließlich blinzelt sie, aber der Blick bleibt leer.

Lotte Krankenhaus wispert sie, Tränen laufen über ihre Wangen. Sie sie

Ihr Mann umarmt sie fest, auch er kann kaum ruhig bleiben.

Es wird alles gut, sagt er, obwohl er selbst kaum daran glaubt. Wir fahren jetzt sofort hin! Komm, bleib stark!

*************

Felix, einer aus der Clique, schaute genervt auf Lottes Handy, als hätte er gehofft, es würde plötzlich zu sprechen anfangen. Schließlich gab er ihr das Gerät zurück und meinte:

Vielleicht hat sie gemerkt, dass es ein Scherz war. Jetzt ruft sie bestimmt gleich zurück.

Die Clique im Café rutschte unruhig in den Sesseln umher. Der eine griff nach dem kalten Cappuccino, der andere scrollte durch Instagram alle schienen zu warten, wie es weitergeht.

Sag doch einfach, grinste Felix, du warst kurz auf Toilette und hast das Handy am Tisch liegen gelassen. Und alles einfach abstreiten, dadurch wird’s spannender!

Lotte nickte zögerlich, aber in ihren Augen flackerte bereits Unsicherheit auf. Sie schaute aufs Display keine neuen Nachrichten. Ein ungutes Gefühl machte sich breit, doch sie schob es beiseite.

Klar, Mama ruft bestimmt gleich an oder schickt eine Nachricht. Gleich kommt was

Aber nichts kam. Niemand rief an. Die Freunde schauten sich an, kurz wurde überlegt, ob sie nochmal probieren sollten.

Ach, langweilig, lass uns was anderes überlegen, schlug jemand vor.

Und schon wurde der nächste Scherz geplant. Sie waren so vertieft, dass Lotte ihre Mutter und alles andere fast vergaß. Sie lachten und schmiedeten Pläne und ahnten nicht einmal, welches Drama sich währenddessen bei den Krämers zuhause abspielte.

Lotte kam erst um zehn Uhr abends nach Hause.

Unterwegs hatte sie immer wieder aufs Handy gesehen immer noch nichts. Das komische Gefühl im Bauch wurde immer hartnäckiger, aber sie redete sich ein:

Mama ist halt beleidigt, murmelte sie. Ich bin doch nicht mehr klein! Ich erklär das alles, dann ist wieder alles in Ordnung.

Sie hatte ihr Geständnis längst parat:

Mama, tut mir echt leid, die Zeit ist so verflogen. Wollte dich nicht enttäuschen, ehrlich! Hab ja gesagt, ich komme, bin halt ein bisschen später, das passiert doch jedem mal

Sie klingelte mehrfach. Nichts. Kein Licht, keine Schritte, keine Stimmen. Lotte zuckte die Schultern, griff nach ihrem Schlüssel und schloss auf.

Im Flur war es dunkel. Alles wirkte verlassen.

Mama? Papa? Seid ihr daheim? rief sie.

Keine Antwort. Lotte blickte ins Wohnzimmer, ließ das Licht aus. Im Schein der Straßenlaterne erkannte sie den gedeckten, aber unangetasteten Abendbrottisch. Mamas Schal hing über dem Sofa, als wäre sie gerade noch da gewesen.

Das flaue Gefühl im Bauch kroch hoch. Nochmal rief sie Mama an, hörte diesmal den Klingelton aus dem Schlafzimmer.

Typisch, seufzte sie. Nie hat sie ihr Handy bei sich.

Im Schlafzimmer lag Mamas Handy auf dem Nachttisch, mehrmals Anrufe in Abwesenheit von Lotte selbst. Sie wählte Papas Nummer kein Netz.

Was ist hier los? murmelte sie leise vor sich hin, ihre Stimme klang fremd in der dunklen Wohnung.

Gerade als sie nicht mehr weiter wusste, hörte sie, wie die Haustür geöffnet wurde. Lotte lief in den Flur. Dort stand Tante Birgit, Mamas Schwester, völlig blass und mit weit aufgerissenen Augen. Sie schnappte nach Luft und fiel Lotte um den Hals.

Zum Glück bist du wohlauf! Ich habe mir solche Sorgen gemacht, wir haben überall nach dir gesucht!

Lotte stand da, verwundert, das Handy noch in der Hand. Sie sah ihre Tante, verstand aber nicht, was los war.

Ich habe nur mein Handy im Café vergessen, fing sie vorsichtig an. Was ist eigentlich passiert?

Birgit schwieg kurz, zupfte nervös eine Haarsträhne zurecht und wich Lottes Blick aus. Dann seufzte sie tief.

Lotte, bitte erschrick nicht, begann sie langsam und wich Lottes Blick immer noch aus. Deine Mama ist im Krankenhaus. Sie haben sie angerufen von deinem Handy und dann ist ihr plötzlich ganz schlecht geworden.

Die Worte standen im Raum. Lotte fühlte, wie ihr Herz stockte. Sie drückte automatisch eine Hand gegen die Brust plötzlich tat wirklich alles weh.

Wie schlimm ist es? flüsterte sie mit zittrigem Ton.

Jetzt erst kapierte sie, dass der dumme Scherz, den sie und Felix ausgedacht hatten, ernste Folgen hatte. Sie hörte noch, wie Felix grinste: Sag, du warst auf Klo… und alles abstreiten…

Birgit traf kurz ihren Blick. Da war keine Lüge nur die Wahrheit, so bitter wie es eben war.

Ich rede nicht drum herum, du bist alt genug, sagte sie leise. Es sieht schlecht aus. Sie hat das Baby verloren und die Ärzte kämpfen gerade um ihr Leben. Im Moment weiß niemand, wie es ausgeht.

Es war totenstill nach diesen Worten. Lotte stand einfach nur da, alles wie in Trance. Sie konnte nichts denken, alles war verschwommen.

Aber wie verloren? stammelte sie, der Rest der Welt schien stillzustehen. Es war doch noch so früh

Birgit trat zu ihr, nahm ihre eisigen Hände.

Wir müssen los direkt ins Krankenhaus. Du solltest jetzt da sein.

Lotte nickte. Es passierte alles wie von selbst, als gehöre sie selbst nicht mehr dazu. Innen war nur noch Leere und Schuld. Sie erinnerte sich, wie albern sie noch im Café lachte, wie sie Sprüche für Mama formulierte, wie sie bewusst nicht ans Handy ging

Es ist meine Schuld, murmelte sie und die Tränen liefen einfach los. Ich bin schuld

Nein, drückte Birgit ihre Hände. Jetzt ist nicht die Zeit für Schuldgefühle. Jetzt musst du stark sein. Für deine Mama. Ja?

Lotte schluchzte, wischte sich ab und versuchte, sich zu fassen. Dann nickte sie entschlossener.

Okay. Fahren wir.

**************

Lotte ging langsam durch eine ihr unbekannte Straße, die Hände tief in den Taschen ihres Parkas. Der Wind spielte mit ein paar Strähnen, die unter der Kapuze hervorquollen aber das war ihr egal. Alles um sie herum war fremd: Die Häuser sahen anders aus, die Schilder der Geschäfte kamen ihr seltsam vor, und kein Mensch, den sie kannte.

Gestern war sie mit Papa in diese neue Stadt gezogen. Alles war so schnell gegangen, dass sie es bis jetzt nicht begriff. Noch vor einer Woche war sie in der alten Wohnung, der Geruch von Mamas Zimtschnecken am Morgen, ihre Umarmung am Abend Jetzt war die Wohnung verkauft, alles in Kisten gepackt, und sie waren plötzlich in einer fremden Stadt, wo nichts an ihr altes Leben erinnerte.

Nachdem Mama auf der Intensivstation lag und ihr kleiner Bruder verloren war da war Papa wie ausgewechselt. Schweigsam, abwesend, starrte oft nur noch ins Leere. Dann entschied er plötzlich: Wir gehen. Ohne Rückfrage, ohne Erklärung. Er kündigte, verkaufte die Wohnung und sie stiegen einfach in den Zug, fort von München, weg vom alten Leben.

Lotte lief langsam weiter, den Kopf gesenkt, und ihre Gedanken kreisten immer und immer wieder um diesen einen Tag. Den Tag, an dem sie mit ihren Freunden über blöde Streiche lachte, auf Mamas Anrufe nicht reagierte Den Tag, an dem sie hörte: Sie hat das Kind verloren Dann kamen die langen Tage am Krankenhaus, schlaflose Nächte, Schuldgefühle, die nie nachließen.

Wenn ich doch nur ans Handy gegangen wäre Wenn ich nicht auf diesen blöden Streich eingegangen wäre Wenn ich

Sie konnte mit Papa einfach nicht darüber sprechen, dass ihr doofer Egoismus wohl das letzte Fass zum Überlaufen brachte. Er hatte schon genug verloren, wie konnte sie ihm ihre Mitschuld gestehen?

Vor einem kleinen Café blieb sie stehen: Drin war es hell und warm, es roch nach Kaffee und Buttercroissants. Sie stellte sich kurz vor, Mama würde sie jetzt mitnehmen, sie würden heißen Kakao bestellen und einfach so reden. Doch das war Vergangenheit. Sie hatte jetzt keine Mutter mehr, keine Freunde, nicht einmal bekannte Straßen aus ihrem alten Leben.

Sie atmete tief durch, rückte ihren Rucksack zurecht und lief weiter. Am Horizont tauchte das Schulgebäude auf ihre neue Schule. Heute war ihr erster Tag. Heute würde sie fremden Mitschülern ins Gesicht schauen, Fragen von Lehrern beantworten, so tun, als wäre alles ok. So tun, als wäre sie einfach nur ein Mädchen, das neu zugezogen ist und nicht das, das ungewollt eine Katastrophe ausgelöst hat.

Irgendwo tief drinnen wusste sie: Irgendwann wird sie es Papa erzählen müssen. Heute noch nicht. Heute ging es nur darum, in dieser fremden Welt zu überleben, wo sie niemanden kennt und niemandem ihr Herz ausschütten kannAls die Glocke zum Unterricht rief, blieb Lotte kurz stehen und betrachtete ihr Spiegelbild in einer Fensterscheibe blasser, erwachsener, als sie sich je gefühlt hatte. Ein Mädchen mit einem schweren Schatten im Herzen, aber noch immer Hoffnung in den Augen. Sie hörte wieder Mamas Stimme in ihrem Kopf: Du bist wirklich ein tolles Mädchen, weißt du das?

Lotte spürte die Tränen aufsteigen, aber diesmal ließ sie sie zu. Denn irgendwo im Strom der Erinnerungen, in aller zerbrochenen Wahrheit, war auch Mamas warme Umarmung. Und sie wusste nun, dass Weglaufen vor Schuld sie nicht befreite. Doch es gab, trotz allem, einen nächsten Morgen.

Die Tür zur neuen Klasse war schwer. Lotte drückte sie auf, hielt kurz inne. In ihren Händen lag noch immer die unbeantwortete Frage, die Schuld. Aber sie ging mutig hinein nicht, weil sie es musste, sondern weil die Welt weiterging, immer, egal wie sehr man wünschte, alles wäre noch wie vorher.

Drinnen sahen ein paar Mitschüler neugierig auf. Niemand kannte ihre Geschichte, niemand wusste von ihrem Verlust. Es war ein Anfang: klein, zerbrechlich, aber echt.

In der ersten Pause, inmitten von Stimmen und Gelächter, blickte Lotte aus dem Fenster. Ganz am Rand des Pausenhofes, zwischen grauen Pflastersteinen, kämpfte eine winzige Blume sich ans Licht. Lotte lächelte schwach und fühlte etwas Neues: nicht Vergessen, sondern die Kraft, doch weiterzugehen. Sie wusste: Sie konnte die Vergangenheit nicht ändern. Aber vielleicht, irgendwo im Kleinen, konnte sie lernen, mit dem Weiterleben zu wachsen einen Tag, einen Schritt nach dem andern.

Und als sie zum ersten Mal in der Pause leise von ihrer alten Stadt erzählte und eine andere fragte: Magst du mitkommen in die Bücherei?, sagte sie einfach: Ja. Es war kein großes Ziel, kein Vergeben über Nacht. Aber es war ein Anfang und das genügte.

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Homy
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